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Was wir wissen können

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Erscheinungstermin 24.09.2025 | Archivierungsdatum 30.11.2025


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Zum Inhalt

Im Jahr 2119: Die Welt ist überschwemmt, Europa eine Insellandschaft, Freiheit und Reichtum unserer Gegenwart – ein ferner Traum. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe sucht ein verschollenes Gedicht von Weltrang. Der Dichter Francis Blundy hat es 2014 seiner Frau Vivien gewidmet und nur ein einziges Mal vorgetragen. In all den Spuren, die das berühmte Paar hinterlassen hat, stößt Thomas auf eine geheime Liebe, aber auch auf ein Verbrechen. Ian McEwan entwirft meisterhaft eine zukünftige Welt, in der nicht alles verloren ist.

Im Jahr 2119: Die Welt ist überschwemmt, Europa eine Insellandschaft, Freiheit und Reichtum unserer Gegenwart – ein ferner Traum. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe sucht ein verschollenes...


Verfügbare Ausgaben

AUSGABE Anderes Format
ISBN 9783257073577
PREIS 28,00 € (EUR)

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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder

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Ian McEwan verbindet in Was wir wissen können Vergangenheit und Zukunft zu einem vielschichtigen Roman über Erinnerung, Verlust und die Fragilität von Wissen. Ausgangspunkt ist ein Gedicht, das 2014 einmalig vorgetragen und danach nie wieder gefunden wurde. Jahrzehnte später sucht der Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe im Jahr 2119 in einer von Klimakatastrophen veränderten Welt nach Spuren dieses verschollenen Textes.

McEwan zeigt, wie kleine und scheinbar banale Details aus der Vergangenheit in der Zukunft plötzlich kostbar erscheinen. Die Handlung trägt kriminalistische Züge, doch wichtiger ist die Reflexion: Was bleibt von Kunst, Kultur und Leben, wenn Archive zerfallen und Erinnerungen verblassen?

Der Roman ist melancholisch und tief nachdenklich zugleich. Er lässt die Leser über die eigene Gegenwart grübeln: Was wird von unserer Welt in hundert Jahren übrig sein – und was werden wir niemals wissen können?
Trotz der intellektuellen Brillanz und der spannenden Grundidee hat mich der Roman insgesamt etwas enttäuscht. Ich empfand ihn stellenweise als langatmig, mit vielen verschachtelten Sätzen, die das flüssige Lesen erschwerten. Auch der Bezug zur Zukunft, den ich mir stärker und prägnanter gewünscht hätte, bleibt eher vage und kommt nur am Rande zum Tragen. Statt eines runden, erzählerisch geschlossenen Romans wirkt Was wir wissen können fragmentarisch, experimentell und stellenweise zerfasert, eher ein literarisches Gedankenspiel, das seinen Reiz hat.

4 stars
4 stars
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3 stars

McEwans Protagonist ist im Jahr 2119 auf der Spur eines Gedichts "A Corona for Vivien" des bekannten Dichters Fancis Blundy. Die Welt hat sich im Jahr 2119 durch den Klimawandel neu gestaltet.Ein Atomkrieg hat den Planeten verwüstet. Das heutige Grossbritannien ist ein Archipel. Und so ist nun Thomas Metcalfe mit einer Sondererlaubnis auf den Spuren des genannten Gedichts.

Im zweiten Teil des Buches erzählt Vivien, ihr wurde das Gedicht 2014 gewidmet, wie das Geschichte entstand und verschwand.
Ein philosophischer Kraftakt.

3 stars
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5 stars

Gar nicht so einfach, diesen Roman kurz zusammenzufassen, aber nicht zu viel zu verraten. Er handelt von der Literaturwissenschaft in einer postapokalytischen Zeit nach der sogenannten „Disruption“, in der es schlagartig zum Anstieg der Meeresspiegel kam und die England in ein Archipel verwandelt hat mit tausenden kleiner Inseln. Die Meere sind klar, es gibt Meeresschildkröten und Delphine, es hat ein großes Artensterben gegeben und die Welt ist fast wieder im vorindustriellen Zeitalter angekommen, da die Ressourcen knapp geworden sind. Der Universitätsdozent Thomas Metcalfe befasst sich mit der Literatur der Zeit von 1990 – 2030 und ist fieberhaft auf der Suche nach einem berühmten Gedicht des Schriftstellers Francis Blundy, welches dieser anlässlich des Geburtstags seiner Frau Vivien auf ein Pergament geschrieben und am Geburtstagsabend vorgetragen hat, seitdem ist der „Sonettenkranz für Vivien“ verschollen. Mit viel Glück und der Kombinationsgabe eines cleveren Mädchens machen sich Thomas und seine Frau Rose auf, um dem versteckten Hinweis nachzugehen. Der zweite Teil des Romans ist aus einer anderen Perspektive erzählt und zieht uns atemlos in eine spannende Geschichte, die man gar nicht mehr weglegen mag. Ein großartiger Roman, klug durchdacht, spannend und menschlich.

