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Aus anderem Holz
Roman | Longlist Deutscher Buchpreis 2026
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Erscheinungstermin 15.08.2026 | Archivierungsdatum N/A
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Zum Inhalt
In »Aus anderem Holz« interpretiert Giuliano Musio den Pinocchio-Stoff neu. Aus der Puppe ist ein junger Mann geworden, aber das Menschsein ist ihm fremd geblieben. Ein Roman über die Last der Herkunft und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung.
Gegen Ende der Achtzigerjahre stürzt in einem italienischen Küstenort ein Friedhof ins Meer. Eine Urne, die an den Strand gespült wird, gibt ein Geheimnis preis: Der fünfundzwanzigjährige Pinò...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783903422797 |
| PREIS | 26,00 € (EUR) |
| SEITEN | 277 |
Links
Auf NetGalley verfügbar
Durchschnittliche Bewertung von 14 Mitgliedern
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Petra S, Rezensent*in
Interessante Interpretation der Pinocchio-Geschichte
Als in einem kleinen italienischen Küstenort der Friedhof bei einem Erdrutsch ins Meer stürzt, löst dies eine Flut von Ereignissen aus, die das Leben von Pino auf den Kopf stellen. Er erfährt, dass sein Vater schon vor ihm einen Sohn hatte, der aber ums Leben kam. Pino fühlt sich als nicht genügender Ersatz, insbesondere weil er ein besonderes Geheimnis in sich trägt. Pino war eine Holzpuppe, die der Vater nach dem Abbild des ersten Sohnes geschnitzt hatte und die zu Leben erwacht ist. Um mehr aus der Vergangenheit zu erfahren, reist Pino mit seinem Vater in dessen alte Heimat, doch riskiert er dabei auch, dass sein Geheimnis ans Licht kommt.
Diese Neuinterpretation des Pinocchio-Stoffs ist sehr gelungen. Der Roman beschreibt sehr gut, die Gefühlswelt von Pino, der sich nach Liebe sehnt und danach in eine Gemeinschaft aufgenommen zu werden, der aber gleichzeitig an sich als Mensch zweifelt und Angst vor der Entdeckung hat. Aber auch die Atmosphäre in diesem Dorf ist sehr anschaulich beschrieben, der Zusammenhalt in dieser Gruppe, aber gleichzeitig auch das Misstrauen und die Ablehnung gegenüber allem, was neu und unbekannt ist.
Es ist ein wunderbares Buch darüber, was einen Menschen ausmacht und wie die Herkunft und die Erwartungen an einen den Lebensweg bestimmen können. Diese faszinierende Neuinterpretation beziehungsweise Weitererzählung der bekannten Geschichte von Carlo Collodi ist absolut zu empfehlen.
Nina P, Buchhändler*in
Diese Neuerzählung des Kinderbuchklassikers "Pinocchio" begleitet die Mensch und erwachsen gewordene Marionette. "Pino" kehrt mit seinem alternden Vater Geppetto in dessen Heimatort zurück in der Hoffnung, seine Lebensgeister noch einmal zu wecken. Hier stößt er jedoch schnell auf Ungereimtheiten und vermutet, dass Geppetto Geheimnisse vor ihm hat. Ist Pino die Puppe ursprünglich nur ins Leben gerufen worden, um den Holzbauer über einen anderen Verlust hinwegzutrösten?
Und was soll Pino aus dem Leben machen, das ihm geschenkt wurde? Wie kann er den neugierigen Dorfbewohnern Geppettos Abwesenheit erklären?
Giusiano Musio geht ein spannendes Gedankenexperiment ein und holt den Kinderbuch-Star in den Roman für Erwachsene. Fragen zu Schuld, Wahrheit und dem Mensch-Sein werden in dieser Geschichte aufgeworfen.
Rezensent*in 427080
Sein drittes Leben
Mit Aus anderem Holz vom Luftschachtverlag hat es ein ungewöhnlicher Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2026 geschafft. Es erzählt die Pinocchio-Geschichte neu bzw. fort.
Der aus Holz geschaffene Pino ist ein junger Mann, sein Vater Geppetto ist schwer krank, ein Pflegefall.
