Bitte melden Sie sich an, um Ihr wertvolles Feedback zu geben.
Jetzt anmelden oder registrieren.
Selbstregulierung des Herzens
Roman
von Peggy Mädler
Sie müssen sich anmelden, um zu sehen, ob dieser Titel für Anfragen zur Verfügung steht. Jetzt anmelden oder registrieren
NetGalley-Bücher direkt an an Kindle oder die Kindle-App senden.
1
Um auf Ihrem Kindle oder in der Kindle-App zu lesen fügen Sie kindle@netgalley.com als bestätigte E-Mail-Adresse in Ihrem Amazon-Account hinzu. Klicken Sie hier für eine ausführliche Erklärung.
2
Geben Sie außerdem hier Ihre Kindle-E-Mail-Adresse ein. Sie finden diese in Ihrem Amazon-Account.
Erscheinungstermin 12.02.2026 | Archivierungsdatum 31.08.2026
Sprechen Sie über dieses Buch? Dann nutzen Sie dabei #SelbstregulierungdesHerzens #NetGalleyDE! Weitere Hashtag-Tipps
Zum Inhalt
Über Liebe und Freundschaft in einer Welt, die Vertrauen nicht kennt
Ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Ein bestechendes Porträt von der Kraft und Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen, dem Enthusiasmus des Neuanfangs und dem Verlust von Illusionen.
»Selbstregulierung des Herzens« entfaltet ein vielfältiges Panorama des Lebens in der DDR und im frisch wieder vereinigten Deutschland. Im Zentrum stehen Georg, der anfangs noch hofft, seinen Staat mithilfe von ersten Computern und Kybernetik vorwärtszubringen, und die Künstlerin Mona.
Um sie herum entwickelt sich ein reiches Ensemble an Figuren: der illusionslose Intellektuelle Roland, der in den Westen flieht; Marlies, die versucht, das System von innen zu reformieren, sowie die Künstlerfreunde Monas. Alle treffen sich in einem Dorf in der Nähe von Wandlitz, wo bald seltsame geheime Bautätigkeiten beginnen.
Mit stiller Wucht schreibt Peggy Mädler über das Flirren zwischen Halt und Auflösung – über Nähe und Entfremdung, Anpassung und Resilienz.
Über Liebe und Freundschaft in einer Welt, die Vertrauen nicht kennt
Ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Ein bestechendes Porträt...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783869713359 |
| PREIS | 23,00 € (EUR) |
| SEITEN | 304 |
Links
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Jacqueline M, Buchhändler*in
Ein kleiner Ort Nähe Wandlitz, kurz nach der Wende. Peggy Mädler wählt viele spannende und auch DDR-typische Charaktere für ihren Roman. Da sind Mona und Konrad - ein alternativ lebendes Künstlerpaar, da ist Georg mit seinem frühen Interesse für die Entwicklung von Computerprogrammen (wir erinnern uns an das Programmieren mit Lochkarte) und viele andere ... In Rückblicken werden ihre Leben erzählt mit allen positiven und auch negativen Erfahrungen. Das Buchcover zeigt ganz wundervoll diesen Wandel der 90er Jahre - wie hier neuer Plastikstuhl und altes rostiges DDR-Design im sonnigen Garten beieinander stehen ... und wir Lesenden sind mittendrin!
Peggy Mädler spricht in ihrem DANK am Ende des Romans von den vielen Menschen, die sie zum Alltag in der DDR befragt hat. Und man spürt das. Insgesamt waren mir diese Textstellen über Berufe in der ehemaligen DDR, über Planwirtschaft und Sollerfüllung einfach zu lang. Für mein Gefühl geht das zu Lasten der Figuren. Beim Lesen dieser insgesamt großartigen Geschichte hätte ich mir weniger sozialistisches Vokabular und mehr über die Innenperspektiven der Figuren gewünscht.