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Ich muss zugeben, dass bei dem neuen Ian McEwan der Funke leider nicht übergesprungen ist. Vielleicht hatte ich falsche Erwartungen. Laut Ankündigung des Verlages entwirft McEwan hier "meisterhaft eine zukünftige Welt". Doch im ersten Drittel referiert der Erzähler in aller Breite über ein legendäres Abendessen, das der Dichter Francis Blundy vor über hundert Jahren abgehalten hat. Anlässlich des Geburtstages seiner Frau Vivien trägt er vor Freunden einen Sonettenkranz vor, der seitdem als verschollen gilt. Der Erzähler Tom entwickelt eine fast schon manische Obsession für das Gedicht und will es unbedingt aufspüren.
Der Leser kann diese Obsession aber nicht teilen. Statt dieser verlorenen Zeit und dem komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Blundy und Vivien nachzuspüren, würde man viel lieber wissen, wie es sich Anfang des 22. Jahrhunderts lebt. Immerhin bekommen wir Andeutungen. Es hat eine große Überflutung und Disruption gegeben. Seitdem sind drei Viertel aller Pflanzen- und Tierarten ausgestorben. Das Essen ist karg und man fährt nicht mehr Auto sondern Fahrrad. Das Reisen ist strapaziös und langwierig geworden. Es herrscht Rohstoffarmut und Nigeria scheint die stärkste Wirtschaftsmacht zu sein. Kleine Atomkriege werden von KIs ausgelöst, die aber nur ein paar Millionen Menschenleben kosten.
Da ist es verständlich, dass Tom lieber hundert Jahre früher gelebt hätte und die lange verstorbene Vivien (oder sein Bild von ihr) mehr liebt als seine eigene Frau. Und als er Viviens letztes Tagebuch findet, wird das Geheimnis um den Sonettenkranz endlich gelüftet.
Doch das gerät alles zu langatmig. Ich habe von McEwan schon sehr viel Besseres gelesen.

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Von England ist im Jahr 2119 ist nur noch ein Archipel einzelner Inselchen übriggeblieben, die Bevölkerung wurde bei der legendären „Disruption“ von 2042, ausgelöst durch eine Flutwelle, auf die Hälfte verringert. Thomas Metcalfe begibt sich mit Fähre, Fahrrad und zu Fuß auf die umständliche Reise zur Bodleian Library, um den Nachlass von Francis Blundy zu sichten. Er will noch einmal jedes physisch hinterlassene Zettelchen umwenden, um den Verbleib von Blundys berühmtem Sonettenkranz aufzuklären, den der Lyriker seiner Frau 2014 zum Geburtstag übereicht hatte. 100 Jahre nach unserer Zeit sind offenbar alle elektronischen Nachrichten, die die Menschheit je gewechselt hat, entschlüsselt und in einem Archiv in Nigeria gespeichert. Nigeria scheint der einzige noch funktionierende Staat zu sein. Thomas Metcalfe interessiert sich für die Epoche 1990 bis 2030 – im Gegensatz zu seinen Studenten, die bereits ins Schwitzen geraten, wenn sie für ein Seminar 90 Seiten zu lesen haben. Mit dem Wissen, das in der dystopischen Zukunft die Geisteswissenschaften überflüssig geworden sind, weil u. a. die Aufmerksamkeitsspanne der jungen Generation für die Verarbeitung von Texten zu gering ist, wirkt der legendäre Geburtstagsabend, an dem Blundys Sonettenkranz verlesen wurde, herausragend entbehrlich.

Ähnlich wie im Krimi, in dem alle Beteiligten vorgestellt werden und man als Leser miträtseln kann, wer sich als wichtig oder verdächtig entpuppen wird, marschieren als Gäste die wichtigsten Kontakte Francis und Vivian Blundys auf: Lektor, Finanzberater, Biograf, Schwester und Schwager – und der zunächst unscheinbar wirkende Chris. Chris ist im Gegensatz zur älteren Generation ein junger Mann, der keinen formalen Berufsabschluss hat, sondern Dinge reparieren, beschaffen, erklären und updaten kann. Ohne Menschen wie ihn könnten die Blundys nicht existieren. Er symbolisiert die Generation, die die Gegenwart versteht und damit auch die Klimakatastrophe, die u. a. verschmutztes Wasser und erhöhte Radioaktivität zurückgelassen hat. Als Letzte ihrer Art demonstrieren die Anwesenden ihre Entbehrlichkeit. Dass von Blundy 219.000 Messenger-Nachrichten gespeichert sein sollen, drängte mir einfach die Idee auf, dass diese Menschen und ihre Werke entbehrlich sein müssen.

Hoch interessant fand ich, dass Blundys Kontakte erkennen, dass in ihrer Generation ein männlicher Autor nur deshalb zur Dichter-Ikone aufsteigen konnten, weil seine Frau ihren Beruf aufgab, um sein Frühstück zu bereiten und seine Hemden zu bügeln. Nach dem extrem ausschweifend geschilderten Geburtstagsabend und Metcalfes Reise (gemeinsam mit seiner Frau Rose) auf die Insel Port Marlborough kommt schließlich noch Vivien Blundy in ihrem Tagebuch zu Wort, die mich mit mehr als einer unerwarteten Wendung überraschen konnte. Daher rate ich auch davon ab, Rezensionen zu lesen, wenn Sie den Roman noch selbst lesen wollen.

Fazit
Mit seinem Rückblick aus einer dystopischen Zukunft in unsere Gegenwart zeigt Ian McEwan m. A. wie die Profession des Autors sich gerade selbst abschafft – oder abgeschafft wird, das ist Interpretationssache. Die in der dystopischen Zukunft spielende Passage konnte mich deutlich stärker fesseln als die weitschweifige Handlung der Gegenwart. Lassen wir den Blundys und den Geisteswissenschaften ihr letztes Aufbäumen …

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Auf dieses Buch war ich extrem gespannt, der Autor ist für mich nach wie vor ein Rätsel, er überrascht mal besser, mal schlechter. Als das eBook kam, legte ich sofort los und wurde in die Zukunft katapultiert. Aber es ist keine Dystopie, die nur eine Universumsbeschreibung ist, sondern sie bringt uns ins Jahr 2119 und erzählt eine Story aus der Gegenwart. Samt Rückblicken in die Vergangenheit, ins Jahr 2014, was den Grund für die Forschungsarbeit des Protagonisten ist, erleben wir eine faszinierende (und erschreckende) Vision, die gar nicht so abwegig ist. Die Sprache, die Geschichte, alles sitzt. Ich empfehle eindeutig, sich auf dieses literarische Spiel einzulassen - die Beschreibungen sind lebhaft, manchmal verwinkelt man sich sehr und man bleibt trotzdem neugierig, was das verlorene Schriftstück an sich hat...

