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Selbstregulierung des Herzens
Roman
von Peggy Mädler
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Erscheinungstermin 12.02.2026 | Archivierungsdatum 31.08.2026
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Zum Inhalt
Über Liebe und Freundschaft in einer Welt, die Vertrauen nicht kennt
Ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Ein bestechendes Porträt von der Kraft und Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen, dem Enthusiasmus des Neuanfangs und dem Verlust von Illusionen.
»Selbstregulierung des Herzens« entfaltet ein vielfältiges Panorama des Lebens in der DDR und im frisch wieder vereinigten Deutschland. Im Zentrum stehen Georg, der anfangs noch hofft, seinen Staat mithilfe von ersten Computern und Kybernetik vorwärtszubringen, und die Künstlerin Mona.
Um sie herum entwickelt sich ein reiches Ensemble an Figuren: der illusionslose Intellektuelle Roland, der in den Westen flieht; Marlies, die versucht, das System von innen zu reformieren, sowie die Künstlerfreunde Monas. Alle treffen sich in einem Dorf in der Nähe von Wandlitz, wo bald seltsame geheime Bautätigkeiten beginnen.
Mit stiller Wucht schreibt Peggy Mädler über das Flirren zwischen Halt und Auflösung – über Nähe und Entfremdung, Anpassung und Resilienz.
Über Liebe und Freundschaft in einer Welt, die Vertrauen nicht kennt
Ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Ein bestechendes Porträt...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783869713359 |
| PREIS | 23,00 € (EUR) |
| SEITEN | 304 |
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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Jacqueline M, Buchhändler*in
Ein kleiner Ort Nähe Wandlitz, kurz nach der Wende. Peggy Mädler wählt viele spannende und auch DDR-typische Charaktere für ihren Roman. Da sind Mona und Konrad - ein alternativ lebendes Künstlerpaar, da ist Georg mit seinem frühen Interesse für die Entwicklung von Computerprogrammen (wir erinnern uns an das Programmieren mit Lochkarte) und viele andere ... In Rückblicken werden ihre Leben erzählt mit allen positiven und auch negativen Erfahrungen. Das Buchcover zeigt ganz wundervoll diesen Wandel der 90er Jahre - wie hier neuer Plastikstuhl und altes rostiges DDR-Design im sonnigen Garten beieinander stehen ... und wir Lesenden sind mittendrin!
Peggy Mädler spricht in ihrem DANK am Ende des Romans von den vielen Menschen, die sie zum Alltag in der DDR befragt hat. Und man spürt das. Insgesamt waren mir diese Textstellen über Berufe in der ehemaligen DDR, über Planwirtschaft und Sollerfüllung einfach zu lang. Für mein Gefühl geht das zu Lasten der Figuren. Beim Lesen dieser insgesamt großartigen Geschichte hätte ich mir weniger sozialistisches Vokabular und mehr über die Innenperspektiven der Figuren gewünscht.
Der alte Fritzsch war eine Art Vorhut gewesen. Als geprüfter Zimmermeister, der im Bauamt arbeitet, verfügte er über handwerkliches Talent und die nötigen Beziehungen zu Informationen und Bückware, um in den 1960ern in einer abgelegenen Gegen nördlich von Berlin ein Wochenendhäuschen zu bauen. Zu einer Zeit, als die DDR hauptsächlich kopfsteinpflastergrau bis uniformgrau wirkte und Baumaterial im Schwarzhandel beschafft werden musste, verbaute er massive Holztüren aus Abrisshäusern als Wände seiner Datscha. Auf Fritzschs Umzug aufs Land folgte in der Nähe ein Bauprojekt für 21 Lauben auf Pachtland (an wen solche Sahneschnittchen staatlich gelenkt vergeben wurden, wird man sich denken). Für ein weiteres Projekt werden ein paar junge Leute ihre Sparbücher leeren, um gemeinsam ein renovierungsbedürftiges Haus zu kaufen. Sie erhoffen für sich und ihre Familien mehr Platz als in einer Etagenwohnung und vermutlich ein alternatives, freieres Leben, das sich um die Nachbarin und Künstlerin Mona herum entwickelt.
Der Roman folgt in Zehnjahresschritten bis in die unmittelbare Gegenwart – beruflich und privat – u. a. Mona, dem Kybernetiker Georg, dem Grafiker und Fotografen Konrad, dem Plakatmaler Arno, der Puppenspielerin Elke, dem gelernten Schriftsetzer Konrad und der Kinderkrankenschwester Annelie. Sie sind noch während des Zweiten Weltkriegs geboren und mit den Kriegserzählungen ihrer Eltern aufgewachsen. In den ersten Jahren der DDR sind sie sich weder der Gewalt der Sprache, die noch in den Köpfen herrscht (wie Mona feststellt), noch der Gehirnwäsche durch sprachliche Euphemismen bewusst. Angesichts von Wohnungsmangel und Versorgungsmängeln jener Zeit wundert der Rückzug sehr junger Paare ins Private nicht. Man heiratet, um eine Wohnung zugewiesen zu bekommen und bekommt Kinder, um das Einrichtungsdarlehen abzukindern.
Der Focus liegt zunächst auf Georg, der als Kybernetiker zur Zeit der Lochkartensysteme mit Rechenleistung alle Probleme anpacken will, die die wirtschaftliche Entwicklung der Republik blockieren: Logistik und Materialflüsse in der Produktion, sowie Entwicklung von Artikeln, die die Menschen kaufen würden, wenn sie denn in die Geschäfte gelangen und nicht schon vorher fortgeschafft würden, um dafür einzutauschen, was man braucht. Was niemand auszusprechen wagt: Würde die Produktion von Konsumgütern optimiert, könnte die Flucht von Fachkräften in den Westen verlangsamt werden. Georg wird allerdings offiziell mitgeteilt, dass es in einer sozialistischen Planwirtschaft keine selbstlernenden Systeme geben kann, wie er sie entwickeln will. Die Versorgung mit Konsumgütern könne nur ein Zentralkomitee planen.
Während sich bei mir als Leserin das ungute Gefühl aufbaut, dass es sich hier gerade ein Staat mit seinen zuverlässigsten Arbeitskräften verdirbt (die vor ihrem aktuellen Beruf in der Produktion gearbeitet/Militärdienst geleistet haben) werden im unzugänglichen Wald hinter den Häusern ein Militärgelände samt Bunker und ein internationales Ferienlager für Studenten aus dem Ausland angelegt. Die Herausforderung für das alternative Wohnprojekt wird daher nicht im Gruppenprozess liegen, sondern in der zukünftigen Bespitzelung durch staatliche Stellen.
