Frieda
Die Suche nach meiner vergessenen Urgroßtante
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Erscheinungstermin 29.07.2026 | Archivierungsdatum 27.09.2026
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Zum Inhalt
»Wer war Frieda? Sie hat verdient, dass wir uns an sie erinnern.«
Mit Anfang dreißig erfährt Geraldine Oetken, dass sie eine Urgroßtante hatte: Frieda, von der nie jemand erzählt hat. Von der niemand mehr weiß, als dass sie 1941 in einer Anstalt für Menschen mit Behinderungen gestorben ist. Aber wer war Frieda? Wie sah ihr Alltag aus, und wer hat sie ins Heim gesteckt? Wie endete ihr Leben? Und was hat das mit uns zu tun?
Geraldine Oetken wehrt sich gegen das Vergessen, das sich durch Familien und Generationen zieht, und macht sich daran, Frieda ihre Geschichte zurückzugeben. Sie liest Krankenakten, recherchiert zum Umgang mit psychischen Erkrankungen im Nationalsozialismus, zu dezentraler »Euthanasie« und Hungermorden. Ihre Spurensuche führt sie in Archive und auf Friedhöfe, ins Oldenburg der Nazis und das ihrer Jugend – und in die Untiefen der eigenen Familiengeschichte.
Feinfühlig und akribisch erzählt »Frieda« die Geschichte einer Suche nach Menschlichkeit in einem unmenschlichen System.
»Wer war Frieda? Sie hat verdient, dass wir uns an sie erinnern.«
Mit Anfang dreißig erfährt Geraldine Oetken, dass sie eine Urgroßtante hatte: Frieda, von der nie jemand erzählt hat. Von der niemand...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783103977547 |
| PREIS | 24,00 € (EUR) |
| SEITEN | 336 |
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Leona B, Buchhändler*in
Ist es möglich, das Leben einer Urgrosstante nachzuvollziehen und ihr so noch ein kleines Denkmal zu setzten?
Geraldine Oetken macht sich auf die Suche und entdeckt mit viel Geduld und einer Hartnäckigkeit, die seinesgleichen sucht, kleine Puzzleteilchen. Immer mehr findet sie über die Frieda heraus. Aber nicht nur der Urgrosstante ist sie auf der Spur, sondern auch der Sonderbehandlung von geistig eingeschränkten Personen (und dazu zählt auch Epilepsie oder Depressionen) im Nationalsozialismus. Und schliesslich ist sie auch so mutig die Frage zu stellen: Und wie haben sich die Urgrosseltern und Grosseltern im Nationalsozialismus und der Zeit danach verhalten?
Die Sprache des Buches ist sehr eindringlich und literarisch gekonnt Die direkten einseitigen Gespräche mit Frieda erwecken diese zum Leben. Ein lesenswerter Roman
Inge H, Rezensent*in
Archive
Gerald Oetkens Suche nach ihrer Uhrgroßtante „Frieda! Hat mich interessiert.
Aber über so viele Jahre, wenn es niemanden mehr gibt, der sie gekannt hat ist schwierig.
Da ich selbst vor Jahren meine Vorfahren in Oldenburg gesucht habe, hatte mich diese Geschichte interessiert. Von den Heimen, in denen die Nazis viele Personen sterben lassen haben, wusste ich schon Bescheid.
Es ist aber vielleicht auch wichtig, das die jüngere Generation davon erfährt.
Geraldine Oetken ist erstaunt. Welcher Name ist das, der mit auf dem Grabstein ihres Großvaters steht? Warum hat sie von dieser Person vorher noch nie etwas gehört und warum wurde innerhalb der Familie nie über sie gesprochen? Sie erfährt, dass es sich um ihre Urgroßtante #Frieda handelt, die im Kloster Blankenburg untergebracht war und dort auch verstarb. Sie will nicht akzeptieren, dass Friedas Geschick verheimlicht wurde und begibt sich auf Spurensuche.