Pino findet heraus, dass sein Vater schon mal einen Sohn gehabt hat und macht sich auf die Suche. Dabei nimmt er praktisch die Rolle des anderen ein. Doch er bleibt lange orientierungslos und muss seine wahre Identität verstecken. Das belastet z.B. die Beziehung zu Carla, die die Kinderfreundin des Pinuccio war und Pino für ihn hält.
Es scheint auch weitere Geheimnisse der Vergangenheit zu geben.
Die Handlung ist in den Achtziger Jahren angesiedelt und zusammen mit dem italienischen Schauplatz ergibt das einen für mich ganz ungewohnten Erzählton.
Der Leser ist stets dicht an Pino und dessen Gedanken. Eine leichte Melancholie durchzieht das sorgfältig gemachte Buch.
Manches bleibt mir rätselhaft, zum Beispiel der symbolhafte Schluß.
Die Chancen für die Shortlist mögen nicht hoch sein, aber vielleicht gibt es eine Überraschung.
Es wäre eine Sensation, wenn der Mini-Indieverlag Luftschacht aus Wien, der mehr oder weniger aus einer einzigen Person besteht, sich den Deutschen Buchpreis 2026 unter den Gürtel schnallen würde.
„Aus anderem Holz“ nimmt eine der berühmtesten italienischen Märchenerzählungen als Ausgangspunkt, „Pinocchio“. Carlo Collodi, Autor dieses ausgesprochen weirden pädagogischen Entwicklungsromans, dessen Hauptfigur wirklich jede*r kennt, wurde vor 200 Jahren geboren. Giuliano Musio, selbst schweizerisch-italienischer Herkunft, erzählt von der Zeit nach der Menschwerdung der hölzernen Puppe. „Aus anderem Holz“ würde ich moderner als Coming-Age-Roman bezeichnen und als eine Befreiung von der Schwarzen Pädagogik.
Eine toskanische Kleinstadt im Jahr 1988: ein Friedhof rutscht von einer Klippe, ein alter Mann springt hinterher. Giuseppe „Geppetto“ Fabbri kann gerettet werden, aber er ist ein Pflegefall. Geppetto spricht nicht mehr, sitzt vor dem Fernseher, während sein 25-jähriger Sohn Pinò für ihn sorgt.
Geppetto bewahrt seine Geheimnisse. Aber manche kommen trotzdem ans Licht: so taucht die Urne seines ersten Sohnes Pino mit ihm im Meer auf. Dadurch erfährt Pinò zum ersten Mal von seinem Bruder. Und kann nicht anders, als sich ständig mit ihn zu vergleichen. Pinó, dessen hölzerner Körper vor 13 Jahren durch die Gnade einer katholischen Heiligen zu einem aus Fleisch wurde, fühlt sich steif, hat Schmerzen, hat Angst, diesen menschlichen Körper wieder zu verlieren.
Der Sohn packt seinen Vater ein und zieht mit ihm in den Norden, in das kleine Dorf Faragno in der Nähe von Bergamo. Dort lebte Geppetto einst mit seiner Frau und seinem ersten Sohn. Im Dorf wird Pinò für seinen verstorbenen Bruder gehalten. Äußerlich gleicht er Pinuccio, doch muss er ungewöhnliche Merkmale verbergen, nachdem sein Versuch, die Wahrheit zu sagen, missverstanden wird: Pinòs Stimme erzeugt kein Echo und ihm fehlt ein Bauchnabel. Auch die Dorfbewohner verbergen einige Dinge, während Pinò mit sehr menschlichen Gefühlen ringt: Scham, Selbstekel, Lust.
An Musios Neuerzählung ist nicht viel märchenhaftes: dies ist die Geschichte einer Befreiung, vieler Befreiungen. Wie alle jungen Menschen muss sich Pinò beim Erwachsenwerden mit mächtigen Kräften auseinandersetzen: einem gewalttätigen Vater, den seinem katholischen Glauben inherenten Schuldgefühlen, mit Körperdysmorphie, dem italienischen Faschismus und den Roten Brigaden.
Einige Schwerpunkte, einige Figuren in „Aus anderem Holz" hätte ich mir anders gewichtet gewünscht (die für mich unnötige Misogynie der Rolle der Roberta, die Betonung des Terrorismus von links in einer zutiefst faschistischen Umgebung).
