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Buchcover für Sehr geehrte Frau Ministerin

Sehr geehrte Frau Ministerin

Roman | Georg-Büchner-Preis 2025

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Erscheinungstermin 11.01.2025 | Archivierungsdatum 07.09.2025


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Zum Inhalt

Georg-Büchner-Preis 2025 für Ursula Krechel

»Frau Ministerin, ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Sohn.«

Ein radikal gegenwärtiger Roman über die abgründigen Beziehungen zwischen Söhnen und ihren Müttern. Mit einer Sprachkraft, die Staunen macht, erzählt die preisgekrönte Schriftstellerin Ursula Krechel von symbiotischer Mutterschaft, von existenziell gefährdeten Frauen und von politischer Gewalt.

Mit seiner Mutter sprechen zu müssen, ist für den Sohn von Eva Patarak ein Staatsverbrechen. Für Eva hingegen ist es ein Verbrechen, dass ihr Sohn und sie offenbar ausspioniert werden. Welches Ziel verfolgt die Lateinlehrerin Silke Aschauer mit ihrer Observation? Will sie etwa einen Roman schreiben? Bieten die grausamen Familienverhältnisse der Antike, die sie für den Unterricht aufbereitet, nicht ausreichend Stoff für Faszination? Fest steht nur: Silke hält längst nicht alle Fäden in der Hand, denn ihr eigener Körper hat einen blutigen Aufstand gegen sie angezettelt, der sie in die Rolle der Patientin zwingt. In ihrer Ohnmacht wenden sich beide Frauen an die Justizministerin – ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie die Staatsvertreterin damit bringen. Ursula Krechel schreibt in ihrem hoch politischen und stilistisch herausragenden Roman eine Kulturgeschichte aller Frauen – von einer römischen Kaisermutter zu einer Studienrätin, von einer Verkäuferin in einem kleinen Kräuterimperium zu einer Ministerin. Es ist die Geschichte ihres Widerstands gegen die Gewalt, die ihnen physisch und psychisch zugemutet wird.

»Niemand erzählt so formbewusst wie Ursula Krechel.«
Andreas Platthaus, FAZ

Georg-Büchner-Preis 2025 für Ursula Krechel

»Frau Ministerin, ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Sohn.«

Ein...


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Verfügbare Ausgaben

AUSGABE Anderes Format
ISBN 9783608966534
PREIS 26,00 € (EUR)
SEITEN 368

Auf NetGalley verfügbar

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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder

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Agrippina (die Jüngere, 15-59 n Chr.) wurde in Köln geboren und war Tochter des Germanicus Iulius Caesar und der Vipsania Agrippina (Agrippina der Älteren), sowie Urenkelin des Augustus und Mutter Caligulas. Sie soll die Vergiftung ihres Mannes Claudius beauftragt haben, um Sohn Nero an die Macht zu bringen und war Gründerin des heutigen Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensium). Als Frau von einer Rolle in der Politik ausgeschlossen, gilt sie als machthungrige Gattin Claudius und Kaiser-Macherin für ihren Sohn Nero, eine Darstellung, über die sich trefflich streiten lässt.

Nach der Verbindung zwischen mächtigen Frauen der Antike und Ursula Krechels Figur Eva Patarak, Angestellte in einem Tee- und Kräuterladen, habe ich zu Beginn länger gesucht. Der traditionsreiche Laden gehört zu einer Kette und wird vom Besitzer aus Altersgründen verkauft. Zuletzt waren die Geschäfte schlecht gegangen, trotz Evas unbestrittener Erfahrung mit Heilkräutern. Privat füttert sie ihren Sohn Philipp durch, der nach Abbruch seines Studiums die meiste Zeit in seinem Zimmer verbringt und seiner Mutter möglichst aus dem Weg geht. Eva hat keine Ahnung, womit ihr Sohn sich beschäftigt. Zuletzt hatte sie nervös auf eine Kundin mit roter Mütze reagiert, die regelmäßig in den Laden kam und von der sie sich sogar privat beobachtet fühlte. Die Frau mit der Mütze ist Silke Aschauer, Studienrätin für Latein, die in ihrem Unterricht für die Darstellung römischer Geschichte einen moderneren Ansatz verfolgt und wegen abnormer Menstruationsblutungen praktisch berufsunfähig ist. Eine Odyssee zu mehreren Gynäkologinnen zeigt Silke als Benachteiligte einer Medizin, in der Frauen offenbar länger und stärker leiden müssen als Männer, ehe ihre Krankheiten ernstgenommen werden. Als Silke nach langer Abwesenheit wieder in ihren Leistungskurs zurückkommt, sieht sie sich einer Beschwerde aufgrund ihrer Unterrichts-Themen gegenüber, die ausgerechnet von der Mutter ihrer begabtesten Schülerin Alberta formuliert wurde. Parallel dazu hat die Justizministerin online einen Bürgerdialog eingerichtet, der aktuelle Konflikte der Gegenwart abbildet und offenbar völlig aus dem Ruder läuft. Die zahlreichen Handlungsfäden laufen zusammen, als Silke beginnt, einen Roman zu schreiben.

