Sekunden der Gnade

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Erscheinungstermin 23.08.2023 | Archivierungsdatum 08.09.2023

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Zum Inhalt

Boston, 1974. Die Stadt kocht. Künftig sollen schwarze Kinder mit Bussen in weiße Schulen gebracht werden und vice versa. Angst geht um und Hass. Eines Nachts kehrt Mary Pat Fennessys 17-jährige Tochter Jules nicht nach Hause zurück. Mary Pat beginnt Fragen zu stellen, stößt auf Schweigen und Widersprüche, bis sie versteht: Man hat ihr das Letzte genommen, was ihr in dieser Welt Halt gab. Außer sich vor Schmerz macht sie sich auf, um Rache zu nehmen an den Verantwortlichen – und um ihre eigene Schuld abzutragen. Um jeden Preis.

Boston, 1974. Die Stadt kocht. Künftig sollen schwarze Kinder mit Bussen in weiße Schulen gebracht werden und vice versa. Angst geht um und Hass. Eines Nachts kehrt Mary Pat Fennessys 17-jährige...


Marketing-Plan

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Verfügbare Ausgaben

AUSGABE Hardcover
ISBN 9783257072587
PREIS 25,00 € (EUR)
SEITEN 336

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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder

"May you be in heaven half an hour before the devil knows you're dead." (Alter irischer Trinkspruch)

Seitdem Mary Pat Fennessy von ihrem zweiten Mann Ken Fen verlassen worden ist, sind es nur noch ihre Tochter Jules und sie. Deren Verhältnis ist angespannt, da Jules mit Beginn des neuen Schuljahres nicht mehr ihre bisherige Highschool in South Boston besuchen darf. Denn ab September 1974 werden auf richterlichen Beschluss hin Bustransfers umgesetzt, durch die die Highschool mit der größten weißen Schülerschaft mit der entsprechenden Highschool, die den höchsten afroamerikanischen Anteil aufweist, vermischt werden soll. Damit soll die vorherrschende Rassentrennung durchbrochen werden. Als Jules eines Abends am Ende des Sommers mit ihren Freunden Brenda Morello und Rum Collins ausgeht, taucht sie am nächsten Morgen nicht wieder auf. Und obwohl Mary Pat alle von ihren Freunden abklappert, die sie anruft oder persönlich aufsucht, um sie nach dem Verbleib ihrer Tochter zu befragen, bleibt Jules verschwunden.

“Sekunden der Gnade” wird von Dennis Lehane aus der Perspektive von Mutter Mary Pat sowie Detective Michael Coyne geschildert. Trotz ihrer Arbeit als Krankenhaushelferin im Meadow Lane Manor wird der Alltag von Mary Pat und ihrer Tochter von Armut dominiert. So kann sie seit letzter Woche nicht mehr kochen, weil das Gas wegen ihrer unbezahlten Rechnungen abgestellt worden ist. Auch muss sie sich entscheiden, ob sie von dem in zusätzlichen Schichten verdienten Lohn das Gasunternehmen bezahlen oder Jules die für das neue Schuljahr benötigten Sachen kaufen will. Neben ihrer Geldnot ist das Leben von Mary Pat durch den bereits erlittenen Verlust geprägt. Ihr erster Mann Dukie, der ein begnadeter Dieb und Einbrecher gewesen ist, ist verstorben und ihr zweiter Mann Ken Fen, mit dem sich seine Stieftochter Jules gut versteht, hat Mary Pat verlassen. Ihr Sohn Noel ist zwar von seinem Einsatz in Vietnam zurückgekehrt, dann aber süchtig geworden, da sein bester Freund seit Kindheitstagen ihm Drogen verkauft hat, bis er an einer Überdosis zugrunde gegangen ist.
Detective Michael David Coyne, der von allen Bobby genannt wird, hat einen neun Jahre alten Sohn. Nach seiner Scheidung hat seine Frau das Sorgerecht erhalten, so dass Bobby sein Kind nur am Wochenende sehen darf. Der Detective lebt mit seinen fünf unverheirateten Schwestern und seinem stillen Bruder, der früher einmal Priester werden wollte, in einem viktorianischen Haus in der Tuttle Street zusammen. Bobby, der von seinen Erlebnissen in Vietnam traumatisiert wurde, während er dort vor Ausbruch des Kriegs als “Berater” eingesetzt war, ist nun seit fast zwei Jahren clean. Obwohl er seine Drogensucht überwunden hat, besucht er immer noch Treffen der Narcotics Anonymous, wann immer es ihm in den Fingern juckt.

An "Sekunden der Gnade" hat mich die gelungene Integration tatsächlicher historischer Ereignisse aus dem Jahr 1974 in die fiktive Handlung dieses Romans überzeugt. Dazu zählt etwa das Ölembargo der OPEC. Im Mittelpunkt steht aber die Schulbusanordnung, die von Dennis Lehane in einer vorangestellten “Historischen Notiz” erläutert wird. Mary Pat engagiert sich gegen diesen richterlichen Beschluss, indem sie für eine anstehende, groß angelegte Demonstration von Tür zu Tür geht, um Flyer zu verteilen, und Schilder bastelt. Denn Jules, die kein Losglück hatte, wird bald die Highschool wechseln müssen. Mary Pat zweifelt aber daran, dass ihre Tochter, deren Zartheit einen Kontrast zu ihrer eigenen Robustheit bildet, dieser Herausforderung gewachsen ist.
Wenn dann die besagte Kundgebung mit ihrer Suche nach Jules zusammenfällt, taucht Mary Pat dort nur gezwungenermaßen auf und erlebt diese Veranstaltung inklusive des Auftritts von Teddy Kennedy, dem Bruder des toten Präsidenten, hautnah mit. Ihr Blick darauf ist jedoch distanziert, da sie sich ganz auf das Verschwinden ihrer Tochter konzentriert. Die Southie beherrschende, intensiv angespannte Stimmung, die von der glühend fiebrigen Hitze des Sommers unterstrichen wird, wird gekonnt von Dennis Lehane eingefangen. Auch entwirft der Autor ein stimmiges Porträt von den Projects, die von ihrer für Außenstehende eigenwillig erscheinenden, schlecht nachvollziehbaren Lebensweise geprägt werden und deren strikte Regeln, an die sich alle halten, keiner in Frage stellt. Dabei liegt der Fokus auf dem kultivierten Kriminellen Marty Butler, der in den Projects unterstützt von seiner Bande das Sagen hat. Und Marty, der in seinem Viertel für Ordnung sorgt, setzt sich gegen die Schulbustransfers ein.

Schwächen zeigt "Sekunden der Gnade" bei der im Kern dieses Krimis erzählten Geschichte, die recht vorhersehbar ausfällt und so kaum wirklich überraschende Wendungen zu bieten hat. Das schließt etwa die Antwort auf die diesen Roman erst über weite Strecken dominierende Frage mit ein, ob und falls ja, wohin Jules verschwunden ist oder ob ihr nicht doch etwas zugestoßen ist. In diesem Zusammenhang stehen auch die Kapitel, die die Sicht von Detective Bobby Coyne wiedergeben. Obwohl Bobby als Sympathieträger angelegt ist, fallen diese deutlich gegenüber den Kapiteln von Mary Pat ab, neben der Bobby erstaunlich blass geblieben ist. Denn Mary Pat, die für mich das Highlight dieses Romans gewesen ist, ist eine Naturgewalt. Angetrieben wird sie von einer Wut, die sich nur mit der Wucht eines Vulkanausbruchs vergleichen lässt. Mit roher Gewalt, teilweise aber auch mit Raffinesse prügelt sie sich auf der Suche nach ihrer Tochter durch die Straßen von Southie. Um Verluste schert sie sich dabei nicht, wenn sie weder Rücksicht auf andere noch sich selbst nimmt. Solange Dennis Lehane an Mary Pat in der Schilderung seiner Handlung dran bleibt, nimmt er nicht einmal den Fuß vom Gas, da seine Protagonistin keinen Aus-Knopf besitzt. Sogar als sie in ihrer Jugend eine Gehirnerschütterung davon getragen hat, nachdem sie von ihrer Schwester einen Ziegelstein an den Kopf bekommen hat, hat sie nicht aufgehört, weiter zu kämpfen. Lediglich durch die Kapitel von Bobby werden das hohe Tempo und die dadurch bedingte steile Spannungskurve zeitweise ausgebremst.
In "Sekunden der Gnade" ist dem Autor ein ungewöhnliches, dafür nicht weniger intensiv geratenes Porträt einer besonderen Mutterliebe gelungen. Dabei ist der Roman aber kein intellektuell angehauchtes Drama, sondern erinnert etwa in seiner polarisierenden Wirkung eher an den Berlinale-Gewinner “Tropa de Elite”. Denn Mary Pats brutales Vorgehen führt immer wieder zu unerwartet blutigen Gewaltspitzen, die weniger gut für zu Zartbesaitete geeignet sind. Einen leichteren Zugang zu seiner Hauptfigur bietet Dennis Lehane auch über die Beschreibung von Mary Pats Vergangenheit nicht an. Schon als kleines Mädchen hat sie, als sie von einem Rowdy geärgert wurde, gelernt, ihre Probleme durch Zuschlagen zu lösen, statt weiter mit ihrer Puppe zu spielen.

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Außerhalb des Titels enthält dieser Roman nur sehr wenig Gnade, weder für die Hauptfigur noch für ihre Gegenüber. Es ist ein von Gewalt, Rassismus und Gesetzlosigkeit geprägtes South Boston des Jahres 1974, durch das die irischstämmige Mary Pat zieht auf der Suche nach ihrer Tochter. Die Brutalität, die sich durch das Buch zieht, ist mindestens so erschreckend wie Vorurteile, die in den Köpfen stecken. Nicht zwingend für jede*n geeignet, mit persönlich zu heftig.

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Dieser Autor schafft es immer wieder den Leser an den richtigen Triggerpunkten zu packen: mich hat die Geschichte dieser Mutter total mitgenommen, denn die Sorge um das vermisste Kind wird hier überlagert von den Konflikten der Umwelt. Es ist nicht nur der Schwarz/Weiß- Rassengraben, sondern auch der Drogenkrieg, die Altlasten der militärischen Vergangenheit, nein, es sind die alltäglichen Sorgen um Miete, Ex-Ehemänner etc, die ein Gleichmacher sein könnten, die man aber beim Gegenüber nicht eingestehen will. Dabei hat es die Mutter des "unter den Zug" geratenen doch ähnlich schwer....
Wird der Mensch mal klug? Wieder mal ein sehr wichtiges Buch!

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Es gibt viel zu trauern.

Boston 1974. Als Mary Pats Tochter Jules verschwindet begibt sich Mary Pat auf ihren persönlichen Rachefeldzug.

Lehane siedelt seinen neuen Roman in Boston im Jahre 1974 an. Die Rassentrennung ist noch in vollem Gange und in der Stadt gärt es unter der Oberfläche. Die Gang von Frankie hat die Stadt voll im Griff. Drogengeschäfte, Bestechung, Mord – die Bande schreckt vor nichts zurück. Aber auch Mary Pat ist abgebrüht und schont ihre Gegner nicht.