Der alte Fritzsch war eine Art Vorhut gewesen. Als geprüfter Zimmermeister, der im Bauamt arbeitet, verfügte er über handwerkliches Talent und die nötigen Beziehungen zu Informationen und Bückware, um in den 1960ern in einer abgelegenen Gegen nördlich von Berlin ein Wochenendhäuschen zu bauen. Zu einer Zeit, als die DDR hauptsächlich kopfsteinpflastergrau bis uniformgrau wirkte und Baumaterial im Schwarzhandel beschafft werden musste, verbaute er massive Holztüren aus Abrisshäusern als Wände seiner Datscha. Auf Fritzschs Umzug aufs Land folgte in der Nähe ein Bauprojekt für 21 Lauben auf Pachtland (an wen solche Sahneschnittchen staatlich gelenkt vergeben wurden, wird man sich denken). Für ein weiteres Projekt werden ein paar junge Leute ihre Sparbücher leeren, um gemeinsam ein renovierungsbedürftiges Haus zu kaufen. Sie erhoffen für sich und ihre Familien mehr Platz als in einer Etagenwohnung und vermutlich ein alternatives, freieres Leben, das sich um die Nachbarin und Künstlerin Mona herum entwickelt.
Der Roman folgt in Zehnjahresschritten bis in die unmittelbare Gegenwart – beruflich und privat – u. a. Mona, dem Kybernetiker Georg, dem Grafiker und Fotografen Konrad, dem Plakatmaler Arno, der Puppenspielerin Elke, dem gelernten Schriftsetzer Konrad und der Kinderkrankenschwester Annelie. Sie sind noch während des Zweiten Weltkriegs geboren und mit den Kriegserzählungen ihrer Eltern aufgewachsen. In den ersten Jahren der DDR sind sie sich weder der Gewalt der Sprache, die noch in den Köpfen herrscht (wie Mona feststellt), noch der Gehirnwäsche durch sprachliche Euphemismen bewusst. Angesichts von Wohnungsmangel und Versorgungsmängeln jener Zeit wundert der Rückzug sehr junger Paare ins Private nicht. Man heiratet, um eine Wohnung zugewiesen zu bekommen und bekommt Kinder, um das Einrichtungsdarlehen abzukindern.
Der Focus liegt zunächst auf Georg, der als Kybernetiker zur Zeit der Lochkartensysteme mit Rechenleistung alle Probleme anpacken will, die die wirtschaftliche Entwicklung der Republik blockieren: Logistik und Materialflüsse in der Produktion, sowie Entwicklung von Artikeln, die die Menschen kaufen würden, wenn sie denn in die Geschäfte gelangen und nicht schon vorher fortgeschafft würden, um dafür einzutauschen, was man braucht. Was niemand auszusprechen wagt: Würde die Produktion von Konsumgütern optimiert, könnte die Flucht von Fachkräften in den Westen verlangsamt werden. Georg wird allerdings offiziell mitgeteilt, dass es in einer sozialistischen Planwirtschaft keine selbstlernenden Systeme geben kann, wie er sie entwickeln will. Die Versorgung mit Konsumgütern könne nur ein Zentralkomitee planen.
Während sich bei mir als Leserin das ungute Gefühl aufbaut, dass es sich hier gerade ein Staat mit seinen zuverlässigsten Arbeitskräften verdirbt (die vor ihrem aktuellen Beruf in der Produktion gearbeitet/Militärdienst geleistet haben) werden im unzugänglichen Wald hinter den Häusern ein Militärgelände samt Bunker und ein internationales Ferienlager für Studenten aus dem Ausland angelegt. Die Herausforderung für das alternative Wohnprojekt wird daher nicht im Gruppenprozess liegen, sondern in der zukünftigen Bespitzelung durch staatliche Stellen.
Peggy Mädler zeigt mit den fein ausgearbeiteten Lebensläufen und Partnerschaften ihrer Figuren präzise, wie stark Berufe prägen. In dieser Ausführlichkeit würde ich über Menschen im Beruf gern auch von anderen Autoren lesen. Wie jeder Ansatz, Synergien zwischen verschiedenen Berufsfeldern oder Gesellschaftsschichten für das „Gemeinwohl“ zu nutzen, durch staatliche Bespitzelung und Bedrohung unterlaufen wird, zeigt die Autorin mit einer Fülle von Alltagsdetails, die sie bei Zeitzeugen recherchiert hat.