Zwischen Eva und ihrer Kollegin, Müttern und Kindern, Schüler:innen und Lehrerin, Patientin und Ärzt:Innen bestehen zahlreiche Verbindungen. Silkes Unterricht führt uns zur umstrittenen Darstellung historischer Frauenfiguren; die Justizministerin steht hier auch stellvertretend für die Vereinbarkeit von Karriere und Familie.

Auch wenn Altphilologie ein mir völlig fremdes Thema ist, ein fesselnder, feministischer Roman, der erfreulicherweise Menstruation und Frauengesundheit auf literarischem Niveau bearbeitet.

5 stars
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Das Buch hat mir sehr gut gefallen, auch weil es völlig anders war, als alle Bücher, die ich bisher gelesen habe. Es hat eine große Spannung, die sich durch das ganze Buch zieht. Die Figuren sind faszinierend und man begleitet sie gern auf ihrem Weg. Das Cover finde ich toll. Es macht neugierig und ist ein echter Hingucker. Auch der Schreibstil ist detailreich und packend. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und empfehle das Buch deshalb gerne weiter.

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Roman einer Büchnerpreis-Trägerin

Dass die Autorin den Büchner-Preis 2025 erhielt, hat mich zu diesem Roman greifen lassen.
Ein anspruchsvolles Buch, erzählt in mehreren Ebenen. Eine sehr geschickte Konstruktion.
Es beginnt im alten Rom mit Nero und seine Mutter Agrippina , die er ermordete.
Gegenwart: Eva Patarak, die einen Kräuterladen führt und ihr Sohn, der ein Sonderling ist.
Dann gibt es noch die Lateinlehrerin Silke Aschauer.
Die titelgebende Ministerin bleibt namentlich ungenannt.

Wie die Figuen zusammenhängen ergibt sich erst mit der Zeit. Streckenweise ist das Buch sehr abstrakt, aber in der Gänze vermag es zu fazinieren.

4 stars
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Hauptthema dieses Buches sind Herausforderungen für Frauen, und die, die wir durch die drei Protagonistinnen des Buches kennenlernen, sind vielfältig:
Eva Patarak, eine Verkäuferin in einem Kräuterladen, lebt mit ihrem erwachsenen, sehr verschlossenen, Sohn in einer Mietswohnung in Essen. Wie er seinen Tag, den er meistens in seinem Zimmer verbringt, gestaltet, weiß sie nicht. Parallel wird auch das Verhältnis von Agrippina im alten Rom zu ihrem Sohn Nero geschildert. Bei ihr ging es sogar um Leben oder Tod. ‚Ein Sohn ist immer ein Risikofaktor‘
Eine Stammkundin bei Eva ist Silke Aschauer, die Frau mit der roten Mütze: eine Studienrätin für Latein und Sport (Ihr ist das 2. Kapitel gewidmet.) Sie brennt für ihr Fach Latein und ich bedauerte bei den interessanten Ausführungen über die Geschichte Roms, dass ich in der Schule kein Latein gehabt habe. (Bei unseren Teenager-Enkeln erntete ich allerdings mit dieser Aussage einen sehr skeptischen Blick!) Ihre Dauer-Monatsblutungen lassen sie einen Arzt nach den anderen aufsuchen und ihre Fernbeziehung steht auf wackligen Beinen. Probleme mit der Mutter ihrer Lieblingsschülerin toppen das Ganze noch.
Die Justizministerin im 3. Kapitel bleibt ohne Namen - ihr begegnen wir allerdings schon vorher durch an sie gerichtete Briefe. Mit ihr lernen wir das politische Leben in Berlin und die Balance zwischen Familie und politischer Arbeit kennen. Zuletzt schließt sich der Kreis wieder durch Philipp, dem Sohn von Eva.
Es gibt aber noch viel mehr Themen, die behandelt werden: z.B. das Kranichzählen im Moor, die Geschichte des Doms zu Essen (mit seinem unrühmlichen ehemaligen Ruhr-Bischofs, dessen Statue gut 12 Jahre nach dem Aufstellen wieder entfernt wurde), auch die einer über 1250 Jahr alten Maria-Skulptur, die Gepflogenheiten einer ‚Akkustikfamilie‘ - auch ich bekomme regelmäßig Einladungen zu Hörtests, die Erläuterungen zum Bild ‚Gabrielle d´Estées und eine ihrer Schwestern‘ aus der Schule von Fontainebleau und vieles mehr.
Begeistert hat mich neben der großen (auch fordernden) Themenvielfalt jedoch auch die Sprache mit herrlich originellen Beschreibungen: ‚eine dramatische Volksversammlung auf stelzigen Beinen,….‘ (beim Thema Kranichzählen) oder ‚temporäre Urnengräber für bestellte Waren‘ (Paketstationen). Ich war außerdem hocherfreut, dass ich viel Wissenswertes erfahren durfte. (= ein Auswahlkriterium für mich bei Büchern.) Zusammenfassend war das ganze Buch ein wahrer Genuss! Fünf Sterne vergebe ich und hoffe, dass dieses Buch, das mich auch sehr zum Nachdenken anregte, von vielen gelesen wird. (Für mich wird es definitiv nicht das letzte dieser Autorin gewesen sein!)