In Polizist Bobby findet sie einen Gegenpart, der versucht, ihr zu helfen. Doch Mary Pat hat andere Pläne.
Was hat ein Mensch zu verlieren, dem alles genommen wird? Dieser Frage geht Lehane in seinem neuen Roman nach. Die Antwort ist nicht schwer: nichts. Lange bleibt die Hoffnung, dass Jules noch lebend auftaucht.
Lehanes neues Werk ist sprachgewaltig und sehr gut recherchiert, geht in die Tiefe und reflektiert. Ein paar kleine Längen fand ich für mich in dem Busthema, das zwar die Grundlage des Romans bildet, aber eigentlich nicht in der Dimension ausgearbeitet hätte werden müssen.

Fazit: nichts für schwache Nerven, geschichtlich aber ein wichtiges Thema.

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Sekunden der Gnade ist ein stimmiger Roman, der die Leser sofort in seinen Bann zieht. Die stringente Handlung ist spannend bis zum Schluss und die Personen kommen einem sehr nahe. eIN WEITERES mEISTERWERK VON dENNIS lEHANE!

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Liebe, Gewalt, Hass, Wut. All das verarbeitet Dennis Lehane in seinem Roman Sekunden der Gnade.
Boston 1974. Noch gibt es die Rassentrennung. Doch der Plan ist, Kinder aus schwarzen und weißen Schulen zu mischen. Das stößt auf Widerstand. Die entsprechenden Schüler und Schülerinnen wurden ausgelost. Es gibt Demonstrationen und Unruhe unter der Bevölkerung. Mary Pat, eine alleinerziehende farbige Mutter, malt Schilder für die Demo. Ihre Tochter Jules soll nun auch mit dem Bus in eine weiße Schule gebracht werden. Eines Abends geht die 17 Jährige feiern. Und kommt nicht mehr nach Hause. Mary Pat ist verzweifelt. Jules ist ihr einziger Halt, nach dem der Sohn an einer Überdosis gestorben ist. Sie macht sich auf die Suche. Dabei greift sie in ein Wespennest aus Hass und Brutalität. Angeblich weiß niemand, was mit Jules passiert ist. Die Gerüchteküche brodelt. Aber Mary Pat gibt nicht auf. Sie muss wissen, was ihrer geliebten Tochter passiert ist. Auch wenn die Wahrheit brutal sein sollte.
Ein sehr interessantes Thema spannend verarbeitet. Die Gewalt, die dort herrscht, ist erschreckend und manchmal schwer auszuhalten. Aber Mary Pat kann sich nur so wehren und sich Gehör verschaffen.
Ein wichtiges Buch.

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Dunkel, sehr dunkel ist Dennis Lehanes Roman "Sekunden der Gnade" - und das hat nicht nur mit dem hässlichen Problem Rassismus zu tun, der in diesem Boston Noir eine Rolle spielt. Ein wenig verarbeitete Lehane dem Vorwort zufolge auch eigene Schreckenserfahrungen seiner Kindheit, als er unversehens Hass und Gewaltbereitschaft in den Protesten gegen die Aufhebung der Rassensegregation an Schulen in Boston erlebte.

Der Streit um die Pläne, schwarze Kinder künftig in Bussen an Schulen in weiße Wohnviertel zu bringen und umgekehrt, ist auch in dem Roman der Hintergrund des Konfliktes, der immer gewalttätiger zu werden droht. Auch Mary Pat Fennessy ist wütend, dass ihre Tochter Jules künftig auf eine Schule im schwarzen Nachbarviertel gehen soll, ist bereit zu protestieren. Und dem Organisator der Proteste erteilt man ohnehin keine Absage. Offiziell geht es vielleicht um die Verteidigung irischer Identität, aber eigentlich um organisierte Kriminalität.

Wenn Mary Pat und ihre Tochter am Frühstückstisch über die Menschen im Nachbarviertel reden, ist das aus heutiger Perspektive harter Tobak. N-Wort, rassistische Schmähungen, nein, da wird erst mal gar keine Sympathie geweckt. Dabei sieht Mary Pat, in Armut aufgewachsen und ihr Leben lang eine Kämpferin, ganz klar: Abgesehen von der Hautfarbe sind die Unterschiede gar nicht so groß. Die Busse fahren zwischen sozial benachteiligten Stadtteilen, die Wohnviertel der Mittelklasse oder gar der Reichen sind von dem Projekt ausgenommen. So sind es die Benachteiligten, Abgehängten, die eine Art Stellvertreterkonflikt austragen.

Es könnte ein politischer Roman um Rassismus und soziale Ausgrenzung werden, doch dann kommt ein neuer Twist dazu: Jules kommt von einem Abend mit Freunden nicht nach Hause. Irgendwann wird Mary Pat unruhig, fängt an, überall nach ihrer Tochter zu suchen. Sie stößt auf Lügen und Halbwahrheiten, muss mühsam auf die Spur der Geheimnisse kommen, die ihre Tochter vor ihr hatte, wie ihr nun klar wird. Dabei ist Mary Pat nicht zimperlich. Sie kann einstecken, aber sie kann auch austeilen und stürzt sich nun voller Vehemenz auf jeden, der ihr die Antwort schuldig bleiben will.

Doch je mehr Mary Pat herausfindet, desto größer wird ihre Angst, dass die Suche kein gutes Ende nimmt. Noch uruhiger wird sie, als die Polizei ebenfalls auf der Suche nach Jules ist. Es geht um den Tod eines jungen Schwarzen in einer U-Bahn-Station. War Jules Zeugin, war sie beteiligt, hängt ihr Verschwinden mit dem Fall zusammen?

Früh wird beim Lesen klar; Das ist kein Friede, Freude, happy end Roman, kann es nicht sein. Während Mary Pat sich auf einen einsamen Rachefeldzug macht, um ihrer Tochter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wird sie zunehmend zur tragischen Heldin, die sich in einen Strudel von Gewalt verstrickt. Brachiale Gewaltszenen gibt es in diesem Buch ebenso wie Momente, in denen der Riss, der plötzlich durch die Gesellschaft und durch für geradezu freundschaftlich geglaubte Beziehungen geht, eindrucksvoll und eindringlich aufgezeigt wird. Da ist das Romanende nur konsequent. Dieser Roman ist harter Tobak, lohnt sich aber.

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"Es gibt ein altes Sprichwort: Wenn man jemandem alles nimmt, hat er nichts mehr zu verlieren." (Anhang zum Buch, Interview mit Dennis Lehane)

Die irischstämmige Mary Pat lebt mit ihrer Tochter Jules (17) in South Boston. Es ist Sommer 1974, und die Bustransfers, die der Rassentrennung entgegenwirken und Schüler aus mehrheitlich weißen Stadtteilen in Schulen mit überwiegend farbigen Schülern bringen sollen und umgekehrt, sorgen für Aufregung. Der Widerstand ist groß, auch Mary Pat engagiert sich darin. Eines Abends geht Jules mit Freunden aus und kehrt nicht nach Hause zurück. Mary Pat macht sich auf die Suche nach ihrer Tochter und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Nach dem Tod ihres Sohnes Noel ist Jules das einzige, das Mary Pat im Leben geblieben ist, und sie setzt alles daran zu erfahren, was in dieser Nacht passiert ist. Koste es, was es wolle.

Dennis Lehane hätte es sich leicht machen und eine Geschichte aus der Sicht einer farbigen Familie oder einer nicht rassistischen weißen Familie erzählen können, doch er wählt mit Mary Pat und ihrem Umfeld in South Boston eine rassistische Protagonistin mit kurzer Zündschnur, die den Leser/die Leserin herausfordert. Sehr eindrucksvoll beschreibt Lehane die sozialen Strukturen im Stadtteil South Boston, der überwiegend von der ärmeren weißen Arbeiterklasse irischer Abstammung bewohnt wird. Man kennt sich seit Generationen, man hilft sich gegenseitig und hält zusammen. Der Polizei und der Obrigkeit begegnet man mit Misstrauen, für Ordnung sorgen gewachsene Clanstrukturen. Solange man sich an die ungeschriebenen Gesetze der Gemeinschaft hält, ist man auf der sicheren Seite, wer ausbricht, wird geächtet, wer den Clans in die Quere kommt, aus dem Weg geräumt.

Schreibstil und Sprache geben die aufgeheizte, explosive Stimmung im Vorfeld der Bustransfers deutlich wieder und unterstreichen Mary Pats Temperament, die auf ihrem Rachefeldzug vor nichts und niemandem Halt macht. Besonders positiv fand ich die nüchterne, klare Erzählweise, die auf lange Showdowns und Pathos verzichtet.

Mich hat die Geschichte bis zum Schluß gefesselt, und ich habe parallel zum Buch einiges zu den Bustransfers und den damit verbundenen Aufständen nachgelesen. Dass diese Transfers in Boston bis 2013 existierten und über viele Jahre zu Unruhen führten, insbesondere in South Boston, wusste ich bisher nicht. Lehane ist es hervorragend gelungen, die historischen Ereignisse und eigene Erinnerungen mit einer spannenden und aufwühlenden fiktiven Geschichte zu verbinden, die tiefe Einblicke in die zerrissene amerikanische Gesellschaft der 1970er Jahre bietet.

Aufgrund der Thematik, einiger gewalttätiger Szenen und des düsteren Settings ist das Buch sicher keine einfache Kost. Wer sich jedoch hierauf einlässt, kann einen echten Ausnahmeroman entdecken, den ich unbedingt weiterempfehlen möchte.

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Ein großartiges Buch! Mary Pat Fennessy ist der menschlichste Protagonist, der mir seit langem untergekommen ist. Ihre Wut, ihr Hass und ihre Gewaltbereitschaft, die sie zu keinem Zeitpunkt leugnet, dazu ihre Trauer, ihre Doppelmoral und ihre Hoffnung gehen so tief unter die Haut, dass es mir fast unmöglich war das Buch zum Schlafen aus der Hand zu legen. Andere Charaktere, die zu keinem Zeitpunkt nebensächlich wirken, entsprechen der zerbrochenen Atmosphäre einer Stadt, die jeden einzelne Art von Hass zu sammeln scheint und jeden Moment zu explodieren droht. Dennis Lehane berichtet in einem Vorwort von Kindheitserinnerungen über die Demonstrationen in Boston und verpflanzt seine Erfahrungen perfekt in die Geschichte, sein Gespür für die richtigen Worte ist nahezu meisterhaft und zugleich wagt er es sich auch unschönen unzeitgemäßen Begriffen einen Platz zu geben. Die Auflösung kitzelt einen bereits zur Mitte des Buchs an der Nasenspitze, doch Lehane lässt einen immer wieder in eine neue Pfütze treten, bis man am Ende wirklich die volle Wahrheit erfährt. Tränen konnte ich mir zum Schluss nicht verkneifen, da es absolut tragisch und schön zugleich ist. Fazit: Unglaublich nah, unglaublich menschlich und spannend zugleich. Eine echte Empfehlung für alle, die Tragik und Spannung auf höchstem Niveau lieben. Wandert auf meinen persönlichen Platz 3.