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Im Jahre 2119 ist die Welt, bedingt durch den Klimawandel und Kriege, nahezu völlig überschwemmt. In dieser Zeit sucht der junge Wissenschaftler Thomas Metcalfe mit Unterstützung seiner Lebensgefährtin Rose nach einem verschollenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy, der dieses Gedicht seiner Frau Vivien anlässlich ihres Geburtstags im Jahre 2014 überreichte. Doch es gab nur eine einzige schriftliche Fassung und diese ist mittlerweile unauffindbar.
Ian Mc Ewan nimmt den Leser hier mit auf eine spannende Reise eines Wissenschaftlers, die mitten durch eine dystopische Welt führt. Wir lernen auf der einen Seite Thomas Metcalfe kennen, dessen wissenschaftliches Arbeiten sich aufgrund der äußeren Umstände erschwert wird. Zudem wirkt es sich auch auf seine Beziehung zu seiner Freundin Rose aus. Auf der anderen Seite taucht der Leser tief in das Geschehen aus dem Jahre 2014 ein, in dem Vivien ihren Geburtstag vorbereitet und verschiedene Gäste empfängt. Thomas versucht dieses Ereignis minutiös nachzuvollziehen und ist förmlich besessen davon. Damit steckt er auch den Leser an! Ich konnte es kaum erwarten die Lösung des Problems zu erfahren. Unbedingte Leseempfehlung!

5 stars
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Wie gut, dass ich dieses Buch wirklich bis zum Ende gelesen habe! Der erste Teil kommt nämlich etwas sperrig daher, beinahe so, als hätte der Autor Ian McEwan keine allzu genaue Vorstellung von der Zukunftsvision gehabt, die er im Jahr 2119 beschreibt. Sein Protagonist, der Literaturwissenschaftler Tom und dessen Freundin Rose, wirken etwas verloren, ja beinahe hineingeworfen in dieses Setting, das von einer völlig veränderten Welt erzählt, aber eben auch nur schemenhaft. Einziger Anker ist die Geschichte um den sagenumwobenen Sonettenkranz des berühmten Dichters Francis Blundy, den dieser im Jahr 2014 für seine Frau Vivien schrieb. Tom ist nun, hundert Jahre später, auf der Suche nach dem verlorenen Stück Literatur und findet letztendlich etwas ganz anderes.... Der zweite Teil des Romans hat es mir dann angetan. Es wird Viviens Geschichte erzählt und Geheimnisse werden gelüftet. Und damit erscheint der Anfang plötzlich in einem völlig neuen Licht. Toll gemacht, flüssig und in einem Guss erzählt, ganz anders als Teil 1. Am Ende war mir nicht ganz klar, was McEwan mit dieser Kombination erreichen wollte. Die Bedeutung von Literatur und ihre Auswirkung auf spätere Generationen? Darüber könnte man nachdenken. Gefallen hat mir der Roman als gut erzählte Geschichte so oder so.

4 stars
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Siehe Text an den Verlag, dies ist meine Rezension! Meine erste Rezension hier habe daher schon alles im Verlagstext.
Jetzt halt noch mein Text von Facebook:
Ich habe gerade den neuen Roman von Ian Mc Ewan "was wir wissen können" beendet Ein für mich mit jedem Roman toller Autor. In diesem sind zwei Literaturwissenschaftler die Erzähler. Tom erzählt aus dem 22.Jahrhundert und Vivien berichtet von ihrem Leben im 21.Jahrhundert. Beide verbindet die Liebe zu dem Autor Francis Blundy (fiktiv). Er hat seiner Frau Vivien einen Sonettenkranz gewidmet, der verloren ging und den Tom seit Jahren zu finden hofft. Beide leben für die Literatur, beide haben Beziehungsprobleme, die sich trotz der verschiedenen Jahrhunderte kaum voneinander unterscheiden und bei beiden steht die Frage nach einen eigenen Kind im Raum. Mc Ewan streft Politik und Wissenschaft nur am Rand, er macht deutlich, dass das Leben nach den Kriegs- und Umweltkatastrophen nur in allem´n Bereichen ärmer ist und verdeutlich mit Viviens Erzählung wie reich, vielfältig und lebendig unser Leben ist. Der Autor hat einen Weckruf geschrieben, wie sein Erzähler aus dem 22.Jahrhundert begreift er unsere Tatenlosigkeit angesichts der prognostizierten Katastrophen nicht. Bis zum Schluss spannend wie ein Krimi zu lesen! Die geschilderte Dystophie bleibt für mich jedoch eher blass und fast ein bisschen harmlos. Aber die Frage nach dem Lebenssinn und dem Umgang mit Schuld, die wir während unseres Lebens auf uns laden, regt wie immer bei ihm zum Nachdenken an.

4 stars
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Der Roman "Was wir wissen können" von Ian McEwan handelt von einem Literaturwissenschaftler, der im Jahr 2119 eine bestimmte Sonettsammlung eines Dichters aus dem Jahr 2014 finden möchte, die dieser nur einmal vorgetragen hat. Die Welt hat sich seit damals völlig verändert, der Autor gibt dem Leser viele Denkanstöße, eine Vision, wie die Erde später aussehen könnte, nach einer Dezimierung der Bevölkerung und Überschwemmungen, in der die Digitalisierung weit fortgeschritten ist. Die Suche nach dem Manuskript zieht sich in die Länge, wird allerdings in von diesem Autor gewohnt eleganter Weise dargestellt. Der zweite Teil führt dann zur Lösung der Frage nach dem Verbleib des Manuskripts und hat mir besser gefallen.