Nach einem fulminanten Einstieg und einer sehr langsam erzählten ersten Hälfte, war ich vom zweiten Teil des Buches, der fast ein bisschen wie ein Mystery-Thriller daherkommt, absolut gefesselt.
„'Ich bin nicht Pinuccio.'“
Buchhändler*in 2053554
Pinò pflegt und betreut seinen betagten Vater, der nach einem "Unfall" nicht mehr derselbe ist. Pinò entdeckt nach und nach, dass sein Vater Geheimnisse vor ihm hat und geht denen auf die Spur. Pinò selbst ist auch ein Geheimnis, ihm fehlt der Bauchnabel und er fürchtet, dass die ganz kalten Wintertage ihn verraten...
Von der ersten Seite an hat mich die Story gepackt. Ich wollte unbedingt wissen, was der Vater dem Pinò alles verheimlicht. Zwischenzeitlich fast ein bisschen "Thriller". Speziell gefallen hat mir auch die Entwicklung des Poesie Albums. Einfach genial von Anfang bis Ende!
Er konnte die Wahrheit aus den Worten tilgen, aber nicht aus dem Körper
„Aus anderem Holz“ von Giuliano Musio spielt Ende der Achtzigerjahre. Als an einem italienischen Küstenort ein Friedhof ins Meer stürzt und ein alter Mann hinterherspringt, erfährt der 25jährige Pinò zufällig, dass sein Vater Geppetto vor ihm schon einen Sohn hatte. Geppetto ist seit dem Friedhofs-Unfall pflegebedürftig. Pinò kümmert sich fortan um ihn, möchte jedoch mehr über die geheimnisvolle Vergangenheit seines Vaters herausfinden. Denn auch Pinó hat ein Geheimnis, das er vor anderen Menschen hüten muss: Er war nicht immer ein Mensch – Pinó war früher eine hölzerne Puppe, die durch die Gnade einer katholischen Heiligen vor 13 Jahren zum Mensch wurde.
„In einer Ecke der Werkstatt, nackt und zusammengekrümmt, rang er nach Luft und erfuhr zum ersten Mal, was Schmerz bedeutete. An der Decke schwebte, umgeben von hellblauem Licht, das Gesicht der Madonna Turchina. Auf der Werkbank neben ihm lag die seelenlose Puppe, in der er gesteckt hatte: nichts weiter als zusammengeschraubte Holzstücke. Er betastete verwundert seine weiche, warme Haut. Dann kniete Geppetto sich neben ihn, sagte, dass sie fortan zusammen in der Wohnung leben würden. Und er nannte ihn bei seinem neuen Namen.
Pino roch, hörte und sah nun mehr als zuvor. Mit bloßen Händen grub er in der Erde, weil er es so aufregend fand, wie sich seine Finger krümmen konnten. Er staunte über alles, was sich mit seinen Fingernägeln anstellen ließ, wunderte sich, warum es mit den Zehennägeln nicht ging. Er studierte, was sich zwischen seinen Beinen befand, aber schämte sich jedes Mal sogleich, weil er wusste, dass die Madonna Turchina es gesehen hatte. Und er durfte zur Schule gehen, endlich mit anderen Kindern spielen. Er galt nun als verwaister Junge, als entfernter Neffe Geppettos, den dieser bei sich aufgenommen hatte. Sie fuhren zwei Stunden landeinwärts zu einem Pfarrer, der Pino in einer leeren Sakristei taufte, ohne Fragen zu stellen.