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Nicht einfach nur ein Krimi sondern fast eine Sozialstudie im Boston der 70er Jahre. Drogen, Gewalt, Rassendiskriminierung , viele Themen sind Hintergrund des Rachefeldzugs einer Mutter. Lehane ist ein toller Autor, der es schafft, die Atmosphäre Bostons zu transportieren und die Beweggründe der Mutter werden fast nachvollziehbar. Und dazu ist es ein spannender krimi!

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Dennis Lehane hat einen Roman voller Hass und Gewalt geschrieben. Der ewig schwelende Konflikt zwischen Schwarz und Weiß ist Thema, er geht zurück ins Jahr 1974, nach Boston. Die Verantwortlichen der Stadt wollen, dass die Rassentrennung zumindest in den Schulen aufgehoben wird. Bis dato gehen sie nach Hautfarbe getrennt in ihre jeweiligen Schulen, das soll sich nun ändern. Aber sie begehren auf, die Diskrepanz zwischen Schwarz und Weiß wird deutlich spürbar.

Als dann Jules, Mary Pat Fennessys 17jährige Tochter, nicht heimkommt, macht sich Mary Pat auf die Suche nach ihr. Bald kommt ein Vorfall ans Licht, bei dem ein schwarzer Junge solange von vier weißen Jugendlichen gehetzt wird, bis er in die Gleise fällt und dabei ums Leben kommt und Jules soll eine dieser vier Teenager gewesen sein. Mary Pat macht sich auf die Suche nach ihrer Tochter, sie ist auf sich alleine gestellt, auf Hilfe kann sie nicht hoffen.

Es ist ein gewaltiges Buch, eine gewalttätige Geschichte. Mary Pat hat schon ihren Sohn an die Drogen verloren. Kann sie es verkraften, wiederum ein Kind zu verlieren? Schon von Kindheit an musste sie sich verteidigen, sie hat gelernt, ihre Fäuste einzusetzen. Vordergründig geht es um die Schulkinder, die in gemischten Klassen unterrichtet werden sollen. Eigentlich geht es um Mary Pats Wut. Und diese verleiht ihr die Kraft, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu kämpfen, Jules zu suchen. Nicht zuletzt macht die Liebe zu ihrer Tochter sie stark und auch unerbittlich. Sie lässt nicht locker, will wissen, wie es sich zugetragen hat, wie der schwarze Junge zu Tode kam. Und sie findet es heraus. Ihr Verlust macht sie noch mutiger, als sie sowieso schon immer war. Ihren Schmerz und ihre unbändige Wut prügelt sie regelrecht aus ihnen allen heraus, bis sie reden, bis zur bitteren Wahrheit.

Es ist wahrlich nichts für Zartbesaitete, auch wenn zwischendurch sowas wie Verständnis, ja Menschlichkeit hervorblitzt. Aber auch nicht mehr. Mir wurde dieses Gewaltbereitete teilweise zu viel, die Hauptfigur lässt keine Gnade walten. Nicht mal „Small Mercies“ wie der Originaltitel heißt. Und doch ist es ein Buch, in dem so viel Wahrheit steckt. Erschreckend realistisch, denn bis heute hat sich nicht viel geändert.

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Die gnadenlose Rache einer Mutter
Rassismus, Gewalt, Drogen und Morde sind die Themen dieses Romans. Nichts für schwache Nerven.

Im Jahr 1974 sollen in Boston schwarze Kinder mit Bussen in die Schulen der Weißen gebracht werden und ebenso umgekehrt. Sie sollen auf Beschluss des Stadtrates gemeinsam am Unterricht teilnehmen. Demonstrationen sind die Antwort darauf.
Einen Tag, bevor das Vorhaben der Stadt in die Tat umgesetzt werden soll, kommt die 17jährige Jules nicht nach Hause. Mary Pat, ihre alleinerziehende Mutter, begibt sich auf die Suche nach ihr. Doch überall stößt sie auf Schweigen und Halbwahrheiten.Tief in ihrem Herzen spürt sie, wer die Verantwortlichen für das Verschwinden sind und beschließt, diese zu verfolgen und bittere Rache zu nehmen. Gleichzeitig wird ein junger Schwarzer ermordet.
Dieses Buch ist keine leichte Kost. In South Boston brodelt der Hass, vor allem in dem Bezirk, in dem die ärmere weiße Bevölkerung wohnt. Die Stimmung heizt sich auf und droht zu eskalieren. Hier ist Kriminalität und Gewalt an der Tagesordnung. Und genau in diesem Bezirk lebt Mary Pat.
Dennis Lehane hat in diesem Roman die Atmosphäre sehr gut eingefangen. Die Schlüsselfigur ist keine sehr sympathische Frau, jedoch ein großartiger Charakter. Vom Schicksal gebeutelt, schreckt sie auch vor Gewalttaten nicht zurück, denn ihre Tochter Jules ist alles, was ihr noch geblieben ist. Auch die anderen Protagonisten sind sehr gut gezeichnet. Die Handlung ist spannend, teilweise brutal und gnadenlos, und somit für sensible Leser weniger geeignet. Der brillante nüchterne und schnörkellose Schreibstil passt hervorragend zu der Dramatik dieser Geschichte.
Mein Fazit:
Dieses Buch zeichnet ein Porträt der frühen 1970er Jahre, als die Apartheit noch in allen Staaten der USA Normalität war. Ich bin mir sicher, dieser Krimi könnte den Tatsachen entsprechen. 4 Sterne und eine klare Leseempfehlung.

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1974 hatte der Oberste Gerichtshof das sogenannte Busing-Programm verordnet, eine bildungspolitische
Maßnahme, in der weiße und schwarze Schüler per Bustransport in weiße und schwarze Schulen gebracht
werden sollen, um so die Rassentrennung aufzuheben.
Im Mittelpunkt steht Mary Pat, eine weiße verwitwete Frau, der 2. Ehemann hat sie verlassen, ihr Sohn
ist an seiner Drogensucht gestorben, sie lebt mit ihrer 17 jährigen Tochter Jules in Southie, einer Gegend
Bostons, "in der Menschen genauso schnell zu Gewalt greifen, wie zu einer Tasse Kaffee".
So auch Mary Pat, die schon seit ihrer Kindheit gewalttätig ist und loszieht, um den Tod ihrer Tochter
auf die brutalste Art zu rächen und dafür alles in Kauf nimmt; zu verlieren hat sie sowieso nichts mehr.
"Und weil sie die Lügen an die eigenen Kinder weitergegeben hat, bis aus ihnen Leute geworden sind,
die einen armen schwarzen Jungen in einen Bahnhof hetzen und ihm mit einem Stein den Schädel
einschlagen".
Ihr Gegenpart ist Bobby Coyne, Polizist und Vater eines kleinen Jungen, der keine Ahnung hat, wo alles
herkommt, die Güte und der Hass , der vielleicht das Bedürfnis nach einem sinnvollen Leben hat.
Und irgendwie versteht er Mary Pat, sind sie doch beide Eltern.

Es ist schwierig für mich, eine Rezension zu schreiben, über ein Buch, das mich so aufgewühlt und
lange danach noch verstört zurückgelassen hat. Es ist schockierend in seiner Brutalität und so
faszinierend in seiner Schonungslosigkeit.
Lehane verlangt seinen Lesern einiges ab, macht immer wieder klar, dass wir, wir alle dafür
verantwortlich sind.
Lehane besitzt eine enorme Sprachgewalt und beschreibt mit seinen Worten ganze Universen.
Aufwühlend, schonungslos , schockierend und einfach sehr großartig.

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Mit "Sekunden der Gnade" beweist Dennis Lehane wieder, dass er ein Meister des Subtilen ist. Sein Roman bietet keine großen Actionszenen oder den großen, übernatürlichen Horror. Lehane nimmt das reale Leben, zeigt die schlechten Seiten auf und webt daraus eine Geschichte, die die Leser:innen fest in der Hand hält und immer fester zudrückt, bis es richtig unangenehm wird.
Wir verfolgen Mary Pat, eine Frau der Arbeiterklasse, die nicht gerade im besten Viertel der Stadt lebt, deren Tochter in der Nacht, in der ein Schwarzer auf mysteriöse Weise stirbt, verschwindet. Da sie der Polizei nicht vertraut, nimmt sie die Sache selbst in die Hand - und Mary Pat hat nichts zu verlieren.
Lehane zeigt nicht nur den Rassismus der 70er Jahre auf, sondern auch was die Lebensumstände aus einem Menschen machen können und wozu eine Mutter fähig ist. Die Handlung entwickelt sich wie ein dunkler Strudel des Unheils, in den die Leser:innen hineingezogen werden und gegen den man sich nicht wehren kann.
Der Roman beeindruckt durch seine klare Sprache, der Realitätsnähe und der Aktualität des Stoffes, obwohl die Handlung vor 50 Jahren spielt.

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Haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt?

Mit - Sekunden der Gnade - veröffentlicht der Diogenes Verlag am 23.08.2023 einen Roman, der sicher Viele begeistern und zum Nachdenken anregen kann.

Zum Inhalt:
Boston 1974 in den USA. In der Gesellschaft brodelt es. Die Hitze des Sommers ist schwer auszuhalten.
Aufgrund eines Gesetzesentscheid sollen Kinder fortan in den Schulen nicht mehr aufgrund ihrer Hautfarbe getrennt, unterrichtet werden. Um eine faire Verteilung zu erreichen, sollen im nächsten Schuljahr farbige Kinder mit Bussen. in weiße Schulen gebracht werden.
Ebenso werden weiße Schüler in vormals ausschließlich "farbigen" Schulen gemeinsam unterrichtet werden...
Eine Entscheidung, die bei vielen Ängste & Hassgefühle schürt.
Ebenfalls in diesem Sommer: die 17- jährige Jules Tochter von Mary Fennessy verschwindet spurlos. Ihre Mutter versucht sie auf eigene Faust zu finden. Anstatt Antworten gewinnt Mary Gewissheit, dass das Liebste ihr genommen wurde.
Ihrem Hass und Verzweiflung folgend, will sie nun Rache üben.

Der Autor Dennis Lehane: ist ein inzwischen mit Preisen ausgezeichneter amerikanischer Schriftsteller. Für seine Bücher wurde er immer wieder ausgezeichnet und Preise gewonnen.
Er lebt & arbeitet in Boston/Mass. USA.

Die deutsche Übersetzung ist von Malte Krutsch.

Mein persönlicher Eindruck

Erzählstil, Übersetzung, Lesefluss, Thematik und Gesamtkonzept:
Dieses Buch war für mich das Erste von Dennis Lehane.
Ja, ich habe von ihm vorab schon gehört gehabt, aber bisher keinen eigenen Eindruck gewinnen können. Das wollte ich mit diesem Buch ändern.

