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Mit einem Fuß im Paradies
von Ron Rash
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Erscheinungstermin 06.05.2026 | Archivierungsdatum N/A
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Zum Inhalt
»Einer der besten lebenden englischsprachigen Autoren.«
Richard Russo
South Carolina
, Anfang der 1950er-Jahre. Sheriff Will Alexander weiß, dass der
im ganzen Tal bekannte Schläger und Störenfried Holland Winchester
ermordet
worden ist – sein Problem ist nur, dass er trotz intensiver Suche auf den von Dürre
geplagten Feldern
weder eine Leiche noch hilfreiche Zeugen
finden kann.
Mit präziser und zugleich geradezu urwüchsiger Sprache erzählt
Ron Rash
aus vier
verschiedenen Perspektiven das
Drama eines Ortes
und von den Konflikten einer
alteingesessenen Gemeinschaft …
»Einer der besten lebenden englischsprachigen Autoren.«
Richard Russo
...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783747207666 |
| PREIS | 24,00 € (EUR) |
| SEITEN | 250 |
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Buchhändler*in 417987
Zuerst fiel mir das Cover ins Auge, und ich fühlte mich sofort an den "Friedhofswärter" von Ron Rash erinnert. Umso größer war meine Freude, als es tatsächlich endlich ein neues Buch von diesem Autor war, nach 2 Jahren Wartezeit!
"Mit einem Fuß im Paradies" hat mich wieder von der ersten Zeile an gefesselt.
Ron Rash erzählt die Geschichte auf seine ruhige, aber sehr bildgewaltige Art. Es ist kein Krimi. Der Mord ohne Leiche ist nur der Auftakt, und der verschwundene Holland Winchester, der nur von seiner Mutter wirklich betrauert wird, ist auch nicht die Hauptperson. Es gibt nicht die eine Hauptperson, sondern 5 in ebenso vielen Kapiteln. Sie erzählen ihre eigene Sicht auf das Geschehen. Es geht um Schuld und Sühne, Vergebung, Verzweiflung und Zorn. Die scheinbar unbedeutenden Nebenpersonen tragen wesentlich zum starken Gesamtbild des Buches bei, die Verflechtungen aller miteinander, die starke Verwurzelung mit dem Land und der drohende Bau des Staudammes.
Nachdem ich das Buch in kürzester Zeit verschlungen hatte, musste ich es erst einmal sacken lassen und meine Eindrücke beim Lesen verarbeiten. Über den Inhalt will ich gar nicht weiter reden, das könnte sonst in einem Spoiler enden. Die Inhaltsangabe ist aussagefähig genug.
Eine klare Leseempfehlung von mir! Und ich freue mich jetzt schon auf das nächste Buch von Ron Rash!
Sheriff Will Alexander hat gerade andere Sorgen als eine Vermisstenmeldung, als Anfang der 1950er das Jocasee-Tal in South Carolina vor seiner Flutung geräumt werden muss und damit die Arbeit von Generationen von Bauern zunichte gemacht wird. Will stammt von der ersten Generation schottischer Einwanderer ab, die hier unter Cherokee siedelten. Seine Familie zählte sich zu den Erfolgreichen, weil sie ihr Land gekauft hatten und nicht mehr als Pächter arbeiten. Sein Vater und sein Bruder arbeiten bis heute als Farmer.
Als Holland Winchester nicht nachhause kommt, ist dessen Mutter überzeugt, er wäre tot, sie hätte den Schuss gehört und wüsste, wer geschossen hat. Statt die Umsiedlung zu organisieren muss Will nun einen Suchtrupp sammeln; denn ohne Leiche keine Anklage. Der verdächtige Billy Holcombe ist ein entfernter Cousin des Sheriffs und direkter Nachbar des Schlägertyps Holland. Dass Billy als Kind als einziger im Dorf an Polio erkrankte, wird in der Gemeinde als Bestätigung gesehen, dass manche Familien jedes Unglück anziehen und eben zwangsläufig von Blitz, Hagel, Schädlingen und Viehkrankheiten heimgesucht werden. Der Sheriff ist Veteran des Korea-Kriegs (1950-53), verheiratet mit der Tochter des Dorfarztes und kinderlos. Er zählt sich zu einer Männergeneration, die in Korea Auge in Auge mit „dem Feind“ aus Pflichterfüllung getötet hat und sich in alte Kameraden einfühlen kann. Als junger Mann wollte Will mit einem Sportstipendium studieren, das jedoch gekündigt wurde, als er sich beim Football eine Sportverletzung zuzog. Dass seine Tätigkeit als Sheriff in seinem Heimatort eher eine Notlösung ist, könnte man daraus schließen, dass Will intensiv über die Geschichte seiner Vorfahren in dieser Region forscht.
