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Offene Rechnung
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Erscheinungstermin 24.06.2026 | Archivierungsdatum N/A
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Zum Inhalt
Nathans Journalistenlaufbahn ist an ihrem Tiefpunkt, genau wie seine Ehe mit Sylvia. Komplizierter wird die Situation noch durch die magnetische Wirkung, die seine Schwiegermutter Gaby auf ihn hat. Denn die ist nicht nur Dichterin, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan arbeitet. Als eine ominöse Investorengruppe die Zeitung aufkaufen will, wittert Nathan seinen großen Scoop. Eine junge Frau mit Gedächtnisschwund bringt alles durcheinander, und langsam stellt sich die Frage, wer wem auf der Spur ist.
Nathans Journalistenlaufbahn ist an ihrem Tiefpunkt, genau wie seine Ehe mit Sylvia. Komplizierter wird die Situation noch durch die magnetische Wirkung, die seine Schwiegermutter Gaby auf ihn hat...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783257073546 |
| PREIS | 26,00 € (EUR) |
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Zum Inhalt:
Sowohl die Karriere als auch die Ehe von Nathan sind auf dem Tiefpunkt. Kompliziert ist die Situation auch noch dadurch, dass er im Verlag seiner Schwiegermutter arbeitet. Als der Verlag aufgekauft werden soll, wittert Nathan seine große Chance auf einen Knüller.
Meine Meinung:
Mir fällt es extrem schwer das Buch zu bewerten, ich habe mich förmlich durch das Buch gequält. Irgendwie habe ich auch immer wieder den Faden verloren und wusste nicht mehr, worum es eigentlich geht. Das habe ich äußerst selten, aber hier ist mir das mehrfach passiert, was vermutlich daran liegt, dass mich die Geschichte einfach so gar nicht erreicht hat, wobei ich den Schreibstil an sich schon gut lesbar fand, aber das war nicht meine Geschichte.
Fazit:
Nicht mein Buch
Maria H, Rezensent*in
"Offene Rechnung" von Philippe Djian handelt von einem Journalisten mit Namen Nathan. Dieser ist sowohl in seiner beruflichen Laufbahn, als auch in seiner Beziehung an einem Tiefpunkt angekommen. Eigentümerin der Zeitung, bei der er arbeitet ist seine Schwiegermutter. Dann ist da noch eine junge Frau, die er für seine Arbeit kontaktiert und die irgendwie einiges durcheinander bringt. Auf mich macht dies alles einen kaotischen Eindruck. Der Schreibstil ist für mich gewöhnungsbedürftig und es ist teilweise schwer den Überblick zu behalten.
Genialer Djian – wie früher!
Die Bücher von Philippe Djian begleiten mich schon sehr lange. Meine literarische Liaison zu ihm begann mit „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“. Das Buch war sein Durchbruch und machte ihn in den 80er Jahren zum Kultautor. An „Betty Blue“ kam für mich keines seiner Bücher mehr heran, aber es waren viele gute dabei: sie sind flirrend, absurd, erotisch, komisch und bizarr. Die überwiegend männlichen Helden struggeln sich durchs Leben, sind oft schräg und orientierungslos. Ich freue mich sehr, dass jetzt im Diogenes Verlag sein neuestes Werk erschienen ist: „Offene Rechnung“, übersetzt von Norma Cassau.
Die Geschichte ist gewohnt schräg und etwas undurchsichtig. Nathan ist mit Silvia verheiratet, arbeitet bei einer Zeitung, die Silvias Mutter Gabi gehört. Gabi lebt im Gartenhaus bei Nathan und Silvia – eine Dreiecksbeziehung voller Spannungen. Eine ominöse Organisation und ein Senator wollen Gabi ruinieren – warum eigentlich? Die Frau des Senators schenkt Silvia einen kleinen Hund, den Nathan zunächst gar nicht will. Später ist der Hund sein Ein und Alles, und er trifft sich mit der Frau des Senators, damit sein und ihr Hund zusammen sein können. Dann ist da noch ein merkwürdiges Wesen, das Nathan ständig erscheint, er bezeichnet es u.a. als Chimäre, Harpyie. Halluziniert er?