Peggy Mädler zeigt mit den fein ausgearbeiteten Lebensläufen und Partnerschaften ihrer Figuren präzise, wie stark Berufe prägen. In dieser Ausführlichkeit würde ich über Menschen im Beruf gern auch von anderen Autoren lesen. Wie jeder Ansatz, Synergien zwischen verschiedenen Berufsfeldern oder Gesellschaftsschichten für das „Gemeinwohl“ zu nutzen, durch staatliche Bespitzelung und Bedrohung unterlaufen wird, zeigt die Autorin mit einer Fülle von Alltagsdetails, die sie bei Zeitzeugen recherchiert hat.
Fazit
Aus eigenem Erleben von DDR-Datschen finde ich „Selbstregulierung des Herzens“ exzellent recherchiert und empfehle es wegen des Einblicks in die Berufswelt vor und nach der Wende.
Rezensent*in 1177114
Interessante Einblicke
Peggy Mädler gibt uns sehr interessante Einblicke in die Zeiten und das Leben im Osten vor der Wende während dessen und danach. Sie beschreibt wie ein System sein Volk belügt und betrügt um nicht schwach zu wirken oder gar nicht zu funktionieren. Wie man durch Systemtreue Vorteilebekommen konnte aber auch wie schnell man sie durch eine falsche Aussage oder der falschen Person als Freund oder Kollegen verlieren konnte.
Für mich persönlich hat dieses Buch Erinnerungen an eine Zeit zurückgebracht als ich ein Kind war und meine Mutter Pakete für Freunde im Osten gepackt hat und hoffte das wenigstens die hälfte auch bei Ihnen ankommt. Für mich heute nicht mehr nachvollziehbar wie so etwas bzw. ich kann es mir kaum vorstellen das es noch nicht vor all zu langer Zeit so war. Die Zweifel die Unsicherheit alles was manche Menschen in dieser Zeit umgetrieben hat und eventuell auch heute noch beschäftigt. Sehr spannend und auch einfühlsam erzählt. Ein wirklich sehr interessant geschriebenes Buch über das Leben unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Schichten in einer Welt die man sich heute kaum mehr vorstellen kann.
Für mich ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Die Geschichte hat mich auf eine stille, aber nachhaltige Weise getroffen. Es ist einer dieser Romane, die nicht laut werden müssen, um tief zu wirken. Peggy Mädler schreibt über Menschen, die versuchen, Nähe zu finden in einer Welt, die ihnen ständig misstraut und genau das hat mich berührt. Georg, der an die Möglichkeiten der Kybernetik glaubt, wirkt wie jemand, der sich verzweifelt an die Idee klammert, dass Systeme reparierbar sind, wenn man nur klug genug denkt. Mona dagegen lebt im Offenen, im Künstlerischen, im Fragilen. Zwischen den beiden entsteht ein Raum, der zugleich Schutz und Gefahr ist. Besonders eindrücklich fand ich, wie der Roman die DDR nicht als Kulisse, sondern als atmende Realität zeigt eine, die in die Körper und Beziehungen der Figuren eingreift. Roland, der illusionslose Intellektuelle, Marlies, die Reformerin wider Willen, die Künstlerfreundinnen: Sie alle tragen ihre eigenen Brüche, ihre eigenen Hoffnungen. Der Roman zeigt, wie schwer es ist, einander zu vertrauen, wenn man gelernt hat, sich selbst zu überwachen. Für mich ein leises, kluges Buch über Bindungen, die halten wollen, obwohl alles dagegenspricht. Es bleibt lange nach dem Lesen spürbar.
Berührend, klug und unglaublich feinsinnig!
Ich habe das Buch gerade beiseitegelegt und muss erst einmal tief durchatmen. „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler hat mich auf eine Weise berührt, wie es nur selten ein Roman schafft. Es ist kein lautes Buch, aber eines, das mit einer unglaublichen „stillen Wucht“ (wie es der Klappentext treffend beschreibt) nachhallt.
Erzählt wird die Geschichte von Georg und Mona, eingebettet in die späte DDR und der Wiedervereinigung bzw. der Umbruchzeit. Georg ist ein leidenschaftlicher Programmierer, der fest an die Steuerbarkeit der Welt durch Computer glaubt. Er versucht, diese bzw. sein Leben durch Logik und Optimierung zu ordnen. Mona, Georgs Partnerin, ist eine freigeistige Künstlerin und sucht nach individueller Freiheit. Sie bildet den emotionalen Gegenpol zu seinem rationalen Weltbild, in dem Georg erkennen mus, dass das Leben und die Liebe sich oft gar nicht so einfach „programmieren“ lassen.
Der Schreibstil und die Wortwahl ist unaufgeregt, aber „fein gearbeitet“. Die Autorin braucht keine kalligen Effekte, um die Zerbrechlichkeit von Freundschaft und Loyalität spürbar zu machen. Sie schafft es auch so, die spröde Welt der frühen Informatik mit der tiefen Emotionalität menschlicher Beziehungen zu verweben. Besonders das Bild der „Selbstregulierung“ (die Bedeutung musste ich erstmal nachlesen) – sowohl im technischen als auch im emotionalen Sinne – zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Denn obwohl der Roman in der Vergangenheit spielt, fühlte ich mich ständig an unsere heutige Zeit erinnert. Die Frage „Wie verändern Maschinen unser Leben und unsere Gefühle?“ ist aktueller denn je.
Fazit:
Ein toller Roman über die Unberechenbarkeit der Gefühle und die Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen. Er zeigt, dass sich das Herz eben nicht wie ein Computerprogramm „regulieren“ lässt, egal wie sehr man es versucht. Wer kluge Geschichten über deutsche Geschichte und das menschliche Miteinander interessieren, wird dieses Buch mögen.
d1g1talHUMAN S, Journalist*in
Ein wunderbares Kleinod, bei dem man sich in die eigene Vergangenheit zurückversetzt fühlt. Lesenswert für alle, die den Osten mit seiner Geschichte besser kennenlernen wollen und für alle, die eine eigene Geschichte damit haben. Sehr empfehlenswert.