Frau Oetken schreibt über viele Stunden der Recherche. Über Erfolge und Misserfolge. Gut, dass es mittlerweile Zugang zu Unterlagen gibt, die bis vor wenigen Jahren noch verschlossen waren. Einige Fragen wurden beantwortet, wiederum andere werden es wohl nie. Neben der Suche nach Unterlagen über Frieda schreibt Frau Oetken, wie Menschen mit Behinderungen von den Nationalsozialisten behandelt wurden. Das reichte von Versuchen mit neuen Medikamenten, über Tod durch Spritzen oder durch Verhungern.
Mittlerweile ist allgemein bekannt, dass die Ausrede, nichts von den Machenschaften der Nationalsozialisten gewusst zu haben, nicht stimmt. Das gilt auch für die Unterbringung Behinderter in Heimen und Anstalten. Einzig der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen traute sich, den Mund aufzumachen. Danach war für kurze Zeit die „Vernichtung unwerten Lebens“ eingestellt. Hätten alle Wissenden so gehandelt, wie viel Leid wäre den Betroffenen wohl erspart geblieben?
Das Thema ist nicht einfach und für Angehörige, die mit der Thematik befasst sind, gibt es etliche Punkte, die verstören können. Um so wichtiger ist es, dass solche Bücher von vielen Menschen gelesen werden. Wir alle müssen darauf achten, dass Parteien in deren Programmen von „unwertem Leben“ die Rede ist, niemals Regierungsverantwortung übernehmen dürfen. Nicht einfach zu lesen aber durchaus zu empfehlen. #NetGalleyDE
Geraldine Oetken erzählt eine feinfühlige und akribische Geschichte. Ich habe selten eine Spurensuche gelesen, die so behutsam und zugleich so unerschrocken an das Vergessen herangeht. Geraldine erfährt mit Anfang dreissig, dass sie eine Urgrosstante hatte, Frida. Von ihr hat nie jemand etwas gesagt. Man weiss nur, dass diese 1941 in einer Anstalt für Menschen mit Behinderungen gestorben ist. Sie beginnt Krankenakten zu lesen, recherchiert zum Umgang mit psychischen Erkrankungen im Nationalsozialismus, zu dezentraler »Euthanasie« und Hungermorden. Aus dem schlichten Fakt, dass eine Urgrosstante in einer Anstalt gestorben ist, webt Oetken ein dichtes, persönliches und historisch fundiertes Porträt. Sie macht sichtbar, was Akten verschweigen, und gibt einer namenlosen Frau wieder eine Stimme. Besonders eindrücklich ist, wie Geraldine Oetken Archivarbeit, Familienerinnerung und eigene Biografie miteinander verknüpft, ohne Sensationslust, aber mit klarem moralischem Blick. Die Kapitel über die Praxis der dezentralen »Euthanasie« und die systematische Entmenschlichung sind schwer zu lesen, weil sie so konkret und dokumentiert sind, gerade deshalb sind sie notwendig. Dieses Buch ist mehr als eine Familiengeschichte: Es ist ein Appell gegen das Wegsehen, eine Mahnung, wie sich Gewalt in Bürokratie und Schweigen einnistet. Mich hat dieses Buch lang noch beschäftigt.
Spurensuche
Geraldine Oetkens Urgroßtante Frieda ist 1941 in einer Anstalt für Menschen mit Behinderungen gestorben. Viel mehr weiß man nicht über sie. Die Autorin will es herausfinden, ihre Verwandte aus dem Vergessen befreien. Wie packt sie das an? Was kann sie überhaupt noch finden?
