Ich möchte zurückgehen in der Zeit
von Judith Hermann
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Erscheinungstermin 25.02.2026 | Archivierungsdatum 26.04.2026
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Zum Inhalt
Judith Hermann folgt in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach.
In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf. Ebenso magisch wie magnetisch erzählt sie davon, wie fragil wir uns in unseren Leben einrichten – und zeigt auch, welche Schönheit sich darin verbergen kann.
Judith Hermann folgt in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783103977646 |
| PREIS | 23,00 € (EUR) |
| SEITEN | 160 |
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Das Dunkle in der Welt zeigt sich früh genug
Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine Buch denken müssen, es hatte mich im tiefsten Inneren erwischt. Nun erscheint ein neuer schmaler Band mit dem großen Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, vielleicht hat die Autorin daran gerade gearbeitet, als ich über sie und mich, unsere Ähnlichkeiten (Vorname, Geburtsstadt, Pellkartofffeln und Quark, das Kind) nachdachte. In diesem Buch sprach sie nie von ihrem Großvater mütterlicherseits, nur der schreckliche Großvater väterlicherseits war thematisiert worden.
Völlig unerwartet habe ich festgestellt, dass eine weitere, prägende Ähnlichkeit vorhanden ist: wir haben beide einen Großvater, der bereits bei unserer Geburt tot war und über den in der Familie eher wenig gesprochen wurde. Womit die Ähnlichkeit abrupt endet. Ihr Großvater war ein SS-Angehöriger, der den Krieg bis auf eine Tätowierung unterm Arm körperlich unversehrt überstand, mein Großvater war Jude und wurde in Auschwitz ermordet, die Mörder nahmen sich nicht die Zeit, ihm eine Nummer zu tätowieren. Einen größeren Unterschied zwischen unseren Großvätern gibt es wohl kaum. Und doch bin ich fasziniert und bewegt von Judith Hermanns Versuch, in der Zeit zurückzugehen.
Wir haben in der Nachkriegsgeneration Traumata, die wir versuchen zu überwinden, zu verstehen, zu „literarisieren“ oder einfach Orte zu sehen, an denen etwas Geschichtliches und Familiäres stattgefunden hat. Wir irren uns in der Hausnummer, wir suchen am falschen Ort, wir sehen einfach nichts und doch sehen wir alles. Judith Hermann ist nach Radom gefahren, der polnische Ort, in dem ihr Großvater im Einsatz war, auch bei der Auflösung des jüdischen Ghettos, bei vielleicht bis heute unaussprechlichen Taten, die er begangen hat, oder auch nicht. Radom zeigt ihr nichts, gibt freiwillig nichts preis, Unverständnis und Ignoranz sind keine ungewöhnlichen Reaktionen. Trotzdem spinnt sie sich ein in einen Kokon, in dieser auf Zeit gemieteten Wohnung und versucht dem Phänomen „Großvater-Täter“ auf den Grund zu gehen. Im Gegensatz zu mir hat sie zumindest Fotos, weiß wie er aussah, wie er posierte. Von meinem Großvater ist nichts als eine Rauchwolke geblieben, und ein paar Urkunden in Archiven sind erhalten, kein Foto, kein Knopf, gar nichts. So denke ich, sie kann froh sein, dass sie nicht nur einem Phantom nachjagt, sondern ein wenig mehr herausfinden will über den Vater ihrer Mutter, die mit ihm bis zum vierzehnten Lebensjahr, bis zu seinem Tod zusammenlebte. Meine Mutter konnte sich nicht einmal an ihren Vater erinnern. Aber ihre Mutter möchte nicht viel erzählen, kann es vielleicht auch nicht. So bleiben beide immer wieder stecken in den unvollständigen Erinnerungen. Die Zeit in Radom geht zu Ende, Judith Hermann will in den Süden, nach Italien, zu ihrer Schwester und deren Familie, aber bevor sie fährt, ereignet sich ein kleines Wunder. „… ganz am Ende habe ich Sabbat gefeiert, zum ersten Mal in meinem Leben.“ Und da habe ich mich für sie gefreut, denn ich habe tatsächlich noch nie Sabbat gefeiert.