Die deutsche Übersetzung: ist gut und flüssig lesbar.
Die Geschichte wir in dem damals üblichen Jargon & Wortlaut wiedergegeben. Dieses lässt alles noch viel authentischer erscheinen. Natürlich ist auch der Realitätsbezug in diesem Werk ein wichtiger Faktor. Die Emotionen der Protagonisten werden sehr gut beschrieben.
Die gesamte Erzählung nimmt mich total gefangen.
Ich sehe leider so viele Analogien zu dem heutigen politischen Geschehen in den USA. Es ist erschreckend. Die Story fungiert wie ein Spiegel in dem sich die homophobe Einstellung vieler Bevölkerungsteilen im In - & Ausland zum Greifen nahe, spiegeln.

Zusammenfassung & Fazit:
Ein wichtiges Thema, dass viele Menschen unbedingt lesen sollten. Hier spricht eine vergangene, homophobe Zeitepoche zu uns. Wir, die wir schon wieder beginnen, Menschen, die vermeidlich anders sind, zu verurteilen und zu verunglimpfen.

Ich vergebe überzeugte 5*Lesesterne & verbinde diese mit einer ausdrücklichen Leseempfehlung an alle, die gern über Fakten lesen & nachdenken.

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch im Schulunterricht ein bewegendes Werkzeug sein kann. Sollten wir doch alle aus unseren gemeinsamen Fehlern, der Vergangenheit lernen.

ISDN: 978-3257072587
Seitenzahl: 400
Formate: elektr. & Taschenbuch

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Mary Pet Fennessy vermisst ihre Tochter. Die 17-jährige Jules kommt eines Abends nicht nach Hause.
Es ist die Zeit, in der an Bostoner Schulen die Rassentrennung aufgehoben werden soll. Kinder aus vorwiegend schwarzen Stadtvierteln werden in Schulen mit vorwiegend weißen Vierteln gebracht und andersherum. Das bringt die weiße Bevölkerung in Rage und auf die Barrikaden. Als ein farbiger Junge regelrecht hingerichtet wird, nimmt die Gewalt in der Stadt zu. Zudem regiert hier ein Klüngel aus Drogen- und Waffenhändlern und schafft Wut, Schmerz und Zorn, auch bei Mary Pet. Es kann nicht sein, dass ihre Tochter Jules mit dem Tod des Jungen in Verbindung steht. Neben der Trauer wächst der Sinn nach Rache.
Dennis Lehane hat die Zeit um 1974 mit den Unruhen in Boston als 9-jähriger selbst erlebt.
Mit " Sekunden der Gnade" ist ihm ein einzigartiges Buch mit tollem Spannungsaufbau gelungen.

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Zum Inhalt:
In Boston des Jahres 1974 brodelt es denn zukünftig sollen auch farbige Kinder in die weißen Schulen gebracht werden und natürlich auch umgekehrt. Als eines Nachts die siebzehnjährige nicht nach Haus kommt beginnt deren Mutter Fragen zu stellen und sie stößt dabei auf Schweigen und Widersprüche. Ihr Schmerz bringt sie dazu Rache nehmen zu wollen.
Meine Meinung:
Ich hatte bisher noch nie über diesen Integrationsversuch gehört und fand den Ansatz schon ziemlich interessant, aber in einer rassistisch geprägten Gesellschaft führt das natürlich zu Schwierigkeiten, dass diese aber so heftig wurden, damit hatte ich nicht gerechnet. Was mir besonders gefällt, ist das der Autor einen Finger auf eine Wunde legt, die auch heute noch schwelt, denn Rassismus ist noch lange nicht aus unserem Leben verschwunden. Aber er gibt auch Hoffnung, denn man sieht dass auch aus dem Verstehen wieder Besseres entstehen kann.
Fazit:
Keine leichte Kost

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Rassismus endete nicht mit der Aufhebung der Rassentrennung
In Dennis Lehanes Roman “Sekunden der Gnade“ geht es um eine wichtige Phase der amerikanischen Geschichte: die Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen. Im Jahr 1974 trat das Gesetz in Kraft, begleitet von gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Krankenschwester Mary Pat Fennessy lebt in Boston in einem problematischen Armenviertel. Ihr erster Mann ist gestorben, der zweite hat sie verlassen. Jetzt lebt sie allein mit ihrer 17jährigen Tochter Jules, nachdem ihr geliebter Sohn nach seiner Rückkehr vom Kriegseinsatz drogensüchtig wurde und an einer Überdosis starb. Eines Nachts verschwindet ihre Tochter spurlos. In derselben Nacht kommt ein junger Farbiger ums Leben, nachdem sein Auto in einem weißen Viertel eine Panne hatte. Er wurde am Bahnhof tot aufgefunden, offensichtlich das Opfer eines Verbrechens. Bei dem Toten handelt es sich ausgerechnet um Augustus Williamson, den Sohn einer Kollegin von Mary Pat. Eine Gruppe Jugendlicher, u.a. Jules, wurde am Bahnhof gesehen und war irgendwie in die Tat verwickelt. Mary Pat sucht verzweifelt nach ihrer Tochter und geht allen möglichen Spuren nach. Dabei hat sie nicht nur Kontakt zur Polizei, sondern legt sich auch mit dem organisierten Verbrechen in ihrer Stadt an. Diese Männer bleiben durch Korruption unbehelligt und gehen ihren kriminellen Geschäften nach, darunter auch Drogenhandel. Als Mary Pat erfährt, dass ihre Tochter tot ist, beginnt sie einen Rachefeldzug, bei dem sie ihr eigenes Leben riskiert. Sie hat ohnehin alles verloren, was ihr Leben lebenswert machte. Der Roman enthält eine Reihe von brutalen Szenen, aber das ist nun einmal die Realität – bis heute noch. Rassismus ist in den USA noch immer weit verbreitet.

Mir hat der interessante und spannende Roman sehr gut gefallen. Es war für mich das erste Buch dieses Autors und wird bestimmt nicht das letzte sein. Empfehlenswert ohne Einschränkung!

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Irgendwie hatte ich bei der Kurzbeschreibung eine andere Geschichte erwartet, aber trotzdem war das Buch meisterhaft erzählt. Es geht hauptsächlich um Mary Pat und ihre Aktionen, aber trotzdem bekommt man verschiedene Einblicke in andere Lebenssituationen und Vierteln mit Interaktionen und Reaktionen, die man so nicht erwartet. Ich könnte mir das Buch auch sehr gut als Film oder Mini-Serie vorstellen, es ist unterhaltsam und hat dabei auch Tiefgang, indem es nicht nur die Rassenteilung damals in den USA behandelt, sondern auch die generellen Probleme der damaligen Gesellschaft aufzeigt. Das Buch liegt zwischen 4-5 Sterne.

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Ein Buch, das einen atemlos zurücklässt , dessen Sog man sich nicht entziehen kann. Selten hat mich eine Geschichte trotz ihrer schonungslosen Darstellung von Gewalt so in ihren Bann gezogen.
Wut, Hass, Verzweiflung , Gewalt und Trauer kann man förmlich spüren. Alle Zellen des Körpers werden beim Lesen des Buches von diesen Gefühlen durchdrungen. Dieses Buch ist ein Ganzkörpererlebnis, dem man sich nicht entziehen kann.
„Sekunden der Gnade“, wird mich noch lange gedanklich begleiten. Ein wichtiges Buch zum Thema Rassismus , das ich bei all meinen literarischen Abenden vorstellen werde.

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Dennis Lehane ist ein vielbeschäftigter Mann. Gerade ist er extrem im Filmbusiness beschäftigt, als Drehbuchautor und Produzent. So sehr, dass er kaum noch zum „normalen“ Schreiben kommt. Er kokettierte sogar damit, dass „Small Mercies“ (Originaltitel) sein letzter Roman sein könnte. Das wäre natürlich ausgesprochen schade, zählt Lehane doch unbestritten zu den stärksten Genre-Autoren der letzten 30 Jahre, wenn man sich etwa seiner Kenzie/Gennaro-Reihe oder Stand Alones wie „Mystic River“ oder „Shutter Island“ erinnert. Dabei bleibt aber immer eine enge Verbundenheit zu seiner Heimat Boston, die sich auch in seinem neuesten Roman „Sekunden der Gnade“ widerspiegelt, seinem ersten seit knapp 6 Jahren.

Lehane springt in die Vergangenheit, genauer ins Jahr 1974. Seit den Bürgerrechtsgesetzen Ende der 1960er hat sich in Bezug auf die Rassentrennung in Schulen noch nicht wirklich viel getan, sodass nun die Aufhebung gerichtlich angeordnet wird. Zukünftig sollen schwarze Schüler mit Bussen in bisher „weiße“ Schulen gebracht werden und umgekehrt. In Boston waren dies die Foxbury High School mit afroamerikanischer Schülerschaft und die South Boston High School mit der großen weißen Schülerschaft aus einem irisch-geprägten Arbeiterstadtteil. Es gab große Proteste von Seiten der weißen Bevölkerung. Lehane geriet als Kind im Auto seines Vaters in eine solche aufgehitzte Demonstration, wie er im Vorwort schreibt.

Auch die 17jährige Jules Fennessy soll an diesem „Busing“ teilnehmen, sehr zum Missfallen ihrer Mutter Mary Pat, die an den Vorbereitungen der Demonstrationen teilnimmt. Eines Nachts kommt Jules nicht nach Hause. In der gleichen Nacht stirbt ein schwarzer Junge, Augustus Williamson, in einer Bahnstation in South Boston. Ein toter Schwarzer wegen eines Konflikts unter Dealern, wird schnell im Viertel behauptet. Doch die Polizei mit Bobby Coyne als Ermittler findet schnell heraus, dass Williamson lediglich am falschen Ort in South Boston das Auto verreckt ist und anschließend von einer Gruppe Jugendlicher auf den Bahnsteig gejagt wurde. Unter den Jugendlichen angeblich Jules Fennessy. Sie ist aber die einzige, die verschwunden bleibt, die anderen drei tauchen auf und geben sich gegenseitig Alibis. Mary Pat spürt, dass ihrer Tochter etwas passiert ist und wacht aus ihrer Lethargie auf, geht Klinkenputzen, fragt sich durch den ganzen Stadtteil – und bringt damit den lokalen Paten der irischen Mafia gegen sich auf, der aktuell auf weitere Aufmerksamkeit verzichten kann. Doch die Stimmung rund ums „Busing“ schaukelt sich immer auf und Mary Pat ist bereit, aufs Äußerste zu gehen, um zu erfahren, was mit ihrer Tochter passiert ist.

