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Ein Mädchen verließ das Zimmer
Roman | Die literarische Sensation aus Dänemark
von Ulrikka S. Gernes
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Erscheinungstermin 29.01.2026 | Archivierungsdatum N/A
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Zum Inhalt
Als Erwachsene blickt Tanja auf ihre gestohlene Jugend zurück und fragt sich: Warum hat niemand sie beschützt?
Auf einer Vernissage in Kopenhagen begegnet sie als 14-Jährige dem charismatischen Schriftsteller Eg, einem Freund der Familie. Er macht ihr Komplimente, spricht mit ihr wie mit einer Frau. Eg beginnt, ihr lange, gefühlvolle Briefe zu schreiben. Tanja ist neugierig und erlebt ihre erste Verliebtheit. Doch das Erwachen von Sexualität wird zu einer verwirrenden und schmerzhaften Erfahrung, die sie für immer prägen wird.
Ulrikka S. Gernes erzählt schnörkellos und doch poetisch von einer Frau, die versucht, eine Verbindung zu dem Mädchen herzustellen, das sie einmal war. Eine radikal mutige Geschichte über Macht und Resilienz, die in Dänemark Tausende Leserinnen und Leser eroberte.
Als Erwachsene blickt Tanja auf ihre gestohlene Jugend zurück und fragt sich: Warum hat niemand sie beschützt?
Auf einer Vernissage in Kopenhagen begegnet sie als 14-Jährige dem...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783989410824 |
| PREIS | 24,00 € (EUR) |
| SEITEN | 384 |
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
"Doch etwas ist in Bewegung geraten, und ich kann es nicht mehr aufhalten."
Tanja blickt als erwachsener Mensch, als Mutter auf ihre ihr genommene Jugend zurück und stellt sich nun genau diesem Stück Leben, welchem sie beraubt wurde und noch immer ist. Sie sieht hin, will alles aufarbeiten, nicht mehr Wegsehen. Eine Geschichte über Resilienz, Macht-, Emotionalen und Sexuellen Missbrauch, die Wütend macht. Ich hab das Buch in beinahe einem Sitz gelesen, wollte schreien und brüllen, meinen E-Reader durch das Zimmer werfen und hab es auch genau so gemacht. Eine so massive Geschichte, die unverblümt hinausschreit und sich gehört verschafft - und das mehr als zurecht.
Tanja wächst in den ländlichen Gebieten Dänemarks als jüngste Tochter einer Künstlerfamilie heran. Der Vater oftmals wortkarg, emotionslos und scheut nicht vor Gewalt. Die Mutter um Harmonie bemüht, stellt dieses über beinahe allem anderen. Auf einer Ausstellung ihres Vaters 1980 trifft die 14-einhalb jährige Tanja auf Eg, ein Schriftsteller und Freund ihrer Eltern, ein erwachsener Mann, ein 46 jähriger Mann. Er bewundert Tanjas Eleganz, Schönheit, ihre jugendliche Reinheit, ihr Vorhaben, Lyrikerin zu werden und bietet ihr einen Briefwechsel zwischen ihnen an. Tanja kann es kaum erwarten, diesen anzunehmen, endlich ist da jemand, der sich für sie, nur sie interessiert! Das immer mehr Post von dem beinahe 50 jährigen Mann tagtäglich in ihr Haus flattert, an ihre Tochter adressiert, hinterfragen die Eltern kaum, zumindest wird nie ein Wort darüber gesprochen, was das alles zu bedeuten hat. Natürlich wissen sie darüber bescheid, dass ihr erwachsener Bekannter eine Beziehung zu ihrer jugendlichen Tochter hegt, es wird jedoch kein Schritt dagegen unternommen. Immer wieder wird dies Normalisiert. Auch Egs engste männliche Freunde sind (natürlich, was auch sonst) mit jungen Frauen verbunden - diese sprühen nämlich vor Energie, geben ihnen ihre "verlorene Kindheit" zurück, bla bla bla. Auch an Lolita Witzen kommt es den Männern nicht zu kurz. Immer wieder wird Tanja vorgeführt, nie spricht sich jemand dagegen aus. Nicht Egs Verleger, nicht seine Mutter, nicht seine Tochter, die kaum älter ist als Tanja selbst. Doch als Tanja selbst versucht auszubrechen, scheint sie gegen Wände zu rennen, wieder und wieder und wieder. Und immer gleich sind auch Egs Worte die er zu ihr spricht und schreibt. Erzählt von seiner wahrhaften, überirdischen Liebe zu ihr, die sonst niemand verstehen könnte, erzählt von Naturerlebnissen, Vögeln, bla bla bla. "Ich suchte nach etwas, das von mir handelte, von dem, was passiert war." Doch zu finden war nichts davon.
Gaslighting, Macht-gehabe, nicht zu seinen Taten stehend und von sich selbst geblendet. Was das alles mit ihrem Leben zu tun haben soll, mit ihrer Freiheit, scheint Eg nicht zu interessieren. Doch Tanja will endlich nicht mehr wegsehen. Und stellt sich dieser Zeit des unglaublich tief sitzenden Missbrauchs.
Der Roman spielt zwischen den 1980er und späten 2010er Jahren in (hauptsächlich) Dänemark, springt zwischen Zeiten, Dialogen und Briefverkehr umher und jede einzelne Stimme erzählt mit einer solchen Wucht, Klarheit und Schonungslosigkeit. Ein fulminantes Roman Debüt der dänischen Autorin Ulrikka S. Gernes, der ins Deutsche von Ursel Allenstein übersetzt wurde und Lesenden lange in Erinnerung bleiben wird.