Lehrende*r 491806
„Im Nachhinein stellt sich mancher Mangel als Glück heraus.“
Ich freue mich immer, wenn DDR-Romane aus kundiger und vor allem nicht jammer-ostalgischer Feder auf den Markt kommen, und war daher sehr gespannt auf das neue Werk von Peggy Mädler.
Mit dem Stil des Romans hatte ich anfangs Mühe und musste mich erst einlesen. Vielen Passagen, in denen eher über das Agieren und Denken der Figuren berichtet wird oder sich ihre Gedankenströme ausbreiten, stehen vergleichsweise wenige direkt gezeigte Szenen und Dialoge gegenüber - dabei alles so konsequent in DDR-Sprech gehalten, dass ich beim Lesen oft zusammengezuckt bin. Und Mädler hat natürlich Recht damit, es genau so zu handhaben.
Sie hat für ihren Roman offenbar sehr gründlich recherchiert - er bietet zu den Themen Wirtschaft und Datenverarbeitung beeindruckend viele Informationen: von den Produktionsverfahren in der DDR über die Philosophien und Konzepte dahinter - mehr, als ich je in Stabü und ESP gelernt habe - bis hin zu von den Figuren natürlich nur heimlich geäußerter Kritik daran. Auch viele andere Berufsfelder und ihre besonderen Entwicklungen und Stolpersteine im Laufe der Jahrzehnte werden intensiv ausgelotet. Offizielle und inoffizielle Wege, den offiziell nicht vorhandenen Schwierigkeiten einer Planwirtschaft (und faktischen Mangelwirtschaft mit ständigen Material- und Personalengpässen, Fehlkalkulationen usw.) zu begegnen, werden beschrieben: all die Mechanismen von Hamstern und Tricksen, Bückware und Tauschwirtschaft. Die Figuren versuchen, sich in die Verhältnisse einzufädeln, ohne sich dabei allzu sehr verbiegen zu müssen; doch das gelingt nicht immer, Mädler zeigt auch ihre Ambivalenzen und Ängste, führt ihren Leser:innen das teils drohende, teils umgesetzte Degradiertwerden in den Arbeitsverhältnissen vor Augen, wenn man selbst (oder die Verwandtschaft) in diesem Staat nicht als politisch zuverlässig gilt. Und immer wieder seziert die Autorin die Entwicklungen im Verhältnis von Mensch und Maschine in der Produktion und in den Rechenzentren besonders der Achtzigerjahre (wo die Reflexionen natürlich den Bogen zu den aktuellen Entwicklungen rund um das Erstarken von KI schließen). Diese Entwicklungen über mehrere Jahrzehnte und das Lebensgefühl vieler Menschen bei alldem hat Mädler umfassend eingefangen und für die ganzen technischen Details beeindruckend recherchiert.
Für mich blieb beim Lesen jedoch ein "Aber" im Raum stehen: Freiheit ist in Mädlers Roman über weite Strecken sehr stark mit Wirtschaft verknüpft, mit dem Vorhandensein von genug Dingen, die einem das kleine private Glück versprechen: Nahrungs- und Genussmittel, Wohnraum (oder wenigstens Baumaterial dafür), ab und zu ein Beat-Konzert, das Pilzfest mit Freund:innen im Herbst 1986, bei dem die größte Sorge darin besteht, dass der ein oder andere Pilz vielleicht giftig sein könnte (die Gefahren durch Tschernobyl wurden in der DDR drastisch verharmlost), irgendwann nach langer Wartezeit ein Trabant oder gar ein Wartburg... Die Gedanken und Gespräche der Freund:innen drehen sich um Wirtschaftssysteme und die Bedingungen, damit sie gedeihen; andere Dimensionen von Freiheit in den Gedanken und im Tun, den Blick über die eigenen kleinen Tellerränder oder Datschenzäune habe ich lange vermisst. Ich kannte in der DDR viele solche Menschen wie die Figuren in Mädlers Roman, aber eben auch solche, die politischen Mut und Weitblick gezeigt haben, sich für umfassende freiheitlich-demokratische Werte in der Gesellschaft und nicht nur für eine freie Wirtschaft eingesetzt haben. Warum Mädler das zunächst so verengt, obwohl sie es definitiv besser weiß ("Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat"), erschließt sich mir nicht gänzlich. Erst später im Roman, im Zuge der Flucht- und Ausreisewelle Mitte / Ende der Achtzigerjahre, rund um die Montagsdemonstrationen und dann vor allem in den Reflexionen der Figuren hinsichtlich der direkten und späteren Nachwendezeit einschließlich der oft bestürzenden Erkenntnisse aus den Stasiakten geht es stärker auch um andere Werte wie Menschenrechte, Reisefreiheit oder diverse Lebensentwürfe. Die Schilderungen, wie Annelie die Nacht des Mauerfalls und den Tag danach erlebt, dieses Gefühl von Ende und Anfang zugleich, haben mich sehr berührt. Hier wächst der Roman auch - vielleicht aufgrund der eher allgemeinen Formulierungen - über die vorher empfundene Verengung auf das Wirtschaftliche hinaus.
Nach der Wende dann wurde so vieles aufgedeckt; auch das wirkliche Innenleben und Handeln mancher Figuren in Mädlers Roman zeigt sich plötzlich in ganz anderem Licht - es war nicht alles und jede:r so, wie es jahr(zehnt)elang schien. Manches wird von den Figuren reflektiert und eingeordnet, gar verziehen, anderes entzieht sich der Einordnung - hier formuliert Mädler so kluge und einfühlsame Gedanken, dass ich mir zahlreiche Passagen markiert oder abgeschrieben habe.
Ein besonders bitterer Abschnitt für mich, die ich diese Zeiten auch miterlebt habe, war die Schilderung der umfassenden und systematischen Abzocke durch Westdeutsche in den frühen Neunzigern - das oft schlitzohrige Aufkaufen und dann Plattmachen von Betrieben; das Ausnutzen von fehlenden Rechtskenntnissen der Ostdeutschen, aber teils auch der Rechtslage selbst bei Rückforderungen von Land und Immobilien, bei denen Ostdeutsche regelmäßig über den Tisch gezogen wurden; die Entwertung ostdeutscher Berufsbiografien, was zu massiven Einbußen bei Einkommen und Renten führte und immer noch führt; die massive Arbeitslosigkeit und nach der x-ten ABM-Maßnahme auch Perspektivlosigkeit... Aber auch andere Versäumnisse, z.B. im Umgang mit den historischen Brüchen und deren psychischen Auswirkungen auf die Menschen, werden benannt: Das ganze Land hätte Gesprächsrunden gebraucht, aber die Aufarbeitung wurde privatisiert. (Auch meine Rede seit den frühen Neunzigern.)