Sie trägt den Mülleimer ins Wohnzimmer und fegt die Bierdosen hinein. Leert die Aschenbecher auf dem Beistelltisch und dem Couchtisch und entdeckt noch einen auf dem Fernseher. Ihr blick fällt auf den Bildschirm und ihr Spiegelbild darin, und sie sieht ein Geschöpf, das sie beim besten Willen nicht mit dem Bild von sich in ihrem Kopf zusammenbringen kann, zu wenig Ähnlichkeit damit hat dieser verschwitzte Trampel in Tanktop und Shorts, mit verfilztem Haar und schlaffem Kinn, der da vor ihr steht. (Auszug E-Book Pos. 66)

Hauptfigur Mary Pat Fennessy ist eine alleinerziehende Mutter, Anfang Vierzig, geschieden. Ihren Erstgeborenen hat sie an eine Überdosis verloren. Ihre Tochter Jules ist 17, mit zunehmend eigenem Kopf. Sehr zum Missfallen ihrer Mutter bewegt sie sich im Dunstkreis des Dealers, der ihrem Bruder den Stoff besorgt hat. Mary Pat lebt seit ihrer Kindheit in South Boston, arbeitet im Lager einer Schuhfabrik, ist fest in der irischen Community verwurzelt und hinterfragt die herrschenden Hierarchien in der Gemeinschaft eigentlich nicht. Als sie allerdings auf eine Mauer des Schweigens stößt und ihr von oben gesagt wird, dass sie keinen Staub aufwirbeln soll, ihr gar Geld übergeben wird, verbunden mit einer unverhohlenen Drohung, die Füße nun endlich still zu halten, macht sie keinen Rückzieher. Mit Vehemenz, Willen, Unerschrockenheit und der Bereitschaft, sich auch die Hände schmutzig zu machen, bohrt sie weiter und trotzt allen Drohungen. Dabei hat sie in Bobby Coyne einen Verbündeten wider Willen. Zudem beginnt sie im Verlauf ihres Feldzugs den Rassismus ihrer Generation und ihrer Gemeinschaft immer mehr zu hinterfragen.

Im Vernehmungsraum B sitzt Ronald „Rum“ Collins auf der anderen Seite des Tischs, und sein Gesicht sieht aus als hätte es jemand zum Golftraining benutzt. […] Aber Vincent hat Bobby schon darauf hingewiesen, dass das Schlimmste unterhalb der Gürtellinie kommt. Rum riecht nach Pisse und auch etwas nach Scheiße, und seine Jeans klebt vor Blut an ihm. (Auszug E-Book Pos. 2417)

Dennis Lehane inszeniert diesen historischen Thriller als Feldzug einer Mutter gegen ein System aus Ignoranz und Gewalt. Der irische Pate sieht sich als Hüter über South Boston, doch niemand hinterfragt das System, das sich vordergründig gesellig und nachbarschaftlich gibt, doch sich hintenrum aus Kriminalität, Gewalt und Rassismus speist und das Viertel in Alkohol, Armut und prekärer Arbeit hält. Kritisieren kann man etwas, dass Lehane sich des „Busing“ nur als Rahmen bedient und die afroamerikanischen Stimmen hier nur am Rande vorkommen (Dann aber durchaus wohlbedacht, etwa bei der Beerdigung des Augustus Williamson). Auch dass Mary Pat es schafft, eine ganze Gang erfahrener irischer Gangster in Bedrängnis zu bringen, kratzt zumindest am Rande der Plausibilität. Doch das ist Klagen auf hohem Niveau, denn wie eigentlich fast immer bringt Lehane die wichtigsten Zutaten souverän zustande: Ein mitreißender, aufwühlender Plot, realistische Figuren, ein starkes Gefühl für Setting und Szenen sowie starke Dialoge. Das alles macht auch „Sekunden der Gnade“ zu einem richtig guten Roman, sodass uns Lesern nur die Hoffnung bleibt, dass der Autor noch nicht ganz ans visuelle Medium verloren ist.

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Brutal

Im Jahre 1974 soll die Rassentrennung in Bostoner Schulen endlich der Vergangenheit angehören. Busse werden schwarze Kinder in weiße Schulen bringen und umgekehrt. Aber die Southie High ist genauso ein Elend wie die Roxbury High, auch bei der weißen Bevölkerung herrschen Gewalt, Drogensucht und Selbstjustiz, der Hass gegen Schwarze ist allgegenwärtig. Als Mary Pats siebzehnjährige Tochter nicht nach Hause kommt, begibt Mary Pat sich auf die Suche und taucht immer mehr ein in einen Ring von Widersprüchen, bis sie zur schrecklichsten Erkenntnis kommt, die es für eine Mutter überhaupt geben kann: Jules wird nie wieder heimkehren.

Neugierig geworden durch die Leseprobe hat mich dann aber doch das Ausmaß an Gewalt und Brutalität überrascht, mit welchem man als Leser konfrontiert wird. Dennis Lehane erzählt eindringlich und ungeschönt, die Atmosphäre im Bostoner Stadtviertel ist mehr als greifbar. Auch Mary Pats Verzweiflung, dass ihr nun nach ihrem Sohn noch die Tochter genommen worden ist, ihre Entschlossenheit, gegen die Übeltäter vorzugehen, ist sehr gut dargestellt. Angepasst an das beschriebene Milieu herrscht eine grobe Sprache vor, alles ist rund und stimmig. Dennoch ist es an manchen Stellen schwierig, weiterzulesen, die bildhafte Vermittlung von rassistischen Szenen, die ja an tatsächliche Vorgänge in Boston erinnern, sind nicht leicht zu verdauen.

Wie Schmerz zu Rache führt, wie Leid Kräfte freisetzen kann, genau das zeigt Dennis Lehane in diesem aufrüttelnden Buch. Nicht ganz mein Geschmack, aber dennoch sehr realistisch und überzeugend.

Titel Sekunden der Gnade
Autor Dennis Lehane
ASIN B0C6FNF591
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (448 Seiten)
Erscheinungsdatum 23. August 2023
Verlag Diogenes
Originaltitel Small Mercies
Übersetzer Malte Krutzsch

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"Sekunden der Gnade" ist mein erstes Buch von Autor Dennis Lehane. Nachdem ich im Vorfeld viel Gutes über seine Bücher gehört habe, war ich entsprechend gespannt auf sein neustes Buch.
Die Thematik bekommt durch die persönliche Notiz des Autors zu Beginn des Buches eine noch viel persönlichere und nahbarere Note, ist jedoch auch ohne diese eine sehr bewegende.
Gnade, wie im Titel suggeriert, habe ich in diesem Buch jedoch keine gefunden. Der Umgang ist rau, die Verhältnisse von Protagonistin Mary Pat ärmlich. Sie ist eine sehr spannede und ausgewogen charakterisierte Hauptperson, die mir wiederwillig ans Herz gewachsen ist. Sie ist eine sehr authentische und vielschichtige Person, deren Komplexität immer wieder durchscheint. In dem Plot ist wenig Raum für Charakterentwicklung, aber dennoch blinzeln auch diesbezüglich hier und da Kleinigkeiten hervor.
Der Spannungsaufbau war für mich sehr gelungen - ich habe das Buch nicht aus den Händen legen können und in einem Rutsch durchgelesen. Mary Pat auf ihrem Rachefeldzug zu begleiten war eine sehr intensive und düstere Erfahrung. Lehane schafft es in diesem Buch hervorragend reale geschichtliche Ereignisse und Realitäten mit seiner geschaffenen Fiktion zu verbinden, so dass ein absolut packender und mitreißender Roman entstanden ist. Die Thematik wird mir auch weiterhin im Kopf bleiben.

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August 1974 in Boston - ein Alptraumsommer für viele, da per Gesetz schwarze und weiße Highschoolschüler per Bus in die jeweils weißen und schwarzen Highschools gebracht werden sollen, um Rassentrennung aufzuheben. Eine riesige Demonstration wird vorbereitet, mittendrin Mary Pat, die ihre 17 jährige Tochter vermisst. Eingebetten in den historischen Hintergrund erzählt Lehane Mary Pats Geschichte, ein Leben voller Gewalt, Wut, Enttäuschung, Trauer und gleichzeitig das der irischen Bewohner des Bostoner Vororts mit all ihren mafiösen Strukturen. Die zweite Hauptfigur Detective Bobby, ebenfalls irischstämmig, arbeitet sich ab im Kampf gegen diese Strukturen, aber versteht, hört zu und findet Worte. Eigentlich der einzige Weg, um das System aus Gewalt und Hass aufzubrechen. Alle Beteiligten können nur überleben durch diese kleinen Momente von Frieden und Gnade, die hin und wieder aufschimmern. Erschütternd ist, dass 50 Jahre später Rassismus und Hass noch immer allgegenwärtig sind, obwohl, wie Lehane sagt, "niemand als Rassist geboren wird".
Ein erschütternd großartiger Roman.

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!ein Lesehighlight 2023!



Klappentext:

„Boston, 1974. Die Stadt kocht. Künftig sollen schwarze Kinder mit Bussen in weiße Schulen gebracht werden und vice versa. Angst geht um und Hass. Eines Nachts kehrt Mary Pat Fennessys 17-jährige Tochter Jules nicht nach Hause zurück. Mary Pat beginnt Fragen zu stellen, stößt auf Schweigen und Widersprüche, bis sie versteht: Man hat ihr das Letzte genommen, was ihr in dieser Welt Halt gab. Außer sich vor Schmerz macht sie sich auf, um Rache zu nehmen an den Verantwortlichen – und um ihre eigene Schuld abzutragen. Um jeden Preis.“



Dieses Mal mein Fazit zuerst: Dieses Buch ist wieder Mal ein typischer Lehane! Seine Geschichte „Sekunden der Gnade“ ist äußerst atmosphärisch und im höchsten Maße emotional. Ein grandioses Buch! 5 Sterne hierfür!

Autor Dennis Lehane hat mit seiner aktuellen Story definitiv keine leichte Kost seinen Lesern beschert. Wer Dehane und seinen Schreibstil kennt, weiß das aber auch. In dieser Story bewegen wir uns in Boston in den anfänglichen 1970 Jahren. Schwarze und Weiße, Rassentrennung sind in den Adern der Menschen fest eingebrannt aber genau das soll sich nun ändern. Die Schulkinder, egal welcher Hautfarbe, sollen gemeinsam in den Schulbussen sitzen. Nun ist endgültig das Pulverfass entzündet! Klüfte tun sich auf, Meinungen werden hinaus geschrien und Rechte wollen verteidigt werden. Allein diese Zeitendarstellung ist Lehane grandios gelungen. Man spürt durch das Buch die beiden Lager aufbrodeln, möchte am liebsten selbst Partei ergreifen, möchte allen am liebsten ins Gewissen reden aber wir sind nur die stille Leserschaft dieser Zeilen. Wir werden des Weiteren mit dem Mutter-Tochter-Gespann Mary Pat (eine äußerst harte Frau in meinen Augen, die keineswegs Ängste scheut) und Jules (in einem Alter, in dem man mit einer gewissen jugendlichen, vielleicht naiven Weitsicht manchmal mehr sieht als die Erwachsenen zu sehen glauben) Fennessys betraut. Um hier im farblichen Spektrum zu bleiben: sie wohnen im weißen Viertel und dieses ist mit den Vorbereitung von Demonstrationen etc. gegen die schwarze Bevölkerung beschäftigt. Lehane führt uns Leser hier wie über ein Schachbrett. Fragt sich nur welche Farbe gewinnt?! Seine Züge in der Geschichte sind bestens austariert und genau beschrieben. Er zeigt dem Leser beide Seiten auf, ist keineswegs wertend und schreit mit jedem verfasstem Wort die Probleme von Damals in das Hier und Jetzt hinaus. Diese sind voller Wut, voller Ärger und auch Hass. Ja, Rassendiskriminierung ist leider noch immer aktuell und es scheint nirgend auf der Welt ein Ende dazu in Sicht zu sein. Egal ob Hautfarbe oder Religion ode sonst etwas. Kurzum: Lehans Geschichte hat an Aktualität keinen Millimeter verloren! Mary Pats Tochter ist verschwunden und wir müssen vom schlimmsten ausgehen - aber lesen Sie selbst. Mary Pat versucht schlussendlich alles um an die Gerechtigkeit zu glauben, nur ist das wirklich die Wahrheit? Das Buch ist jede Seite, jedes Wort wert gelesen zu werden! Es fesselt, es beschäftigt, es rüttelt auf und es hallt im unglaublichen Sinne nach!

