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Schule der Elefanten
Auf der Suche nach den Fußspuren des Kolonialismus
mit Brigitte Hilzensauer (Übersetzer*in)
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Erscheinungstermin 18.08.2026 | Archivierungsdatum 14.09.2026
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Zum Inhalt
»Was für eine unerschrockene Reise!« Paul Theroux – Sophy Roberts’ neues Buch über die Ausuferungen des Kolonialismus, mit Elefanten den afrikanischen Kontinent zu plündern 1879 startete König...
Eine Anmerkung des Verlags
Bitte veröffentlichen Sie außerhalb dieser Plattform keine Rezensionen vor dem ET (18.08.2026).
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783552076440 |
| PREIS | 32,00 € (EUR) |
| SEITEN | 448 |
Auf NetGalley verfügbar
Durchschnittliche Bewertung von 3 Mitgliedern
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Die europäischen Kolonialmächte sahen den afrikanischen Kontinent im 19. Jahrhundert als Lieferanten wertvoller Güter, die nach Europa verschifft werden und gewinnbringend verkauft werden sollten. Begehrt waren Kautschuk, Palmöl, Edelhölzer, Edelmetalle, Tee, Kaffee und Elfenbein. König Leopold II. von Belgien, der die Kolonie Kongo als Privatbesitz betrachtete, verfolgte Ende des Jahrhunderts den Plan, Elefanten als Zug- und Lasttiere einzusetzen. Da die Ausbildung afrikanischer Elefanten u. a. aus Unkenntnis über die Bedürfnisse der Tiere bis dahin gescheitert war, beauftragte er den Iren Frederick Carter, vier ältere asiatische Arbeitselefanten samt einer großen Zahl Mahuts aus Pune/Indien nach Ostafrika zu transportieren, sie von Sansibar quer durchs heutige Tansania in den Kongo zu bringen und dort ein Zucht- und Trainingscamp aufzubauen. Dieser waghalsigen wie unbedarft durchgeführten Expedition ist Sophy Roberts auf den Spuren der vier Elefanten gefolgt, begleitet von umfangreichen Archiv-Recherchen in den ursprünglich einmal zahlreich vorhandenen Briefen und Dokumenten. Das Denken der Abenteurer des 19. Jahrhunderts vermittelt Sophy Roberts am Beispiel ihres Ururgroßvaters, der in Kanada zum Goldsuchen am Klondike aufbrach, kurzfristig umdisponierte auf eine Expedition mit Schlittenhunden, scheiterte, nach Afrika ging und schließlich nach England zurückkehrte. Ihr Bericht über Carters größenwahnsinniges Elefanten-Projekt zeigt die europäischen Kolonialherren von ihrer gierigen Seite, die Afrika als Lieferanten kostbarer Güter betrachten und für die Elefanten Vermögensposten sind, die Eroberung und Ausbeutung durch ihre Körperkraft erleichtern sollen. Carters Generation scheiterte bereits daran, die Expeditionsteilnehmer vor Tropenkrankheiten zu schützen, von Fürsorge für Elefanten konnte keine Rede sein. Dass Elefanten ständig fressen, viel sauberes Trinkwasser, Körperpflege und ein Leben in Familienverbänden benötigen, scheinen die Eroberer nicht mitbekommen zu haben.
Sophy Roberts vermittelt am Beispiel des gescheiterten Elefantenprojekts koloniales Denken in seinen schlimmsten Auswüchsen, wenn nach dem Tod des ersten Elefanten zuerst seine Stoßzähne zusammengerafft werden. Die Reaktion auf den Tod beschränkt sich auf die Klage, Carter sei in Indien betrogen worden, die Elefanten wären zu alt, die Mahuts zu jung. Nicht die Rede ist jedoch davon, dass Carter unfähig war, die Mahuts und ihre Erfahrung in sein Team zu integrieren. Die Einschätzung, afrikanische Elefanten wären nicht trainierbar, lässt sich mit unserem heutigen Wissen damit erklären, dass im Gegensatz zu Indien in Afrika die Tradition der Ausbildung durch Mahuts und die Bindung an sie fehlte, die Tiere größer, kräftiger und durch die Freiheit in der Savanne tatsächlich schwerer als Arbeitstiere zu trainieren waren.
Fazit
Sophy Roberts ist sich ihrer privilegierten Position der Autorin bewusst, die im Zug und mit landeskundigem Begleiter (Wolfe Purcell, in Tansania aufgewachsen) reist. Ihr kritischer Blick auf die Raffgier des Kolonialzeitalters richtet sich u. a. darauf, welche Erinnerung von den Trägern und Dienern der Weißen im 19. Jahrhundert geblieben ist und was ihre Zeitzeugen für erinnernswert halten. Mit Schwarz-Weißfotos und Landkarten im Text, 346 Anmerkungen und Personenverzeichnis regt das Buch an, sich mit dem Zeitalter des Kolonialismus und unserer Beziehung zu Elefanten auseinanderzusetzen. Die Darstellung der Schwarz-Weiß-Fotos auf ebook-Reader-Größe ist erstaunlich gut, wer die Karten nutzen will, sollte zur Printausgabe oder zum Tablet greifen.
DIE SCHULE DER ELEFANTEN ist ein ungewöhnliches Sachbuch: zugleich Reisebericht, historische Spurensuche und eine Geschichte über das Verhältnis zwischen Mensch und Elefant. Im Mittelpunkt steht dabei eine heute beinahe vergessene Episode – der Versuch, afrikanische Elefanten zu Arbeitstieren auszubilden.