Erzählt werden die Ereignisse der 1950er in Ron Rashs Roman-Erstling aus der Ichperspektive von Will Alexander, dem Verdächtigen Billy, seiner Frau Amy, ihrem Sohn und dem stellvertretenden Sheriff. Die Handlung verläuft vom Verschwinden Hollands, zur Vorgeschichte der Männer und ihrer Familien bis in die Gegenwart, in der sie von ihrem Land, ihrem Wald und dem Fluss ihrer Kindheit Abschied nehmen müssen. In Will Alexanders Ermittlungen zu Hollands Verschwinden treffen nicht nur zwei ebenbürtige Gegner aufeinander, die fähig sind, in Pflichterfüllung zu töten, beide Paare sind betroffen von unerfülltem Kinderwunsch (Holcombe) und glückloser Schwangerschaft (Alexander). Ein besonders tragisches Schicksal dort, wo es als Gottes Strafe angesehen wurde.
Für die Zeit der Handlung in den 1950ern blickt Ron Rash ungewöhnlich tief in die Psyche der beiden betroffenen Männer. Das Schicksal beider Paare wird ausgiebig betratscht, wie zu erwarten war. Allein Amy Holcombe erhält jedoch Unterstützung durch die Hebamme und Kräuterkundlerin „Witwe“ Geldower. Ungeplant kinderlosen Männern bleibt dort in den Appalachen nur, brav die Tees trinken, die ihre Frauen von der „Witwe“ erhalten. Wir befinden uns in einem Land, in dem das gesetzliche Verbot einiger Staaten erst 1971 endgültig abgeschafft wurde, Informationen über die weibliche Fruchtbarkeit per Post zu versenden. Wer offiziell nichts über Schwangerschaften wissen durfte, war auf Hexen wie die „Witwe“ angewiesen, die wiederum aus der Gemeinschaft ausgeschlossen lebte.
Fazit
Durch die gegensätzlichen Tonlagen der Erzählerstimmen wirkt „Mit einem Fuß im Paradies“ für die prüden 50er Jahre als Zeit der Handlung ungewöhnlich offen, lebendig und detailreich. Sich aus der Gegenwart in die Emotionen einer um 1920 geborenen Männergeneration (der von Rashs Vater) und deren vergeblichen Kinderwunsch zu versetzen, finde ich gewagt, das Wagnis jedoch umso berührender. In der aktuellen Literatur besteht für die Teilhabe aus männlicher Sicht durchaus Gleichstellungsbedarf.
Hitze, Schweigen und ein offenes Geheimnis
Ein Roman mit ruhiger Spannung und menschlicher Nähe
Eine trockene Gegend, viel Hitze und ein Ort, an dem jeder jeden kennt. Schon am Anfang liegt etwas in der Luft, das nicht richtig greifbar ist. Es passiert nicht viel auf den ersten Blick, aber genau das macht die Stimmung aus.
Im Mittelpunkt steht ein Mann, der verschwunden ist. Kein angenehmer Mensch, eher einer, der im Ort Angst und Ärger hinterlassen hat. Der Sheriff versucht herauszufinden, was passiert ist, aber es gibt keine klare Spur. Niemand sagt wirklich offen, was er weiß.
Die Geschichte wird aus mehreren Blickwinkeln erzählt. Dadurch entsteht Stück für Stück ein Bild, das sich langsam zusammensetzt. Vieles bleibt dabei unausgesprochen. Genau das passt zu diesem kleinen Ort, in dem jeder vorsichtig ist mit dem, was er sagt.
Die Stimmung bleibt ruhig, fast gedrückt. Die Hitze, die Felder und dieses ständige Misstrauen sind immer spürbar. Es ist keine laute Geschichte, eher eine, die sich langsam festsetzt.
Die Sprache ist einfach gehalten, ohne viel Drumherum. Gerade das wirkt hier sehr passend, weil es nichts beschönigt und trotzdem viel Raum für eigene Gedanken lässt.
Am Ende bleibt ein stiller, runder Eindruck. Vieles wird nicht vollständig erklärt, aber genau das passt zu dieser Geschichte und diesem Ort.