5 stars
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Literarisches Rätsel, Dystopie einer vom Klimawandel gezeichneten Zukunft und komplizierte Beziehungsgeflechte - mit "Was wir wissen können" hat Ian McEwan einen faszinierenden Roman mit verschiedenen Zeit und Erzählperspektiven geschrieben. Damit überzeugt er sowohl inhaltlich als auch erzählerisch und bietet viel Stoff zum Nachdenken.

Das Buch führt in eine gerade mal knapp 90 Jahre entfernte Zukunft, doch völlig andere Welt. Die Regierungen haben die Kipppunkte ignoriert, um die Erderwärmung zu stoppen oder zumindest zu mindern. Schmelzen der Polkappen und Anstieg der Meeresspiegel sind kein Zukunftsszenario mehr, sondern die Realität einer Menschheit, in der Weiße selten geworden sind, die Menschheit besteht überwiegend aus verschiedenen Schattierungen von braun und die neue Supermacht heißt Nigeria. KIs kontrollieren einen großen Teil des Lebens und werden gerade von den jungen Menschen nicht hinterfragt.

Europa hat seine Konflikte und Kriege ebenso schlecht überwunden wie die Klimaveränderungen, die etwa Großbritannien zu einer Insellandschaft machten. Als das Meer die Küstenregionen und die dortigen Städte verschlang, ging auch viel wissen zugrunde. Bibliotheken und Hochschulen sind nunmehr in Höhenlagen angesiedelt. Mit dem Wissen gingen auch Technologien verloren. Die Welt dieser Zukunftsmenschen, ihr Bewegungsradius, sind geschrumpft. Und die Menschen sind mit dem verlorenen Wissen irgendwie dümmer geworden.

Literaturwissenschaftler Tom, der auf der Suche nach einem verschollenen Gedicht des Dichters Francis Blundy ist, muss allerhand Unannehmlichkeiten auf sich nehmen, um in einer mehrere Tagesreisen mit Fähre, Seilbahn und primitivem Fahrrad entfernte Bibliothek zu erreichen ,die das Archiv von Blundys Ehefrau Vivian enthält. Die Frau, die er nie gesehen hat und die ihre eigene wissenschaftliche Karriere für Blundy aufgegeben hat, fasziniert Tom so sehr, dass seine Freundin eifersüchtig wird. Ein Gedicht, nur einmal vorgetragen und danach verschwunden, zu Vivians Geburtstag geschrieben - geht es noch romantischer?

Oder war alles ganz anders? Denn im zweiten Abschnitt des Buches kommt Vivian zu Wort. Und so manches unterscheidet sich von dem posthum gezeichneten Bild. Zu den Besonderheiten gehört es, die akademischen Klüngel von 2014 und 2119 in ihren gewaltigen Unterscheidungen zu erleben, aber auch die Unterschiede in Diskussionen, Wissenschaft und Lebensstil. Für Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Hochschulbetrieb zu tun haben, dürfte "was wir wissen können" deshalb einen zusätzlichen Reiz haben. Ein vielschichtiger, fulminanter Roman.

5 stars
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4 stars
4 stars

Was wir wissen können
Dieser Roman spielt im Jahr 2119 und die Welt ist durch den Klimawandel und Kriege gebeutelt. Die Welt ist überschwemmt und Europa eine Insellandschaft. Zu dieser Zeit sucht der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe ein verschollenes Gedicht. Dies hat der Dichter Francis Blundy im Jahr 2014 seiner Frau Vivien gewidmet. Vom Gedicht gibt es nur eine einzige Fassung.
Der Autor nimmt den Leser mit auf eine interessante Reise in eine zukünftige Welt. Die Geschichte spielt mal im Jahr 2014, dann wieder im Jahr 2119.
Ein sehr interessantes Buch, auf das man sich aber einlassen muss.

4 stars
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5 stars
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Ein Gedicht lässt sich nicht so leicht vernichten –

Drei große Themen behandelt McEwan in seiner Zukunftsschau: den Zustand der Literatur (-wissenschaft) und der (englischen) Sprache, den Zustand von Welt und Umwelt und den Zustand von Liebe und Ehe. Um es gleich vorwegzunehmen: bei Letzterem ändert sich am wenigsten. Auch im 22.Jahrhundert wird geliebt, gelogen, vergeben und vergessen. Wie tröstlich!

Ich-Erzähler Tom ist Historiker und lebt im England des Jahres 2119. Aber eigentlich lebt er in zwei Welten. Denn er forscht zu einem Abendessen, das vor hundert Jahren im Hause des Dichters Francis Blundy stattfand. Anlässlich ihres Geburtstags widmete der damals schon berühmte Autor seiner Frau Vivien einen Sonettenkranz. Das Werk ist nur einmal, bei eben dieser Dinnerparty, vom Dichtergatten selbst uraufgeführt worden und seit hundert Jahren unauffindbar.

Tom versinkt bei seinen Recherchen in der Vergangenheit. »Ich hätte dort sein können. Ich bin dort. Ich weiß alles, was sie wissen – und mehr noch, denn ich kenne einige ihrer Geheimnisse und ihre Zukunft, ihren Todestag.«
Was er nicht weiß, ist, dass das Gedicht soviele Geheimnisse enthält wie es später durch sein spurloses Verschwinden erzeugt. Tom ist zwar besessen von dem Gedanken, es aufzutreiben, aber die Aufgabe stellt ihn vor große Hindernisse. Inzwischen ist als Folge des Meeresanstiegs aus Großbritannien ein Archipel teilweiser unbewohnter Inseln geworden und das Reisen beschwerlich. »Natürlich würde mir die Moidart-Bibliothek eine große Hilfe sein, aber die Fahrt dahin war einfach zu gefährlich. Ich scheue Risiken heute noch mehr als mit zwanzig oder dreißig, und ich war nicht bereit, mein Leben an eine Horde Lake-District-Gangster in elektrischen Kanus zu verlieren.« Eine der vielen Stellen in »Was wir wissen können«, die laut lachen und ahnen lässt, wieviel Spaß McEwan beim Schreiben hatte.