Jutta R, Buchhändler*in
Der Roman „Ein Mädchen verließ das Zimmer“ von Ulrikka S. Gernes erzählt von Tanja, die als Erwachsene auf ihre Jugend in den 1980er‑Jahren zurückblickt. In einer Familie, die mehr mit sich selbst als mit ihr beschäftigt ist, gerät sie als Vierzehnjährige in eine Beziehung zu einem deutlich älteren Schriftsteller – eine Verbindung, die sie emotional überfordert und ihr Leben nachhaltig prägt.
Der persönliche Eindruck bleibt für mich der stärkste Teil des Buches: Die leise, eindringliche Erzählweise, Tanjas innere Zerrissenheit und die schonungslose Rückschau haben mich sehr berührt. Die Autorin schafft es, die Ambivalenz zwischen Sehnsucht, Manipulation und Machtgefälle literarisch feinfühlig darzustellen, ohne zu vereinfachen.
Das Lesen hat mich emotional immer wieder stark gefordert. Dies ist ein wichtiges und packendes Buch, das mich noch lange beschäftigen wird.
Nicht einmal, als es vorbei war, hatte es ein Ende ... 4,5 ⭐️
„Ein Mädchen verließ das Zimmer“ von Ulrikka S. Gernes ist ein Buch, dessen Inhalt einen noch lange nicht loslässt nach dem Ende. Besonders wenn man selbst Kinder hat, stellt man sich dieselbe Frage wie die Ich-Protagonistin Tanja, die sich als Erwachsene rückblickend fragt: Warum hat damals niemand sie beschützt?
Sie ist erst 14 Jahre alt, als sie auf einer Vernissage den faszinierenden Schriftsteller Eg kennenlernt, einen Freund ihrer Eltern, von dem ihre Mutter sagt: „Er ist jemand, in den man sich leicht verlieben kann.“ Und genau das passiert, Tanja verliebt sich in Eg, denn er macht ihr Komplimente und behandelt sie nicht wie ein Kind. Zwischen den beiden entsteht eine sehr emotionale Brieffreundschaft. Ihre Eltern sind zwar nicht begeistert davon, denken sich aber nichts dabei. Doch Tanja ist neugierig und genießt die erste, intensive Verliebtheit. Sie geht eine se*uelle Beziehung mit Eg ein, die von niemandem verhindert wird, auch nicht von ihren Eltern. Die Erlebnisse werden ihr gesamtes weiteres Leben beeinflussen.
„Plötzlich erscheint es mir einleuchtend, dass ich zu einer Kinderpsychiaterin gehe; denn meine Probleme haben wahrscheinlich etwas mit meiner Kindheit zu tun. Es wäre gut, dieses Kind zu reparieren.“
Der Inhalt des Romans schockiert mich: Wie konnte das sein? Es war kein Geheimnis, dass der fast 50jährige Mann eine Beziehung mit einem 14jährigen Mädchen hat; er hat sich offen mit Tanja gezeigt; sogar Tanjas Eltern wussten irgendwann davon: „‘Sie ist doch verdammt noch mal viel zu jung für ihn.‘ - ‚Dagegen lässt sich schwer etwas sagen‘, entgegnete Tom [....]. ‚Ihre Eltern sind beide darüber im Bilde.‘“ - Wieso hat niemand eingegriffen und sie beschützt?
„Das Problem war, dass ich nichts war, keine Form hatte, oder einen Inhalt, oder eigene Kraft, dass ich keine Worte hatte, dass ich niemand war, nicht existierte. Ich wollte mein Leben zurückhaben, obwohl es leer war, denn ich hatte es gar nicht gelebt. In meinem Leben gab es kein Davor, zu dem ich zurückkehren konnte. Ein Mädchen verließ mit vierzehn das Zimmer und wurde nicht mehr gesehen. Ein weißer Fleck auf der Karte. Ein nasser Fleck auf dem Laken. Eine leere Puppe.
Ein Loch in der Welt.“
Erst als Tanja erwachsen und selbst Mutter ist, versteht sie, dass es damals keine gleichberechtigte Beziehung war, dass es ein Verbrechen war, mit dem sie sich auseinandersetzen muss, auch wenn der Täter nie vor Gericht stehen wird.
„Meine Verweigerung ist enorm.
Dabei weiß ich genau, dass es nur noch schlimmer wird, wenn ich es nicht ausspreche.
Die Geschichte existiert genau da, in dieser Kiste. Und in mir. Auch wenn ich sie nicht erzähle.
Ich habe sie jahrelang mit mir herumgeschleppt, es wäre eine Erleichterung, sie loszuwerden.
Es ist, als würde mir die Sprache fehlen. Als würde sich auch die Sprache weigern. Es auszusprechen. Der Sprache fehlen die Worte. Vielleicht muss ich zu anderen Mitteln greifen.
Ich gieße Gips in die Erinnerungslücken, muss herausfinden, was sie enthalten. Die Form eines knapp fünfzehnjährigen weiblichen Körpers kommt zum Vorschein, das Mädchen liegt zusammengekauert da, die eine Hand auf der Wange. Schläft es, ist es tot?
Alles ist schon geschehen. Das Mädchen gleicht einer Wolke, die über einen Bergrücken hinwegfliegt. Der weiße Abguss eines schwarzen Lochs.“
„Ein Mädchen verließ das Zimmer“ ist ein lange nachhallender, intensiver Roman über Missbrauch, Manipulation und Macht.
„Ich bin an der Stelle, wo die Erzählung zerbricht. In meinem Haus gibt es keine tragenden Wände. Ich bin ein Verbrechen, das durch die Gegend irrt und nach seinem Tatort sucht.“
Vielen Dank an den Gutkind Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
Rezensent*in 1518830
Ein Mädchen verließ das Zimmer ist ein stilles, aber zutiefst verstörendes Buch. Ohne Effekthascherei erzählt der Roman von einer Erfahrung, die sich leise ins Leben einer jungen Protagonistin einschreibt – und dort dauerhaft Spuren hinterlässt.