Es ist kein schneller Krimi, sondern ein ruhiges Buch, das mehr über Menschen erzählt als über den Fall selbst.
5 Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die ruhige Geschichten mögen, die sich langsam entfalten und lange nachwirken
Rezensent*in 427080
Ein Ort für die Verlorenen
Mit einem Fuß im Paradies von Ron Rash ist ein raffiniert komponierter Südstaatenroman. Ein Mann namens Holland Winchester ist verschwunden, vermutlich ermordet.
Die Handlung wird von verschiedenen Personen erzählt, die mit dem Verschwinden von Holland zu tun haben. Das ist zuerst der Sheriff, dann die Frau, die mit Holland eine Affäre hat, dann ihr Ehemann und schließlich der Sohn sowie der Stellvertreter des Sheriffs.
Aus den ganzen Abschnitten ergibt sich langsam ein Gesamtbild. Es ist leicht filmisch gestaltet.
Es gibt zwar einen Mord, aber für mich ist es nicht wirklich ein Kriminalroman. Vielmehr ist es ein Gesellschaftsporträt der Menschen, die in South Carolina leben.
Das ist schon sehr gut gemacht, obwohl ich lange Passagen auch mit Gleichmut las. Es ist ein kühles Südstaatendrama.
Simone F, Rezensent*in
Vor zwei Jahren war „Der Friedhofswärter“ von Ron Rash eines meiner Highlights, und so war ich sehr gespannt auf „Mit einem Fuß im Paradies“. Auch wenn es erst jetzt auf Deutsch erscheint, handelt es sich hierbei um das Debüt des Autors aus dem Jahr 2002. Es spielt ebenfalls Anfang der 50er Jahre vor dem Hintergrund des Korea-Krieges in den Südstaaten, diesmal in South Carolina.
Holland Winchester, ein junger Heißsporn, Korea-Veteran und ortsbekannter Raufbold, wird vermisst. Seine Mutter ist fest davon überzeugt, dass er ermordet wurde, und Sheriff Will Alexander glaubt ihr. Er ahnt auch, von wem und warum, doch kann es nicht beweisen. Trotz großangelegter Suchaktionen in der erbarmungslosen Sommerhitze bleibt Holland verschwunden.
Auch wenn es auf den ersten Blick wie ein Krimi klingt, „Mit einem Fuß im Paradies“ ist keiner. Ron Rash erzählt den Fortgang der Handlung aus insgesamt fünf Perspektiven und spielt hierbei seine große Stärke aus: Mit klarer, bildhafter Sprache erweckt er nicht nur die einzelnen Charaktere zum Leben, sondern zeichnet ein detailliertes, atmosphärisches Bild der Landschaft und der Bewohner im Tal, ihrem Glauben und Aberglauben und den gesellschaftlichen Mechanismen, denen keiner entfliehen kann. Beim Lesen hatte ich alles so klar vor Augen, als wäre ich vor Ort: Die sengende Sommerhitze, das harte und arbeitsreiche Leben auf der Farm, und die Menschen, die seit Generationen dort verwurzelt sind. Die Eltern werden noch mit Madam und Sir angesprochen, im Dorf wird getuschelt und getratscht, man erzählt sich Schauermärchen über Hexen und Teufel. Eine Generation gefühlt zwischen Mittelalter und Moderne, kurz vor dem Untergang der alten Zeit, eine Zäsur, die durch die bevorstehende Flutung des Tals für einen geplanten Stausee auch landschaftlich sichtbar wird.
Ron Rash entwirft komplexe Charaktere, die gefangen sind in Tradition, Rollenbild und Glauben, moralisch hin- und hergerissen, die das Richtige tun wollen und dennoch straucheln.
Ich konnte „Mit einem Fuß im Paradies“ nicht aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch gelesen. Es hat mich ebenso begeistert wie „Der Friedhofswärter“ und ich hoffe sehr, dass weitere Werke von Ron Rash bald ins Deutsche übersetzt werden. Von mir eine große Leseempfehlung!