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Nimm einer Mutter nicht ihr Kind...

Boston im Jahre 1974. Der Beschluss, die Rassentrennung in den Schulen aufzuheben, stößt auf wenig Gegenliebe. Auf beiden Seiten. Die Stimmung in den Teilen der Stadt kocht über. Mary Pat hat nur noch ihre 17jährige Tochter Jules, ihren Sohn verlor sie an die Drogen und ihr Mann ist seit Jahren fort. Sie arbeitet als Pflegerin. Doch dann kommt Jules nicht mehr nach Hause und ein schwarzer Junge wird tot bei den Gleisen gefunden. Mary Pat macht sich selbst auf die Suche und stellt Fragen. Zu viele Fragen, denn in den Stadtteilen gelten Regeln für die Gemeinschaft. Und die Gemeinschaft darf nicht in Gefahr geraten. Trotz der Warnungen sucht sie weiter und findet Antworten und Zusammenhänge, die ihr gar nicht gefallen. Niemand hilft ihr, die Gemeinschaft wendet sich von ihr ab und Mary Pat sieht rot. Nacheinander nimmt sie sich die, in ihren Augen, Verantwortlichen vor und ist dabei nicht zimperlich. Es gibt Schwerverletzte und Tote und am Ende ist auch sie tot.
Erstaunlicherweise kann man die Handlungsweise von Mary Pat verstehen, man spürt ihre Verzweiflung und ihre Hilflosigkeit, die sich dann in ihrem Rachefeldzug, denn nichts anderes ist das hier, Bahn bricht. Beeindruckendes Buch!

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Ich nutze Netgalley für einen ersten Lesedruck, um dann, im besten Fall, das Buch ganz zu lesen und anschließend zu besprechen!
Nicht immer beeindrucken mich die Bücher positiv.
Dann nehme ich von einer Beurteilung Abstand.
Mein Credo ist eben #liesdichglücklich.
Ein grundsätzliches Dankeschön an den Verlag und Netgalley!

Alle positiven Besprechungen finden sich als Buchempfehlung
bei Instagram #fraumitzopf

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Der Autor von Shutter Island nahm ein persönliches Ereignis aus seiner Jugend zum Anlass, diesen Roman zu schreiben. Ein armes, von Gewalt und Bandenkriegen geprägtes weißes Viertel wehrt sich gegen die geplante Übersiedlung schwarzer Schüler in ihre Highschool. Eine Mutter, die ihr Kind verliert und nicht mehr nach den ungeschriebenen Regel spielen will, die wie selbstverständlich für alle gelten. Ein hartes, schnelles, düsteres und sehr kluges Buch über die berühmten zwei Seiten der Medaille.

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Obwohl ich keine Krimi Leserin bin, fasziniert mich dieses Buch, weil es das Leben in den 70er Jahre in den USA, Boston beschreibt. Die Sozialstudie haut einen teilweise um. Der Kampf, die Aussichtslosigkeit, und die Wut der Protagonistin ist brutal und endlich.

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Southie ist ein Viertel von Boston, in dem Hoffnungslosigkeit und Kriminalität herrschen, aber auch Zusammenhalt und Unterstützung. Allerdings muss man sich an die Regeln des Viertels halten. Als ein Bezirksrichter feststellt, dass schwarze Schüler systematisch benachteiligt werden, soll das Dilemma aus der Welt geschafft werden, indem weiße Schüler per Bus in ein schwarzes Viertel gebracht werden und umgekehrt. Aber Mary Pat hat andere Sorgen. Ihre siebzehnjährige Tochter Jules ist nicht nach Hause gekommen und Mary Pat macht sich auf die Suche. Doch ihre Fragen stoßen entweder auf Schweigen und Beschwichtigungen oder aber es gibt Widersprüche in den Aussagen. Doch Mary Pat lässt sich nicht einlullen. Sie macht sich auf, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen – ganz gleich, was es sie selbst kostet.
Es ist eine spannende, aber auch sehr bedrückende Geschichte. Das Leben im Viertel ist hart. Auch wenn man arbeitet, ist es oft nicht möglich, seine Rechnungen zu bezahlen. So geht es auch Mary Pat. Sie ist ausgelaugt und hat nicht genügend Zeit für ihre Tochter. Aber sie liebt sie.
Es gibt aber auch massiven Rassismus. Wenn etwas schiefläuft im Viertel, können nur die Schwarzen daran schuld sein. Auch die Drogen haben sie nach Southie gebracht und daher sind sie schuld, dass Mary Pats Sohn Noel an einer Überdosis Heroin starb, weil er das in Vietnam Erlebte nicht verkraftet hat.
Auch wenn ich Mary Pats Vorgehen nicht gut finden kann, so kann ich sie dennoch verstehen. Sie hat alles verloren, was ihr wichtig war, daher ist es ihr auch egal, was aus ihr selbst wird. In ihr sind Hass und Gewalt und so manch einer bekommt zu spüren, wie stark sie sein kann.
Doch am meisten hat mir der Detective Bobby gefallen. Er weiß um die Schwächen des Systems und doch setzt er alles daran, Schuldige zu überführen. Er führt einen aussichtslosen Kampf, denn überall gibt es Menschen, welche die Hand aufhalten.
Das Finale ist drastisch, aber leider auch glaubhaft.
Ein erschreckend aktuelles Thema und eine spannende Geschichte, die absolut lesenswert ist.

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“Ich bin mitten in einer sehr rassistischen Gesellschaft aufgewachsen“,

sagt Dennis Lehane und zeigt sich wenig überrascht vom aktuell überall auf der Welt wieder aufbrechenden Rassismus. Für seinen neuesten Roman, Sekunden der Gnade, reist er zurück ins Jahr 1974 – und hält der Gegenwart gleichsam einen ernüchternden Spiegel vor. Die Geschehnisse in Boston in jenem Sommer, bis hin zu brennenden Politikerbildern, kommen einem merkwürdig bekannt vor. Wie da aufgebrachte Eltern gegen einen Bustransfer zwischen bis dato nach Rassen getrennten Schulen protestieren, scheinen „Wutbürger“ und Querdenker nicht weit entfernt; gestern wie heute verteidigen Menschen ihren „Phantombesitz“ (Eva von Redecker) an vermeintlicher Freiheit – die erst verteidigenswert wird, wenn sie einem von anderen gesellschaftlichen Gruppen oder „denen da oben“ genommen werden soll.

“Es sei gegen Gottes Plan, der Menge, einem Stadtteil, einer Kultur, einem Ort des Stolzes und der Ehre Veränderungen aufzuzwingen, um denjenigen entgegenzukommen, die zu schwach oder zu faul sind, sich selbst zu helfen.“


Dennis Lehane: Sekunden der Gnade. Aus dem amerikanischen Englisch von Malte Krutzsch. Diogenes 2023
Kurz: So sehr der Roman in das Zeitkolorit der 1970er eintaucht, so gering ist doch letztlich die historische Differenz.

Sekunden der Gnaden spielt vor dem Hintergrund mächtiger Unruhen in der Bostoner Stadtgesellschaft, nachdem eine richterliche Entscheidung die Stadt zwang, mit Bussen schwarze Schüler an weiße Highschools und umgekehrt zu fahren. „Es war sehr heiß in Boston in diesem Sommer“, heißt es in einer einleitenden historischen Notiz – und Lehane hält mit dem Vergrößerungsglas drauf auf einen Brandherd, der sich im Laufe der Geschichte durch die halbe Stadt wälzen wird. Im Mittelpunkt steht Mary Pat Fennessy – Witwe, weiß, definitiv alles andere als wohlhabend, doch dafür mit einem mehr als eigenwilligen Überlebensinstinkt ausgestattet. Wie man so wird mit einem Sohn, der an einer Überdosis gestorben und zwei Männern, von denen einer gestorben und der andere sie verlassen hat. Mary Pat positioniert sich zu Beginn eigentlich ganz eindeutig im Lager der weißen Mittelschicht und tritt für die Beibehaltung der Rassentrennung an den öffentlichen Schulen. Man möchte ja nicht noch mehr benachteiligt werden. Dafür aber kann sie sich „nützlich machen“ und gegen die Tyrannei durch die Politik kämfen:

“Die da oben schreiben ihr vor, wo sie ihr einziges Kind zur Schule schicken soll. Auch wenn das die Bildung des Kindes und sogar sein Leben gefährdet.“

Das alles aber wird bald das kleinste Problem für Mary Pat sein. Während ein schwarzer Jugendlicher auf einem Bahnhof von einem Zug überrollt wird, verschwindet ihre pubertierende Tochter. Zunächst wartet Mary Pat. Dann beginnt sie zu suchen. Doch irgendwann wächst die Gewissheit, dass die beiden Fälle miteinander zu tun haben – und das ihre Tochter nicht wiederkommen wird. Aus den Ermittlungen auf eigene Faust, bei denen Mary Pat auf sich allein gestellt ist (obwohl die Polizei in diesem Roman durchaus positiv gezeichnet ist), wird bald ein blutiger Rachefeldzug:

“Du hast meine Familie ermordet“, sagt sie leise in der Stille der Garage. „Dafür bringe ich deine um“, verspricht sie ihm.

Das sich zuspitzende Geschehen in den Bostoner Straßen nimmt einem zunehmend den Atem. Das liegt vor allem an der Protagonistin dieses Romans: Mary Pat steckt voller Widersprüche, so dass man ihr bei allem Verständnis und Anteilnahme dennoch nicht über den Weg traut. Ihrem Weg in die Vereinzelung folgt man dennoch ohne Zögern. Indem sie zwischen die Fronten, zwischen Schwarz und Weiß gerät, lösen sich die Gegensätze auf, die feindlichen Linien bröckeln.