Im Mittelpunkt steht die Erinnerung einer erwachsenen Frau an eine Begegnung in ihrer Jugend, die sie zugleich prägte und beschädigte. Was zunächst wie Aufmerksamkeit, Nähe und Anerkennung wirkt, entpuppt sich nach und nach als Beziehung mit einem massiven Machtgefälle. Gerade diese schleichende Entwicklung macht den Text so eindringlich: Es gibt keinen klaren Bruch, kein offensichtliches Drama, sondern ein langsames Verschieben von Grenzen, das erst im Rückblick seine ganze Tragweite offenbart.
Die Sprache ist nüchtern, präzise und von großer emotionaler Klarheit. Ulrikka S. Gernes verzichtet auf moralische Kommentare und überlässt es den Leser:innen, die Situation einzuordnen. Dadurch entsteht eine besondere Spannung: Man liest mit dem Wissen der Gegenwart, während das erzählte Mädchen noch mitten in ihrer Verwirrung steckt. Diese Perspektive macht den Roman ebenso beklemmend wie glaubwürdig.
Ein Mädchen verließ das Zimmer handelt von Verletzlichkeit, von dem Wunsch, gesehen zu werden, und von der Verantwortung Erwachsener gegenüber jungen Menschen. Es ist ein Buch, das nicht anklagt, sondern sichtbar macht – und gerade deshalb so nachhaltig wirkt. Ein literarisch anspruchsvoller Roman, der lange nachhallt und Fragen stellt, die unbequem, aber notwendig sind.
Mirja B, Rezensent*in
Als Tanja 14 ist, lernt sie den Schriftsteller Eg kennen, der über 30 Jahre älter ist und glaubt, dass sie zusammengehören. Erst im Rückblick als Erwachsene wird ihr bewusst, welche Grenzen Eg überschritten und wie er sie manipuliert hat. Die Autorin schildert dies sehr eindrücklich. Als Außenstehende fand ich es immer wieder sehr beklemmend und hätte die junge Tanja am liebsten geschüttelt, damit sie erkennt, dass sie missbraucht wird. Erschreckend ist auch das Verhalten ihrer Eltern bzw. dass sie gar nicht habdeln. Auch andere Erwachsene schreiten nicht ein sondern sehen es sogar positiv. Manche Szenen sind nur schwer auszuhalten. Es ist aber wichtig, dass mehr über missbräuchliches Verhalten geschrieben und gesprochen wird. In diesem Buch kann man die schrittweise Entwicklung sehr gut nachverfolgen.
EIN MÄDCHEN VERLIESS DAS ZIMMER
Ulrikka S. Gernes
ET: 29.01.26
Warum hat man sie nicht beschützt?
Im Mittelpunkt steht die 14-jährige Tanja, die auf der Vernissage ihres Vaters den 48-jährigen Autor Eg kennenlernt, einen Freund der Familie. Nach einem kurzen Gespräch tauschen sie ihre Adressen aus, und es beginnt ein intensiver Briefwechsel. Eg versteht es meisterhaft, mit Worten Nähe zu erzeugen und Aufmerksamkeit zu schenken. Schritt für Schritt gerät Tanja in eine emotionale Abhängigkeit, die sie selbst als etwas Besonderes und Erwähltes erlebt. Die Skepsis ihrer Mutter kann sie lange abwehren, bis schließlich auch die letzten Nachfragen verstummen.
Mit 15 schläft Tanja erstmals mit Eg, schwänzt die Schule und richtet ihr Leben zunehmend auf ihn aus. Was für sie wie Liebe erscheint, entpuppt sich als toxisches Geflecht aus Manipulation, Macht und Abwertung. Eg rechtfertigt sein Verhalten mit der Idee einer „höheren“ emotionalen Bindung, die über monogamen Beziehungen stehe, und erwartet Verständnis für seine Seitensprünge und Bedürfnisse. Tanja erkennt lange nicht, wie sehr sie dominiert wird – und wie tief diese Beziehung ihr weiteres Leben prägen wird.
„Du bist Niemand. Wenn du mit mir an Orten wie diesem bist, bin ich jemand. Verstehst du, was ich meine? […] Wir dürfen einander nicht einschränken, Tanja. Unsere Liebe unterliegt nicht diesen ganzen möglichen oder unmöglichen Normen. Unsere Liebe ist darüber erhaben, sie kann viel mehr umfassen als andere Beziehungen.“ (S. 172)
Ulrikka S. Gernes erzählt diese Geschichte leise, präzise und ohne moralischen Zeigefinger. Gerade diese Zurückhaltung macht das Buch so erschütternd. Die Autorin zeigt eindringlich, wie Grenzüberschreitungen nicht als solche wahrgenommen werden, wenn sie sich als Zuwendung tarnen, und wie das Umfeld durch Wegsehen mitschuldig wird. Der klare, ruhige Stil entfaltet eine enorme Sogwirkung; viele Sätze hallen lange nach, weil sie die Mechanismen emotionaler Abhängigkeit so schonungslos offenlegen.
Was für ein Buch. Eines, das man nicht einfach zuklappt, sondern das weiterarbeitet. Man ist dankbar, dass dieses Schicksal nicht das eigene oder das der eigenen Tochter ist.
Fazit:
Ein starkes, schmerzhaftes und verstörendes Debüt, das wichtige Fragen stellt, ohne einfache Antworten zu liefern. Große Leseempfehlung.
5/5
Er ist 48, sie ist 14.
Und die Frage, die sich durch jede Seite zieht:
Warum beschützt sie niemand?
Dieses Buch ist schwer auszuhalten.