Sie lässt den Leser an ihren Gedanken und ihren Vorstellungen teilhaben. Wie könnte es gewesen sein, wie haben ihre Urgroßeltern die NS- Zeit erlebt? Antworten kann oder wollen ihre Verwandten kaum geben. Das verurteilt sie heftig. Auch scheint sie ständig genervt. Sie intensiviert ihre Spurensuche. Recherchelücken füllt sie mit eigenen emotionalen Vermutungen und Spekulationen. Zu Frieda gibt es nur wenige, meist bürokratische Hinweise. Geraldine Oetken weitet ihre Untersuchungen aus, befasst sich mit Orten, die mit weggesperrten Menschen in Zusammenhang stehen.
Auch mit dem NS- Gesundheitssystem. Hungerkostenerlass, strukturelle Vernachlässigung, Bestrafungen und abwertende Beurteilungen sind an der Tagesordnung. Fakten werden benannt. Frau Oetken recherchiert gründlich. Aus den aus vielen Unterlagen bekannten Anmerkungen kommt sie zu Vorstellungen, wie Frieda und andere Insassen der Anstalten gelebt, nein, vegetiert haben.
Nicht ausgedacht ist: ihr Leben jetzt, die Verwurzelung in der eigenen Familie, in der es viele Spuren am Mittun der Vorfahren gibt.
Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Geschichte.
Rezensent*in 780093
Auf Spurensuche in Zeiten des Nationalsozialismus
FRIEDA ist ein Buch, das Zeit braucht. Frieda hat wirklich gelebt, ihre Eckdaten sind bekannt: Frieda Helms, geboren 22.12.1881, gestorben 05.02.1941 im Kloster Blankenburg.
Geraldine Oetken erfährt eher zufällig bei einer Beerdigung, dass sie eine Urgroßtante hatte, die 1941 in einer Anstalt für Menschen mit Behinderung gestorben ist. Wer war Frieda? Geraldine Oetken will es genau wissen, sie forscht nach, drei Jahre lang. Da Frieda während der Zeit der Nationalsozialisten ums Leben kam, noch dazu in so einer Anstalt, liegt der Schluss nahe, dass ihr Ableben nichts mit einem natürlichen Tod zu tun hatte.
Zunächst sind es Verwandte, die sie aufsucht, auch Historiker. Sie sucht in Kirchenarchiven, auf Friedhöfen und Dachböden, hat unzählige Bücher und Akten in Händen, liest immer wieder von Minderjährigen und Erwachsenen mit angeblich unheilbaren Krankheiten, die sich erschreckend ähnlich waren. Euthanasie war in der NS-Zeit an der Tagesordnung, da wurde „unwertes Leben“ knallhart aussortiert, wir alle wissen davon.
„Die Suche nach Menschlichkeit in einem unmenschlichen System“ ist nicht immer einfach zu lesen, des Öfteren musste ich das Buch beiseite legen, es wühlt auch heute noch zu sehr auf. Die Familien dahinter, denen das Kind, die Mutter, die Tante weggeholt wurden, hatten meist nicht die Gelegenheit oder das Geld für eine Anreise – sie haben ihre Angehörigen nie mehr gesehen, der Totenschein dann war eher ein vorgefertigter Wisch. Oetken geht aber noch weiter, sie befasst sich akribisch mit den Daten, sie gibt Einblick in Statistiken und Tabellen, hat viele Zahlen parat, was mir zuweilen dann doch etwas zu viel war.
Die Autorin wirft auch einen kritischen Blick auf das Heute, auf die immer stärker werdende rechtsextremistische Bewegung, die von skrupellosen Politikern mit ihrer verlogenen Propaganda gefüttert wird. Sie kennen ihr Klientel sehr genau, werfen maßgeschneiderte Lügen unters Volk, ihre Zielgruppe ist sehr empfänglich dafür.
Ist eine Spurensuche nach so langer Zeit, mit so wenigen Infos, überhaupt noch möglich? Geraldine Oetken hat viel recherchiert, sie hat sich mit den Gräueltaten des NS-Regimes auseinandergesetzt, hat viele Infos zusammengetragen und diese in ihr Buch mit einfließen lassen. Ein Buch, das nachdenklich stimmt.