Kommt ihr überhaupt noch mit?
Ich hatte jedenfalls streckenweise das Gefühl, etwas überlesen zu haben. Die Handlung ist manchmal schwer nachzuvollziehen. Das muss man mögen und bereit sein, sich darauf einzulassen. Diese fehlende Struktur zeigt sich auch im Text selbst. Die Interpunktion ist gewohnt eigenwillig. Es gibt keine Fragezeichen, keine Ausrufezeichen, keine Anführungszeichen in der wörtlichen Rede. Es gibt auch keine Kapitel, manchmal abrupte Szenenwechsel. Das alles ist typisch für Djian.
„Offene Rechnung“ hat mir sehr gefallen! Das Buch ist eigenwillig, genial, komisch, lakonisch und alles in allem schwer zu beschreiben. Es hat etwas Sogartiges, dem ich mich nicht entziehen konnte, und es hat mich bestens unterhalten! So mag ich Djian!
Rezensent*in 427080
Djian in Bestform
Der Roman ist ein typischer Djian. Ein Mann mittleren Alters, latent in der Krise. Er heißt Nathan. Bei der Zeitung, in der er angestellt ist, läuft es schlecht, zu Hause wird er zwischen seiner Frau und seiner Schwiegermutter zerrieben.
Es gibt außerdem Druck von einer undurchsichtigen Organisation, die die Zeitung kaufen oder ruinieren will. Die Handlung ist ein wenig konstruiert, in manchen Passagen wirkt der Autor unkonzentriert, doch das verschwommene ist wohl auch Absicht des Autors. Dann gelingt es ihm, die Handlung mit einer Prise Noir zu würzen. Und der psychische Zustand des Protagonisten, der außerdem ein unglaubwürdiger Erzähler ist, nimmt merkwürdige Ausmaße an.
Wie meistens in Djian-Romanen sind die Hauptfiguren etwas beschädigt, versuchen aber Haltung und Würde zu bewahren. Das imponiert mir an Djian, der in diesem Buch auch ein wenig an seine frühen Zeiten erinnert.
Buchhändler*in 920508
Eine eigenartige Geschichte die einen seltsamen Sog beim Lesen entwickelt. Nathan ist in seine dichtende Schwiegermutter verknallt, seine Frau vergnügt sich wegen seiner Impotenz mit anderen Menschen, alle Drei wohnen zusammen, und dann gibt es eine Reihe von unerklärlichen Todesfällen und eine Reihe von Frauen die etwas von Nathan wollen. Und bis zum Schluss meint er alle Fäden in der Hand zu halten. Ein Irrtum.
Das ist kein Kriminalroman. Spannend und rätselhaft.
Ein Buch von Philippe Djian zu lesen, ist wie ein Ritt auf einem Pferd: Früher war das ein feuriger Rappe, der Mähne schüttelnd weit ausgriff und quer durch die französische Kultur (insbesondere durch Küche und Schlafzimmer) galoppierte. Mittlerweile ist das Pferd in die Jahre gekommen, aus dem Galopp ist ein wiegender Schritt geworden, noch immer aber kann man sich dem Ritt nur schwer entziehen. Wie immer steht auch beim neuen Roman von Djian eine männliche Hauptfigur im Zentrum. Der denkt zwar immer noch ähnlich wie Zorg aus «Betty Blue», aber er ist deutlich älter geworden: Diesmal heisst er Nathan, er ist Journalist und er ist seit einer missglückten Vasektomie impotent. Für einmal spielt sich also die Sexualität im Romans nur im Kopf ab. Auch Nathan steht zwischen zwei Frauen: Er begehrt Gaby und liebt Sylvia. Das ist heikel. Nicht so sehr, weil Gaby die Zeitung gehört, für die Nathan arbeitet, als weil sie die Mutter von Sylvia und damit seine Schwiegermutter ist. Die Zeitung ist unter Druck: Ein lokaler Senator will Gaby das Grundstück abkaufen, auf dem sich die Redaktion befindet, um einen Freizeitpark zu bauen. Eine Auseinandersetzung, die mit harten Bandagen geführt wird. Doch im Roman wird diese Schlacht zum Hintergrundgeräusch des eigentlichen Themas: der ewigen Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau. In meinem 311. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, in den neuen Roman von Philippe Djian einzutauchen.