Doch bald zeigte sich, dass die Menschwerdung mangelhaft war. Geppetto sah Zuckungen in Pinos Gesicht, stellte fest, dass der Gang seines Jungen hölzern geblieben war. Manchmal glaubte er sogar ein Knarren in Pinos Gelenken zu hören. Wenn Pino sich verletzte, gerann sein Blut verdächtig schnell. Und oft konnte er die Kraft in seinen Händen schlecht einschätzen. Er ließ Gläser fallen, oder er zerdrückte sie. Geppetto ohrfeigte ihn verzweifelt. Er hatte den Verdacht, dass Pino nicht brav gewesen sei. Dass er etwas gestohlen oder sich auf dem Schulhof geprügelt habe. Wie sonst ließ sich erklären, dass die Madonna Turchina ihn nicht endlich von diesen Fehlern befreite? ‚Aus einem Holzscheit hab ich dich rausgeholt!‘, schrie Geppetto und schlug auf ihn ein. ‚Aus einem verdammten Holzscheit! Und so dankst du es mir? Und wie siehst du überhaupt aus? Du gleichst mir kein Stück!‘
Auch Pino fragte sich, warum der menschliche Körper ihm so fremd blieb. Hatte er seinem Vater nicht genug Respekt gezeigt? Oder war die Madonna Turchina von Anfang an davon ausgegangen, dass es ihm nicht gelingen würde, immer aufrichtig zu sein? Niemand hatte ihn darauf vorbereitet, wie viel Unruhe ein solcher Körper in sich trug. Und wie wenig der Geist ihr entgegensetzen konnte. Je älter er wurde, desto mächtiger wurde das Fleisch. Der Hunger, die Triebe, die Beschwerden. Der Verdauungsprozess war ihm unheimlich. Auch an den gleichmäßig schlagenden Klumpen in seiner Brust, von dem sein Leben abhing, hatte er sich nie gewöhnt. Oft wusste er nicht einmal, ob es Gefühle oder Organe waren, die in ihm rumorten.“
Doch Pinós Körper trägt rätselhafte Merkmale, die ihn verraten könnten; so fehlt ihm der Bauchnabel und seine Stimme erzeugt kein Echo, sein Atem hinterlässt in der Kälte keinen Dampf.
„Sein Leben lang hatte er geübt, sich nicht zu verraten. Er konnte die Wahrheit aus den Worten tilgen, aber nicht aus dem Körper.“
Um mehr über Geppettos ersten Sohn und andere Geheimnisse zu erfahren, zieht Pinò mit ihm in das kleine Dorf Faragno in der Nähe von Bergamo. Dort lebte Geppetto damals mit seiner Frau und seinem ersten Sohn, Pinuccio. Da Pinò ihm äußerlich sehr ähnelt, hält ihn im Dorf jeder für den zurückgekehrten Pinuccio, von dessen Tod offenbar niemand wusste. Als er seine Kinderfreundin Carla wiedertrifft, wird es immer schwieriger für Pinó, sein Geheimnis zu bewahren. Und auch im Dorf gibt es etliche andere Geheimnisse ...
„Aus anderem Holz“ ist eine interessante Neuinterpretation der berühmten „Pinocchio“-Erzählung, die ich vor allem im ersten Teil sehr stark fand. Gegen Ende hin war mir vieles zu rätselhaft, etwas zu viel Mystery für meinen Geschmack. Auch der Schluss konnte mich nicht ganz überzeugen.
Dennoch hat Giuliano Musio hier einen durchaus beachtenswerten Roman über Herkunft, Scham und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung geschrieben, für den ich 3,5 von 5 Sternen vergebe.
Vielen Dank an den Luftschacht Verlag und an NetGalley für das digitale Rezensionsexemplar! 📚💚
Bianka M, Rezensent*in
Pinocchio, aber ganz anders
Ich wusste ehrlich gesagt nicht so genau, was mich bei „Aus anderem Holz“ erwartet. Die Idee, den Pinocchio-Stoff aufzugreifen und daraus eine Geschichte für Erwachsene zu machen, fand ich aber sofort spannend. Und eines kann man dem Buch definitiv nicht absprechen, es ist ungewöhnlich.
Pinò ist 25 Jahre alt und lebt in einem italienischen Küstenort. Er versucht, ein möglichst normales Leben zu führen, obwohl er genau weiß, dass er anders ist. Denn Pinò war ursprünglich eine Holzpuppe und wurde erst Jahre später zu einem Menschen. Was das eigentlich bedeutet und warum er überhaupt erschaffen wurde, weiß er selbst nicht vollständig.