Auf dem Weg nach Italien wird Judith Hermann in Wien Station machen, da bin ich wieder ganz bei ihr, erkunde das Jüdische Museum mit ihr und spüre in meinem Herzen, wie sie „die Nerven verliert“. Sehe mich selbst völlig aufgelöst im Museum in Auschwitz. Wir sind uns sehr ähnlich, über achtzig Jahre nach Kriegsende sind wir die Enkelgeneration, Opferenkel, Täterenkel, wo ist der Unterschied, wir leben heute, müssen heute klarkommen mit unseren Gedanken und Gefühlen.
Der Besuch bei der Schwester ist keinesfalls problemfrei, aber die südliche Sonne, das südliche Wesen entspannen auch ihr Inneres. Die Erlebnisse sind das Gegenteil des kalten Radoms, die Lichtblicke, das Fröhliche der Kinder, die unwirklich wirkliche Wohnung der toten Agata Alba in Neapel, die aufblitzende Vertrautheit der Schwestern, Pompeji, die Hermeneutikproblematik des Schwagers, all das lässt den Leser wie die Autorin Judith Hermann am Ende hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Der Berg wird nicht abstürzen ins Tal, zumindest nicht so bald. „Ich saß im Zeittäschchen in der Sonne auf einem Stein vor einem Haus, …“ Dieses Zeittäschchen werde ich mitnehmen aus dem Buch, mich hineinsetzen zu Lesen und zum Denken.
Das waren meine Eindrücke zu den Teilen I und II des Buches, Radom und Napoli, Teil III heißt Tidslomme, der mit der existentiellen Frage der Unsterblichkeit (oder Sterblichkeit?) im Vagen bleibt. Dieser dritte Teil passt nicht so ganz zu den ersten beiden, der Zeitsprung kommt zu unvermittelt, die Geschehnisse sind abstrakt, wie durch ein Fernglas betrachtet werden sie erzählt. Fremd und doch sehr persönlich.
Ein Zitat aus dem Buch habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, es könnte auch mein Gedanke sein. „Was, frage ich meine Mutter, mache ich, wenn du nicht mehr da bist. Oh, sagt sie leichthin. Dann wirst du dich an mich erinnern.“ Der schönste Satz im ganzen Buch. Mein schönster Satz.
Fazit: Der Großvater von Judith Hermann ist in jeder Hinsicht ein Cold Case. Keine Reise und kein Archivbesuch werden der Autorin jemals hundertprozentige Klarheit bringen. Ich denke, am besten ist es, mit einem solchen Zustand seinen Frieden zu machen. Ich bin 16 Jahre älter als die Autorin und habe dementsprechend 16 Jahre mehr mit Archivrecherchen und Ortsbesichtigungen verbracht, irgendwann kommt man zu einem Ende, auch wenn es unbefriedigend ist. Aber dann ist es auch gut. Und: Von Familienmitgliedern darf man niemals das gleiche Interesse erwarten, das einen selbst antreibt. Judith Hermanns Schwester jedenfalls „gräbt“, aber 2000 Jahre früher. Judith Hermann schreibt mit vielen Fragen, aber ohne Fragezeichen, das sollte unbedingt so bleiben, beides.
Unbedingte Leseempfehlung und aufgerundete 4,5 Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Rezensent*in 427080
Über was nie gesprochen wurde
Das neue Buch der Kultautorin Judith Hermanns ist schwer einzuordnen, aber das kennt man von ihr schon, zum Beispiel durch „Wir hätten uns alles gesagt“.
Das autobiografische Element ist prägend. Ausgangspunkt ist die Beschäftigung mit dem Großvater, der vor ihrer Geburt gestorben ist. Im Krieg war er bei der Waffen-SS und in Polen. Viel kann Judith Hermann, die schließlich selbst nach Polen reist, nicht recherchieren.
Ihre Unterhaltungen mit ihrer 80jährigen Mutter über den Großvater sind wenig ergiebig, lösen Spannungen aus und am Ende hat die Mutter eine vorübergehende Amnesie.
Es geht aber nicht nur um den Großvater. Judith Hermann reist schließlich auch nach Italien, wo ihre Schwester lebt.
Die geöffnete Tür auf dem Cover täuscht. Es bleiben mehr Fragezeichen als Erkenntnisse hängen und vielleicht muss man sich mehr als einmal mit diesem Buch beschäftigen. Dass das Buch sprachlich gut gestaltet ist, merkt man aber sofort.