Da mich aufgrund meines familiären Hintergrunds seit Jahrzehnten verschiedene Fragen rund um Widerstand und Mitläufertum umtreiben, fühle ich mich mit diesem Schwerpunkt auf den wirtschaftlichen Aspekten nicht ganz abgeholt, bewundere aber dennoch die Akribie, mit der Mädler ihren Figuren verschiedene berufliche Hintergründe und Lebenswege verliehen und diese sprachlich mal poetisch, mal eher sperrig, aber stets klug und feinsinnig entfaltet hat. Wenn einer der Protagonisten am Ende seine eigenen Entscheidungen bezüglich Widerstand oder Mitläufertum wenigstens ein bisschen in der Aussage befriedet findet, dass es am Ende immerhin einen Unterschied macht, ob Menschen in einem System einfach zu überleben versuchten oder ob sie Vorteile daraus ziehen wollten, kann ich mit diesem Fazit auch etwas versöhnter auf manche Figuren / Menschen im Roman und in meinem eigenen Leben blicken.
Ich danke dem Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar!
Buchhändler*in 715745
Ein Roman über das Leben in der DDR, mit all den Regularien, Einschränkungen und politischer Kontrolle, der mich von Anfang an gefesselt hat. Die verschiedenen Charaktere sind zu Beginn des Romans jung und durchleben ihr Leben auch mit dem jungen Staat und mit dem Wachsen der DDR bis in die heutige Zeit. Anhand der Schicksale von Mona und Konrad, Roland und Marlies und Georg mit Helga und Irene. Sie alle stehen für Menschen, die sich im Land eingerichtet haben, die versucht haben, ihr Leben unter den Bedingungen dieses totalitären Staates zu leben. Roland verlässt die DDR, als Republikflüchtiger. Er sagt: wie soll ich wissenschaftlich arbeiten, wenn ich den Kurs wechselnder Politik verpflichtet bin? Er lässt Marlies zurück, deren Karriere an der Universität damit vorbei ist. Sie geht als Akademikerin erst einmal in die Produktion und dann wieder ins Büro, in die schwierige Abteilung Materialwirtschaft. Hier werden die schwierigen Bedingungen der Planer,füllung und das fehlenden Materials in den Betrieben beleuchtet.
Da sind auch Mona und Konrad, die für die Künstler der DDR stehen. Gerade Mona versucht sehr viel, bekommt später ABM Stellen und muss sich durchschlagen. Konrad ist als Werbegrafiker in der DDR sogar als selbstständige tätig.Da ist Georg, der als Programmierer in der Datenverarbeitung verschiedene Projekte bearbeitet. Er ist voll in seinem Beruf eingebunden und glaubt anfangs auch noch an ein aufstrebende DDR. Der Roman spielt hauptsächlich in Berlin und in einer Bungalowsiedlung, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Wandlitz. Hier entstehen Verbindungen, Mona lebt auch in einer künstlerischenWohngemeinschaft dort in dem Haus. Seltsame Bautätigkeiten in Wandlitz werden beobachtet. Mit der Zeit wird man vorsichtiger, da die Stasi auch präsent sein könnte. Ich habe selbst in der DDR gelebt und habe sehr viele Strukturprobleme, Versorgungsengpässe hier wiedergefunden. Sehr gut wurde dargestellt, wie die Menschen sich einrichten oder arrangieren mussten, um ein Privatleben hinzubekommen. Das Buch war von Anfang an spannend. Mich hat interessiert wie die einzelnen Menschen und Familien mit den Bedingungen gelebt haben, wie sie damit zurecht kommen mussten. So viele Details wurden angesprochen, die auch für mich jetzt schon etwas in Vergessenheit geraten waren. Kurz nach der Wende gab es viele Ängste, sehr viele Betriebe wurden abgewickelt, Menschen wurden arbeitslos und hatten keine Perspektive mehr. Es gab Eigentumsansprüche von Westdeutschen Bürgern gegenüber den Menschen, die Häuser und Grundstücke in der Zeit der DDR genutzt haben. Auf einmal war für einige ostdeutsche Bürger das Haus nicht mehr, ihr eigenes.Es ist ein Buch, das unbedingt lesenswert ist für Ostbürger aber auch gerade für westdeutsche Bürger, um die Zeit noch einmal zu reflektieren und einiges besser zu verstehen .
Literarische Rückkopplung: «Selbstregulierung des Herzens» von Peggy Mädler
Ihr Körper, Ihr Kühlschrank und Ihre Heizung haben etwas Wichtiges gemeinsam: Sie sorgen für eine konstante Temperatur. Sensoren oder Nerven melden der Schaltzentrale die aktuelle Temperatur. Ist es zu heiss oder zu kalt, reagiert das Gehirn oder die Steuerung. Das ist ein Regelkreis. Man könnte also sagen: Dinge wie der Kühlschrank oder die Heizung steuern sich selbst. Der amerikanische Mathematiker und Philosoph Norbert Wiener hat 1948 die theoretischen Grundlagen für diese Art von Kontrolltheorie und Regelungstechnik entwickelt: «Cybernetics» nannte er seine Wissenschaft, auf Deutsch «Kybernetik». Sie wurde zur Basis der Entwicklung von Computern. Das ist bis heute am Wort «Cyber» erkennbar, das von Cyberangriff bis Cyberspace in vielen Wörtern steckt. Peggy Mädler greift das Prinzip und das Vokabular der Kybernetik in ihrem neuen Roman über die DDR auf, und zwar auf zwei Ebenen: Sie beschreibt die Volkswirtschaft der DDR und das Innenleben ihrer Figuren als dynamische Mechanik von Rückkopplung, Regelkreis, Störung und Lernen. Das klingt trocken, ist aber ausgesprochen spannend, weil weder die staatliche Planwirtschaft noch die Gefühle der Menschen sich an Regeln halten, auch nicht an die eigenen. So legt sie die hohlen Phrasen der Funktionäre ebenso offen wie das hoffnungslos in Gefühlen verstrickte Innenleben ihrer Figuren. In meinem 306. Buchtipp sage ich Ihnen, warum es sich lohnt, diesen Roman auch ausserhalb von Ostdeutschland zu lesen.