Es erzählt von einer fehlgeleiteten Faszination, von Manipulation, von einem Machtgefälle, das so eindeutig ist, dass die Schuldfrage rational nie zur Debatte steht. Und doch entsteht beim Lesen etwas anderes: Wut. Ohnmacht. Ungläubigkeit.
Nicht nur wegen ihm.
Sondern wegen all der anderen.
Eltern.
Freunde der Eltern.
Verwandte.
Unzählige Erwachsene.
So viele Menschen. Und niemand greift konsequent ein.
Zunächst scheint es, als würde halbherzig reagiert. Doch das verläuft im Sand. Gründe? Bleiben diffus. Und genau darin liegt die eigentliche Beklemmung: Wie viele Zeichen müssen sichtbar sein, bevor jemand klar handelt?
Natürlich ist die moralische Einordnung eindeutig. Ein 48-Jähriger und eine 14-Jährige – daran gibt es nichts zu relativieren.
Aber das Buch stellt eine unangenehmere Frage:
Wie verlässlich ist unser eigener moralischer Kompass im Alltag?
Wie oft hinterfragen wir Situationen wirklich?
Wie oft sehen wir weg, weil es bequemer ist?
Vielleicht geht es nicht nur um Schuld.
Vielleicht geht es um Verantwortung.
Lyrikerin Ulrikka S. Gernes legt mit diesem Romandebüt die literarische Verarbeitung ihres eigenes Traumas vor: Im Buch ist es die 14-jährige Tanja, die in dem 1980ern dem 46-jährigen Eg, einem charismatischen Schriftsteller und Freund ihrer Eltern verfällt. Sie wird von ihm über mehrere Jahre missbraucht und gegroomt, besonders brutal hier die Akzeptanz dieser "Beziehung" zwischen Eg und seiner jungen "Muse". Thematisch hat mir das gut gefallen, vor allem die Annäherung der Autorin an ihre eigene Geschichte. Denn so hat sie letztlich ihr Ziel erreicht: Sie hat mit ihren eigenen Waffen, der Macht des gedruckten Wortes, letztlich wortwörtlich die Herrschaft über ihre eigene Geschichte wiedererlangt.
Mehr zum Buch in unserer ausführlichen Besprechung @ Papierstau Podcast: #340: Der literarische Wohlstandsverband.
Andrea S, Buchhändler*in
Eine 14jährige, die in einer Künstlerfamilie groß wird, lernt auf einer Vernissage den mehr als 30 Jahre älteren Eg kennen und ist fasziniert von diesem Mann. Zwischen den beiden entsteht ein Briefkontakt, der für Tanja bald zum einzigen Lebensinhalt wird. Eg zieht sie durch seine Art zu schreiben in den Bann, auch wenn sie nicht immer alles von seinen metaphorischen Briefen versteht, verliebt sie sich in den viel älteren Mann. Auch, wenn zumindest ihrer Mutter den engen Kontakt der beiden am Anfang skeptisch beobachtet, wird nichts wirklich hinterfragt und so treffen sich Eg und Tanja zum ersten Mal wieder, als Tanja gerade 15 geworden ist. Bei diesem Treffen kommt es auch zum ersten Sex.
In Einschüben blickt die heutige Tanja auf ihre Kindheitstanja zurück und es wird immer deutlicher, wie sehr dieses Verhältnis sie damals traumatisiert hat und sie damit völlig alleine gelassen wurde. Die Briefe von Eg sind an manchen Stellen kaum zu ertragen, weil er mit Worten umzugehen weiß und eigentlich nichts anderes tut, als sein Fehlverhalten zu legitimieren, in dem er von einer besonderen Verbindung spricht und immer wieder Tanja selbst als treibende Kraft darstellt. So ist Tanja diesem manipulativen und dominierenden Mann völlig ausgeliefert und bekommt von niemandem Unterstützung. Im Gegenteil. Freunde von Eg nehmen sie völlig natürlich als seine neue Freundin auf, ich meine mich lediglich an eine Stelle zu erinnern, an der es heißt "Ist sie nicht noch etwas jung" . Die Treffen zwischen den beiden werden häufiger und Tanjas Mutter gibt ihr lieber Geld für Kondome, als das Gespräch mit ihrer Tochter zu suchen.
Das Buch ist harte Kost, geschrieben ohne erhobenen Zeigefinger, ohne moralisch zu werten. Das ist auch nicht nötig, die Briefe von Eg und sein Verhalten am Ende sprechen für sich. Ich weiß gar nicht, ob ich den Roman im klassischen Sinne "gut" fand. Aber es ist auf jeden Fall ein aufrüttelndes Buch und auch ein Apell an uns alle, genau hin zu sehen. Nicht weg zu schauen, Gespräche zu suchen, Dinge zu hinterfragen. Tanjas Leben hätte sicher eine andere Richtung nehmen können, wenn es Menschen gegeben hätte, die sich um sie gesorgt und sie beschützt hätten.
Lesemaus_007 C, Rezensent*in
Trotz teilweise total absurder Aufforderungen seitens Eg spürt man von Anfang an, wie die kurze Begegnung mit ihm eine unglaubliche Anziehung ausgelöst hat. Diese bringt einen Stein ins Rollen, welcher durch gemeinsame Interessen und die gegenseitige Bewunderung angetrieben wird.
Die Manipulation und die Rechtfertigung ihres Verhaltens gegenüber der eigenen Eltern, wurden total realistisch dargestellt, sodass man wirklich spürt, wie sie sich von arg begehrt fühlt und auch endlich von einer Person die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr sonst in ihrem Alltag fehlt.
Der poetische Schreibstil und die eingebauten Briefe & Gedichte haben die Beziehung und Emotionen der beiden wunderbar widergespiegelt.