Mit einem Fuß im Paradies ist ein Roman von Ron Rash, der Anfang der 1950er-Jahre in South Carolina spielt und nun auch in Deutschland verlegt wurde. Dies war mein erster Roman von Ron Rash, im US sprachigen Raum hoch dekoriert, hierzulande wohl nicht soooo bekannt, war ich in der Tat tief beeindruckt von seinem Werk....: Was für ein Ende, was für ein dichter und tief unter die Haut krabbelnder Roman. Zuerst gibt er sich als solch packendes Werk erst gar nicht zu erkennen, aber ich kann nur sagen im Verlauf wird man gepackt, und am Ende ist im wahrsten Sinne des Wortes die Erde umgedreht, und nichts mehr wie es scheint ...ob die Guten nun wirklich die Guten bleiben und böse wirklich böse ist muss jeder für sich selbst entscheiden. Mich hat der Autor wirklich tief beeindruckt. Sein Erfolgsroman Serena ist mit großem Star-Aufgebot ja verfilmt worden und ich denke ich werde mir diesen auf jedem Fall streamen.
Die Geschichte handelt von einem Mord in einer Hillibilly Kleinstadt, der aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Das Buch thematisiert Schuld, Vergebung und das Schweigen der Menschen. Sheriff Will Alexander ist von den Mord an dem Schläger Holland Winchester überzeugt und sucht nach seinen Mörder. Der Roman bietet einen tiefen Einblick in das Leben einer alten Gemeinschaft und deren Umgang mit einem Verbrechen, von Autor wundervoll umrissen in einem atmosphärisch, sprachlich dichten psychologisch tiefgründigen Stil. Wie gesagt, ich habe schon lange kein so gutes, markantes Buch mehr gelesen und bin sehr beeindruckt.
In der Hitze des Tals, ein Roman mit großer erzählerischer Sogwirkung
Der Autor versteht es den Leser in einer klaren, unaufgeregten, aber bildgewaltigen Sprache mit nach South Carolina zu nehmen. Draußen, außerhalb einer Kleinstadt stehen Farmen, auf denen sich die Bewohner abmühen dem Land etwas abzugewinnen. Es gibt wenig Regen, wenn er kommt ist er gewaltig, die Menschen leben ihr einfaches Leben in der flirrenden Hitze. Es beginnt damit, dass der stadtbekannte Schläger Holland Winchester gerade aus dem Krieg heimgekommen, von seiner Mutter als vermisst gemeldet wird. Wobei sie sicher ist, dass er tot und von dem Nachbarn Billy Holcombe umgebracht worden ist. So macht sich der Sheriff auf, dem nachzugehen. Was anfangs wie ein Krimi klingt, entwickelt sich schnell zu einer Gesellschafts-Studie. Nicht nur die Suche nach der Leiche geht voran, sondern die Hintergründe werden erzählt und zudem auch in die Zukunft geblickt wird, denn das Tal der Kleinstadt und der Farmen soll überflutet und ein Staudamm gebaut werden. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven (also von unterschiedlichen Personen) weitererzählt. Den besonderen Reiz hat für mich ausgemacht, dass ich nicht wusste, wer denn erzählen wird. Es findet sich im Buch kein Seitenregister. Und was ich gelesen habe, war wirklich spannend, trotz der unaufgeregten Sprache. Der Autor versteht es einen Sog zu entwickeln und am Ende schließt sich auch der Kreis. Ein wirklich tolles Buch, was ich sehr gerne weiterempfehle.
Für mich wirkt stark die Erzählweise aus den vier Perspektiven. Jede Stimme trägt ihre eigene Wahrheit, ihre eigenen Verletzungen, ihr eigenes Schweigen. Sheriff Will Alexander, der unbeirrbar sucht und doch immer wieder an die Grenzen einer Gemeinschaft stösst, die mehr verschweigt als sie sagt. Amy, die junge Farmerin, deren Leben von Härte und Pflicht geprägt ist. Billy, ihr wortkarger Mann, der mehr fühlt, als er zeigen kann. Und der Prediger, der zwischen Moral und Loyalität taumelt. Diese Vielstimmigkeit macht den Roman zu einem psychologischen Kammerspiel, das sich langsam, aber unerbittlich zuspitzt. Rashs braucht keine grossen Gesten, um die Gewalt sichtbar zu machen, die in diesem Tal unter der Oberfläche brodelt. Die Dürre wird zum Spiegel der inneren Verhärtungen, der unausgesprochenen Schuld, der alten Feindschaften. Was mich besonders berührt hat, ist die stille Traurigkeit, die über allem liegt: das Wissen, dass dieser Ort, mit all seinen Geschichten, Fehlern und Menschen, bald im Wasser eines Stausees verschwinden wird. Es ist ein Roman über Verlust, über das Schweigen, das Familien und Gemeinschaften zerstört, und über die Frage, ob Wahrheit immer Erlösung bringt oder manchmal nur neue Wunden reisst. Ein intensives, atmosphärisch dichtes Buch, das lange nachhallt, gerade weil es so leise erzählt ist.