Am Neujahrsmorgen 1966 fährt der Berliner Bauamts-Inspektor Fritzsch mit seinem Trabant aufs Land: Er sucht ein Wochenendgrundstück. Zusammen mit einem befreundeten Bezirksbürgermeister und der Bürgermeisterin des Dorfes in der Nähe von Wandlitz setzt er die Umwidmung eines bewaldeten Hangs zur «Naherholungssiedlung» durch. Vor dem Krieg war Fritzsch Postbote, dann Soldat, danach Zimmermann und Bauamtsmitarbeiter. Baumaterial ist knapp, deshalb erstellt er seinen Bungalow aus schweren Altbautüren von Abbruchhäusern. Als Zuständiger für Sicherheitsfragen weiss er, welche Häuser zum Abriss freigegeben sind. Die Grundstücke werden über Beziehungen und Mundpropaganda vergeben. So entsteht die Siedlung am Hang über dem Dorf.
In dieser Siedlung spielt der Roman von Peggy Mädler. Sie erzählt vom Mikrokosmos der Bungalowsiedlung und des Bauerndorfes von 1960 bis 2023. Im Zentrum stehen zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Georg, ein Programmierer und Ökonom, der in den 1960er-Jahren hofft, seinen Staat mit Computern und Kybernetik vorwärtszubringen, und die Künstlerin Mona, die verzweifelt einen Weg sucht, in einem Staat, der alles reguliert, genug Freiheit für ihre Bilder zu finden. Um sie herum ein Reigen von Freunden und Bekannten: der illusionslose Intellektuelle Roland, der in den Westen flieht; Marlies, die das System von innen reformieren will; Helga, Georgs erste Frau; Konrad und Monas Künstlerfreunde.
Georg Paschke, 1941 geboren, stammt aus einer Arbeiterfamilie: Der Vater war Maurer und Kriegsheimkehrer und schwenkte einst für den Faschismus die Fahne. Nach Schule und Maurerlehre wird Georg im Sommer 1960 zum Studium der Ökonomie delegiert. Er tritt in die SED ein, ohne Parteibuch wäre ein Studium nicht möglich. An der Universität freundet er sich mit Roland Schäfer an, einem brillanten, redegewandten Kommilitonen aus kommunistischem Elternhaus. Die beiden diskutieren mit heissen Köpfen bis in alle Nacht über Planwirtschaft und die staatliche Steuerung. Dem Land geht es nicht gut. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Geld und Materialien.
In den Vorlesungen des dynamischen Professors Benders denken sie über die Besonderheiten der Ware-Geld-Beziehung in den volkseigenen Betrieben nach, über staatliche Normvorgaben und Zuteilungen. Über Möglichkeiten, die Eigenverantwortung dieser staatlichen Betriebe zu stärken und den Werktätigen die Vorteile einer hohen Arbeitsleistung stärker über die Lohntüte erfahrbar zu machen. Kurz: Sie denken sich die Wirtschaft als regelbasiertes System und versuchen, die Planwirtschaft der DDR mit Kybernetik zu verbessern.
Unter Benders Einfluss wurde ein kybernetisches Zusammenspiel von Plan und Markt plötzlich denkbar, vorstellbar. Die Idee einer Wirtschaft, die sich mithilfe von Anreizen wie ein Organismus in weiten Teilen selbst regulieren und flexibel an innere wie äußere Veränderungen anpassen kann. Mit Betrieben, die sich eigenständig steuern wie Zellen und Organe, während das Gehirn übergeordnete Werte und zentrale Ziele abwägt. Mit Nervenbahnen und Synapsen, die den Informationsaustausch im gesamten Körper gewährleisten. Im Gespräch mit Professor Benders schienen Systeme dynamisch und veränderbar, bereit, aus ihren Fehlern zu lernen. Das fühlte sich gut, vernünftig an. (Seite 36)
Planwirtschaft war der Gegenentwurf der DDR zum freien Spiel des Marktes im Westen. Die Planwirtschaft soll vor Wirtschaftskrisen, Existenznot und Profitgier schützen. Die Knechtschaft der sozialen Herkunft und die Macht des Kapitals beenden. Ein neues Klassenbewusstsein und damit die klassenlose Gesellschaft schaffen. Das setzt ein Bewusstsein für einen ökonomischen Gesamtzusammenhang, für gesamtgesellschaftliche Bedarfe, Investitionen und technische Entwicklungen voraus. Die Planwirtschaft benötigt einen zentralen Blick auf Lieferketten, auf die Verteilung von Arbeitskräften, auf Material-, Rohstoff- und finanzielle Ressourcen. Das Prinzip der Lohnsicherheit und die staatliche Festsetzung von Preisen. Professor Benders ist überzeugt, dass Kybernetik eine dynamisch funktionierende Planwirtschaft möglich macht.
Doch dann ändert sich der Ton an der Universität. Rolands Dissertation gerät unter politischen Druck: Sein Doktorvater fordert eine Überarbeitung «mit mehr Weitblick». Roland kündigt an der Akademie, lässt sich «in die Produktion» versetzen und flieht im Spätsommer 1969 über die Donau in den Westen. Georg ist vom sich verhärtenden Klima weniger direkt betroffen: Seine Dissertation beschäftigt sich mit elektronischer Datenverarbeitung. Nach dem Doktorat beginnt er, als Programmierer im VEB Maschinelles Rechnen zu arbeiten. Seine Freundschaft mit Roland, einem Westflüchtling, führt zu einem Eintrag in seiner Akte.
Georg kämpft damit, dass das Leben sich nicht an Regeln halten will. Die Künstlerin Mona Krüger kämpft, weil sie sich nicht an Regeln halten will. Eigentlich wollte sie Malerei studieren, wurde aber an allen Kunsthochschulen abgelehnt. Nicht aus künstlerischen, sondern aus politischen Gründen: Sie ist nicht in der FDJ und ihre Schwester lebt in Westberlin. Mona arbeitet in einem Werbebetrieb und lebt mit dem Grafiker Konrad zusammen. Mit den Freunden Rita, Volker und Elke übernimmt das Paar Ende der 1960er-Jahre als Sommerrefugium ein baufälliges, baupolizeilich gesperrtes Bauernhaus hinter der Dorfschule. Für das Gespräch mit der Bürgermeisterin lassen Mona und Konrad sich extra die Haare schneiden. Konrad wird in den Künstlerverband aufgenommen, Mona nicht.