Zum Inhalt möchte ich gar nicht mehr vorwegnehmen, davon dürft ihr euch gerne selbst überzeugen! Es gab allerdings ein paar Szenen, die für die Storyline nicht entscheidend waren und meiner Meinung nach gerne hätten ausgelassen werden dürfen.
Wie in der Einleitung schon erwähnt, war das kein leichtes Buch. Ich habe es trotzdem wirklich gern gelesen, auch - oder gerade weil - die Thematik so erschreckend und aufwühlend war.
⭐️ F A Z I T
Es war ein innerer Zwiespalt zwischen „Ich muss es weglegen“ und „ich bin total gefesselt“. Eine Geschichte , die einerseits die Augen öffnet, zugleich verstörend ist und auf jeden Fall nachhallt.
Die Thematik lässt sich auch sehr gut auf die heutige Zeit, insbesondere das Internet-Zeitalter, übertragen und ist daher in meinen Augen zeitlos.
Von mir gibt’s 4,5 ⭐️ !
Wichtig: seid euch über die Thematik (Kindes-)Missbrauch bewusst, bevor ihr zum Buch greift!
Bibliothekar*in 772281
Das Buch beschreibt sehr intensiv, wie ein erwachsener 50-jähriger Mann ein 14-jähriges Mädchen von sich abhängig macht und vor allem die Eltern des Mädchens dabei einfach zuschauen. Es ist beklemmend zu lesen, wie geschickte es Eg anstellt, Tanja zu umgarnen und sich gefügig zu machen. Aber auch wie leichtfertig die Eltern sich „einlullen“ und beruhigen lassen. Man möchte sie während des Lesens manchmal einfach schütteln – und kann sich gleichzeitig so gut vorstellen, wie schnell man selbst das Spiel mit sich spielen lassen würde. Es ist ein heftiges Buch und deshalb bestimmt nicht für jeden geeignet, aber dennoch so geschrieben, dass ich es gerne weiterempfehle.
Nützlich
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Rezensent*in 1040222
Die Nachricht eines Todes gibt Tanja endlich ihr Leben zurück. Eg ist tot. Er war ihre erste Liebe, aber auch der Mann, der ihr Leben jahrelang beherrscht hat, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte. Kennengelernt haben sich die beiden auf einer Vernissage, wo aus anfänglichem Interesse schnell mehr wurde, Es folgten erste Briefe, das erste Treffen, das erste Mal... eine ganz normale junge Liebe, wäre Tanja nicht erst vierzehn und Eg ein Freund ihrer Eltern.
Ein schweres Thema. An Tanjas Erleichterung konnte ich deutlich sehen, wie sehr ihre Zeit mit Eg ihr Leben immer noch beeinflusst. Dabei war sie am Anfang so glücklich. Anfangs natürlich geschmeichelt, dass sich der große Schriftsteller ausgerechnet für sie interessiert, aber er hat es mit seinen Briefen immer mehr geschafft, Gefühle in ihr zu wecken, die das junge Mädchen bis dahin nie kannte. Diese Briefe waren schön geschrieben und anfangs habe ich mich auch täuschen lassen. Aber dann habe ich es gemerkt: sie haben nur von Eg gehandelt.
Mich hat beim Lesen immer wieder erschreckt, wie passiv Tanjas Eltern waren. Dem Vater schien seine Tochter fast egal zu sein, was teilweise mit seinen eigenen Problemen zu erklären, aber nie zu entschuldigen ist. Die Mutter wusste genau, was passierte, aber bis auf ein paar Andeutungen und Fragen, auf die sie eigentlich keine Antwort wollte, hat sie sich nicht geäußert. Egs Umfeld schien es nicht fremd zu sein, dass er sich mit einem Mädchen einlässt, das nur wenig älter ist als die eigene Tochter.
Bei Tanja ist es die erste Liebe, bei Eg ist es hauptsächlich der Wunsch, zu besitzen. Sobald Tanja sich von ihm entfernt, ob räumlich oder emotional, setzt er sie unter Druck. Er macht ihr Vorwürfe, direkt und indirekt und sorgt so dafür, dass sie sich immer mehr an ihn gebunden fühlt. Es ist schwer, diese emotionale Erpressung zu lesen, auch weil sie keine Hilfe bekommt, sich aus dieser Beziehung zu lösen.
Trotzdem hat sie es geschafft, denn die Tanja vom Anfang des Buchs ist eine starke, selbstbewusste Frau. Aber der Weg war schwer und sie hat Narben davongetragen. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie diesen Weg nicht alleine hätte gehen müssen?
»Der weiße Abguss eines schwarzen Lochs« –
Sogar nach vierzig Jahren kann Tanja Eg in ihren Körperzellen verorten – auch wenn lediglich von ihm in einer Zeitungsmeldung die Rede ist. „Meine Arme fühlen sich seltsam an, als würde kaltes Wasser hindurchrieseln. »Das ist gut«, sage ich. »Endlich ist er tot«.”
Sie redet mit ihrer mittlerweile dementen Mutter, die nicht mehr sprechen, sondern sich nur noch mit Blicken verständigen kann. Aber auch als Tanja noch ein Teenager ist und eine Beziehung zu Eg beginnt, dem dreißig Jahre älteren Freund der Familie, sagt ihre Mutter viel zu wenig. Ihr Kommentar zu der ungewöhnlich sprudelnden Korrespondenz der vierzehnjährigen Tochter mit dem bekannten Dichter lautet: »Briefmarken sind teuer, Tanja«.
