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Goliaths Auge
von Diego Muzzio
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Erscheinungstermin 23.07.2026 | Archivierungsdatum N/A
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Zum Inhalt
Edinburgh in den 1920ern: Der Psychiater Dr. Pierce erprobt innovative Hypnosemethoden an seinen Kriegsversehrten Patienten, als eines Nachts der Vorstand des Northern Lighthouse Board an die Pforten...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Hardcover |
| ISBN | 9783866487581 |
| PREIS | 22,00 € (EUR) |
| SEITEN | 205 |
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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
"Goliaths Auge" von Diego Muzzio ist ein kurzer Roman mit 205 Seiten, der es aber in sich hat! Ich liebe die Bücher aus dem mare-Verlag und wurde auch hier nicht enttäuscht!
Dr. Pierce ist Psychiater einer Nervenheilanstalt in den 20er Jahren. Er arbeitet mit neuen Hypnosetechniken und will dazu auch Vorträge halten und ein Fachbuch herausbringen. Ihm wird vom Vorstand des Northern Lighthouse Board ein neuer Patient gebracht der seltsame Verhaltensweisen aufweist. Er ist Ingenieur und war zuletzt als Inspekteur auf dem Leuchtturm Goliaths Auge eingesetzt. Seit er von dort zurückgekehrt ist und von seiner Zwangsjacke befreit wird, wirft er sich auf den Boden und beginnt mit Schwimmbewegungen. Er ist nicht ansprechbar, einzig sein Tagebuch gibt Einblick in seine Erlebnisse in Goliaths Auge und sein Leben.
Wir begegnen in diesem Roman Dr. Pierce und dem Ingenieur Bradley, den beiden Hauptprotagonisten. Ansonsten kommt der Roman mit wenigen Personen aus. Dr. Pierce hat im Krieg eine Verletzung durch einen Granatsplitter erlitten. Da dieser Splitter immer noch in seinem Kopf sitzt, leidet er an immer wieder auftretenden Schmerzen, die er mit Morphium bekämpft. Ingenieur Bradley lernen wir nicht nur als Patient, sondern auch durch sein Tagebuch kennen. Diego Muzzio schildert beide Persönlichkeiten sehr genau und ich konnte mich gut in sie hineinversetzen. Das langsame Abgleiten aus der Einsamkeit in den Wahnsinn Breadleys ist hervorragend ausgearbeitet und treibt den Lesenden doch den einen oder anderen Schauer den Rücken herunter. Die Beschreibungen des Meeres, des Leuchtturms und der Einsamkeit sind sehr atmosphärisch. Ohne jeden Sozialkontakt auf einer einsamen Insel in einem maroden Leuchtturm, grausam! Beide Charaktere kämpfen dazu noch mit ihren Kriegstraumata.. Während der Lektüre wurde mir an manchen Stellen nicht wirklich klar, was jetzt eigentlich Wahn, Halluzination oder Wirklichkeit ist und genau das macht den Roman auch aus!
Das Cover mit dem wellenumtosten Leuchtturm und dem Albatros, der um den Leuchtturm kreist passt hervorragend zum Roman und vermittelt die Düsternis , in der sich Bradley befindet.
Ich werde über diesen Roman sicher noch lange nachdenken und ihn auch mit etwas Abstand noch einmal lesen. Dieser Roman beschäftigt die Lesenden auch über das Ende hinaus und ist auf jeden Fall empfehlenswert und bekommt von mir 5 Sterne!
Schon nach den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, selbst durch den kalten Nebel des Edinburghs der 1920er zu tappen – hinein in eine Geschichte, die mich langsam, aber gnadenlos verschlungen hat. Diego Muzzio schreibt nicht einfach einen Psychothriller, er baut eine Atmosphäre auf, die sich wie feuchte Kälte unter die Haut schiebt. Alles wirkt zunächst kontrolliert, rational, beinahe klinisch – und genau deshalb trifft einen der schleichende Wahnsinn umso härter.
Im Zentrum steht ein verstörter Ingenieur, der von einer abgelegenen Insel irgendwo am Ende der Welt zurückkehrt. Was dort in und um einen einsamen Leuchtturm geschehen ist, entfaltet sich Stück für Stück über Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen und die obsessiven Nachforschungen eines Psychiaters, der selbst mehr Narben mit sich herumträgt, als er wahrhaben will. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Arzt und Patient, zwischen Beobachter und Opfer immer mehr. Irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, wem oder was ich eigentlich noch trauen sollte.
Besonders die Passagen auf dieser windgepeitschten Insel haben mich komplett gepackt. Der Leuchtturm wirkt wie ein lebendiges Wesen – umgeben von tosenden Wellen, kreischenden Vögeln und einer bedrückenden Einsamkeit, die langsam jede Vernunft zerfrisst. Überall hängen Schatten der Vergangenheit, Schuld und Kriegstraumata in der Luft. Das Ganze erinnert stellenweise an einen gotischen Albtraum: Nebel, Isolation, Halluzinationen, verstörende Figuren. Und trotzdem bleibt die Geschichte erschreckend realistisch. Gerade das macht sie so intensiv. Hier braucht es keine Monster, weil die eigentlichen Abgründe längst im Menschen selbst lauern.
Was mich besonders beeindruckt hat, war diese permanente unterschwellige Spannung. Muzzio erzählt ruhig, fast hypnotisch, und genau dadurch entsteht dieses Gefühl, dass jederzeit alles kippen könnte. Die Angst kommt nicht mit einem Knall, sondern kriecht langsam näher. Ich hatte ständig das Gefühl, selbst den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Gleichzeitig steckt unglaublich viel Menschlichkeit in dem Roman. Hinter all der Dunkelheit geht es um Schuld, Verlust, verdrängte Traumata und den verzweifelten Versuch, dem Tod irgendeinen Sinn abzuringen. Jede Figur wirkt beschädigt, jede versucht auf ihre Weise, mit dem Grauen des Krieges weiterzuleben – oder eben daran zu zerbrechen.