Wie sollte einzuschätzen sein, was eine politische und was eine künstlerische Entscheidung war, wenn ästhetische Urteile unmittelbar mit politischen Debatten einhergingen und umgekehrt? Politik und Kunst waren eine Einheit in diesem Staat, auch wenn die meisten Dozenten an der Fachschule diese Verbindung beileibe nicht ganz so eng sehen wollten. Zugleich wussten auch sie um die wiederkehrenden Formalismusdebatten auf den Parteitagen. Um den Auftrag an die Kunst, Wirklichkeit positiv zu beeinflussen und mitzugestalten. An der Überwindung des Faschismus und Herausbildung einer sozialistischen Lebensweise mitzuwirken. Die Arbeiterklasse als zentrales Subjekt in den Bildern. Inzwischen war Mona froh, Gebrauchsgrafik studiert zu haben, in der Malerei hätte sie dem Druck des gesellschaftlichen Auftrags auf Dauer nicht standhalten können. (Seite 86)
Konrad arbeitet fortan freischaffend, vor allem als Plakatgestalter. Mona versucht, neben Brotarbeit und Kinderbetreuung weiterhin zu malen. Beim Blaubeerensammeln im Wald begegnet Mona zufällig Georg, der dort mit seinem Sohn unterwegs ist. Die beiden Welten, die linientreuere Bungalowsiedlung am Hang und die Künstlerkommune im Bauernhaus, kommen in Kontakt miteinander.
Um sie herum passt immer weniger zueinander. Im Januar 1971 wird das Baden im Bauersee verboten, weil der volkseigene Fleischbetrieb Abwasser einleitet. Dann rücken Soldaten und Lastwagen an: Hinter der Bungalowsiedlung wird ein Zaun um den Wald gezogen – militärisches Sperrgebiet. Im Juni 1971 verkündet der Erste Sekretär des ZK der SED auf dem VIII. Parteitag das Ende der Kybernetik und der Reformpläne.
In der Zeitung stand es unmissverständlich: Eine Wissenschaft, die behaupte, komplexe Systeme seien in der Lage, sich überwiegend selbst zu regulieren, könne nichts anderes sein als eine Pseudowissenschaft. Darunter die altbekannten Floskeln und Schlussfolgerungen. Unsere sozialistische Produktion kann nur zentral organisiert und gesteuert werden. Die Einheit von Sozial-und Wirtschaftspolitik als Kompass für den nächsten Fünfjahresplan. Und jenseits der Reden und Pläne wucherten überall Widersprüche. (Seite 118)
Der Staat, der alles regeln will, wirft die Wissenschaft über Regelkreise über Bord. Das kann nicht gut gehen.
Welchen Sinn machte es, über Regelgrößen und Wechselbeziehungen in einem System nachzudenken, das sich selbst abriegelte, ja, jede Art Einwirkung von außen zu beschränken oder ganz auszuschließen versuchte, und dabei immer mehr eintrocknete, austrocknete und an Möglichkeiten, Informationen, Variationen verlor? (Heute würde man von fehlender Diversität sprechen, in letzter Zeit hat Georg viel dazu gelesen, ökologische Systeme brauchen Vielfalt innerhalb einer Art und zwischen den Arten sowie eine Variabilität an Lebensräumen, um sich zu erhalten.) Damals sprachen sie von dynamischen Systemen, die sich mittels Impulsen und Rückkopplungen stetig veränderten. Doch: welche Veränderungen? Das Land kam ihm wie eingefroren vor, der Glaube an eine mögliche Varianz von Verhaltensweisen erstarrt. (Seite 179)
Nicht nur im Grossen scheitert die Kybernetik, auch im Kleinen funktionieren die Regelkreise nicht. Die Selbstregulierung des Herzens ist eine Illusion, das emotionale Sich-Einrichten, Sich-Anpassen, Sich-Herunterregeln in Liebe, Ehe und Freundschaft. Als Motto hat Peggy Mädler dem Roman ein Zitat des sowjetischen Biowissenschaftlers W.A. Listschuk vorangestellt: «Man muß bemerken, daß die ‹Anfangswerte› für das Herz unter physiologischen Arbeitsbedingungen niemals Null sind. Das System der Selbstregulation des Herzens ist geeignet, den Funktionszustand auf verschiedenen Niveaus zu stabilisieren.»
In der Physiologie mag das funktionieren, die Liebe hält sich nicht daran. Georg und Mona fühlen sich zueinander hingezogen, Georg spürt sogar Schmetterlinge im Bauch. Doch nach einem Kuss geht Mona auf Distanz. Georg ist ratlos: Für diesen Fall kennt er keine Regeln. Dennoch reisst der zarte Faden ihrer Beziehung nicht ab, auch wenn sie sich über Jahre nur ab und zu Blicke zuwerfen.
Auch im Grossen funktioniert die Selbstregulation nicht, schon gar nicht in einem Staat, der für seine Bürger zu einem undurchdringlichen Dickicht von expliziten Regeln und impliziten Empfehlungen geworden ist. «Dieses Dickicht aus Fragen und Problemen konnte kein einzelner Mensch lösen», denkt sich eine der Frauen im Buch. «Der Mensch selbst war ja ein Dickicht und von ganz anderer Zeitlichkeit als das große Ganze.» Das Leben, das «Drecksleben», wie die Arbeiterinnen sagen, besteht nicht aus hohlen Phrasen und klaren Regeln. «Das Leben war Ranklotzen, war Arbeit, Kinder, Haushalt und die Versorgung der Schwiegereltern». Das einzige Ziel, das einem bleibt: «Das bisschen Leben durfte einfach kein Drecksleben sein.»
Dann fällt 1989 die Mauer, bald darauf der ganze Staat. Die Betriebe werden abgewickelt und die Menschen gleich mit. So ergeht es auch dem Kombinat Datenverarbeitung, in dem Georg arbeitet. Er findet nur noch befristete Hilfsarbeiten und geht bald in den Vorruhestand. Mona erlebt im Januar 1990 die Stürmung der Stasi-Zentrale in der Normannenstrasse. Nach der Abwicklung ihres Werbebetriebs schlägt sie sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Am Ende sitzen Mona und Georg auf der Bank vor dem Bungalow. Georg teilt ihr mit, dass er das Grundstück aufgeben muss. Mona nimmt ihm das Versprechen ab, sie weiterhin im Dorf zu besuchen.