Als ein Friedhof ins Meer stürzt und eine angespülte Urne ein Geheimnis über seine Familie ans Licht bringt, beginnt Pinò, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Er erfährt, dass sein Vater Geppetto vor ihm bereits einen anderen Sohn hatte. Und plötzlich geht es für ihn nicht mehr nur darum, herauszufinden, wer dieser andere Sohn war, sondern auch darum, welchen Platz er selbst in dieser Geschichte eigentlich einnimmt. Dabei fand ich Pinòs Blick auf die menschliche Welt besonders interessant. Für ihn sind viele Dinge, die wir als selbstverständlich betrachten, eben nicht selbstverständlich. Auch sein eigener Körper erinnert ihn ständig daran, dass er anders ist. Er hat keinen Bauchnabel, seine Stimme erzeugt keinen Widerhall und selbst sein Atem hinterlässt in der Kälte keine Spur.
Das klingt teilweise ziemlich skurril und das ist das Buch auch. Gleichzeitig steckt hinter dieser ungewöhnlichen Geschichte viel mehr. Es geht um Herkunft und Familie, aber auch um Ausgrenzung, Schuld und die Frage, wie sehr wir von den Menschen geprägt werden, die uns erschaffen oder aufziehen. Auch Themen wie Homophobie und gesellschaftliche Vorurteile finden ihren Platz in der Geschichte, ohne dass sie dabei zum eigentlichen Hauptthema werden. Pinò möchte verstehen, woher er kommt, aber eigentlich sucht er dabei auch nach einer Antwort auf die Frage, wer er selbst sein möchte.
Gerade die Beziehung zwischen Pinò und Geppetto fand ich dabei interessant. Geppetto ist für ihn gleichzeitig Vater und Schöpfer. Und je mehr Pinò über seine Vergangenheit erfährt, desto schwieriger wird es, zwischen Vertrauen, Enttäuschung und dem Wunsch nach Antworten zu unterscheiden. Mir hat außerdem gefallen, dass der Roman nicht einfach nur eine moderne Pinocchio-Version erzählt. Musio nimmt bekannte Motive und verbindet sie mit einer Familiengeschichte, gesellschaftlichen Konflikten und einer teilweise ziemlich düsteren Vergangenheit. Dadurch bekommt die Geschichte mehr Tiefe, als man aufgrund der ungewöhnlichen Ausgangsidee vielleicht zunächst erwarten würde. Allerdings konnte mich das Buch nicht über die gesamte Strecke gleichermaßen packen.
Gerade am Anfang war ich sehr neugierig auf Pinò und seine Geschichte und wollte unbedingt wissen, was hinter seiner Herkunft steckt. Später wurde mir manches etwas zu rätselhaft und teilweise auch etwas verworren. Ich hatte dadurch zwischendurch das Gefühl, dass die Geschichte ihre ursprüngliche Sogwirkung ein wenig verliert. Trotzdem bleibt „Aus anderem Holz“ für mich ein Buch, das im Gedächtnis bleibt. Schon allein die Idee ist außergewöhnlich, und Pinò ist eine Figur, über die ich auch nach dem Lesen noch nachgedacht habe. Für mich sind es vier Sterne. Nicht alles hat mich am Ende vollständig überzeugt, aber die ungewöhnliche Interpretation des Pinocchio-Stoffes, die Atmosphäre und vor allem die Fragen nach Herkunft, Identität und Selbstbestimmung haben mir gut gefallen. Ein eigenwilliger, manchmal skurriler und gleichzeitig nachdenklicher Roman, definitiv kein Buch von der Stange.
Giuliano Musios Roman „Aus anderem Holz“ ist ein leiser, nachdenklicher Roman. Statt eines Märchens für Kinder entsteht hier eine erwachsene Erzählung über Identität, Familie und das mühsame Finden eines eigenen Platzes in der Welt. Der Ton ist ruhig und die Sprache ist klar; genau richtig für eine Geschichte, die sich sehr viel in den Köpfen der Figuren abspielt.
Als Pinò begreift, dass sein Vater ihm all die Jahre seinen verstorbenen Bruder vorenthalten hat, macht ihn das zutiefts betroffen, aber auch wütend. Während sein Vater beginnt sich zu verändern, in seiner wieder zu Tage geförderten Trauer zu versinken, beginnt Pinò mehr über die Umstände herauszufinden, was damals wirklich geschah und wie sein In-die-Welt-kommen damit zusammenhängt.