Fazit
Aus eigenem Erleben von DDR-Datschen finde ich „Selbstregulierung des Herzens“ exzellent recherchiert und empfehle es wegen des Einblicks in die Berufswelt vor und nach der Wende.
Rezensent*in 1177114
Interessante Einblicke
Peggy Mädler gibt uns sehr interessante Einblicke in die Zeiten und das Leben im Osten vor der Wende während dessen und danach. Sie beschreibt wie ein System sein Volk belügt und betrügt um nicht schwach zu wirken oder gar nicht zu funktionieren. Wie man durch Systemtreue Vorteilebekommen konnte aber auch wie schnell man sie durch eine falsche Aussage oder der falschen Person als Freund oder Kollegen verlieren konnte.
Für mich persönlich hat dieses Buch Erinnerungen an eine Zeit zurückgebracht als ich ein Kind war und meine Mutter Pakete für Freunde im Osten gepackt hat und hoffte das wenigstens die hälfte auch bei Ihnen ankommt. Für mich heute nicht mehr nachvollziehbar wie so etwas bzw. ich kann es mir kaum vorstellen das es noch nicht vor all zu langer Zeit so war. Die Zweifel die Unsicherheit alles was manche Menschen in dieser Zeit umgetrieben hat und eventuell auch heute noch beschäftigt. Sehr spannend und auch einfühlsam erzählt. Ein wirklich sehr interessant geschriebenes Buch über das Leben unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Schichten in einer Welt die man sich heute kaum mehr vorstellen kann.
Für mich ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Die Geschichte hat mich auf eine stille, aber nachhaltige Weise getroffen. Es ist einer dieser Romane, die nicht laut werden müssen, um tief zu wirken. Peggy Mädler schreibt über Menschen, die versuchen, Nähe zu finden in einer Welt, die ihnen ständig misstraut und genau das hat mich berührt. Georg, der an die Möglichkeiten der Kybernetik glaubt, wirkt wie jemand, der sich verzweifelt an die Idee klammert, dass Systeme reparierbar sind, wenn man nur klug genug denkt. Mona dagegen lebt im Offenen, im Künstlerischen, im Fragilen. Zwischen den beiden entsteht ein Raum, der zugleich Schutz und Gefahr ist. Besonders eindrücklich fand ich, wie der Roman die DDR nicht als Kulisse, sondern als atmende Realität zeigt eine, die in die Körper und Beziehungen der Figuren eingreift. Roland, der illusionslose Intellektuelle, Marlies, die Reformerin wider Willen, die Künstlerfreundinnen: Sie alle tragen ihre eigenen Brüche, ihre eigenen Hoffnungen. Der Roman zeigt, wie schwer es ist, einander zu vertrauen, wenn man gelernt hat, sich selbst zu überwachen. Für mich ein leises, kluges Buch über Bindungen, die halten wollen, obwohl alles dagegenspricht. Es bleibt lange nach dem Lesen spürbar.
Berührend, klug und unglaublich feinsinnig!
Ich habe das Buch gerade beiseitegelegt und muss erst einmal tief durchatmen. „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler hat mich auf eine Weise berührt, wie es nur selten ein Roman schafft. Es ist kein lautes Buch, aber eines, das mit einer unglaublichen „stillen Wucht“ (wie es der Klappentext treffend beschreibt) nachhallt.
Erzählt wird die Geschichte von Georg und Mona, eingebettet in die späte DDR und der Wiedervereinigung bzw. der Umbruchzeit. Georg ist ein leidenschaftlicher Programmierer, der fest an die Steuerbarkeit der Welt durch Computer glaubt. Er versucht, diese bzw. sein Leben durch Logik und Optimierung zu ordnen. Mona, Georgs Partnerin, ist eine freigeistige Künstlerin und sucht nach individueller Freiheit. Sie bildet den emotionalen Gegenpol zu seinem rationalen Weltbild, in dem Georg erkennen mus, dass das Leben und die Liebe sich oft gar nicht so einfach „programmieren“ lassen.