»Klimawandel« sei der »verharmlosende, damals noch gebräuchliche Ausdruck« im 21. Jahrhundert gewesen und »wilde Ausbrüche« habe es in der Lebensweise der Menschen gegeben: »was für ein Humor: für eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer fliegen; Hochhäuser, die an Wolken kratzten; uralte Wälder abholzen für Papier, mit dem sie sich den Hintern abputzten«. Allerdings hätten diese Menschen auch bahnbrechende Errungenschaften in Medizin und Technik auf den Weg gebracht, ohne jedoch in der Lage zu sein, die nötigen Maßnahmen gegen ihr eigenes Verderben in die Wege zu leiten. Yep, das sind dann wohl wir.

Eine witzige Konstante im Zeitalter der »Disruption« durch den Klimawandel bleibt der Universitätsbetrieb. Auch Tom und seine Frau June verdienen als Literaturwissenschaftler einen Bruchteil dessen, was Naturwissenschaftler bezahlt bekommen und die Jugend ändert sich sowieso nie, wie Tom in seinem Seminar »Literatur der Überflutung« feststellen muss: »Vierzehn junge Frauen und Männer hingen in sich zusammengesunken um den Tisch. Sie waren mit den Folgen aufgewachsen, hatten schon ihre Großeltern endlos darüber reden hören. Die Vergangenheit war bevölkert von Idioten. Wen interessiert’s? Das Thema war abgehakt. Die jungen Leute saßen hier, weil der Kurs Pflicht war«

Was die Jugendlichen wirklich fesselt ist ihre Social-Media Zeit mit der „Nationalen Künstlichen Intelligenz”. »Bis in die intimsten Einzelheiten kennt die NKI das Leben des Fragenden, und ihr Gedächtnis reicht natürlich weit zurück. Den Kids gefällt das. Sie kommen sich wichtig vor, fühlen sich gekannt und umsorgt. […] NKI ist eine freundliche Tante, besorgt, kritisch, weltgewandt. Die Jugendlichen gestehen ihr, was sie selbst Eltern oder engsten Freunden nicht anvertrauen würden«.

Was in den vielen wohlwollenden Kritiken zu »Was wir wissen können« viel zu kurz kommt, ist McEwans ehrenhafter Versuch einer feministischen Perspektive im zweiten Teil des Romans, der Viviens Aufzeichnungen enthält. Durch ihre Erzählstimme entsteht ein unterhaltsam satirisches Portrait von Dichterfürsten-Eitelkeit aus der Sicht der Begleiterin. »Ich bin in Dein Leben getreten«, beginnt Vivien ihre Abrechnung, »du nie in meins«. Nüchtern analysiert sie ihre Lebensrealität als Muse/Sekretärin/Lektorin/Köchin/Bettgenossin. »[…] was hier vorging, war ein Prozess des Verschwindens. Ich war es, als ich die Fahne las, dann war ich es und zugleich auch nicht, als ich das erste gedruckte Exemplar in Händen hielt, bis ich schließlich, verwässert und auf viele gedruckte Versionen meiner selbst verteilt, im Druckbild verschwand und es gar nicht mehr um mich ging«.

Ist das vielleicht auch ein wenig die Abbitte des Romanciers McEwan bei seiner eigenen Lebensbegleiterin? »Was blieb, war nicht mal eine Frau, sondern eine poetische Übereinkunft, der Schatten einer Frau an der Höhlenwand der Imagination eines Mannes.«

5 stars
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Mich hat das Thema der Zukunftsvision sehr interessiert. In Kombination mit einem verschollenem Gedicht umso mehr, weil ich die Kombination so ungewöhnlich finde. Stell ich mir die (düstere) Zukunft doch eher so vor, dass ich mir nicht so unbedingt Gedanken um ein Gedicht mache.
Erst Recht, wenn Europa eine arme Insel ist. Alles sehr sehr interessant.
Ich bin aber gar nicht so richtig rein gekommen in den Text. Die Figuren waren mir persönlich zu schattig und ich konnte nicht so gut reinfühlen. Vielleicht hatte ich auch nicht die richtige Ruhe für das Buch und nehme mir später nochmal mehr Zeit. Ein großartiger Autor und ich bedanke mich herzlich für das Leseexemplar.

4 stars
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„Vierzehn junge [Student*innen] hingen in sich zusammengesunken um den Tisch. Sie waren mit den Folgen aufgewachsen, hatten schon ihre Großeltern endlos darüber reden hören. Die Vergangenheit war bevölkert von Idioten. Wen interessiert’s? Das Thema war abgehakt. Die jungen Leute saßen hier, weil der Kurs Pflicht war. Sie selbst waren längst weiter.“

So sehen das die jungen Menschen der Zukunft, wenn sie auf uns zurückblicken, die wir die Klimakatastrophe nicht ernst genommen haben. Sie leben in einer neuen Realität, ihrer einzigen. Und diese Lebensrealität gründet auf den fatalen Folgen, die die Klimakatastrophe haben wird.
Das ist ein zugleich gruseliges und hoffnungsschimmerndes Szenario. Immerhin gibt es noch Menschen in hundert Jahren. Es gibt keine schöne, intakte Natur mehr. Beschwerliches Reisen wird notwendig und der Umzug der überlebenden Menschen auf noch bewohnbare Flecken Erde. Das Internet funktioniert, das Leben ist digitaler geworden.
Wie arbeitet und forscht ein Literaturwissenschaftler in hundert Jahren, der sich auf einen Schriftsteller aus unserer heutigen Gegenwart spezialisiert hat? Die Informationsgrundlage ist enorm groß. Unsere digitalen Spuren haben überdauert. Analoge Archivarbeit scheint trotzdem noch nicht überflüssig zu sein. Zumindest dann nicht, wenn man auf der Suche nach einem literarischen Stück ist, das nur in einer einzigen Anfertigung auf Papier existierte.