Bisher hatte er geglaubt, einfach nur der Sohn eines liebevollen, wenn auch strengen Vaters zu sein. Nun muss er sich fragen, ob er überhaupt um seiner selbst willen geliebt wurde oder nur als Ersatz gedacht war, um eine Lücke, die auf tragische Art und Weise entstand, zu schließen. Pinò beginnt in der Vergangenheit zu graben, zieht mit seinem Vater in das Dorf seiner Kindheit zurück, die dort mit 11 Jahren begann und holt Stück für Stück die Wahrheit ans Licht. Doch je mehr er findet und herausfindet, desto näher rückt er auch jenem Geheimnis, das er selbst in sich trägt und das niemand erfahren darf...
Was die Erzählung besonders macht, ist die Art und Weise, wie Musio das Pinocchio-Motiv verwendet. Pinò ist keine sprechende Holzpuppe mehr wie im Original-Märchen, sondern ein junger Mann aus Fleisch und Blut, der essen und trinken kann, raucht und auch anderen menschlichen Gelüsten nicht abgeneigt ist. Doch ganz Mensch ist er eben auch nicht. Er weiß, dass er aus einem Stück Holz stammt. ( Erinnert ihr euch an die blaue Fee im Märchen? Nun, Musio gibt auch ihr einen Platz in seiner Geschichte in Form der Madonna Turchina. Eine hölzerne Statuette, die Pinò ins Leben rief und ihm zuweilen Zeichen gibt, wie gegen Ende blutige Tränen...) Wie bereits im Klappentext zu lesen, hat er keinen Bauchnabel, seine Stimme wirft keinen Widerhall und sein Atem hinterlässt in der Kälte keine Wölkchen. Auch sein Gang wirkt zu weilen etwas hölzern! Über die Jahre hat Pinò gelernt, seine körperlichen Besonderheiten zu verstecken bzw. ihre Entdeckung zu umgehen; so trägt er meist auf der Stelle seines nicht vorhandenen Nabels ein Pflaster.
"Aus anderem Holz" ist kein Märchen. Es ist ein Roman, eine Erzählung durchwirkt mit märchenhaften Elementen und bleibt dennoch sehr nah im realen Leben. Themen wie Fremdheit im eigenen Körper, die Suche nach einem Platz in der Welt, Zugehörigkeit und Liebe sind alles Themen, wie sie auch in anderen Roman Verwendung finden. Aber hier stechen sie nochmal ganz anders, besonders hervor!
Im Ort seiner Kindheit bemerkt Pinò, dass ihn alle mit seinem Bruder verwechseln! Offensichtlich scheint er ihm sehr ähnlich zu sehen. Pinucchiu nennen sie ihn und sind verwundert, wie anders er doch ist als früher! Sicher, es sind etliche Jahre vergangen, seit Gepetto mit seinem Jungen das Dorf verließ, aber man verlernt doch nicht das Schnitzen? Auch, dass Pinò sich nicht an früher, an die Leute, an Begebenheiten, an seine beste Freundin erinnern kann, finden die Menschen im Ort Feragno sehr merkwürdig. Aber all das bestärkt Pinò darin, dass hier tatsächlich etwas seltsames vorgeht und er herausfinden muss, was sein Vater ihm verschweigt...
Die beste Freundin von Pinucchio, die ihm im Dorf von allen am nächsten ist, ist nicht auf den Kopf gefallen. Sie erahnt die Wahrheit und Pinò öffnet sich ihr am Ende. Ein Schritt, der ihm alles abverlangte, mit dem er alles riskierte... Aber, sie glaubt ihm und hilft ihm bei der Suche nach der Wahrheit, die gewaltiger ist als gedacht...
"Aus anderem Holz" ist ein Buch ohne Ende. Es endet, ja, aber was darüber hinnaus geschieht, ist der Fantasie des Lesers selbst überlassen. Dieser Weg dorthin war aber sehr spanennd :-) Die Entwicklung, die Pinò gemacht hat, war unglaublich :-) Und notwendig!! Und das merkt man erst, wenn man das Buch zuschlägt und darüber nachdenkt! Am liebsten möchte ich es noch einmal lesen und ich finde, "Aus anderem Holz" hat es zurecht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft! :-) Nun hoffe ich für Giuliano Musio auf die Shortlist! Das wäre mehr als verdient! :-)
Wer den Gedanken liebt, einen Roman, ein Märchen oder eine Erzählung weiterzuspinnen, herauszufinden, wie die Charaktere sich entwickeln, und wer wissen möchte, was es denn nun mit dem Radiergummi auf dem Cover auf sich hat ;-), dem sei "Aus anderem Holz" sehr ans Herz gelegt. :-)
Pinò ist fünfundzwanzig. Sein jetziges Leben begann mit zwölf. Davor war er eine Holzpuppe. Jetzt ist er ein Mensch, nur anders, unsicher und fremd.