“Menschen schließen sich immer nach Prinzipien zusammen. Prinzipien, die nichts mit Liebe zu tun haben, Prinzipien, die sie von persönlicher Verantwortung entbinden,“

heißt es bei James Baldwin. Solange das so ist, solange sich Menschen gegenüberstehen, um ihre Identität in der Abgrenzung von anderen zu festigen, wird es Geschichten wie diese von der verzweifelten Mutter geben, die völlig sinnlos zwischen die Fronten gerät.

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Wut und Härte

In den 70ern herrscht in Amerika noch immer der Rassismus. Dem will die Regierung mit einem Beschluss beikommen, nach dem zwangsweise weiße Schüler in einer schwarzen Schule unterrichtet werden und umgekehrt. Die herbeigeführte Mischung soll das Miteinander fördern, sorgt aber auf beiden Seiten für große Unruhe. De Menschen fühlen sich bevormundet und wollen mit den aus ihrer Sicht "Anderen" nichts zu tun haben. Im Rahmen dieser Unruhen kehrt eines Tages die 17-jährige Jules nicht nach Hause zurück. Ihre irisch-stämmige Mutter macht sich auf die Suche, ohne aber auch nur irgendwie auf eine Spur ihrer Tochter zu stoßen. Ihres einzigen Lebensgrund beraubt, sucht sie weiter nach der Wahrheit und will Rache üben...

Der äußerst erfolgreiche irische Autor Dennis Lehane hat mit "Sekunden der Gnade" einen aus meiner Sicht zwar harten, aber auch sehr berührenden Roman veröffentlicht. Spätestens seit der Verfilmung seine Weltklassiker "Shutter Island" ist Lehane vielen ein Begriff und er erzählt die Geschichte in einem sehr straighten und kompromisslosen Schreibstil, mit dem er aus meiner Sicht hervorragend die besondere Stimmung der damaligen Zeit einfängt. Seine Hauptprotagonistin Mary Pat ist mehr als interessant gezeichnet. Sie hat mit ihrem Schicksal kein leichtes Los gezogen, aber sie hat sich in ihrem Viertel eingerichtet und kommt zurecht. Als ihre Tochter dann spurlos verschwindet zeigt die irische Mutter, dass sie sich durchzusetzen weiß und der Wahrheit immer näher kommt. Das Ganze spielt im historischen Kontext mit dem Kampf in Amerika gegen den Rassismus, ohne aber schon Ansätze auf Erfolg vorzuweisen. Dennoch findet eine Wandlung in Mary Pat statt, die dem Buch aus meiner Sicht auch seinen besonderen Status verleiht. Der Spannungsbogen wird mit der Suche nach Jules sehr hoch gehalten und konnte mich bis zum beeindruckendem Finale in den Bann ziehen.

Insgesamt ist "Sekunden der Gnade" für mich ein tiefgehender und bemerkenswerter Roman über die Entwicklung des Miteinanders unterschiedlicher Ethnien im Amerika der 70er Jahre. Mich hat die Milieustudie mehr als beeindruckt so dass ich das Buch als sehr lesenswert weiterempfehle und folgerichtig mit den vollen fünf von fünf Sternen bewerte

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"Sekunden der Gnade" spielt im Sommer 1974, in den heißen, turbulenten Monaten, in denen die Aufhebung der Rassentrennung an den öffentlichen Schulen der Stadt in Gewalt ausartete. Künftig sollen schwarze Kinder mit Bussen in weiße Schulen gebracht werden und vice versa. Angst geht um und Hass …
Mary Pat Fennessy, zweimal geschieden, lebt mit Ihrer Tochter Jules in den Wohnsiedlungen von „Southie“. Ihren Sohn hat sie erst an Vietnam und nach seiner Rückkehr ans Heroin verloren. Geld für Miete, Strom und Gas ist immer knapp und die Rechnungen werden nach Priorität bezahlt. Mary Pat hat ihr ganzes Leben in „Southie“ verbracht, einer irisch-amerikanischen Enklave, die stur an alten Traditionen festhält und sich stolz vom Rest Bostons abhebt.
Eines Abends geht Jules mit ihren Freund*innen aus und kommt am nächsten Morgen nicht nach Hause. Am selben Abend wird ein junger Schwarzer tot aufgefunden, der unter mysteriösen Umständen von einem U-Bahn-Zug erfasst wurde. Die beiden Ereignisse scheinen nicht miteinander verbunden zu sein, doch Mary Pat, getrieben von der verzweifelten Suche nach ihrer Tochter, beginnt Fragen zu stellen, die Marty Butler, den Anführer der irischen Mafia und seine Männer aufscheuchen …
Als kleine Warnung, muss man sagen, nichts für schwache Nerven – aber eine absolute Leseempfehlung!

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Natürlich sind die Erwartungen hoch bei einem Lehane Titel, da der Autor zu meinen Lieblings Autoren gehört. Der Schauplatz Boston ist beliebt und die historische Notiz hilfreich. Ich habe im Vorfeld ein Interview gelesen und fand den Einstieg gelungen. Besonders die Zeichnung von Mary Pat fand ich gelungen und auch die Gegenüberstellung von Bobby, der Polizist, der mit allen Wassern der gewaschen scheint und die Tücken des Falles sofort erkennt. Meiner Meinung nach verzettelt sich Lehane mit zu vielen Personen und der Erzählfluss wird zunehmend langweilig. Viele Namen, dessen Wichtigkeit ich nicht einordnen konnte und dem Krimi nicht zuträglich sind. Für meinen Geschmack einer der schwächsten Krimis von Lehane und mochte mich nicht zu packen.

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Ein harter Stoff, ein Rückblick in vergangene Zeiten, die sich nur scheinbar geändert haben, Noch dazu spannend erzählt. Dennis Lehane ist zuweilen ein lakonischer Erzähler, dessen Wucht einen aber trotzdem trifft und begeistert.

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Boston, 1974 Die Aufhebung der Rassentrennung an Schulen soll durchgesetzt werden - doch da machen die Reichen nicht mit. So werden die ohnehin schon gebeutelten Besucher der öffentlichen Schulen zerrissen. Die weißen Kinder aus sozial schwachen Strukturen sollen im Abschlussjahr an die bislang schwarzen Schulen gefahren werden und umgekehrt. Alle fürchten sich vor der Gewalt, die ihnen in den fremden Wohngebieten entgegenschlägt. Und auf einmal wird ein schwarzer Junge in der Untergrundbahn tot aufgefunden und ein junges weißes Mädchen verschwindet spurlos. Doch diese Rechnung wurde ohne die wütende Mutter gemacht, die das Verbrechen um jeden Preis aufklären möchte.

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Sekunden der Gnade ist ein gnadenloser Krimi der seinen Lesern vor nichts die Augen verschließen lässt.
Die 70er Jahre in Bosten waren wohl eine Zeit geprägt von Drogen, Gewalt, Rassendiskriminierung.
In dieser Stimmung startet eine Mutter ihren persönlichen Rachefeldzug....

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Dennis Lehanes „Sekunden der Gnade“ spielt 1974 im Bostoner Stadtteil Southie, zu einer Zeit, als die Stadt mit der Aufhebung der Rassentrennung des öffentlichen Schulsystems zu kämpfen hatte. US-Bezirksrichter Arthur Garrity ordnete an, dass afroamerikanische Schüler auf überwiegend weiße Schulen und weiße Schüler auf schwarze Schulen geschickt werden sollten, um Bostons geografisch getrennte öffentliche Schulen zu integrieren, denn die De-facto-Schultrennung in Boston diskriminiere schwarze Kinder.
Für europäische Leserinnen und Leser ist das historische Setting dieses Kriminalromans, mit seinem unerschrockenen Blick auf Rassismus, gepaart mit der bewegenden Geschichte über eine Mutter, die alles verloren hat, eine Herausforderung.
Mary Pat Fennessy ist die zentrale Figur. Ihr Ex-Mann hat sie verlassen, ihr Sohn nach seiner Rückkehr aus Vietnam eine Überdosis Heroin genommen, und ihre Tochter Jules einen Freund, den Mary Pat nicht mag. Eines Nachts geht Jules mit ihrem Freund und einer Freundin aus und kommt nie wieder nach Hause. In derselben Nacht wird ein junger Schwarzer tot auf den Gleisen der U-Bahn aufgefunden, und niemand weiß, was mit ihm passiert ist.
Auf den ersten Blick hängen die beiden Ereignisse nicht zusammen, doch als die verzweifelte Mutter versucht herauszufinden, was Jules in dieser Nacht vorgehabt hat und wo sie war, wird ihr klar, dass es einen Zusammenhang geben könnte. Durch ihre Fragen wird Marty, der Anführer der irischen Mafia auf sie aufmerksam und legt ihr schonungslos nahe, keine weiteren Fragen zu stellen. Auch die Polizei kann ihr nicht helfen.
Temporeich und mit schlüssigem Plot zeigt der Roman auf, dass rassistisches Verhalten scheinbar mehr eine vererbte Angewohnheit, als eine bewusst getroffene Entscheidung ist. Dies wird deutlich durch den Ort des Geschehens, an dem Verbrechen, Rasse, soziale Klasse und Wohnsituation entsetzlich klar miteinander verbunden sind und die Menschen kaum eine Möglichkeit haben, den Kreislauf zu durchbrechen. Und nein, der ermordete junge Afroamerikaner am Beginn des Romans war kein ungebildeter Drogendealer.
Mary Pat ist eine sehr gut gezeichnete Identifikationsfigur des Romans. Ihre innere Zerrissenheit, ihr unbändiger Zorn und ihre Ängste werden von Denis Lehane auf empathische Weise eingefangen.
Für Leser:innen mit starken Nerven eine absolute Empfehlung.

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Rache


Boston 1974. Die Bostoner Politikprominenz befindet es ist Zeit für Veränderungen und beschließt, dass ab jetzt schwarze Kinder eine Schule in einem irischen Viertel Bostons besuchen werden und die irischen Kinder dieses Viertels gehen dann in eine Schule in einem Viertel der Afroamerikaner. Die Gruppen müssen miteinander agieren, so die Politik, eine friedliche Interaktion sei nötig, so die Politik und keine Aggression, wie bisher. Angst geht um und auch der folgenschwere Hass, lange gezüchtet und lange gefüttert. Von vielen Seiten.



Für die irische Mutter Mary Pat Fennessy hat diese politische Entscheidung Folgen. Denn ihre Tochter Jules kehrt nicht mehr heim. Und auch für ihre schwarze Kollegin hat diese Entscheidung Folgen. Der sympathische Polizist Michael Coyne befragt Mary zu den Ereignissen und nach und nach wird der irischen Mutter klarer, dass hier vieles sehr falsch läuft und ihr eigenes Weltbild stürzt langsam in sich zusammen.



„Sekunden der Gnade“ ist eine Geschichte über den Rassismus, ist eine Geschichte über die Armut, ist eine Geschichte über die fehlende Bildung, ist eine Geschichte über die Abgehängten in dieser damaligen Welt. Und es ist eine Geschichte über die möglichen Folgen in diesen vertrackten Lagen, in diesen vertrackten Zeiten. Und damit beginnt die Geschichte nach und nach eine erschreckende Aktualität zu gewinnen und ich wünsche diesem Buch schon deswegen viele Leser.