Seit «Betty Blue» lese ich jeden neuen Roman von Philippe Djian, obwohl sich die Geschichten ähneln – oder vielleicht gerade deshalb. Ob der Held nun Nathan heisst oder Zorg, Daniel, Greg oder (immer wieder) Marc – immer ist es ein Mann, der sich nicht mit Stärke durchsetzt, sondern mit Selbstironie. Das ist vielleicht der Grund, warum mit die Helden von Philippe Djian so sympathisch sind. Seine Geschichten schreibt er mit grösstmöglicher Beiläufigkeit. Wenn ich einen musikalischen Vergleich machen müsste, würde ich sagen: Philippe Djian hat die grösste mögliche Distanz zur Pathetik eines Richard Wagner. Djian ist in der Literatur, was Erik Satie in der Musik ist.
Es sei denn, es gehe um Sex. Niemand schreibt so gute erotische Szenen wie Philippe Djian, aber auch im Bett kommt er ohne jeglichen Pathos aus. Er beherrscht die Kunst, grosse Gefühle beiläufig und mit atmosphärischer Leichtigkeit zu beschreiben. Das ist auch im neuen Roman so, mit einem entscheidenden Unterschied: Hauptfigur Nathan ist seit einer missglückten Vasektomie impotent. Der Geist ist willig, aber das Fleisch regt sich nicht mehr.
Dazu kommt: Nathan schläft nicht. Er liegt stundenlang wach, streift nachts durchs Haus und beobachtet, wie Sylvia und Gaby schlafen. «Ich sehe ihnen gerne beim Schlafen zu», sagt er. Er ist also in zweierlei Hinsicht nicht mehr in der Lage, **mit** den Frauen zu schlafen, er kann nur noch beobachten. Der Schlafentzug hat durchaus Folgen: Nathan erlebt die Welt in einem Zustand zwischen Wachen und Traum, halb lucide, halb halluzinierend. Im Garten sieht er immer wieder eine «Kreatur», eine geheimnisvolle, glühende Erscheinung, die erst am Rand seines Sichtfelds auftaucht und sich am Ende wie ein schuppiges Haustier zu ihm gesellt.
Die äussere Handlung der Geschichte dreht sich um die Lokalzeitung «Der Morgen». Die Zeitung gehört, seit ihr Mann Robert gestorben ist, Nathans Schwiegermutter Gaby. Der Zeitung geht es nicht allzu gut. Zudem will eine Investorengruppe rund um den lokalen Senator unbedingt das Land kaufen, auf dem das Redaktionsgebäude steht. Djian zeigt präzise, wie das geht: Die Investorengruppe setzt die finanzellen Daumenschrauben an, sorgt für höhere Papierpreise und setzt die Eigentümerin (also Gaby) unter Druck.
[[Ich glaube, sie werden keine Kosten und Mühen scheuen. Sie werden die Zeitung in den Ruin treiben, damit Gaby sich gezwungen sieht zu verkaufen, das ist, was sie vorhaben. Sie werden sie an den Bettelstab bringen. Sie gelten als die sicheren Gewinner. Das finde ich gar nicht zum Lachen. |43]]
Der Kampf um die Zeitung bildet aber nur den Hintergrund für die eigentliche Auseinandersetzung: den Kampf um die Sexualität. Beim jungen Philippe Djian führte das in Romanen wie «Betty Blue» oder «Pas de Deux» zum Schwelgen in Körperszenen. In «Offene Rechnung» bleibt die Rechnung offen, weil Nathan körperlich nicht mehr zu Sexualität fähig ist. Der Wunsch ist noch da, aber Nathan fehlt die Erfüllung. Die Folge ist Ratlosigkeit.