Andrea S, Buchhändler*in
Ich liebe Judith Hermanns Art zu schreiben und zu formulieren. Präzise und bildhaft, egal ob sie Schauplätze, Menschen oder Emotionen beschreibt. Dieser Text ist nun kein fiktiver, sondern eher eine Reise der Autorin auf den Spuren ihres Großvaters, die sie aber am Ende vor allem zu ihrer noch lebenden Familie führt. Der Großvater war in der Waffen-SS, ist schon lange verstorben und Judith Hermann möchte gerne mehr über ihn erfahren. Von ihrer Mutter bekommt sie aber nur wenige Informationen. Sie macht sich auf nach Polen, nach Radom, ein Ort, an dem er stationiert war. Und so wirklich viel findet sie dort nicht heraus, während sie sich in ihrem Zimmerchen verkriecht, liest, beobachtet, mit ihrer Mutter telefoniert und sich wundert über deren Sprachlosigkeit in Bezug auf den Großvater. Sie wirkt getrieben, auch von einer Form von Schuldgefühlen, so richtig greifbar ist es aber nicht. Irgendwann zieht sie weiter, über Wien, nach Neapel, wo ihre Schwester schon lange lebt und arbeitet. So wird die Suche nach dem Großvater und nach dem "Warum" am Ende eher eine Begegnung mit ihrer Familie und ein Reise ins Miteinander. Ich fand ein bisschen schade, das die Geschichte des Täters nicht konsequenter verfolgt wurde, aber vielleicht war das irgendwann auch nicht mehr der dringlichste Wunsch, weil sie da längst etwas gefunden hat, was sie gar nicht gesucht hat.
Jacqueline M, Buchhändler*in
Ihre schwebende Prosa verzaubert jedes Mal neu. Judith Hermann erzählt auf ganz wenigen Seiten über ihren Großvater, den sie nie kennenlernte. Warum spricht die Familie nicht über ihn, der bei der Waffen-SS war, der aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam und der noch einige Jahre nach dem Krieg erlebte?! Was hat das mit Verleugnen, Verdrängen und Vergessen zu tun? Was geschah im polnischen Radom?
Spurensuche, Erinnerungsbuch, Autofiktion - man könnte "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" in jeder dieser Kategorien verorten. Ganz sicher aber ist es ein großes literarisches und sehr berührendes Buch. Auch den zweiten Teil über Neapel habe ich sehr gern gelesen.
Buchhändler*in 1958840
Judith Hermann möchte zurückgehen in der Zeit, den Spuren ihres Großvaters folgen, der Mitglied der Waffen-SS und im Sommer 1941 in der polnischen Stadt Radom stationiert war. Über seine Vergangenheit hat er geschwiegen. Judith Hermann spürt dem Verschwiegenen und Verdrängten nach. Doch wie schreiben über einen Großvater, der aller Wahrscheinlichkeit nach an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos und der Auslöschung von Menschenleben beteiligt war? Darüber einen gelungenen Text zu schreiben, hieße einen missglückten Text zu schreiben, meint Hermann. Und hier liegt das Besondere, aber auch die Schwierigkeit dieses Textes: es ist das Kreisen um eine Leerstelle, das Judith Hermann mit wunderbarer sprachlicher Präzision beherrscht, gleichzeitig führt es zu vagen Aussagen über den Großvater. Es wird ein Zwiespalt deutlich, der besonders nachvollziehbar wird, wenn Hermann von Radom aus mit ihrer Mutter telefoniert. Wie schwer es ist, in der eigenen Familie zu benennen, was war, was es bedeutet, wenn der eigene Vater Täter war. Und so zieht man sich ins Vage zurück: womöglich, vielleicht, aller Wahrscheinlichkeit nach. Hermann versucht dies einerseits zu durchbrechen, andererseits spricht sie aus dem selben familiären Gedächtnis heraus, wirkt ihre Vagheit fehlplatziert. Sie lässt Raum, und sei er noch so klein, dass es vielleicht auch anders gewesen sein könnte, dass der Großvater vielleicht nicht gemordet hat. Und das ist ein Problem, weil es Raum gibt, Schuld in Frage zu stellen, wo es historisch hinreichend Belege gibt. Trotzdem ist das Buch gerade auch aufgrund dieser Ambivalenz – benennen wollen und sich doch davor scheuen – lesenswert, weil es ein Dokument der Enkelgeneration der Täter ist, mit allen Schwierigkeiten, die damit einhergehen.