Als die Ich-Erzählerin ihr Leben Jahrzehnte später unter die Lupe nimmt, kommt nicht nur der Missbrauch auf den Tisch, die jahrelange Manipulation und die schmerzhafte Entjungferung. Sondern auch das Zuschauen und Schweigen der Umgebung. »Diejenigen, die sagen, es sei eine andere Zeit gewesen, müssen wissen, wovon sie sprechen. Sie waren dabei.«
Tanja ist ein Nachzügler und ihre Mutter nennt sie zwar gerne „Tanjamaus”, aber nur auf den Zetteln, die auf dem Küchentisch liegen, wenn sie aus der Schule kommt. Im Mittelpunkt der kleinen Familie steht der Vater, bildender Künstler mit wechselndem Erfolg und versiegender Produktivität. » […]immer drehte sich alles um ihn; seine Kunst, seine Ideen, seine Krankheit, seine Launen, sein alles.«
Viele Jahre nach der Trennung von Eg sucht Tanja eine Psychotherapeutin auf und versucht, in Worte zu fassen, was ihr fehlt.
»Ich bin an der Stelle, wo die Erzählung zerbricht. In meinem Haus gibt es keine tragenden Wände. Ich bin ein Verbrechen, das durch die Gegend irrt und nach seinem Tatort sucht.«
Die Therapie, inklusive Psychopharmaka, stellt sich als weitgehend ineffizient heraus. Aber es gibt etwas anderes, das hilft: »Währenddessen bedeutet Schreiben das Gegenteil von Angst.«
Das Schreiben ist jedoch auch eng mit dem Dichter in ihrem Leben verbunden und ohne Eg und seine Briefe hat Tanja lange das Gefühl, ihre Vergangenheit zu verlieren.
»In meinem Leben gab es kein Davor, zu dem ich zurückkehren konnte. Ein Mädchen verließ mit vierzehn das Zimmer und wurde nicht mehr gesehen. Ein weißer Fleck auf der Karte. Ein nasser Fleck auf dem Laken. Eine leere Puppe. Ein Loch in der Welt.«
Nach diesem Zitat, das wegen seiner lyrischen Schönheit in den meisten Rezensionen aufgegriffen wird, könnte der Roman eigentlich gut zu Ende sein, denn was danach noch kommt, klingt wie wütendes Nachtreten der beiden einstigen Liebenden, bei dem keiner dem anderen das letzte Wort lassen will.
Ich frage mich, inwieweit sich Tanjas heftige Aggression wirklich durchgehend gegen den unverantwortlichen älteren Liebhaber richtet, einen Staat, der Fünfzehnjährige zu „sexuell Mündigen“ erklärt und die sprachlosen, mit sich beschäftigten Eltern. Oder manchmal auch einfach gegen das Wüten der Liebe an sich. Gegen die Zumutungen und Zerstörungen, die sie in jedem Leben anzurichten vermag.
Als Tanja auf einer Party auf Stella, ihre Nachfolgerin, trifft, ist sie jedenfalls bei gesünderen Reflexen angekommen: »Wollen wir hinfahren und auf sein Grab pissen?«
Janina S, Rezensent*in
Diese Rezension macht keinen Spaß, und ich habe es lange vor mir hergeschoben, sie zu schreiben. Denn was in „Ein Mädchen verließ das Zimmer“ geschildert wird, ist einfach unglaublich – und dabei leider sehr glaubwürdig.
Die Ich-Erzählerin Tanja ist 14, als der Mitte-Vierzigjährige Schriftsteller Eg auf einer Vernissage auf sie aufmerksam wird. Er bittet sie um ein Foto, gibt ihr seine Adresse, antwortet direkt und schwärmerisch auf ihren mit bunten Blümchen verzierten Brief. Sie fühlt sich geschmeichelt, als Frau wahrgenommen und zum ersten Mal in ihrem Leben geliebt und begehrt. Es beginnt eine Liaison, die es nie hätte geben dürfen, die über Jahre andauert und aus der sich die erwachsen gewordene Protagonistin noch lange nicht befreien kann.
Es ist unglaublich, wie der ältere Mann das junge Mädchen mit seiner Sprachfertigkeit und seinem Erfahrungsvorsprung manipuliert und wie verbohrt er daran festhält, mit Tanja eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe jenseits aller Konventionen zu führen. Und vor allem ist es unglaublich, wie das soziale Umfeld der beiden – Tanjas Eltern, der Freundeskreis, die Künstlerszene, Egs Mutter – seinen Blick auf die Dinge übernimmt und den Missbrauch nicht verhindert.
Der Roman spielt Anfang der 1980er Jahre in Dänemark und verarbeitet persönliche Erfahrungen der Autorin. Sicherlich waren die Künstlerkreise zu dieser Zeit in dieser Hinsicht speziell. Man kann also nur hoffen, dass sich eine solche Geschichte in ihrer Öffentlichkeit heute nicht mehr wiederholen würde, ohne dass Schutzmechanismen greifen. Im Verborgenen wird es aber auch heute noch Hunderte solcher Fälle geben. Es nimmt einen daher besonders mit, wie sehr der Verlust ihrer Kindheit und der Raub jeder Möglichkeit, selbstbestimmt und im eigenen Tempo erste sexuelle Erfahrungen zu machen, die Protagonistin noch im Erwachsenenalter beeinträchtigen.
Die Lyrikerin Ulrikka S. Gernes schreibt ihren Text feinfühlig und nicht ohne Poesie, weshalb er trotz des schwer verdaulichen Inhalts durchaus sehr lesenswert ist. In Dänemark war ihr Romandebüt sogar ein Bestseller. Ich empfehle es allen, die bereit sind (und sich in der Lage sehen), sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.
Das digitale Rezensionsexemplar wurde mir von @netgalleyde und @gutkind_verlag zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
tl;dr: Auf tatsächlichen Geschehnissen basierender Roman über einen Missbrauch, der nicht als solcher verstanden wird.