Mein Lese-Eindruck:
Ron Rash: ein großes Dankeschön an den Verlag ars vivendi, dass er deutschen Lesern nun auch das Debut dieses außergewöhnlichen Erzählers zugänglich macht!
Ron Rash entführt seine Leser in seine Heimat, nach South Carolina, in ein Tal, dass die Indigenen „Das Tal der Verlorenen“ genannt haben, in dem sich Schicksale von alttestamentarischem Ausmaß abspielen.
Das Figurenensemble ist überschaubar. Holland Winchester bewirtschaftet wie sein Nachbar Billy Holcombe eine Farm, von deren Erträgen sie mehr schlecht als recht leben können. Er ist hochdekorierter Korea-Kriegsteilnehmer, aber er hat Probleme, seinen Platz in einer zivilen Welt zu finden. Auch sein Nachbar hat eine problematische Biografie, weil er als Kind an Polio erkrankte und unter den Spätfolgen leidet. Seine Frau Amy wiederum trifft eine wichtige Entscheidung und setzt damit eine dramatische Handlung in Gang, deren Ausgang sie nicht mehr kontrollieren kann.
Ron Rash lässt seine Figuren ihre Geschichten selber erzählen. In fünf Perspektiven (Sheriff, Billy, Amy, deren Sohn Isaac und schließlich der stellvertretende Sheriff) entfaltet er eine eindringliche Geschichte um Liebe, um das Leben mit einer Lüge, um Aberglauben, um Verschweigen und Verdrängen, um Hoffnungen und Lebensträume, um innere Konflikte und menschliche Abgründe.
Das Leben aller dieser Menschen ist hart und arbeitsreich, ihr Überleben hängt von den Unwägbarkeiten der Natur ab und erscheint immer wieder gefährdet. Dennoch lieben sie ihr Land: sie stehen mit einem Fuß im Paradies. Aber eben nur mit einem einzigen Fuß.
Die Bedrohung des Paradieses besteht nicht nur in dem Leben mit einer Lüge, sondern auch konkret in dem Vorhaben einer Stromgesellschaft, das Tal zu fluten und in einen riesigen Stausee zu verwandeln. Schließlich endet das Paradies in einer biblisch anmutenden Sintflut, die den Farmern nicht nur ihre Heimat nimmt, sondern auch die bisher verschwiegenen Geheimnisse ans Licht holt.
Der Roman ist weniger ein Krimi, wie es der Klappentext vermuten lässt, sondern eine eindringliche Charakterstudie der verschiedenen Personen. Ron Rash dringt tief in ihre Psyche ein und macht ihr Handeln nachvollziehbar. Dabei bleibt seine Sprache immer klar und knapp, kein Wort ist zu viel, und mit kräftigen Bildern erzeugt er eine ungemein eindringliche Dichte der Erzählung. Einer Erzählung, deren moralische Tiefe sich dem Leser langsam erschließt, wobei der Autor das Urteil dem Leser überlässt.
Ein wunderbares Stück Literatur.
Große Lese-Empfehlung!
5
Nachdem "Der Friedhofswärter" eines meiner überraschenden Highlights im letzten Jahr war, war ich erfreut über eine weitere Übersetzung von Ron Rash. Zwar bin ich keine begeistere Krimileserin, dachte mir bei diesem Buch jedoch, dass ich mir von dem Autor jedes Genre servieren lasse. Etwa ab der Hälfte fragte ich mich ohnehin, ob das trotz der Handlung überhaupt ein Krimi ist. Zwar gibt es einen Mordfall, einen ermittelnden Sheriff, aber die Geschichte nimmt viele andere Abzweigungen und bietet sehr viel Raum für eher typische Romanfiguren. Aber die Definition ist auch völlig gleich; es ist schlichtweg guter Lesestoff! Recht amerikanisch, mit etwas stereotypen 50er-Jahre Frauenfiguren und doch habe ich nichts auszusetzen. Dieser Autor kann für mich einfach gute Unterhaltungsliteratur schreiben. Es ist ein wenig als würde er Kent Harufs Minimalismus weiter führen – allerdings in eine rauere, dunklere Richtung. Dafür wieder die volle Punktzahl von mir!