5 stars
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3 stars

Sehr informative römische Geschichte mit Gegenwartsbezug

In drei Teilen geht es um Frauen mit ihren privaten wie beruflichen Problemen verschiedenster Kategorie und Zeitalter und deren gewalttätigen Söhnen. Zwischen der machtvollen Agrippina, der „Optima mater“, mit ihrem grausamen Sohn Kaiser Nero während der römischen Antike und unserer Gegenwart mit einer Justizministerin in Berlin, in Essen der Fachverkäuferin Eva Patarak und ihrem nutzlosen, eigenbrötlerischen Sohn Philipp und der Lateinlehrerin Silke Aschauer inmitten ihrer Menstruationsbeschwerden verläuft der nicht chronologisch verlaufende rote Faden. Abstufungen von Gewalt zwischen sprachlicher Unterdrückung, Vergiftung, Mord und Messerangriffen nicht nur gegen diese Frauen werden hinterfragt. Zwei herausragenden Frauen mit Macht, Agrippina und die Justizministerin, stehen zwei eher normale Frauenkarrieren gegenüber, nämlich Verkäuferin und Lehrkraft. Bei allen Frauen geht es um geschlechtsspezifische Rollenerwartungen und ihren Kampf gegen tradierte Ungerechtigkeiten. Ausufernde Beschreibungen wie z.B. das Kranichzählen im Moor, die Geschichte des Doms zu Essen, die Gepflogenheiten zu Hörtests, die Erläuterungen zum Bild ‚Gabrielle d´Estées und eine ihrer Schwestern‘ etc. sind zwar informativ, lenken aber sehr von den thematischen Schwerpunkten ab. Der Roman geht im letzten Teil aus der Frauenproblematik über in tagesaktuelle politische Thematiken wie z.B. das Hinweisgeberschutzgesetz.
Insgesamt wirkt die Romanstruktur kompliziert. 3,5*

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𝒁𝒘𝒊𝒔𝒄𝒉𝒆𝒏 𝑨𝒈𝒓𝒊𝒑𝒑𝒊𝒏𝒂 𝒖𝒏𝒅 𝑨𝒎𝒕𝒔𝒔𝒕𝒖𝒃𝒆 – 𝑼𝒓𝒔𝒖𝒍𝒂 𝑲𝒓𝒆𝒄𝒉𝒆𝒍𝒔 „𝑺𝒆𝒉𝒓 𝒈𝒆𝒆𝒉𝒓𝒕𝒆 𝑭𝒓𝒂𝒖 𝑴𝒊𝒏𝒊𝒔𝒕𝒆𝒓𝒊𝒏“

Sehr geehrte Frau Ministerin: Roman | Georg-Büchner-Preis 2025 von Ursula Krechel (Autor), Klett-Cotta Verlag 2025