Der Schreibstil und die Wortwahl ist unaufgeregt, aber „fein gearbeitet“. Die Autorin braucht keine kalligen Effekte, um die Zerbrechlichkeit von Freundschaft und Loyalität spürbar zu machen. Sie schafft es auch so, die spröde Welt der frühen Informatik mit der tiefen Emotionalität menschlicher Beziehungen zu verweben. Besonders das Bild der „Selbstregulierung“ (die Bedeutung musste ich erstmal nachlesen) – sowohl im technischen als auch im emotionalen Sinne – zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Denn obwohl der Roman in der Vergangenheit spielt, fühlte ich mich ständig an unsere heutige Zeit erinnert. Die Frage „Wie verändern Maschinen unser Leben und unsere Gefühle?“ ist aktueller denn je.
Fazit:
Ein toller Roman über die Unberechenbarkeit der Gefühle und die Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen. Er zeigt, dass sich das Herz eben nicht wie ein Computerprogramm „regulieren“ lässt, egal wie sehr man es versucht. Wer kluge Geschichten über deutsche Geschichte und das menschliche Miteinander interessieren, wird dieses Buch mögen.
d1g1talHUMAN S, Journalist*in
Ein wunderbares Kleinod, bei dem man sich in die eigene Vergangenheit zurückversetzt fühlt. Lesenswert für alle, die den Osten mit seiner Geschichte besser kennenlernen wollen und für alle, die eine eigene Geschichte damit haben. Sehr empfehlenswert.
Lehrende*r 491806
„Im Nachhinein stellt sich mancher Mangel als Glück heraus.“
Ich freue mich immer, wenn DDR-Romane aus kundiger und vor allem nicht jammer-ostalgischer Feder auf den Markt kommen, und war daher sehr gespannt auf das neue Werk von Peggy Mädler.
Mit dem Stil des Romans hatte ich anfangs Mühe und musste mich erst einlesen. Vielen Passagen, in denen eher über das Agieren und Denken der Figuren berichtet wird oder sich ihre Gedankenströme ausbreiten, stehen vergleichsweise wenige direkt gezeigte Szenen und Dialoge gegenüber - dabei alles so konsequent in DDR-Sprech gehalten, dass ich beim Lesen oft zusammengezuckt bin. Und Mädler hat natürlich Recht damit, es genau so zu handhaben.
Sie hat für ihren Roman offenbar sehr gründlich recherchiert - er bietet zu den Themen Wirtschaft und Datenverarbeitung beeindruckend viele Informationen: von den Produktionsverfahren in der DDR über die Philosophien und Konzepte dahinter - mehr, als ich je in Stabü und ESP gelernt habe - bis hin zu von den Figuren natürlich nur heimlich geäußerter Kritik daran. Auch viele andere Berufsfelder und ihre besonderen Entwicklungen und Stolpersteine im Laufe der Jahrzehnte werden intensiv ausgelotet. Offizielle und inoffizielle Wege, den offiziell nicht vorhandenen Schwierigkeiten einer Planwirtschaft (und faktischen Mangelwirtschaft mit ständigen Material- und Personalengpässen, Fehlkalkulationen usw.) zu begegnen, werden beschrieben: all die Mechanismen von Hamstern und Tricksen, Bückware und Tauschwirtschaft. Die Figuren versuchen, sich in die Verhältnisse einzufädeln, ohne sich dabei allzu sehr verbiegen zu müssen; doch das gelingt nicht immer, Mädler zeigt auch ihre Ambivalenzen und Ängste, führt ihren Leser:innen das teils drohende, teils umgesetzte Degradiertwerden in den Arbeitsverhältnissen vor Augen, wenn man selbst (oder die Verwandtschaft) in diesem Staat nicht als politisch zuverlässig gilt. Und immer wieder seziert die Autorin die Entwicklungen im Verhältnis von Mensch und Maschine in der Produktion und in den Rechenzentren besonders der Achtzigerjahre (wo die Reflexionen natürlich den Bogen zu den aktuellen Entwicklungen rund um das Erstarken von KI schließen). Diese Entwicklungen über mehrere Jahrzehnte und das Lebensgefühl vieler Menschen bei alldem hat Mädler umfassend eingefangen und für die ganzen technischen Details beeindruckend recherchiert.