Gunnar W, Rezensent*in
Anfang der 1950er Jahre in Jocassee, einem Tal der Appalachen in South Carolina. Holland Winchester ist in der Gegend als Raufbold und Störenfried bekannt. Als der dekorierte Koreakriegveteran spurlos verschwindet, ahnt Sheriff Will Alexander relativ schnell, was ihm zugestoßen sein könnte. Von Hollands Mutter bekommt der Sheriff einen Hinweis auf die Nachbarn der Winchesters, Billy und Amy Holcombe, die nebenan eine kleine, einfache Farm betreiben. Holland soll etwas mit Amy gehabt haben. Sheriff Alexander stellt einen Suchtrupp auf, befragt die Holcombes eindringlich, doch Holland Winchester bleibt weiterhin verschwunden.
Eine abgelegene Gegend in den Bergen, ein Tal, in dem nur noch wenige verblieben sind, nachdem klar ist, dass das Tal irgendwann einem Stausee wird weichen müssen. Noch längst nicht alle haben Strom und Telefon. Die Holcombes bestellen das wenige Land, das sie besitzen, noch mit dem Pferd. In Billys Familie waren schon immer einfache Farmer. Amy kommt eigentlich aus der Kleinstadt, muss sich mit dem Farmleben arrangieren. Die junge Ehe wartet schon länger auf den obligatorischen Nachwuchs. Weiter hinten im Tal lebt noch die Witwe Glendower, eine alte Frau, als Hexe verschrien, aber in Problemfällen immer noch (widerwillig) als Ansprechpartnerin gesucht. Dazwischen die Winchesters, eine Witwe und ihr Sohn, ein Tunichtgut, der vor allem an seinen Kriegserlebnissen zu knabbern hat. Die Geschichte beginnt in 1952, aber die Gegend und die Beschreibungen der Personen wirken teilweise, als wären wir noch einige Jahrzehnte früher unterwegs.
Augen können lügen, aber irgendwann verraten sie die Wahrheit. Als Billy verneinte, blickte er auf seine geballte rechte Hand. Ich wusste, was das bedeutete, weil ich schon viele Männer gesehen hatte, die sich in einer vergleichbaren Situation genauso verhalten hatten. Diese Rechte hatte Felsbrocken groß wie Wassermelonen vom Feld gehoben. Sie hatte mächtige Eichen gefällt, deren Stämme man mit den Armen umfassen konnte. Und vielleicht, nur vielleicht, hatte sie eine Schrotflinte ruhig genug gehalten, um einen Mann zu töten. (Auszug E-Book Pos. 251)
Autor Ron Rash nutzt diese Ausgangslage zu einer einem eindringlichen, dichten Roman, einem Country Noir, in dem der Geist des Ortes permanent präsent ist. Aus fünf Perspektiven wird diese Geschichte hintereinander erzählt, jeweils als Ich-Erzähler, beginnend mit dem Sheriff. Dabei werden manche Ereignisse doppelt erzählt, anderes bringt die Geschichte weiter voran. Es gibt zwischendrin noch einen Zeitsprung. Das Staudammprojekt, das irgendwann steigende Wasser, das alles unter sich begräbt, spielt im Hintergrund eine zunehmende Rolle. Rash erzählt in ruhigem, leisem Ton, dennoch spitzt sich dieses Drama immer weiter zu.
Der Autor wird von einigen Kollegen als einer „der besten amerikanischen Autoren“ bezeichnet. Dennoch wurde Ron Rash erstmals vor zwei Jahren mit „Der Friedhofswärter“ ins Deutsche übersetzt. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist im Original bereits 2002 erschienen. Wie schon in „Der Friedhofswärter“ führt uns der Autor in die fünfziger Jahre und an einen Ort, in dem alte Moralvorstellungen noch überdauern. Ein Mann ist verschwunden, vermutlich ein Mord geschehen. Nicht ganz zur Hälfte des Buches wird der Leser wissen, was geschehen ist, allerdings steht nicht die Aufklärung im Mittelpunkt, sondern wie sich das Ereignis auf die Beteiligten auswirkt und welche Schatten es noch 18 Jahre später wirft. Dabei überzeugt vor allem der Umgang des Autors mit seinen Figuren und die Beschreibung ihrer inneren Konflikte. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist ein starker Roman über Heimat, Moral, Schuld, Hoffnung und Verdrängung, der eine aufwühlende Geschichte in getragenem, nicht reißerischem Ton erzählt.