„Ein Mädchen verließ mit vierzehn das Zimmer und wurde nicht mehr gesehen. Ein weißer Fleck auf der Karte. Ein nasser Fleck auf dem Laken. Eine leere Puppe. Ein Loch in der Welt.“ (Pos.3741)
Ein Mädchen verlässt ein Zimmer und mit ihr verschwindet etwas, das nie wieder ganz zurückkehrt.
„Ein Mädchen verließ das Zimmer“ von Ulrikka S. Gernes / Verlag: Gutkind
Ein junges Mädchen wird verführt. Nicht mit Gewalt, nicht mit Druck, sondern mit Worten. Mit Briefen, in denen Sehnsucht mitschwingt, in denen von Liebe erzählt wird. Und doch ist diese Liebe ein Verbrechen. An ihrer Person. An ihrem Werden. Ein Verlust ihrer selbst. Nur weiß das junge Mädchen das alles noch nicht.
„Niemand versteht die Liebe, niemand außer denen, die sie fühlen.“ (Eg/Brief 05.02.1980)
Eg, Schriftsteller, Freund der Eltern, trifft auf Tanja. Vierzehn Jahre alt, eine Bohnenstange, voller Unsicherheit und doch mit einer tiefen Liebe zur Poesie. Zwischen ihnen entsteht ein reger Briefwechsel. Anfangs vielleicht harmlos, doch Eg beginnt, sich in ihre Gedanken zu schreiben. Mit Komplimenten, mit großen Worten, mit der Behauptung, sie sei sein Leben, seine Liebe, seine Sehnsucht. So geschickt, so subtil, dass Tanja sich ebenfalls in ihn verliebt. In einen 46-jährigen Mann.
Er spricht von Gleichberechtigung, von Tiefe, von einer besonderen Verbindung. Doch von der Verletzung ihrer Integrität, ihrer Würde, davon spricht er nicht.
Und das vielleicht Erschütterndste: Niemand greift ein.
Nicht die Eltern. Nicht Freunde. Nicht einmal Fremde.
Tanja, kaum älter als Egs eigene Tochter, verliert nicht nur ihre Unschuld, sondern sich selbst. Wer wäre sie gewesen ohne ihn? Was hätte sie gewollt, wenn seine Worte nicht ihre Gedanken überlagert hätten?
„Wie sieht man die Wirklichkeit in der Wirklichkeit? Auch eine Fotografie ist nur ein Ausschnitt.“ (Pos.2767)
Dieser Satz beschreibt so viel von dem, was dieses Buch ausmacht. Wir sehen Ausschnitte. Gefühle. Erinnerungen. Und erst nach und nach setzt sich das ganze Bild zusammen: erschütternd, schmerzhaft, klar, unausweichlich.
Tanja liebt. Sie gibt sich hin. Und genau darin liegt die Tragik. Denn sie ist nicht Opfer im klassischen Sinne und doch ist sie es in jeder Faser ihres Seins. Eg nimmt sich, was er will, und nennt es Liebe. Und sie glaubt ihm.
Selbst Jahre später kann er sie nicht loslassen. Seine Worte finden immer wieder ihren Weg zu ihr. Und Tanja schafft es nie ganz, sich zu befreien.
Erst als erwachsene Frau - in einer gesunden Beziehung, an der Seite eines Mannes in ihrem Alter - beginnt sie zu verstehen. Beginnt zu begreifen, was ihr genommen wurde. Dass es Worte für das gibt, was geschehen ist, dass es Gesetze dafür gibt.
Paragraf 223, Absatz 2, Strafgesetzbuch.
Doch was hilft ihr der Paragraf heute? Was kann er ihr zurückgeben? Nichts!
Und es bleibt die Frage, warum hat niemand etwas getan? Warum hat man das zugelassen?
„Du wurdest geschaffen, um mein zu sein. Eine solche Liebe setzt man nicht aufs Spiel. Als Du nichtsdestotrotz Sonne und Mond verwechseltest, verloren wir einander.“ (Pos.3692)
Diese Worte sind schwer zu ertragen. Weil sie so viel offenlegen. Besitz. Manipulation. Verdrehte Realität.
Die Autorin klagt nicht an. Sie verurteilt nicht. Und genau darin liegt die Wucht dieses Buches. Sie erzählt. Lässt uns fühlen. Lässt uns eintauchen in Tanjas Gedankenwelt, erst die des Mädchens, dann die der Frau, die zurückblickt und versucht zu verstehen.
Man spürt die verlorene Kindheit. Die Verwirrung. Die Sehnsucht nach etwas, das sich als Illusion entpuppt.
Sprachlich ist dieses Buch ein absolutes Highlight. Fließend, eindringlich, voller Emotionen. Jeder Satz sitzt, jede Zeile hallt nach. Es ist keine laute Geschichte, aber eine, die lange bleibt.
Ein Buch, das erschüttert und das wehtut.
Und ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.
Beschäftigte*r in der Buchbranche 1378524
Ein Mädchen verließ das Zimmer von Ulrikka S. Gernes erzählt eindringlich von einer jungen Frau, die rückblickend eine prägende, problematische Beziehung verarbeitet.
Die Geschichte zeigt, wie Sehnsucht nach Anerkennung in Abhängigkeit und Manipulation kippen kann.
Besonders überzeugend ist die nüchterne, zugleich poetische Sprache.
Der Roman wirkt weniger anklagend als selbstreflektierend und vielschichtig.
Insgesamt ein kurzer, aber intensiver Text, der lange nachhallt.
Rezensent*in 2042432
Mit diesem Roman erzählt Ulrikka S. Gernes eine wichtige Geschichte über Macht, Abhängigkeit und das Wegsehen der Gesellschaft. Besonders stark ist die Erzählstruktur: Der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart ermöglicht es, die damaligen Ereignisse und ihre langfristigen Auswirkungen parallel zu erleben. So wird spürbar, wie sehr die Begegnung das Leben der Protagonistin geprägt hat.