[[Ich beuge mich vor, stütze mich auf den Schenkeln ab, wiege den Kopf.
Mach dir darum keine Sorgen, sage ich schließlich. Meistens schätze ich mich glücklich. Das alles ist frei gewählt.
Sie setzt ihre Brille wieder auf, nimmt meine Hand, die sie zu kneten beginnt. Weder ist es sehr wohltuend noch sehr unangenehm, nur schwer einzuordnen. Ich mag diese kleinen, etwas zärtlichen Momente nicht, ich möchte der Leere nicht zu nahe kommen. Ich beginne zu bereuen, dass ich im Salon nicht mehr Licht gemacht habe – zwar ideal zum Dösen, aber im vorliegenden Fall kontraproduktiv, das ist hier kein Candle-Light-Dinner.|125]]
Nathan fürchtet Zärtlichkeit, weil er zu mehr nicht mehr in der Lage ist und deshalb in zärtlichen Momenten Leere empfindet. Es ist nicht das erste Mal, dass Philippe Djian das komplizierte Verhältnis von Erotik und Gefühlen thematisiert. In «Pas de deux» kämpft Philippe in den Rückblenden mit seinen Gefühlen und versucht geradezu verzweifelt, seine Sexualität abgeklärt auszuleben, ohne sich in Gefühle zu verstricken. Was ihm natürlich nicht gelingt. In «Pas de deux» versucht Philippe den Sex nicht mit Gefühlen zu belasten, in «Offene Rechnung» geht es Nathan ums Gegenteil: Er versucht, seine Gefühle nicht mit Sex zu belasten:
[[Ich setze meine Brille auf, um das Verfallsdatum auf einer Packung mit Joghurts zu inspizieren. In mir steigt zarte Wärme auf, als sie sich über meine Schulter neigt, meinen Rücken streift, als sie nach einer Schale mit Apfelmus langt. Ich weiß, ich könnte mich einfach aufrichten und sie in meine Arme schließen, aber wozu. Wir tun schon genug, wie mir scheint. Wir werden unsere Zeit kaum mit Knutschen verbringen. Zumal sie trotz allem für mich unerreichbar bleibt. Dass sie mir ihre Schenkel öffnet, ist schon eine große Sache, aber im Grunde sind das Peanuts. Ihr Herz soll sie mir öffnen, und dann sehen wir. Wie dem auch sei, ich hatte Zeit, mich in mein Schicksal zu fügen.|232]]
Die Körperlichkeit, die Schenkel, das sind Peanuts. Nathan geht es um das Herz. Das war bei Philippe Djian im Grunde schon immer so: Bereits Zorg in Betty Blue hat ein riesengrosses Herz, und bereits damals hat Philippe Djian dieses Herz gebrochen.
Auch «Offene Rechnung» ist deshalb ein typischer Philippe Djian. Was mich an seinen Büchern am meisten fasziniert, ist seine Erzählweise. Schon in seinen frühen Romanen pflegte er diese Beiläufigkeit der Sprache. Seit einigen Jahren hat Djian seine Erzähltechnik weiter radikal vereinfacht. Der Text ist nicht mehr unterteilt in Kapitel, Dialoge sind nicht mehr gekennzeichnet, etwa mit Anführungszeichen. Szenen folgen sich ohne äussere Kennzeichnung direkt. Zwischen einzelnen Szenen klaffen Lücken, die sich der Leser selbst erschliessen muss. Diese Lücken betreffen keineswegs Nebensächlichkeiten, im Gegenteil: Djian lässt das wichtigste weg. Sein Roman beginnt, als die Handlung bereits läuft, und er endet, bevor eine eigentliche Auflösung eintritt. Schlüsselereignisse werden nie beschrieben, sondern nur in Rückblenden und Andeutungen erwähnt. Der Leser muss seine Vorstellungskraft einsetzen.