Und dann dieses Ende. Lange dachte ich zu wissen, wohin die Geschichte führt, bis mir der Roman im letzten Moment noch einmal den Boden weggezogen hat. Genau diese Mischung aus psychologischem Horror, literarischer Eleganz und bedrückender Atmosphäre hat mich komplett begeistert.
Für mich war „Goliaths Auge“ kein klassischer Horrorroman, sondern ein düsterer, hypnotischer Trip in die tiefsten Winkel der menschlichen Psyche – intensiv, verstörend und noch lange nach der letzten Seite spürbar.
Dr Edward Pierce, Leiter des Sanatoriums St. Batholomew für schwer traumatisierte Veteranen des Ersten Weltkriegs, war sowohl Psychiater als auch Patient. 1916 war er mit einer nicht operablen Kopfverletzung von der Schlacht an der Somme zurückgekehrt. Pierce behandelt Patienten mit Kriesgsneurose/Shellshock/PTBS durch Hypnose und sucht damit die Anerkennung von Kollegen aus den Nachbarländern. St. Batholomew liegt nahe Edinburgh, aber so versteckt, dass die Patienten – alle aus wohlhabendem Hause – vor der Welt verborgen werden. Pierces neuester Patient David Bradley, genannt „der Ingenieur“, wird von seinem Vetter und Pflegevater eingeliefert. Wie der ältere Herr Stevenson entstammt also auch Bradley einer Dynastie von Leuchtturmbauern. Bradley war nach seinem Kriegseinsatz vom Northern Lighthouse Board nach Patagonien entsandt worden, um einen außer Dienst gestellten Leuchtturm zu überprüfen, den Institutionen mehrerer Länder wieder in Betrieb nehmen wollen. Wenn die an der Küste von Tierra Del Fuego dem Meer zugewandten Leuchttürme die Hölle sind, dann ist dieser äußerste Turm „Goliaths Auge“ die schlimmste unter den Höllen, munkelte man.
Bradley wurde vermutlich retraumatisiert, als er befürchten musste, auf dem Felsen am Ende der Welt mit einem kärglichen Vorrat an Lebensmitteln zu verhungern. Ihm erscheint dort im Wahn ein berüchtigter Mörder und er kann nicht anders, als an den Vorfall auf Eilean Mór zu denken, dessen Besatzung einfach verschwand.
Fazit
Diego Muzzios Roman besteht aus drei Kapiteln: Vorstellung Bradleys/Patientenname „der Schwimmer“, dem Dr. Pierce vorliegenden Tagebuch Bradleys, und dem Zusammenführen der Figuren und Handlungsstränge. „Goliaths Auge“ lässt sich als Schauerroman lesen, bietet jedoch weit mehr miteinander verknüpfte Themen. Beginnend mit dem versehrten Pierce, der sich in seinen traumatisierten Patienten gespiegelt sieht und wie sie scharf an der Drogenabhängigkeit entlang balanciert, über das Wegsperren einer Generation entstellter Kriegsopfer bis zur fachlichen Auseinandersetzung Pierces - ausgerechnet - mit einem deutschen Lektor, der über seine Veröffentlichung zu entscheiden hat. Das Leuchtturm-Thema dient eher als Kulisse, so dass ich den Roman an Medizingeschichte interessierten Leser:innen empfehle, die sich gegenüber Schicksalen mental versehrter Kriegsteilnehmer gewappnet fühlen.
Karsten Z, Buchhändler*in
Ich war sehr neugierig, als ich diesen Titel in der Vorschau gesehen habe. Ich lese sehr gerne Romane von nichteuropäischen Autoren. Zeit und Ort der Handlung haben mich auch sofort angesprochen und ich sollte auch nicht enttäuscht werden. Am Anfang hatte ich sofort den Eindruck, ich würde einen klassischen Schauerroman lesen. Die Handlung spielt in einer psychiatrischen Anstalt in England, deren befremdliche Welt und seine absonderlichen Insassen zunächst beschrieben werden. Der Hauptcharakter ist ein Psychiater, der seine Behandlungsmethode beweisen will. Und natürlich wird sein neuer Patient, der Ingenieur, ihm nachts vorgestellt.
Im zweiten Teil wird einem das Tagebuch des verrückt gewordenen Ingenieurs präsentiert. Die für ihn fremde Welt in Argentinien wird ausdrucksstark dargestellt und dann geht es weiter zu Goliaths Auge, dem Leuchtturm fernab der Zivilisation, wo er Wochen allein verbringen wird. Nach und nach driftet er in den Wahnsinn ab, was faszinierend dargestellt wird. In den ersten beiden Teilen des Buch merkt man, wie gut der Verfasser Psychologie und den Großen Krieg recherchiert hat und auch die argentinischen Anekdoten kann ich mir als real geschehen sehr gut vorstellen.
Dem dritten Teil konnte ich leider nicht mehr ganz folgen. Das Leben des Psychiaters kollabiert. Es kommt zur anschließenden Katastrophe, die jedoch auch eine Art der Erlösung sein könnte. Hier fehlt mir aber ein klarer Auslöser des Untergangs, der sich wie ein Fluch über den Psychiater ausbreitet. Ich freue mich sehr auf die Diskussion mit meinem Kollegen, den ich schon vom Inhalt des Buchs begeistern konnte und der es nun ebenfalls lesen möchte.
Insgesamt fand ich den Roman atmosphärisch gut und anspruchsvoll geschrieben sowie sehr gut recherchiert. Eine Kaufempfehlung für Leser der gehobenen Literatur.
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