Ian McEwan beschreibt dieses Zukunftsszenario für 2119. Wir machen uns mit dem Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe auf Spurensuche in einer Vergangenheit, die unsere heutige Gegenwart ist. Metcalfe sucht nach einem verschollenen Gedicht des Dichters Francis Blundy.

Die Idee zu diesem Buch finde ich herausragend. Die Umsetzung ist allerdings nur mittelmäßig gelungen. Einige Gedanken scheinen nicht zu Ende gedacht und man bekommt den Eindruck, dass Ian McEwan teilweise zu sehr von der Gegenwart auch für sein Zukunftsszenario ausgeht (Archivarbeit in nicht digitalisierten Tagebüchern, die eine gefährliche Reise nötig macht?). Zudem hat er es sich mit dem Ehepaar Blundy sehr einfach gemacht, in dem er die beiden als spießige, akademisch gebildete Leute gestaltet, die sich aufs Land zurückziehen und in weiten Teilen ihr analoges Leben wahren. Das bildet nicht die Lebensrealität jetziger junger Menschen ab. Die Einblicke in das Seelenleben anderer Protagonisten der Vergangenheit sind holprig bis elegant gestaltet. Ausgehend davon, dass wir die Geschichte aus der Perspektive des Literaturwissenschaftlers in 100 Jahren erfahren, darf der Erzähler dann doch manchmal auktorial auftreten. Es wird damit begründet, dass auch Daten der anderen (natürlich ebenfalls berühmten) Figuren zugänglich sind.
Man hätte sich vielleicht dir Begründungen sparen können und den Erzähler der Vergangenheit kommentarlos allwissend auftreten lassen können. Daraus hätte eine sehr spannende, interessante Erzählweise werden können. Die albernen Begründungen zerstören das aber.

Dieser Roman lässt mich ein bisschen unbefriedigt zurück. Das Potenzial zu einer richtig guten Erzählung ist greifbar, doch letzten Endes wirkt die Geschichte schnell und unbedacht zu Papier gebracht.

3 stars
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Wir schreiben das Jahr 2119. Der Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe forscht nach einem verschollenen Gedicht, das 2014 als Geburtstagsgeschenk entstanden ist. Geschrieben wurde dieser Sonettenkranz von dem berühmten Dichter Francis Blundy für dessen Frau Vivienne.
Tom taucht tief in das Leben der beiden ein, liest zahlreiche Briefe und Tagebücher. Er entdeckt dabei auch das verlorene, gute Leben in dieser Zeit. Die Menschen des 21. Jahrhundert haben eine zerstörte Natur hinterlassen und Kriege heraufbeschworen.

Ian McEwan bietet uns eine spannende Zeitreise und eine berührende tragische Liebesgeschichte - genial!

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Ich bin hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Verärgerung, das Buch hat mich auf jeden Fall beeindruckt! McEwans postapokalyptische Zukunft - wie könnten wir es nicht wissen? All unsere Technik, alles was unsere Vorfahren und Zeitgenossen erfunden haben - wir können es wissen. Nie war das Wissen der gesamten Menschheit besser zugänglich. In hundert Jahren wird sich Tom unsere Zeit als Paradies vorstellen, alle Informationen sind in riesigen Datenspeichern bewahrt, - diese Gedanken machen den wirklich starken Teil des Buchs aus. (bis auf die Tatsache, dass mit Greenwich scheinbar auch das Wissen über Koordinaten untergegangen ist)

Aber Vivien? Was hat er sich denn dabei gedacht? Dieser intellektuelle Mikrokosmos ist entweder eine ironische Spitze für Insider oder aber ein blasses, ermüdendes Namen-Aufzählen für Kopfschiefhalter. Leidenschaft? Liebe? Nicht nachvollziehbar...trotzdem vier Sterne, toll übersetzt von Robben (obschon der Karnevalswagen vermutlich ein bandwagon war und damit vielleicht doch eher ein Festzugswagen?)

4 stars
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5 stars

Was wir wissen können von Ian McEwan

Eine literarische Schnitzeljagd zwischen Vergangenheit und Dystopie
Es ist ein faszinierendes Netz, das Ian McEwan auslegt. Vom Jahr 2014 ins Jahr 2119, zwischen Dichtern, Literaturwissenschaftlern, Kritikern, Professoren – Männer und Frauen. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe sucht ein verschollenes Gedicht von Weltrang. Der hochberühmte Dichter Francis Blundy hat es 2014 auf Pergament von Hand geschrieben und seiner Frau Vivien zu ihrem Geburtstag vorgetragen. Ein einziges Mal. Seitdem ist es verschollen und Heerscharen von Akademikern widmen sich der Suche und dem Schreiben über das Gedicht. Hat Blundy damals den Untergang der bekannten Welt vorhergesagt, beinhaltet das Gedicht die Trauer über die verschwindende Pflanzen-und Tierwelt oder ist es der Liebe zu Vivien gewidmet?
Fragen über Fragen, die um so schwerer zu beantworten sind, weil so viele Möglichkeiten verschwunden sind. Internetnutzung ist auf wenige Stunden begrenzt, Datenbanken sind in Nigeria gesichert und werden dort verwaltet. Europa ist zur Inselwelt geworden. Nur wenige Bibliotheken sind noch ohne Gefahr für Leib und Leben zu erreichen. Kaum jemand kann noch von Hand schreiben. Das gesamte Leben ist viel langsamer geworden. Manche Waren wie Schokolade oder Kaffee sind zu Kostbarkeiten geworden. Und in den USA herrschen Warlords und ihre Banden, die von jedem Ankommenden erstmal Schutzgeld erpressen. GPS ist schon lange abgestellt, die Satelliten sind vom Himmel gefallen. Das ist düster und spannend zugleich, auch weil in dieser kaum beherrschbaren Welt alles gleichförmig geworden ist, und doch Thomas Metcalfe und seine Ex-Frau Rose mit Hacke, Schaufel und Zelt ein Abenteuer wagen auf der Suche nach dem Manuskript und in einen Kriminalfall verwickelt werden. Die ausgedehnte Anlehnung an Blundy’s Gedicht und den ganzen literarischen Zirkel seiner Zeit fordert dem Leser durchaus Durchhaltevermögen ab. Allerdings folgt man dann auch atemlos dieser Tour de Force durch eine mögliche Zukunft. Beeindruckend.