Diese Neuerzählung der Pinocchio-Geschichte ist magisch, traurig, berührend, politisch und spannend.
Eigentlich möchte ich gar nicht so wirklich konkretes über die Geschichte erzählen. Ich selbst bin mit relativ wenig konkreten Erwartungen in diese Geschichte gestartet und es fühlte sich gut an, mich ganz von dieser unerwarteten und tragischen Geschichte mitreißen zu lassen, mich von den sich entfaltenden Facetten überraschen zu lassen.
Die Geschichte hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen und ich wünsche ihr viele Leser:innen, nachdem was ich selbst auch nur durch die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 auf den Roman aufmerksam geworden bin.
Ein dunkler, düsterer Pinocchio – und ganz sicher keiner, den man aus Kindertagen kennt.
Giuliano Musio nimmt die vertraute Geschichte, zerlegt sie und setzt sie auf seine ganz eigene, surreale Weise wieder zusammen.
Und während des Lesens habe ich mich immer wieder gefragt:
Ist das noch eine moderne Pinocchio-Adaption?
Eine Allegorie auf einen Menschen, der sich in die Vorstellung flüchtet, einer Marionette entsprungen zu sein, um mit seiner eigenen Andersartigkeit umgehen zu können?
Oder etwas ganz anderes?
Viel Luft zum Atmen bleibt aber nicht. „Aus anderem Holz“ startet wie ein Feuerwerk und hält sein rasantes Tempo erstaunlich konsequent. Dabei trägt jede Figur ihr eigenes dunkles Kapitel mit sich herum – eines, das sie lieber vor den anderen verborgen hält.
Und mittendrin: die Marienerscheinung. Als Verbindung zwischen all diesen Geschichten, Geheimnissen und Abgründen.
Ein ungewöhnlicher, düsterer und herrlich schräger Roman, der sich nicht so einfach festlegen lässt – und gerade deshalb bei mir hängen geblieben ist.
Carmen V, Rezensent*in
“Aus anderem Holz” von Giuliano Musio handelt von Pinò - dem erwachsenen und zum Menschen gewordenen Pinocchio. Doch wer er eigentlich ist, darf niemand erfahren. Als er herausfindet, dass sein “Vater” Gepetto vor ihrem bereits einen Sohn hatte, beginnt er, dessen Vergangenheit zu erforschen, und seine Welt gerät ins Wanken.
Die Neuinterpretation des weltbekannten Kinderbuchstoffs hatte mich neugierig gemacht, und Giuliano Musio hat mit dem ungewöhnlichen Ansatz nicht enttäuscht. Anknüpfungspunkte der ursprünglichen Handlung machen es den Lesenden einfach, in die Handlung zu finden, die bereits wortwörtlich mit einem Knall beginnt. Ebenso das Versteckspiel und die Reise in Gepettos früheres Leben fesseln, obwohl mir hier zwischenzeitlich etwas die Luft ausging. Das Figurenensemble um Pinuccios Kindheitsfreundin, den ehemaligen Lehrling Gepettos und dessen aufdringliche, aber hilfsbereite Familie empfand ich als sehr stimmig, ebenso die Bezüge zur Geschichte Italiens bis in die 1980er, was “Aus anderem Holz” nicht nur zu einem Vater-Sohn-/Coming-of-age-Roman, sondern auch zu einer Gesellschaftsanalyse macht. Mein Überraschungstitel in diesem Herbst, den ich ohne die Nominierung für den Deutschen Buchpreis sicher nicht entdeckt hätte und allen Lesenden ans Herz legen kann, die sich für anspruchsvolle Auseinandersetzungen mit der eigenen Vergangenheit und der Familie auseinander setzen möchten und ein paar übernatürliche Elemente zu schätzen wissen.