Es wäre ein durchweg empfehlenswertes Buch gewesen, hätte Hermann ihre Unfähigkeit, das Vielleicht zu überwinden, selbst thematisiert und kritisch reflektiert. So bleibt es eine bedingte Empfehlung.
Buchhändler*in 1454805
Judith Hermann macht sich in Ihrem neuen Buch "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" auf den Weg nach Polen. Sie möchte in die Stadt Radom, in der Ihr Großvater als Mitglied der Waffen-SS stationiert war. War er beteiligt an der Räumung des riesigen Ghettos? Hat er an den Erschießungen tausender Juden selbst teilgenommen?
Sie erhält nicht die Klarheit die sie sich erhoffte. Auch Ihre Familie hält diese Reise für übertrieben und die Geschehnisse längst vergangen. Ihre Schwester, eine Archäologin, lehnt problematische und beunruhigende Diskussionen in Ihrer Familie kategorisch ab.
Es geht ums Verdrängen und Vergessen und darum wie sich das Unausgesprochene auf die nächsten Generationen auswirkt.
𝑫𝒊𝒆 𝒁𝒖𝒎𝒖𝒕𝒖𝒏𝒈 𝒅𝒆𝒔 𝑼𝒏𝒈𝒆𝒘𝒊𝒔𝒔𝒆𝒏
𝘑𝘶𝘥𝘪𝘵𝘩 𝘏𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯𝘴 „𝘐𝘤𝘩 𝘮ö𝘤𝘩𝘵𝘦 𝘻𝘶𝘳ü𝘤𝘬𝘨𝘦𝘩𝘦𝘯 𝘪𝘯 𝘥𝘦𝘳 𝘡𝘦𝘪𝘵“ 𝘢𝘭𝘴 𝘭𝘦𝘪𝘴𝘦𝘴, 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘵ö𝘳𝘦𝘯𝘥𝘦𝘴 𝘉𝘶𝘤𝘩 ü𝘣𝘦𝘳 𝘥𝘢𝘴 𝘚𝘤𝘩𝘸𝘦𝘪𝘨𝘦𝘯 𝘪𝘯 𝘍𝘢𝘮𝘪𝘭𝘪𝘦𝘯
Ich habe dieses Buch mit einer gewissen Zurückhaltung begonnen, vielleicht, weil sich schon früh abzeichnet, dass es hier nicht um eine Geschichte im klassischen Sinn gehen wird, sondern um etwas schwerer Fassbares, um ein Suchen, das sich selbst immer wieder infrage stellt.
Im Zentrum steht ein Großvater, der keiner wird. Ein Mann, der in den Akten auftaucht – Mitglied der SS, stationiert im polnischen Radom – und der doch nicht greifbar wird, weder als Figur noch als erzählbare Biografie. Was bleibt, ist eine Leerstelle, ein „Cold Case“, wie es einmal heißt, ein ungelöster Fall, der sich nicht schließen lässt.
Judith Hermann nähert sich dieser Leerstelle nicht mit den Mitteln der historischen Rekonstruktion. Sie sucht nicht nach einer vollständigen Wahrheit, sie schreibt keinen Bericht, der aufklären will. Stattdessen folgt sie einer Bewegung, die tastend bleibt, unsicher, immer wieder unterbrochen von Zweifeln an der eigenen Möglichkeit zu verstehen.
Die Reise nach Radom ist dabei zunächst ein konkreter Versuch, einen Ort zu finden, an dem sich etwas festmachen lässt. Ein Foto, ein Platz, eine Spur. Und tatsächlich gibt es einen Moment, in dem sich etwas schließt – der Ort des Fotos wird gefunden, die Anwesenheit des Großvaters wird bestätigt. Doch diese Bestätigung führt nicht zu Klarheit, sondern eher zu einer eigentümlichen Ernüchterung, einer fast banalen Endgültigkeit, die nichts erklärt und nichts erlöst.
Was sich stattdessen immer stärker in den Vordergrund schiebt, ist die Gegenwart der Erzählerin selbst.
Ihre Unruhe.
Ihre zunehmende Verunsicherung.
Eine Angst, die sich nicht mehr eindeutig zuordnen lässt.
Es sind körperliche Reaktionen, die hier beschrieben werden, Zustände, die sich zwischen Wahrnehmung und Vorstellung bewegen und die man nicht ohne Weiteres als „angemessen“ oder „unangemessen“ einordnen kann. Gerade darin liegt eine der schwierigsten Stellen dieses Buches.