5 stars
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5 stars

Was für ein grandioses Buch!

Es ist das Jahr 2119. Die Welt ist durch den Klimawandel und Krieg fast völlig überschwemmt und besteht nur noch aus einzelnen Inseln. In dieser Zeit macht sich der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe auf die Suche nach einem herausragenden, jedoch verschollenen Gedichts - ein Sonettenkranz - des Dichters Francis Blundy aus dem Jahr 2014, gewidmet seiner Frau Vivien.

Während sich der erste Teil des Buches der Recherche im Jahr 2119 widmet und teilweise etwas langatmig daher kommt, widmet sich der zweite Teil dem Bericht von Vivien - der Aufklärung wie es wirklich war und was mit diesem Gedicht geschehen ist. Spätestens dann kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, man hält als Leser den Atem an, wenn man beginnt zu verstehen, was damals wirklich geschehen ist.

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Ian McEwan entwirft in 'Was wir wissen können' ein eindrucksvolles Zukunftsszenario: Nach einem radikalen Klimawandel ist Großbritannien im Jahr 2119 zu einem Archipel aus Inseln zerfallen - eine düstere, aber faszinierende Dystopie, die erschreckend nah an der Realität zu kratzen scheint. Die Grundidee ist ebenso grandios wie beunruhigend, und McEwan gelingt es einmal mehr, gesellschaftliche Themen mit literarischem Anspruch zu verbinden.

Ich bin ein großer Fan seiner Werke und habe bereits mehrere Romane von ihm gelesen - und auch hier erkennt man sofort seinen unverwechselbaren Stil: ruhig, reflektiert, sprachlich präzise. Dennoch muss ich gestehen, dass ich mit den Figuren dieses Romans nicht ganz warm geworden bin. Sie blieben für mich etwas distanziert, was es schwer machte, emotional in die Geschichte einzutauchen. Auch das Tempo ist stellenweise sehr gemächlich; manche Passagen ziehen sich, während man auf den nächsten erzählerischen Höhepunkt wartet.

Trotzdem: 'Was wir wissen können' ist ein spannendes, gedankenreiches Buch über Verlust, Wandel und Menschlichkeit in einer zerstörten Welt. Kein neues Lieblingsbuch von McEwan, aber definitiv lesenswert - gerade für alle, die dystopische Zukunftsvisionen mit literarischem Tiefgang schätzen.

Vielen Dank an NetGalley und den Diogenes Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

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Wieder ein beeindruckender und tiefgründiger Roman von Ian McEwan.
In einer Welt, die durch Klimawandel und Krieg weitgehend zerstört wurde, will der junge Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe ein berühmtes Gedicht aufspüren, das als verschollen gilt. Dabei begibt er sich auf die Spuren des berühmten Paares Francis und Vivien Blundy. Der Schriftsteller Francis hatte seiner Frau aus Dankbarkeit ein Sonett gewidmet und im Jahr 2014 an ihrem Geburtstag vor allen Gästen vorgetragen. Es gilt als Meisterwerk, das den Menschen in der grausigen Gegenwart vielleicht so etwas wie Hoffnung geben könnte.
Thomas recherchiert. Über das Ehepaar Blundy existieren unheimlich viele Quellen, dem Internet sei Dank. Er kommt sogar an Textnachrichten und E-Mails, die die beiden sich geschrieben haben. Dennoch wird dem/der Leser*in im Verlauf des Romans klar, dass man über das Ehepaar Blundy
dennoch nicht alles wissen kann. Die Wahrheit offenbart sich nur in dem Teil, der aus Viviens Sicht erzählt wird und in dem immer klarer wird, aus persönlicher Bequemlichkeit kann der Mensch nicht nur den Klimawandel erfolgreich ignorieren, sondern ist auch imstande, einen Mord zu begehen bzw. geschehen zu lassen.
Sehr guter Erzähstil, mittendrin hat der Roman allerdings ein paar Längen.
Insgesamt trotzdem sehr empfehlenswert.

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Am Ende bleibt mir als Lese nur ein Fazit: Ein absolut faszinierendes Buch. McEwans Blick in die Zukunft mutet, nach den Geschehen der vergangenen Jahre, beängstigend realistisch an. Eine vollkommen veränderte Welt, die deutlich weniger Menschen beherbergt und viel von dem Luxus unserer momentanen Tage nicht mehr kennt. Dies in eine Geschichte zu betten, wo die Kunst bzw. die Literatur im Mittelpunkt eines Forschenden steht, finde ich sensationell. Und dieser Kniff mit dem zweiten Teil und der gefundenen Prosa zur Auflösung. Wahnsinn!