Als Geraldine Oetken zur Beerdigung ihres Großvaters und Seniorchefs des Familienunternehmens nach Oldenburg reist, wird ihr bewusst, dass ihre Urgroßtante Frieda Helms bisher kein Grab und keine Inschrift auf dem Familien-Grabstein hatte. Frieda war 1939 ins Gertruden-Heim für Behinderte eingewiesen worden; es hieß sie litte seit früher Kindheit an Epilepsie. Geraldine Oetkens Suche nach Friedas Grab und ihrer Patientenakte im Heim des Klosters Blankenburg wird wie der Weg von Pontius zu Pilatus mit jeder Antwort neue Fragen aufwerfen, die weitere Recherchen erfordern. Mit einfachen Fragen nähert Oetken sich dem komplexen Problem: Wer bezahlte für Frieda, wer besuchte sie im Heim, wer war ihr Vormund, warum wurde eine große Anzahl Heimbewohner nach Süddeutschland verlegt, wer beerdigte Frieda – und wo ist ihr Grab?
In dieser Familie wurde offenbar weder über Frieda noch über das Geschäft gesprochen, mit dem man den Lebensunterhalt verdiente. Kam die Sprache auf die Zeit des Nationalsozialismus, hieß es über das Bauunternehmen des Großvaters stets automatisch, seine Firma wäre doch so gut wie pleite gewesen. Wie die Firmengeschichte abgeschnitten und verkürzt weitergegeben werden konnte, ist aus heutiger Sicht schwer nachvollzeihbar. Die Bauten und Projekte des Großvaters müssen im Stadtbild zu sehen gewesen sein. Ich fragte mich, wie eigentlich Kinder von Unternehmern ihr „Handwerk“ lernen sollen, wenn angeblich nicht über Geschäftliches gesprochen wird und über was Oetkens Großvater überhaupt mit seinen Enkeln sprach. Auch mein Großvater war in der Zeit Bauunternehmer und für mich ist es schwer vorstellbar, dass eine Familie nicht gemeinsam Fotos betrachtet von „unseren Arbeitern“ und „unseren Baustellen“.
Man entledigte sich der unbequemen Firmenunterlagen ebenso wie der behinderten Tante, die von Deportation bedroht war. Neben der Recherche nach Friedas Schicksal gräbt Geraldine Oetken auch den Grund dafür aus, warum sich in Deutschland bis weit in die Nachkriegszeit eine tiefsitzende Abwehr gegen Therapeuten und Psychiatrien halten konnte. Geraldine Oetkens detektivische Recherche konfrontiert sie u. a. mit den privaten und geschäftlichen Fäden die die Bürger ihrer Heimatstadt miteinander verknüpfen und das Schweigen über die Vernichtung Behinderter im Nationalsozialismus unmöglich gemacht haben sollten. Auch andere Familien hatten Angehörige im Gertrudenheim …
Geraldine Oetkens Spurensuche nach ihrer verschollenen Urgroßtante bringt nur drei Fotos von Frieda Helms zutage. Auf einem konzentriert sich das gesamte Drama: Die Herkunft dieses Fotos ist offenbar ungeklärt und Frieda wirkt darauf klein, scheu und übersehen. Niemand fühlte dafür zuständig, ihr vor dem Auslösen schnell noch den Kragen zurechtzurücken, damit sie ein einziges Mal ebenso wichtig genommen wurde wie ihre Verwandten.
Fazit
Geraldine Oetken nähert sich der Person ihrer Urgroßtante aus diversen Perspektiven. Sie fragt sich, wer vom Nationalsozialismus profitierte, welche Rollen Männer und Frauen dabei spielten und was historische Geschäftskorrespondenz sprachlich über eine Epoche preisgibt. Nicht zuletzt versetzt sie sich immer wieder in Frieda und wie sie ihre Welt erlebt haben muss. Ein berührendes Buch, das aufblättert, wie Familien-Erinnerungen komplett abgeschnitten und verleugnet werden können.
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