Georg, der sein Leben lang in Nullen und Einsen und in klaren Regeln gedacht hat, weiss am Ende: Der Traum von der Selbstregulierung heisst heute Neoliberalismus. Dasselbe Wort, das 1965 einen besseren Sozialismus versprach, formt heute den entfesselten Markt. Die grossen Würfe sind gescheitert. Was hält, sind die zarten Fäden der Beziehungen zwischen den Menschen. Genau das macht Peggy Mädlers Buch zu mehr als einem DDR-Roman: Auch unsere Gesellschaft glaubt daran, dass sich Staat und Wirtschaft regeln lassen. Aber auch bei uns trägt am Ende nicht der hart geschmiedete Regelkreis, sondern das zarte Beziehungsgeflecht unter den Menschen.
Den »Human in the Loop« hat man schon in den Sechzigern suchen müssen –
starre politische Systeme sind wie selbstregulierende Organismen, die dem Menschen kaum Gestaltunggsspielraum zu lassen scheinen. In "Selbstregulierung des Herzens" erzählt Peggy Mädler vom Kybernetiker Georg und der Künstlerin Mona in der DDR der Sechziger- bis Neunzigerjahre. Ausgelotet wird aber eine allgemein menschliche Frage: Wieviel können wir planen und entscheiden und wieviel gibt der automatisierte Alltag vor? Ein kleines Dorf in der Nähe von Berlin dient dabei einigen Individualisten als Gestaltungsraum. Mit Ostalgie hat der Roman nichts zu tun, eher mit der Untersuchung von Beziehungen im Korsett der Gesellschaftsform.
Die 1976 in Dresden geborene Autorin Peggy Mädler hat einen faszinierenden DDR- und Wenderoman geschrieben. Ein Genre, von dem ich nie genug kriegen kann. Es ist einer der anspruchsvolleren Romane zum Thema. Ganz ungewöhnlich beginnt sie mit dem Thema ökonomisches Denken in den Sechziger Jahren und dem Versuch der Reformbemühungen und Verbesserung des sozialistischen Staats aufgrund der vielen Mängel der Planwirtschaft. Die wie wir wissen alle scheiterten. Ich liebe auch diesen Titel „Selbstregulierung des Herzens“. Er weißt gleich darauf hin, dass hier Wert auf eine facettenreiche Sprache gelegt wird.
Mädler erzählt anhand einer Bungalow-Gartenkolonie in Brandenburg, unweit Berlins aus dem Leben ihrer Bewohner, dass bei den meisten hauptsächlich in der Stadt stattfindet. Ein allwissender Erzähler ist davor- und dazwischengeschaltet, um einen Rahmen zu geben, bevor einzelne Personen ins Licht gerückt werden. Der Zeitraum spannt sich von 1960 bis 2023 und spiegelt anhand der Protagonisten die Entwicklung im Land. Hier werden die Wochenenden und die Ferien verbracht, hier wird ausgespannt und sich erholt. Hier werden mit Freunden Gartenfeste gefeiert, gebadet in den nahen Seen und gegärtelt und neue Beziehungsmodelle hinterfragt. Die Bungalows entstehen mit vereinten Kräften, teils aus alten Baustoffen; man hilft einander; dem einen fehlt dies, der andere hat das. Eine der Hauptfiguren, Mona, ist Künstlerin und hat sich mit ihrem Lebensgefährten Konrad, der Gebrauchsgraphiker ist, und Freunden ein baufälliges Haus im nahen Dorf für wenig Geld gekauft und hergerichtet. Für sie ist es auch ein Atelier, obwohl sie nicht als freie Künstlerin anerkannt wird, sondern nebenher als Grafikerin arbeiten muss. Konrad hat es besser getroffen. Er wird anerkannt und entwirft freiberuflich z. B. Film- und Theaterplakate für gutes Geld. Ein Kind kommt dazu.
Georg, die zweite Hauptfigur, hat studiert und arbeitet als Programmierer mit gutem Einkommen. Um studieren zu können, ist er in die Partei eingetreten, obwohl er nicht dahinter steht, hinter der Idee der neuen DDR und des Sozialismus aber schon. Doch seine Erwartungen, der Verbesserung und Erneuerungen des Systems, werden enttäuscht. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings hat sein bester Freund, mit dem er studierte, das Land verlassen, er flüchtete, was Georg ziemlich mitnimmt und zum Nachdenken bringt. Er heiratet zweimal und hat zwei Kinder. Die Arbeit seiner zweiten Frau gibt uns Einblick in die alltäglichen Vorgänge in einem Kinderkrankenhaus. Georgs Arbeit fordert ihn, aber er lebt dafür, schreibt Programme für den Rechner und ist maßgeblich an der Entwicklung der Computerverarbeitung für bestimmte Betriebe beteiligt. Obwohl der Westen eben doch immer voraus ist. Als Rentner später im vereinigten Deutschland ist er es der reflektiert und hinterfragt:
„Zum Trotz gehörte auch der innere Widerstand gegen die Einteilung in Täter und Opfer, als wären 16 Millionen Menschen in genau zwei Zustände zu unterteilen, angepasst oder widerständig, systemtreu oder nicht, Null oder Eins. Als bestünde ein Leben und Gewissen nicht aus verschiedenen Momenten und Entscheidungen, aus Widersprüchen, Gleichzeitigkeiten. Wo passte sein Leben hinein? […] Hätten die Eltern Ende der Dreißiger Jahre nicht in Berlin-Treptow, sondern einige Straßen weiter im Bezirk Neukölln eine Wohnung gemietet, wäre das Leben anders verlaufen.“
Doch auch das Natur-und Freizeitglück der Gartenkolonie wird gestört, als nebenan im Wald erst ein Ferienlager, dann eine Station der Armee angesiedelt wird. Später munkelt man von einem riesigen Sicherheitsbunker für die Oberen, von einer Stasi-Zentrale. Wir verfolgen die Entwicklungen sowohl auf dem Land, als auch in der Stadt bis hinein in die Zeit der Montagsdemonstrationen und der zunehmenden Ausreiseanträge und Fluchten. Wie gehen die Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensumfeldern damit um?