Dabei ist es gar nicht so ungewöhnlich Elefanten zu Arbeitszwecken zu verwenden, auch wenn man dabei eher an die Asiatischen Elefanten denkt. Afrikanische Elefanten stehen weniger im Fokus, aber nach einigem Nachdenken wird man sich aus dem Geschichtsunterricht auch an afrikanische Elefanten erinnern. Afrikanische Elefanten wurden durchaus als Arbeits- und Kriegstiere eingesetzt, allerdings wesentlich seltener und weniger kontinuierlich als Asiatische Elefanten. Tiere wurden unter anderem von den Karthagern, Numidiern und Ptolemäern eingesetzt. Bei den Ptolemäern kamen Elefanten aus Nordostafrika hinzu. Bei der Schlacht von Raphia 217 v. Chr. standen beispielsweise afrikanische Elefanten des ptolemäischen Heeres asiatischen Elefanten der Seleukiden gegenüber. Die bekannteste Verwendung afrikanischer Elefanten durfte Hannibals Kriegszug nach Rom sein. Der Zweite Punische Krieg wurde von 218 v. Chr. bis 201 v. Chr. zwischen Rom und Karthago ausgetragen. Spektakulär und jedermann in Erinnerung: Der Zug Afrikanischer Elefanten über die Alpen. Dabei handelte es sich hauptsächlich um inzwischen ausgestorbene nordafrikanische Elefanten. Nur Hannibals eigenes Tier namens Surus („der Syrer“) war wahrscheinlich ein Indischer Elefant.
Aber auch in der neueren Geschichte fanden afrikanische Elefanten Verwendung.
Roberts folgt den Spuren jener Menschen, die Ende des 19. und im frühen 20. Jahrhundert davon überzeugt waren, dass sich afrikanische Elefanten ähnlich wie ihre asiatischen Verwandten zähmen und als Last-, Zug- und Arbeitstiere einsetzen ließen. Besonders wichtig wird dabei Gangala-na-Bodio im heutigen Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, wo unter belgischer Kolonialherrschaft eine regelrechte Elefantenstation entstand. Hier wurden junge Elefanten eingefangen und trainiert.
Ende des 19. Jahrhunderts stellte sich die belgische Kolonialverwaltung im damaligen Kongo-Freistaat die Frage, warum man Afrikanische Elefanten eigentlich fast ausschließlich wegen ihres Elfenbeins jagte, während ihre asiatischen Verwandten seit Jahrtausenden zum Transport, in der Forstwirtschaft und für andere schwere Arbeiten eingesetzt wurden.
Daraus entstand ein ehrgeiziges Projekt: Afrikanische Elefanten sollten gefangen, gezähmt und zu Arbeitselefanten ausgebildet werden.
Um 1899/1900 entstand zunächst eine Station bei Api im Nordosten des heutigen Staatsgebiets der Demokratischen Republik Kongo. Später wurde das Zentrum nach Gangala-na-Bodio verlegt.
DIE SCHULE DER ELEFANTEN ist keine geradlinige historische Abhandlung. Roberts reist selbst an die ehemaligen Schauplätze, sucht in Archiven nach Dokumenten und Fotografien, spricht mit Menschen, die Erinnerungen und Geschichten über die Elefanten bewahrt haben, und versucht, einzelne Tiere und ihre Lebenswege aus den Quellen wieder sichtbar zu machen. Dadurch entsteht stellenweise fast der Charakter einer historischen Detektivgeschichte.
Der Wunsch, den afrikanischen Elefanten zum Nutztier zu machen, entsprang keineswegs nur wissenschaftlicher Neugier. Elefanten sollten wirtschaftlich verwertbar werden, Transporte übernehmen und dabei helfen, Landschaft und Ressourcen für die Kolonialmächte zu erschließen. Die Vorstellung, Natur und Tierwelt müssten lediglich durch europäische Organisation und Technik „nutzbar“ gemacht werden, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.
Roberts urteilt dabei nicht ausschließlich aus der sicheren moralischen Distanz der Gegenwart. Sie lässt historische Quellen sprechen und zeigt die Widersprüche der beteiligten Personen. Gerade dadurch wird deutlich, wie selbstverständlich Vorstellungen von Herrschaft über Menschen, Tiere und Landschaften miteinander verbunden waren. Gleichzeitig verliert sie die Elefanten als empfindungsfähige Individuen nie aus den Augen.
Besonders interessant ist die grundsätzliche Frage, die hinter dem historischen Stoff steht: Warum wurden asiatische Elefanten über Jahrtausende als Arbeitstiere genutzt, während dies mit afrikanischen Elefanten nur in wenigen, meist kurzlebigen Projekten geschah? Roberts zeigt, dass die verbreitete Erklärung, afrikanische Elefanten seien schlicht „unzähmbar“, viel zu einfach ist. Historische Traditionen, wirtschaftliche Bedingungen, koloniale Vorstellungen und die unterschiedlichen Lebensräume spielten mindestens ebenso wichtige Rollen.
Allerdings bietet DIE SCHULE DER ELEFANTEN keine chronologische Geschichte der Elefantenausbildung in Afrika. Roberts schweift ab, folgt Nebenfiguren und persönlichen Reiseerlebnissen und springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Manche dieser Umwege schaffen Atmosphäre und eröffnen überraschende Zusammenhänge; andere wirken weniger zwingend und bremsen den eigentlichen historischen Erzählstrang. Aber trotz dieser Schwächen bleibt DIE SCHULE DER ELEFANTEN ein interessantes, leicht verständliches und sehr gefühlvolles Buch, vor allem für jene die an Tiergeschichte, ausgestorbenen oder aufgegebenen Formen der Tierhaltung und der historischen Nutzung von Wildtieren interessiert sind.