Es gibt Bücher, die wollen unterhalten. Und es gibt Bücher, die wollen etwas bewegen. Ursula Krechels neuer Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin“ gehört zweifellos zur zweiten Kategorie – und das in einem Stil, der weder belehrt noch anbiedert. Krechel schreibt wie jemand, der die Sprache gut genug kennt, um sie auch mal gegen den Strich zu bürsten. Herausgekommen ist ein vielstimmiges Porträt unserer Gegenwart: politisch, privat, poetisch – und mit einem historischen Rückspiegel, der bis ins alte Rom reicht.
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Worum geht es?
Drei Frauenstimmen tragen diesen Roman. Sie könnten verschiedener kaum sein – und sind doch durch unsichtbare Fäden verbunden.
Eva Patarak steht im Leben, aber nicht ganz im Mittelpunkt. Sie verkauft in Essen Kräuter und Tees, die sie sich selbst selten gönnt. Ihre Wohnung teilt sie mit Sohn Philipp, dessen Leben sich hauptsächlich auf einen Bildschirm konzentriert. Zwischen Mutter und Sohn herrscht eine Sprachlosigkeit, die schwerer wiegt als jedes unausgesprochene Problem. Eva ist weder Heldin noch Opfer – eher eine stille Beharrliche, die an den kleinen Routinen festhält, um nicht den Halt zu verlieren.
Silke Aschauer, Lateinlehrerin, ist eine scharfsinnige Beobachterin, deren Körper ihr zunehmend Probleme macht. Sie erzählt nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch die anderer Figuren – ein raffinierter Kunstgriff, bei dem Krechel zeigt, wie Erzählperspektiven kippen können. Silke leidet unter medizinischer Vernachlässigung, erlebt den Ärztekontakt zwischen Abwiegeln und übergriffigen Eingriffsempfehlungen. In diesen Passagen ist Krechels Blick besonders präzise, fast schmerzhaft genau.
Die Justizministerin, deren Name nie genannt wird, ist eine Frau an der Spitze – und zugleich Zielscheibe. Zwischen Ministeriumsfluren, Wahlkampfveranstaltungen und Sicherheitsprotokollen muss sie sich gegen eine wachsende Flut an Hassbotschaften behaupten. Krechel zeigt, wie Macht zugleich schützt und exponiert – besonders, wenn sie von einer Frau ausgeübt wird.
Zwischen diesen drei Lebenswelten zieht der Roman Fäden, die sich im Lauf der Lektüre immer enger um die Figuren legen. Dabei entwickelt sich keine klassische Krimispannung, sondern ein stetiges Gefühl der Bedrohung: Gewalt kündigt sich hier in der Sprache an, bevor sie sich in Handlungen entlädt.
Die Kunst der Figurenzeichnung
Krechel gelingt das Kunststück, ihre Figuren sowohl glaubwürdig als auch symbolisch aufzuladen. Eva steht für das „unsichtbare Leben“ vieler Frauen, die jenseits der Schlagzeilen bestehen müssen. Silke ist die intellektuelle Mittlerin zwischen Vergangenheit und Gegenwart – jemand, der antike Stoffe nicht nur unterrichtet, sondern in seinem Inneren mitträgt. Die Ministerin schließlich ist keine psychologisch bis ins Detail ausgeleuchtete Figur, sondern eher eine Projektionsfläche – bewusst unterbelichtet, um ihre Rolle als Symbol politischer Angreifbarkeit zu unterstreichen.
Alle drei eint, dass sie auf unterschiedliche Weise verletzlich sind. Krechel zeigt, dass Verwundbarkeit nicht das Gegenteil von Stärke ist, sondern oft deren Voraussetzung.
Atmosphäre & Setting
Das Ruhrgebiet, in dem Eva lebt, ist hier kein graues Industrieklischee, sondern eine fein gezeichnete Alltagslandschaft. Der Kräuterladen, in dem sie arbeitet, ist fast schon ein literarischer Nebencharakter: warm, duftend, ein Ort, an dem Gespräch und Tee gleichermaßen aufgebrüht werden – und doch kein sicherer Hafen.
Die Ministeriumsgänge dagegen sind kühle Funktionsräume, in denen Hierarchie wie in Messing gegossen ist. Sitzungen, Pressekonferenzen, Ministerialräte – Krechel zeigt das Uhrwerk der Macht in allen seinen präzisen, aber unpersönlichen Bewegungen.
Und dann die Antike: Rom, Agrippina, Tacitus – sie sind nicht Staffage, sondern Spiegel. Krechel lässt die historischen Episoden wie Lichtkegel in die Gegenwart fallen. Wer sich anfangs fragt, was die Römer hier zu suchen haben, merkt bald: Sie liefern eine zweite Ebene, auf der es ebenfalls um Macht, Verrat und Gewalt geht.