Für mich blieb beim Lesen jedoch ein "Aber" im Raum stehen: Freiheit ist in Mädlers Roman über weite Strecken sehr stark mit Wirtschaft verknüpft, mit dem Vorhandensein von genug Dingen, die einem das kleine private Glück versprechen: Nahrungs- und Genussmittel, Wohnraum (oder wenigstens Baumaterial dafür), ab und zu ein Beat-Konzert, das Pilzfest mit Freund:innen im Herbst 1986, bei dem die größte Sorge darin besteht, dass der ein oder andere Pilz vielleicht giftig sein könnte (die Gefahren durch Tschernobyl wurden in der DDR drastisch verharmlost), irgendwann nach langer Wartezeit ein Trabant oder gar ein Wartburg... Die Gedanken und Gespräche der Freund:innen drehen sich um Wirtschaftssysteme und die Bedingungen, damit sie gedeihen; andere Dimensionen von Freiheit in den Gedanken und im Tun, den Blick über die eigenen kleinen Tellerränder oder Datschenzäune habe ich lange vermisst. Ich kannte in der DDR viele solche Menschen wie die Figuren in Mädlers Roman, aber eben auch solche, die politischen Mut und Weitblick gezeigt haben, sich für umfassende freiheitlich-demokratische Werte in der Gesellschaft und nicht nur für eine freie Wirtschaft eingesetzt haben. Warum Mädler das zunächst so verengt, obwohl sie es definitiv besser weiß ("Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat"), erschließt sich mir nicht gänzlich. Erst später im Roman, im Zuge der Flucht- und Ausreisewelle Mitte / Ende der Achtzigerjahre, rund um die Montagsdemonstrationen und dann vor allem in den Reflexionen der Figuren hinsichtlich der direkten und späteren Nachwendezeit einschließlich der oft bestürzenden Erkenntnisse aus den Stasiakten geht es stärker auch um andere Werte wie Menschenrechte, Reisefreiheit oder diverse Lebensentwürfe. Die Schilderungen, wie Annelie die Nacht des Mauerfalls und den Tag danach erlebt, dieses Gefühl von Ende und Anfang zugleich, haben mich sehr berührt. Hier wächst der Roman auch - vielleicht aufgrund der eher allgemeinen Formulierungen - über die vorher empfundene Verengung auf das Wirtschaftliche hinaus.
Nach der Wende dann wurde so vieles aufgedeckt; auch das wirkliche Innenleben und Handeln mancher Figuren in Mädlers Roman zeigt sich plötzlich in ganz anderem Licht - es war nicht alles und jede:r so, wie es jahr(zehnt)elang schien. Manches wird von den Figuren reflektiert und eingeordnet, gar verziehen, anderes entzieht sich der Einordnung - hier formuliert Mädler so kluge und einfühlsame Gedanken, dass ich mir zahlreiche Passagen markiert oder abgeschrieben habe.
Ein besonders bitterer Abschnitt für mich, die ich diese Zeiten auch miterlebt habe, war die Schilderung der umfassenden und systematischen Abzocke durch Westdeutsche in den frühen Neunzigern - das oft schlitzohrige Aufkaufen und dann Plattmachen von Betrieben; das Ausnutzen von fehlenden Rechtskenntnissen der Ostdeutschen, aber teils auch der Rechtslage selbst bei Rückforderungen von Land und Immobilien, bei denen Ostdeutsche regelmäßig über den Tisch gezogen wurden; die Entwertung ostdeutscher Berufsbiografien, was zu massiven Einbußen bei Einkommen und Renten führte und immer noch führt; die massive Arbeitslosigkeit und nach der x-ten ABM-Maßnahme auch Perspektivlosigkeit... Aber auch andere Versäumnisse, z.B. im Umgang mit den historischen Brüchen und deren psychischen Auswirkungen auf die Menschen, werden benannt: Das ganze Land hätte Gesprächsrunden gebraucht, aber die Aufarbeitung wurde privatisiert. (Auch meine Rede seit den frühen Neunzigern.)