Denn es verschiebt die Perspektive.
Weg von der historischen Schuld als äußerem Gegenstand, hin zu einer inneren Erfahrung, die sich nicht mehr klar abgrenzen lässt. Das kann man als Ausweichen lesen. Man kann es aber auch als Versuch verstehen, zu zeigen, wie tief sich diese Vergangenheit in die Gegenwart eingeschrieben hat – nicht als Wissen, sondern als Unruhe.
Besonders eindrücklich ist dabei das Verhältnis zur Mutter.
Ihr Schweigen ist kein dramatisches, kein bewusst gesetztes, sondern ein strukturelles. Erinnerungen sind bruchstückhaft, widersprüchlich, manchmal offensichtlich verdrängt. Die Tochter insistiert, fragt nach, sucht Zusammenhänge – und stößt immer wieder an Grenzen.
Was sich hier zeigt, ist weniger eine individuelle Verweigerung als eine Form des Umgangs mit Geschichte, die tief in vielen Familien verankert ist. Man weiß etwas – und spricht nicht darüber. Man ahnt Zusammenhänge – und hält sie auf Distanz.
In diesem Sinn ist das Buch nicht nur eine persönliche Spurensuche.
Es ist auch ein Text über Erinnerungskultur.
Und über ihre Grenzen.
Dabei bleibt Judith Hermann konsequent in ihrem Ton. Diese zurückhaltende, schwebende Sprache, die sie seit ihren frühen Texten prägt, ist auch hier präsent. Sie arbeitet mit Andeutungen, mit Leerstellen, mit einer „Präzision des Ungefähren“, die sich dem Festlegen entzieht.
Und genau hier beginnt die Ambivalenz dieses Buches.
Denn was in anderen Kontexten eine große Stärke ist, wirkt hier manchmal wie ein Risiko. Das Thema – die mögliche Beteiligung eines Großvaters an nationalsozialistischen Verbrechen – verlangt nach Klarheit, nach Benennung, nach Schärfe. Der Text hingegen bleibt im Ungefähren, im Tastenden, im Offenen.
Das erzeugt eine Spannung, die nicht immer aufgelöst wird.
Und vielleicht auch nicht aufgelöst werden soll.
Denn immer wieder wird deutlich, dass es hier nicht um ein Gelingen geht. Dass dieses Buch an seinem Gegenstand scheitern muss, weil dieser Gegenstand sich nicht in Sprache überführen lässt, ohne dass etwas verloren geht.
Man kann das kritisieren.
Man kann sich mehr Eindeutigkeit wünschen, mehr historische Präzision, mehr Konfrontation.
Aber man kann auch anerkennen, dass genau dieses Scheitern Teil des Projekts ist.
Dass es hier nicht darum geht, eine Geschichte zu erzählen, sondern darum, sichtbar zu machen, warum sie sich nicht erzählen lässt.
Ich habe dieses Buch nicht als Aufarbeitung gelesen.
Eher als ein Protokoll der Annäherung.
Und vielleicht auch als ein Dokument der Überforderung.
Was bleibt, ist kein klares Bild.
Sondern eine Bewegung.
Ein Kreisen um etwas, das sich entzieht, und gerade dadurch eine eigentümliche Präsenz gewinnt.
Und am Ende die leise, unbequeme Einsicht, dass es Geschichten gibt, die nicht verschwinden, auch wenn sie nicht erzählt werden – sondern gerade dann.
Rezensent*in 780093
Eine Spurensuche
Auf die Frage, was den Anlass gab, dieses Buch zu schreiben, war Judith Hermanns Antwort, dass sie sich mit der SS-Vergangenheit ihres Großvaters auseinandersetzen wolle. Viel weiß sie nicht, da in der Familie über ihn und sein Leben eher geschwiegen denn gesprochen wurde. Dass er Mitglied der Gestapo und während des Zweiten Weltkriegs im polnischen Radom stationiert war, ist ihr bekannt, also begibt sie sich auf dessen Spuren, fährt in diese polnische Stadt, quartiert sich dort ein.