Spannend ist, dass genau das den Roman von Philippe Djian besonders eindrücklich macht. Kombiniert mit der unvergleichlichen Lakonik seines Erzählens entsteht ein Text, der einen eigentümlichen Sog entwickelt. Nehmen wir zum Beispiel diese Stelle.
[[Wir haben zu zweit eine Flasche Gin ausgetrunken – daran ist nichts Verwerfliches – und uns ausgesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, wie es ausgegangen ist.|Seite 176]]
Eh, bien, voilà, man hört Philippe Djian förmlich die Schultern zucken. Die beiden haben zu zweit eine Flasche Gin getrunken, dann dieser Einschub: «daran ist nichts Verwerfliches». Wenn nichts dabei wäre, dann wäre der Einschub nicht nötig. Offensichtlich ist es schon verwerflich. Aber es geht ja darum, dass sie sich ausgesprochen haben. «Ich kann mich nicht erinnern, wie es ausgegangen ist.» Philippe Djian zuckt mit den Schultern: Bei einer Aussprache kommt es nicht auf den Inhalt und schon gar nicht auf das Ergebnis an, sondern – nun ja: auf das Aussprechen halt.
Immer wieder verblüfft Philippe Djian mit kleinen, ganz präzisen Beobachtungen. Zum Beispiel diese Stelle:
[[Manchmal, wenn man es schafft, sich von einem Gewicht zu befreien, ist die entstandene Leere umso unerträglicher – dunkler, tiefer, heimtückischer, unvorhersehbarer, vielförmiger. Eine Wunde.|Seite 177]]
Da ist er wieder, der Philippe Djian von «Betty Blue» und «Pas de deux», der mit präzisen Beobachtungen uns die Widersprüchlichkeit der Gefühle erschliesst. Er hat ja recht: Wenn man es schafft, sich von einem Gewicht, einer Last zu befreien, beinhaltet die Erleichterung, die dabei entsteht, auch diese dunkle Leere.
Ganz am Schluss des Romans lüftet Philippe Djian schliesslich das Geheimnis seiner Geschichten:
[[Aber diese ganze Sache bestätigt mir doch, dass ein Sandkorn ein ganzes Getriebe ins Stottern bringen kann, ein Windhauch genügt, um eine Schweizer Uhr aus dem Takt zu bringen.|255]]
Im Zentrum seines Romans steht deshalb nicht die Übernahmeschlacht um die Lokalzeitung, die Frage der Wahrheit, mit der es Journalist Nathan nicht wirklich genau nimmt, oder eine andere grosse Frage. Im Zentrum stehen die emotionalen Sandkörner, die kleinen Steinchen in den Schuhen seiner Protagonisten, die am Ende jenen Windhauch auslösen, der die grossen Themen in Bewegung (und manchmal zu Fall) bringt.
Offene Rechnung - Philippe Dijan
Nathan ist ein eher erfolgloser Journalist, seiner Schwiegermutter Gaby gehört das Blatt, für das er arbeitet und dieses Blatt wird von merkwürdigen Investoren bedroht, die das Grundstück wollen.
Er lebt mit seiner Frau Sylvia und Schwiegermutter Gaby zusammen in einem Haus, die Beziehungen untereinander sind wechselhaft, Sylvia nimmt sich „verlängerte Wochenenden“ mit einem Liebhaber und Nathan pflegt eine Obsession zu seiner Schwiegermutter, die eine gefeierte Lyrikerin ist
Leise und abgründig, gestaltet sich das Leben dieses gescheiterter Mannes, beruflich wie privat, der nicht nur unter dauernden Schlafstörungen leidet, sondern nach einer missglückten Operation auch unter Erektionsstörungen.
Er übt jedoch weiterhin eine große Anziehung auf Frauen aus, denen er sich dann entzieht, damit er sein Problem nicht gestehen muss. Er ist ja selber durchaus ein sinnlicher, fantasievoller Mann geblieben, nur kann der Körper nicht mehr alles realisieren, was er in seinem Kopf wünscht. Aber das Spiel zwischen Mann und Frau scheint für ihn doch immer noch reizvoll zu sein.