Gerade diese Rückblicke sind schwer auszuhalten. Es ist erschütternd zu lesen, wie sich die Dynamik zwischen einem jungen Mädchen und einem deutlich älteren Mann entwickelt – und noch bedrückender, wie viele Menschen im Umfeld einfach wegsehen. Diese Sprachlosigkeit und das fehlende Eingreifen machen das Geschehen umso eindringlicher.
Sprachlich überzeugt der Roman auf ganzer Linie. Die klare, schnörkellose Sprache wird immer wieder von poetischen Momenten durchbrochen. Besonders die eingestreuten Briefe sind intensiv gestaltet und geben einen tiefen Einblick in die emotionale Verstrickung der Figuren.
Ein wichtiges Buch, das nicht nur eine persönliche Geschichte erzählt, sondern ein gesellschaftliches Problem sichtbar macht. Bewegend, erschütternd und sehr gelungen umgesetzt
Unglaublich
Tanja ist 14 Jahre alt, als sie Eg, einen Schriftsteller kennenlernt. Er ist ein Freund ihrer Eltern und 46 Jahre alt. Eg macht ihr Komplimente, spricht von ihrer Schönheit und ihrer jugendlichen Vollkommenheit.
Die beiden beginnen einen Briefwechsel, der immer erotischer wird. Es kommt zum ersten heimlichen Treffen. Tanja verfällt Eg's Charme endgültig und sie geht eine langjährige Beziehung mit ihm ein.
Die Schilderungen wie Tanja in dieses Verhältnis hinein geschildert ist, sind absolut nachvollziehbar dargestellt. Ihre Zerrissenheit und ihre Abhängigkeit zu diesem Mann, den sie bewundert. Tanja merkt nicht wie sie manipuliert wird, dazu ist sie zu jung. Was mich am meisten empört hat, dass weder ihre Eltern noch sonst ein Erwachsener einschreitet, alle scheinen diese Beziehung als normal anzusehen.
Ein stiller, intensiver Roman, der mich oftmals den Kopf schütteln ließ.
EIN MÄDCHEN VERLIESS DAS ZIMMER - Ulrikka S. Genres - ET 29.01.2026 - Gutkind Verlag - Ü: Ursel Allenstein - 384 Seiten
Worum geht’s?
Missbrauch, falsche Liebe, toxische Beziehungen
Als Erwachsene schaut Tanja auf ihr Leben zurück und fragt sich: Warum hat niemand sie beschützt?
Zitat aus dem Buch:
„Ich hatte ihm das Wertvollste geschenkt, was ich besaß, und jetzt war nichts mehr da, das nur mir gehörte. Verirrt hatte ich mich nicht, aber es gab keinen Weg mehr zurück, ich konnte ja nicht in meinen eigenen Fußspuren wieder zum Anfang laufen. Ich wünschte, ich hätte es jemandem erzählen können, aber wie sollte ich etwas erzählen, das ich selbst nicht verstand?“
Stimmen zum Buch:
»Ein Buch, das einen nicht mehr loslässt.« POLITIKEN
»Voller Zartheit und innerem Beben. Dieser Roman ist keine Anklage, sondern eine Offenlegung – erschütternd, poetisch, notwendig.« Maria-Christina Piwowarski
Mein Leseeindruck:
Dieses Buch ist verstörend, berührend, fesselnd, schmerzlich, aufklärend.
Ulrikka S. Gernes’ schnörkelloser, poetischer Erzählstil fängt die Reise einer Frau ein, die sich auf die Suche nach einer Verbindung zu ihrem jüngeren Ich begibt. Ein 14-jähriges Mädchen, dass aus der Einsamkeit und Unwissenheit heraus an den falschen Mann gerät, an Eg, den charismatischen Schriftsteller. Mit dem sie in die erste Liebe und Sexualität gleitet. Eine radikal mutige Geschichte, Themen von Macht und Resilienz beleuchtend. Ein Bestseller in Dänemark. TW: Schwerer Tobak, der noch lange nachhallt.
Ein Mädchen verließ das Zimmer von Ulrikka S. Gernes
Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, das in einem Zuhause aufwächst, das sich nicht wie Schutz anfühlt, sondern wie etwas, aus dem man irgendwann nur noch raus will. Die Geschichte begleitet sie genau an diesem Punkt, an dem aus Gewohnheit langsam Erkenntnis wird und aus dieser Erkenntnis die Entscheidung, zu gehen. Ohne großes Drama, eher leise und fast unscheinbar und deshalb so endgültig.
Ich habe das Buch sehr körperlich gelesen, wenn das Sinn ergibt. Es ist keine Geschichte, die dich einfach unterhält. Sie macht etwas mit dir. Diese Enge, dieses ständige Mitdenken, dieses Gefühl von „da stimmt etwas nicht“ begleitet einen die ganze Zeit. Und gleichzeitig ist da dieses leise Wachsen der Protagonistin, das ich nicht sofort bemerkt habe und irgendwann ist es da und du fragst dich: wann ist das passiert? Mich hat das mehr beschäftigt, als ich erwartet hätte. Im Buch gibt es diese konsequente Nähe zu ihr. Man ist wirklich nur in ihrem Kopf, ohne Abstand, ohne Erklärung von außen. Dadurch fühlt sich vieles unbequem an. Nichts wird schöner gemacht, als es ist.
Ich habe es beendet und musste erstmal kurz sitzen bleiben. Nicht, weil etwas Spektakuläres passiert ist, sondern weil es bei mir viele Emotionen hervorgerufen hat und das reicht hier völlig aus.
★★★★☆ (4 von 5 Sternen)
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