Mary wird nach und nach klarer, dass ihre eigene Weltsicht, die ihr anerzogen wurde und die sie ungeprüft übernommen hatte der Grund dafür ist, dass ihr das Wichtigste genommen wurde, was man einer Mutter nehmen kann, ihre Kinder. Und sie begreift nach und nach auch ihre Eigenbeteiligung an dieser Situation. Mary reflektiert. Aber sie reflektiert nicht nur. Sie beginnt auch in ihrem irischen Viertel vieles zu hinterfragen und beginnt Wahrheiten zu finden. Bestürzende Wahrheiten. Und nach und nach wird die irische Mutter zu einer rächenden Morrigan.



Dunkel, düster, brutal und ungemein spannend. Lesen! Lesen! Lesen!

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Was ein spannendes und überraschendes Buch!!!!
Wer denkt, dies ist lediglich ein Buch, dass die Kämpfe darstellt, die damit einhergingen, die Rassentrennung in den amerikanischen Schulen aufzuheben, liegt völlig falsch.
Es ist ein unglaublich starkes Sittenportrait der irischen Bewohner von Boston. Die Hauptperson, eine irische Mutter aus der Unterschicht, wird unglaublich rigoros, aber auch nahbar und authentisch dargestellt. Auch wenn man sich von ihr in so ziemlich allem unterscheidet, man fühlt unweigerlich ihren Schmerz, ihre Wut und ihre Trauer über das Verschwinden ihrer Tochter mit. Wie sie sich auf die Suche nach ihr macht und welch schier übermächtigen Gegner (irische Mafia) sie entgegentreten muss, lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Absolute Leseempfehlung!

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Eine beeindruckende Geschichte! Ich finde es großartig und wäre gerne ein wenig wie Mary Pat. Sie ist ehrlich ohne Rücksicht auf Verluste. Wobei sie auch nichts mehr zu verlieren hat. Dabei ist sie aber nicht blind vor Wut, sondern schafft es mit Raffinesse ihr Ziel zu verfolgen!
Großartiger Krimi, der eine tolle Atmosphäre hat.

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Barack Obama veröffentlicht ja regelmäßig seine Leseliste, die in der Regel wirklich gute Romane beinhaltet. Über diesen Weg ist auch Lehanes neuer Roman auf meiner Leseliste gelandet. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ein Buch vordergründig über den Versuch einer amerikanischen Ostküstenstadt, die Rassentrennung an den öffentlichen Schulen zu überwinden, hintergründig über eine gespaltene Gesellschaft und das Leid, das vor allem die People of Colour ertragen mussten. Die Art und Weise, wie Dennis Lehane diesen Plot und seine Charaktere entwickelt, bis sich die am Ende schon fast unerträgliche thematische Spannung entlädt, ist großartig komponiert und ist in sich abgeschlossen logisch, Ich bin sicher, dass auch dieser Roman Lehanes alsbald verfilmt werden wird.

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Boston 1974, es brodelt in der Stadt. Inmitten von Rassenunruhen ereilt Mary Pat ein schwerer Schicksalsschlag. Ihre Tochter, der einzige Mensch, der ihr im Leben geblieben ist, verschwindet spurlos und in ihrem Viertel stößt sie auf eisiges Schweigen. Als sich ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten, beginnt sie einen Rachefeldzug, der eine blutige Spur hinter sich herzieht.

Hass, Wut, Gewalt, Liebe, all das vereint Dennis Lehane in seinem neuen Roman und beschert uns ein wortgewaltiges, bewegendes Drama. Die Geschichte macht sprachlos, wütend und stimmt gleichzeitig nachdenklich. Für mich eines meiner Lesehighlights des Jahres.

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Mein Jahres-Highlight 2023. Sehr atmosphärisch, gute Story, geniale Charaktere (besonders die unsympathische, aber auf eine seltsame Art doch liebenswerte Hauptfigur Mary Pat ist eine Wucht). Lehane hält hier seinen hohen Standard.

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Lehanes "Sekunden der Gnade" konnte mich alles in allem nicht überzeugen. Das historische Thema wiegt schwer und ist nicht zuletzt aufgrund aktueller Entwicklungen und Vorfälle von enormer Wichtigkeit und Brisanz. #Rassismus war nie von der gesellschaftlichen Landkarte verschwunden, bricht sich nun mit ganzer Wucht wieder einmal Bahn.
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Die Umsetzung aber holpert. Zwar zeichnet der Autor spannende Charaktere voller Ambivalenz, manche bleiben jedoch unausgeleuchtet wie Ken Fen. Sprachliche und auch logische Mängel trüben den Leseeindruck.
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Boston, 1974. Die Stadt kocht. Künftig sollen schwarze Kinder mit Bussen in weiße Schulen gebracht werden und vice versa. Angst geht um und Hass. Eines Nachts kehrt Mary Pat Fennessys 17-jährige Tochter Jules nicht nach Hause zurück. Mary Pat beginnt Fragen zu stellen, stößt auf Schweigen und Widersprüche, bis sie versteht: Man hat ihr das Letzte genommen, was ihr in dieser Welt Halt gab. Außer sich vor Schmerz macht sie sich auf, um Rache zu nehmen an den Verantwortlichen – und um ihre eigene Schuld abzutragen. Um jeden Preis.

Das Thema des Buches fand ich zugleich spannend und sehr interessant und wollte das Buch deshalb auch unbedingt lesen. Die Umsetzung ist gut gemacht und sehr authentisch und realitätsnah, manchmal war mir das sogar fast etwas viel, denn die Sprache war schon sehr derb teilweise und das muss man mögen oder zumindest damit klarkommen.

Die Protagonistin ist mir leider in der ganzen Zeit nicht so richtig nahe gekommen,ich wollte so gern mit ihr mitfiebern und das Thema und die Suche sind auch spannend jedoch sind mir die Personen leider eher fremd geblieben.

Fazit: Ein sehr spannendes Thema mit realistischer Umsetzung, die Protagonistin war leider nicht immer ganz meins.

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Was soll man schreiben? Dennis Lehane kann keine schlechten Bücher schreiben. Die Figuren in der Zerrissenheit zwischen Tradition, Verbundenheit mit Freunden und Familie und dem Wunsch ein gutes Leben zu haben sind immer faszinierend - auch hier.

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Das amerikanische Reizthema der Rassentrennung sowie die in vergangenen Jahren wieder zunehmende Segregation an US-Schulen bilden den Hintergrund zu dem im August beim Diogenes Verlag erschienenen Roman „Sekunden der Gnade“ des amerikanischen Schriftstellers Dennis Lehane (58). Zwar wurde bereits 1954 nach der Klage einer afroamerikanischen Mutter die Rassentrennung an den Schulen der Vereinigten Staaten grundsätzlich aufgehoben, doch waren es erst drei Jahre später die „Little Rock Nine“, die neun schwarzen Schüler aus Little Rock (Arkansas), die unter starkem Schutz der Nationalgarde die „weiße“ Little Rock Central High School besuchen durften.
Um die unterschiedlichen sozialen Milieus in den Schulen zusammenzuführen, richteten in den nachfolgenden Jahren viele Städte – oft erst auf Druck der Bundesregierung und der Gerichte – spezielle „Busing“-Programme ein: Schüler aus überwiegend von Schwarzen bewohnten Innenstädten wurden mit Bussen in die Schulen der vorwiegend von Weißen bewohnten Vorstädte gefahren und weiße Kinder und Jugendliche in die von Schwarzen besuchten Schulen der Innenstädte. Im September 1974 wurde Boston, die Heimatstadt des 1965 in der vom Arbeitermilieu irischer Einwanderer geprägten Vorstadt Dorchester geborenen Autors Dennis Lehane, zu einem Widerstandszentrum weißer Vorstadtbewohner gegen das vom Bürgermeister angeordnete „Busing“. Lehane schreibt im Nachwort: „Ich habe die ganze gewalttätige Show hautnah miterlebt.“ Die Einwohner setzten sich vor allem aus rassistischen Gründen gegen diese Integrationsmaßnahmen zur Wehr, gaben allerdings vor, das Absinken des Bildungsniveaus an ihrer Schule zu fürchten. Hören wir nicht aktuell auch in Deutschland nach Anstieg der Schülerzahlen aus Flüchtlings- und Einwandererfamilien immer wieder gerade dieses Argument?
Vor diesem sozialpolitischen Hintergrund des Jahres 1974 spielt der Roman „Sekunden der Gnade“: Die Weißen einer Bostoner Vorstadt sind in Aufruhr aus Angst vor den angekündigten schwarzen Jugendlichen. „Weeze würde sich im Grab umdrehn, wenn sie an der South Boston High School eine Horde Darkies durch denselben Gang laufen sähe wie ihre Enkeltochter.“ Eines Nachts kommt die 17-jährige Jules Fennessy nach einem Treffen mit Freunden nicht nach Hause zurück. In derselben Nacht kommt ein schwarzer Junge ums Leben, als er von vier weißen Jugendlichen vor einen einfahrenden Zug gestoßen wird. Haben beide Vorfälle etwas miteinander zu tun? Gehörte Jules zu diesen Vier? Ihre Mutter Mary Pat sucht sie überall und fragt bei Freunden und Bekannten nach Jules. Zunächst will ihr niemand etwas sagen. Doch dann erfährt sie, dass ihre Tochter in mafiösen Verbrecherkreisen verkehrt hat. Schließlich muss sie erkennen, dass man ihr, die schon einen geliebten Mann und ihren ältesten Sohn verloren hat und vom zweiten Mann verlassen wurde, nun auch noch das Letzte genommen hat, was ihrem Leben Sinn gab. In tiefem Schmerz nimmt sie Rache.
„Sekunden der Gnade“ ist aus mehreren Gründen interessant: Einerseits beschreibt Dennis Lehane aus eigenem Erleben sehr plastisch das soziale Miteinander, die Gefühlswelt der Bewohner sowie den Lebensstandard der weißen Arbeiterschicht: „Bess ist ein zweifarbiger 1959er Ford Country. Sein Heck hängt durch wie ein alter Hundearsch … und den Auspuff halten nur zerfranstes Metzgergarn und schieres Glück.“ Zum Anderen erfährt man viel über die gesamtpolitische Stimmung zu jener Zeit in den USA sowie über das Bemühen schulischer Integration von Schwarz und Weiß. Drittens verbindet Lehane alles in einer spannenden Handlung, geschrieben in lockerer, oft bildhafter Sprache, die schon allein das Buch zu guter Lektüre macht.
Im abschließenden Nachwort warnt Dennis Lehane: „Rassismus ist ein widerwärtiges, krebsartiges Vorurteil, das von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird. Eine Seuche, die demjenigen, der sie in sich trägt, ebenso viel Schaden zufügt wie seinen Opfern.“ Blickt man sich heute auf den Straßen unserer Großstädte um, erschrickt man, wie aktuell dieser Roman trotz seines historischen Hintergrunds auf uns wirken kann.

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