Mona, Konrad und auch Georg hatten nie das Gefühl weg zu wollen aus dem Land, dass sie eigentlich zunächst gestalten, dann verändern, ja verbessern wollten. Das Paar und auch Georg gehen nach der Wende nicht verloren, finden ihren Weg. Auch wenn sie ihr Besitztum erneut erwerben müssen, als die alten Eigentümer nun wieder ihre Rechte auf Haus und Boden anmelden. Sie hatten sich das Ende der DDR so nicht vorgestellt, hätten gerne ein neues Land gestaltet oder zumindest die Vereinigung nicht als eine Übernahme enden lassen. Mädler erläutert, in welcher Geschwindigkeit diese Veränderungen auf die Bevölkerung zukamen und sie mitunter überrollte. Sie lässt ihren Erzähler ganz neutral berichten und lässt keine Voreingenommenheit zu, was mir gut gefällt.
Was ich an diesem klugen komplexen Roman besonders schätze: er schaut direkt in die Köpfe seiner Figuren. Mädler lässt sie nachdenken, reflektieren und hinterfragen. Sie belichtet Politik und Ökonomie, was ich besonders spannend fand. Sie hat ein Händchen für Stimmungen und atmosphärische Veränderungen. Sie zeigt deutlicher als andere Autoren Ausschnitte aus dem Alltag und vorrangig aus der Arbeit der Menschen. Welche Möglichkeiten und Chancen gab es? Welche Wahl hatte man, welche Entscheidungen konnte man frei treffen? Wie fand man Nischen, um einigermaßen selbst bestimmt leben zu können? Was war mit dem Privaten? Wie liebte man? Was war mit Beziehungen, mit Ehe und Kinderkriegen? Wie trennte man Arbeit und Privates? Wann merkte man, dass das Land in die Schieflage geriet? Wie entstand Widerstand?
Ich bin ziemlich begeistert von diesem Roman und denke ich muss noch mehr von der Autorin lesen. Ich empfehle die Lektüre ausdrücklich. Ein Jahreshighlight! Ein Leuchten!
Kerstin D, Rezensent*in
Die Geschichte setzt im Sommer 1960 ein, in Ost-Berlin träumen die Studienfreunde Georg, Roland und Marlies davon, die starre Planwirtschaft der DDR zu reformieren. Doch als der Staat nach einer ideologischen Kehrtwende mit Denkverboten reagiert, flieht Roland in den Westen. Für seine Freundin Marlies bedeutet dies das Ende ihrer akademischen Laufbahn, Georg wird an der Arbeit kaltgestellt.
Bald zieht Georg sich ins Private zurück, für seine kleine Familie zimmert er eine Datsche an einem Badesee nahe Wandlitz. Als seine Ehe in eine Krise gerät, begegnet er am See der Malerin Mona, die mit einer Gruppe Freigeister in einem abbruchreifen Haus lebt ...
»Auf einem der Fotos stehen sie alle zusammen vorm Haus, mit Blick zum Feld, die Männer tragen lange Haare und Bärte und Mona eine Kornblume im Haar. Die Kinder sind barfuß. Wie eine Kommune sehen sie aus.«
Eine berührende und packende Zeitenchronik, die sich um die Kunst des Überlebens und Weitermachens dreht. Peggy Mädler bleibt nah an ihren Figuren, unaufgeregt und präzise erzählt sie von Sehnsüchten und geplatzten Träumen, von Umwegen und Brüchen in den Lebensläufen. Die Kybernetik dient dabei auch als Metapher für die Anpassungsfähigkeit der Menschen, die nach seelischem Gleichgewicht und wirtschaftlicher Stabilität streben.
Ähnlich lakonisch wie Annett Gröschners »Schwebende Lasten« - und für mich ein ebensolches Highlight.
Was ist Selbstregulierung? Das Lexikon erläutert diesen Begriff aus der Kybernetik: man versteht darunter die Fähigkeit von Systemen, auf äußere Einflüsse zu reagieren und dabei Störungen so zu kompensieren, dass das System immer stabil bleibt.
Diesen Begriff wendet Peggy Mädler auf das Staatssystem der DDR und zugleich auf das Miteinander der Menschen in diesem Staat an. Eine originelle Idee, mit der dem Leser ein neuer, sehr fein ziselierter Blick auf die ehemalige DDR gelingt!
Der Leser begleitet einige Figuren über viele Jahre hinweg, beginnend in den 60er Jahren und endend in der jüngsten Vergangenheit: die Künstlerin Mona, die Puppenspielerin Elke, die Grafiker Konrad und Arno und ihre jeweiligen Partner. Im Zentrum steht Konrad, der Ökonom und Computer-Fachmann. Er ist beseelt von dem Gedanken, die Arbeit der Menschen mit den Mitteln der Computerisierung zu erleichtern. Seine Zukunftsgläubigkeit erfährt jedoch einen Dämpfer, als er erkennt, dass es weniger um das Schaffen von Freiräumen für den Menschen geht als darum, die Arbeitskraft der Bürger zu steigern - und darum, sie effizienter bespitzeln zu können. Seine Hoffnung auf Fortschritt, auf Optimierung der wirtschaftlichen Abläufe und ein Ende der Mangelwirtschaft zerschlägt sich auch sehr schnell. Er muss damit klarkommen, dass Selbstregulierung in einer sozialistischen Planwirtschaft keinen Platz hat. Er arrangiert sich.
Auch die anderen Figuren arrangieren sich in den Grenzen, die ihnen das System setzt. Sie gehen Beziehungen ein und trennen sich wieder. Auch die Beziehungen zu den Kindern sind fragil und zerbrechen leicht. So wie Menschen die Maschinen kontrollieren, so kontrollieren die Menschen ihre Gefühle, und so gibt es hier keine Liebesdramen oder hochkochende Leidenschaften. Immer geht es sowohl im Politischen als auch im Privaten um die Themen Anpassung oder Widerstand, um Kontrolle bzw. Bedrohung oder Freiheit, um Selbstregulierung oder Diktat von oben.
Sehr gut gefallen hat mir, wie Mädler z. B. die Befindlichkeiten ihrer Figuren nach der Wende beschreibt wie etwa den Zwang zur beruflichen Neu-Orientierung, bei der der Westen – wie sonst auch - seine Maßstäbe dem Osten überstülpte. Auch hier vermeidet die Autorin jede Anklage oder Kritik. Sie bleibt konsequent bei der Innenperspektive und rückt dadurch, trotz ihrer kühl-distanzierten Erzählweise, die Figuren nahe an den Leser heran.
Ein neuer, ungewohnter und hilfreicher Blick auf die DDR für jeden Betroffenen und Interessierten!
4,5/5*