Nathan, aber auch seine Frauen geben sich gern dem regelmäßiger Alkoholkonsum hin: „Wir haben zu zweit eine Flasche Gin ausgetrunken- daran ist nichts Verwerfliches- (…),“ Vielleicht führt dies, oder der Schlafentzug dazu, dass er bisweilen unter Bewusstseinstrübungen leidet.
Eine „Kreatur“ begleitet ihn neuerdings, sie wohnt in seinem Garten.
Inhaltlich kommt es zu merkwürdigen Verflechtungen zu einer „Wanderin“ und einem Senator, dessen Frau und 2 Hunden. Und es stirbt immer mal wieder ein Mann.
Das Buch ist verwirrend, so wie die Gedanken des Ich-Erzählers, die Erzählstränge kreuzen sich, Gedanken und wörtliche Rede fließen ineinander, keine Kapitel schaffen Ordnung oder Struktur. Das ist keine Schlamperei des Schriftstellers, das ist Dijans Handschrift.
Der Erzählstil ist sachlich, emotionsfrei, fast belanglos. Mitten hinein ins Geschehen, ein Ende ohne Abschluss, viele Andeutungen werden nicht aufgelöst.
Ein Roman wie ein Delirium. Ich mochte ihn sehr.
Aus dem Französischen von Norma Cassau
Diogenes 2026
Inhalt
Nathans Journalistenlaufbahn ist an ihrem Tiefpunkt, genau wie seine Ehe mit Sylvia. Komplizierter wird die Situation noch durch die magnetische Wirkung, die seine Schwiegermutter Gaby auf ihn hat. Denn die ist nicht nur Dichterin, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan arbeitet. Als eine ominöse Investorengruppe die Zeitung aufkaufen will, wittert Nathan seinen großen Scoop. Eine Frau mit Gedächtnisschwund bringt alles durcheinander, und langsam stellt sich die Frage, wer wem auf der Spur ist.
Cover
Es ist ein typisches Verlagscover. Ich mag diese Cover sehr gerne, da sie einen hohen Wiedererkennungswert haben. Das Bild passt sehr gut zum Inhalt der Geschichte.
Mein Eindruck
Es ist mein erstes Buch von dem Autor nach mehr als 40 Jahren nach dem Erscheinen von Betty Blue und ich war sehr gespannt, ob es immer noch der gleiche Stil ist, in dem der Autor schreibt und ob es mir wieder gefallen wird.
Auch hier bleibt der Autor seiner Linie treu und die Erzählung bleibt eher im Ungefähren – nichts Genaues weiß oder erkennt man. Nathan steht im Mittelpunkt und seine Figur bleibt den ganzen Roman über eher schemenhaft. Einerseits devot gegenüber den Frauen und andererseits manipulativ wie ein Narzisst.
Im Mittelpunkt stehen die Themen Sexualität, Macht und Beziehungen. Nathan spielt mit diesen drei Komponenten, wobei es sich aus meiner Sicht um inzwischen eher veraltete Strukturen handelt. Heute gibt es differenziertere Formen der Manipulationen.
Bis zum Schluss bleibt es relativ offen, ob ausschließlich Nathan offene Rechnungen hat oder auch die anderen Charaktere. Ich tendiere zu ersterem und meine in der Erzählung auch Krimistrukturen zu erkennen.
Warum ich nur 2 Sterne vergeben habe? Ich habe es ohne großartige Begeisterung gelesen und fand Nathan als Protagonisten eher schwierig. Seine vermeintliche Persönlichkeitsstruktur hat mich eher abgestoßen als gecatcht. Irgendwie habe ich immer wieder den Anschluss an das Geschehen verloren und ich mag diese Form von Manipulationen überhaupt nicht.
Fazit
Es ist mit Sicherheit polarisierend, wahrscheinlich eine gelungene Schreibkunst, sie trifft allerdings nicht meinen Geschmack.
260807