Da mich aufgrund meines familiären Hintergrunds seit Jahrzehnten verschiedene Fragen rund um Widerstand und Mitläufertum umtreiben, fühle ich mich mit diesem Schwerpunkt auf den wirtschaftlichen Aspekten nicht ganz abgeholt, bewundere aber dennoch die Akribie, mit der Mädler ihren Figuren verschiedene berufliche Hintergründe und Lebenswege verliehen und diese sprachlich mal poetisch, mal eher sperrig, aber stets klug und feinsinnig entfaltet hat. Wenn einer der Protagonisten am Ende seine eigenen Entscheidungen bezüglich Widerstand oder Mitläufertum wenigstens ein bisschen in der Aussage befriedet findet, dass es am Ende immerhin einen Unterschied macht, ob Menschen in einem System einfach zu überleben versuchten oder ob sie Vorteile daraus ziehen wollten, kann ich mit diesem Fazit auch etwas versöhnter auf manche Figuren / Menschen im Roman und in meinem eigenen Leben blicken.
Ich danke dem Verlag herzlich für das Rezensionsexemplar!
Buchhändler*in 715745
Ein Roman über das Leben in der DDR, mit all den Regularien, Einschränkungen und politischer Kontrolle, der mich von Anfang an gefesselt hat. Die verschiedenen Charaktere sind zu Beginn des Romans jung und durchleben ihr Leben auch mit dem jungen Staat und mit dem Wachsen der DDR bis in die heutige Zeit. Anhand der Schicksale von Mona und Konrad, Roland und Marlies und Georg mit Helga und Irene. Sie alle stehen für Menschen, die sich im Land eingerichtet haben, die versucht haben, ihr Leben unter den Bedingungen dieses totalitären Staates zu leben. Roland verlässt die DDR, als Republikflüchtiger. Er sagt: wie soll ich wissenschaftlich arbeiten, wenn ich den Kurs wechselnder Politik verpflichtet bin? Er lässt Marlies zurück, deren Karriere an der Universität damit vorbei ist. Sie geht als Akademikerin erst einmal in die Produktion und dann wieder ins Büro, in die schwierige Abteilung Materialwirtschaft. Hier werden die schwierigen Bedingungen der Planer,füllung und das fehlenden Materials in den Betrieben beleuchtet.
Da sind auch Mona und Konrad, die für die Künstler der DDR stehen. Gerade Mona versucht sehr viel, bekommt später ABM Stellen und muss sich durchschlagen. Konrad ist als Werbegrafiker in der DDR sogar als selbstständige tätig.Da ist Georg, der als Programmierer in der Datenverarbeitung verschiedene Projekte bearbeitet. Er ist voll in seinem Beruf eingebunden und glaubt anfangs auch noch an ein aufstrebende DDR. Der Roman spielt hauptsächlich in Berlin und in einer Bungalowsiedlung, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Wandlitz. Hier entstehen Verbindungen, Mona lebt auch in einer künstlerischenWohngemeinschaft dort in dem Haus. Seltsame Bautätigkeiten in Wandlitz werden beobachtet. Mit der Zeit wird man vorsichtiger, da die Stasi auch präsent sein könnte. Ich habe selbst in der DDR gelebt und habe sehr viele Strukturprobleme, Versorgungsengpässe hier wiedergefunden. Sehr gut wurde dargestellt, wie die Menschen sich einrichten oder arrangieren mussten, um ein Privatleben hinzubekommen. Das Buch war von Anfang an spannend. Mich hat interessiert wie die einzelnen Menschen und Familien mit den Bedingungen gelebt haben, wie sie damit zurecht kommen mussten. So viele Details wurden angesprochen, die auch für mich jetzt schon etwas in Vergessenheit geraten waren. Kurz nach der Wende gab es viele Ängste, sehr viele Betriebe wurden abgewickelt, Menschen wurden arbeitslos und hatten keine Perspektive mehr. Es gab Eigentumsansprüche von Westdeutschen Bürgern gegenüber den Menschen, die Häuser und Grundstücke in der Zeit der DDR genutzt haben. Auf einmal war für einige ostdeutsche Bürger das Haus nicht mehr, ihr eigenes.Es ist ein Buch, das unbedingt lesenswert ist für Ostbürger aber auch gerade für westdeutsche Bürger, um die Zeit noch einmal zu reflektieren und einiges besser zu verstehen .