„In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf.“
Aber - wie sollte das gelingen? Ein schier unmögliches Unterfangen, über einen zu schreiben, dem man selber nie begegnet ist. Von der verräterischen Tätowierung auf seinem linken Arm etwa weiß ihre Mutter zu berichten. Es sind spärliche Infos, die lediglich erkennen lassen, dass er Mitglied der Waffen-SS war. Judith aber will mehr, in Radom liest sie Mitscherlich, liest von der wechselvollen Geschichte dieser Stadt und ja, sie findet ein Foto ihres Großvaters, der auf einem Motorrad der SS sitzt. Und sie lässt wissen, dass sie ihn in keinster Weise lieb hat, ihn eher feindselig bei sich trägt.
Irgendwann dann reist sie weiter über Krakau und Wien zu ihrer Schwester nach Napoli. Diese Tage muten direkt sonnendurchflutet an, fern der Schwere Radoms.
Es ist ein leises Buch, eine Geschichte über das Schweigen einer Familie. Eine Familie, wie es sie unendlich viele gibt. Sollte man dem Vergangenen nachspüren? Um damit abschließen zu können? Dabei sollte man bedenken, dass Leerstellen bleiben, anderes wäre gar nicht möglich.
Es ist Judith Hermanns Buch, sehr persönlich, vielleicht zu persönlich. Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen – aber was hab ich mitgenommen? Diese Frage drängt sich mir unweigerlich auf, zumal ich über den Zweiten Weltkrieg, über die Nationalsozialisten, über die Täter und auch über die Mitläufer und über sie alle, die irgendwie dazwischen waren, viel gelesen habe und noch immer sehr viel darüber wissen möchte. Es ist ein nicht alltäglicher Blickwinkel auf eine Zeit, die nie vergessen werden darf, eine fast private Spurensuche.
Judith Hermann sucht nach der Geschichte, die nie erzählt wurde: die Geschichte über ihren Großvater mit SS Vergangenheit, von der nur Fragmente übrig sind und sehr vage Erinnerungen. Dazu begibt sie sich an alte Schauplätze, bereist, Radom in Polen, wo der Großvater sich aufhielt, fährt weiter nach Wien und zur Schwester nach Neapel.
Ein sehr melancholischer, nachdenklicher Text, der sich mit der eigenen Familie auseinandersetzt, mit dem Widerspenstigen, Unangenehmen, das aber doch irgendwie zur eigenen Geschichte dazugehört. Was Judith Hermann kann, ist mit Worten und Gedanken jonglieren und dabei eine Prosa erschaffen, die tief in einem etwas anstößt und das eigene Gedankenkarussell in Gang bringt.
Anna Katharina S, Buchhändler*in
Judith Hermanns Erzählstil ist wunderbar einzigartig und bleibt auch nach der Lektüre noch lang im Gedächntis. So auch bei diesem Werk mit stark autobiographischem Bezug. Besonders beeindruckend fand ich die Leerstellen des Buchs- einige Fragen konnten von der Autorin nicht beantwortet werden, sind bewusst leer geblieben und bilden spannende Denkansätze.
Buchhändler*in 920656
Während des 2. Weltkriegs war der Großvater der Autorin in Radom, einer kleinen Stadt in Polen, als Angehöriger der SS stationiert. Während seiner Anwesenheit wurde dort ein Ghetto errichtet, Tausende Juden ermordet und verschleppt.
Judith Hermann macht sich auf den Weg dorthin, in der Hoffnung, mehr über ihn und seine Mitschuld zu erfahren. Sie hat nur wenige Informationen und ein paar Fotos. Auch die lückenhaften Erinnerungen ihrer Mutter helfen ihr kaum weiter. So reist Hermann nach Radon und versucht, die damaligen grausamen Geschehnisse, denen sie im Stadtbild und Archiven nachgeht, mit den entspannten, kernigen Fotos ihres Vaters aus dieser und auch der Nachkriegszeit zu einer Einheit zu bringen. Ein schmerzhafter Prozess, dem die Autorin sich stellt und auch dem Leser zumutet.
Anschließend besucht sie ihre Schwester, eine Archäologin, in Italien, die mit ihrer Familie auf dem Lande bei Neapel lebt. Dort findet die Autorin eine selbstzufriedene, lebensbejahende Idylle vor. Kinder, die unbeschwert im Hier und Jetzt leben und sich frei entfalten können. Sie begleitet ihre Schwester zu den Ausgrabungsstätten von Pompeji, wo diese ihr die neuesten Ausgrabungen zeigt. Zeugnisse einer lebensvernichtenden Katastrophe, die bei den Wissenschaftlern helle Begeisterung auslösen.
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