Form & Stil
Krechels Sprache ist geschmeidig, poetisch und zugleich klar umrissen. Sie scheut lange Sätze nicht, wenn sie etwas bis ins Detail ausloten will, und findet immer wieder knappe, scharfe Formulierungen, die hängen bleiben. Ironie blitzt auf, ohne die Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben – eher, um Situationen zu entlarven.
Besonders interessant ist die Konstruktion der Erzählperspektive. Krechel lässt Stimmen ineinander übergehen, als würden die Figuren ihre Erzählrechte gegenseitig ausleihen. Dieses bewusste Spiel mit dem „Wer erzählt?“ ist nicht nur ein formales Experiment, sondern ein Kommentar zur Macht des Erzählens selbst.
Themen: Gewalt, Sprache, Macht
Das zentrale Thema ist Gewalt – aber nicht nur die körperliche. Krechel zeigt, wie Gewalt in der Sprache beginnt: in Geringschätzung, in Hassbotschaften, in der Weigerung zuzuhören. Sie zieht die Linie von der verletzenden Bemerkung über die strukturelle Diskriminierung bis hin zur physischen Bedrohung.
Dabei spielt auch Mutterschaft eine große Rolle – von der antiken Agrippina, die ihren Sohn Nero großzieht (und an ihm zugrunde geht), bis zu Eva, die Philipp nicht mehr erreicht. Es ist ein Roman darüber, wie fragil Beziehungen zwischen Müttern und Söhnen sein können – und wie sehr gesellschaftliche Machtfragen darin mitschwingen.
Gesellschaftliche Relevanz
„Sehr geehrte Frau Ministerin“ ist hochaktuell. Angriffe auf Politikerinnen, der Ton in sozialen Medien, die Müdigkeit demokratischer Institutionen – all das klingt hier an. Krechel schreibt nicht als Chronistin des Tagesgeschehens, sondern als jemand, der Strukturen sichtbar machen will.
Ihre antiken Bezüge sind dabei kein akademisches Ornament, sondern eine Erinnerung: Die Muster der Macht und des Missbrauchs sind älter, als wir denken. Was Tacitus über Agrippina schreibt, lässt sich mit Erschrecken in die Timeline unserer Gegenwart übertragen.
Kritische Punkte
Wer einen straffen Spannungsbogen sucht, wird hier nicht glücklich. Krechel erlaubt sich Exkurse, Beobachtungen und Perspektivwechsel, die den Lesefluss bewusst unterbrechen. Für manche mag das zu viel sein – für andere ist es genau der Reiz des Buches.
Auch bleibt die Ministerin als Figur bewusst schemenhaft. Wer auf psychologische Nähe hofft, könnte enttäuscht sein. Doch gerade dieses Nicht-Ausleuchten macht sie zur Projektionsfläche, auf die sich all die gesellschaftlichen Konflikte richten.
Die Autorin
Ursula Krechel, 1947 in Trier geboren, ist eine der bedeutendsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Sie hat Lyrik, Essays, Dramen und Romane veröffentlicht, wurde unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis und dem Büchner-Preis ausgezeichnet. Ihre Arbeiten verbinden historische Recherche mit einer klaren, poetischen Sprache – und einem unbestechlichen Blick für Machtverhältnisse.
Fazit
„Sehr geehrte Frau Ministerin“ ist kein Buch, das man einfach wegliest. Es ist fordernd, manchmal sperrig, aber immer lohnend. Krechel liefert eine literarische Untersuchung von Gewalt, Sprache und Macht, die lange nachhallt. Wer bereit ist, sich auf wechselnde Perspektiven, historische Spiegelungen und eine anspruchsvolle Sprache einzulassen, wird reich belohnt.
Es ist ein Roman, der nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern auch fragt: Wer darf erzählen? Wer wird gehört? Und was geschieht, wenn diese Stimme verstummt?

5 stars
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"Sehr geehrte Frau Ministerin" ist ein sprachlich wirklich ausgefeiltes Buch. Von den Gedankengängen sehr sprunghaft, aber umwerfend gut gemacht. Daher ist es aber definitiv keine Lektüre, welche einfach so heruntergelesen werden kann, sondern für die sich Zeit genommen werden sollte. Diese Zeit bräuchtest auch, um sich auf das Buch einzulassen. Wenn dies gelingt, ist es ein durchaus bereicherndes Leseerlebnis, welches den Reichtum der Sprache aufzeigt.

4 stars
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