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Am 28. Dezember 1817 veranstaltete der englische Maler Benjamin Robert Haydon ein Abendessen, das in die britischen Geschichtsbücher einging. An der Dinnerparty in London trafen sich nämlich der Schriftsteller Charles Lamb und die Dichter John Keats und William Wordsworth. Über dieses Abendessen hat Stanley Plumly einen ganzen Roman geschrieben: «The Immortal Evening: A Legendary Dinner with Keats, Wordsworth, and Lamb» heisst das Buch. Ian McEwan tut es ihm jetzt quasi gleich: Er hat einen Roman über die Erforschung eines ähnlichen Dichter-Dinners geschrieben. Allerdings mit zwei spannenden Tricks. Sein Dinner zu ehren von Dichtersgattin Vivien Blundy findet im Oktober 2014 statt, wir blicken aber aus der Zukunft, aus dem Jahr 2120, auf das Abendessen zurück. Der Erzähler, der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe, forscht in der Bodleian-Snowdonia-Bibliothek über das legendäre Dinner. Er schreibt, was die Literaturwissenschaft darüber weiss und spekuliert über ein Gedicht, das Francis Blundy an jenem Abend rezitierte. Das Gedicht ist legendär, aber es ist verschollen. Den zweiten Teil seines Buches widmet Ian McEwan den Bekenntnissen von Vivian Blundy. Sie enthüllen, was damals wirklich geschah. Obwohl der Literaturwissenschaftler über Berge von Daten verfügte, liegt er mit seinen Thesen zum Teil weit daneben. In meinem 280. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum ich Ihnen dieses Buch gerade heute zur Lektüre empfehle.

Mein Name ist Matthias Zehnder – willkommen zu meinem Buchtipp der Woche. Ich empfehle Ihnen hier jede Woche ein Buch, das ebenso intelligent wie unterhaltend ist. Diese Woche: «Was wir wissen können» von Ian McEwan.

Ian McEwan Erzählung setzt am 20. Mai 2119 ein, also knapp 100 Jahre in der Zukunft. Er beschreibt diese Zukunft nie wirklich, wir müssen sie aus Nebensätzen erschliessen. Die Welt, in der Dichter Francis Blundy im Jahr 2014 lebte und die Welt von Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe im Jahr 2119 unterscheiden sich dramatisch.

Die Klimakrise, die Francis Blundy übrigens nie so bezeichnen wollte, begannt zu seiner Zeit mit milden Wintern, starken Stürmen und Hitzewellen. Das führte zu Überflutungen, Dürren, einem Artensterben und zu Migration. In der Mitte des 21. Jahrhunderts eskalierten mehrere Konflikte in begrenzte, aber verheerende Nuklearschläge: 2036 kam es in Asien zu den ersten Klimakriegen zwischen Indien und Pakistan, primär aufgrund von Wasserknappheit. Kurz darauf explodierten sechs taktische Nuklearwaffen im Nahen Osten. Diese Atomexplosionen schleuderten gigantische Mengen Staub und Sand in die obere Atmosphäre. Der «Kriegsstaub» führte zu einer globalen Abkühlung von zwei Grad, was paradoxerweise als «Klimachance» angesehen wurde.

2042 explodierte eine fehlerhaft konstruierte, russische Interkontinentalrakete im Atlantik. Das führte zu siebzig Meter hohen Tsunamis, die Europa, Westafrika und Nordamerika verwüsteten. Die Flutwelle führte zum Untergang zahlreicher Küstenstädte und Mündungsdeltas, darunter Lagos, London, Rotterdam, Hamburg und ein Grossteil von Paris. Im Zuge der Überflutung wurde Großbritannien zu einem Archipel, also einer Insellandschaft. Die Scheune der Blundys befindet sich im 22. Jahrhundert auf einer isolierten, bewaldeten Insel der Cotswolds.

Die vielen Katastrophen haben dazu geführt, dass die Erdbevölkerung von neun auf knapp vier Milliarden Menschen zurückgegangen ist. Die Lebenserwartung beträgt im 22. Jahrhundert noch zweiundsechzig Jahre. Die Weltwirtschaft ist zusammengebrochen, die Versorgungssysteme sind wieder kleinteilig. Die Gesellschaft gleicht wieder der Gesellschaft der Vormoderne. Eine hübsche Pointe ist, dass ein grosser Teil der Daten aus dem 20. Jahrhundert nur dank des nigerianischen Internets gerettet werden konnten.

In dieser postapokalyptischen Welt also erforscht unser Literaturwissenschafter das berühmte Dinner im Jahr 2014, das der damals weltberühmte Dichter Francis Blundy seiner Frau Vivian zum 54. Geburtstag ausrichtete. Sein Forschungsgegenstand ist also das sogenannte «Zweite Unsterbliche Abendessen» und vor allem Francis Blundys berühmtes verschollenes Gedicht «Ein Sonettenkranz für Vivien».

Der Abend mochte einmal eine private Angelegenheit gewesen sein, doch war er das längst nicht mehr. Und es ging auch nicht mehr allein um ein verschollenes, nach dem Abendessen vorgetragenes Gedicht, sondern um das, was aus diesem Gedicht dank seiner Nichtexistenz geworden war: ein Reservoir an Träumen, überbeanspruchte Nostalgie, nutzlose retrospektive Wut und Brennpunkt haltloser Verehrung. Allein Blundys Wahl der Gedichtform, hieß es, sage doch alles. Ein Sonettenkranz sei im 21. Jahrhundert ein verschnörkelter Anachronismus gewesen. Durch keinerlei eigenen Verdienst, vielmehr allein dank der Torheit seiner Bewunderer habe das Gedicht alle Grenzen gesprengt, um in den Sumpf politischer Ökonomie, globaler Historie und Leids abzugleiten. Vergleiche mit dem ‹Unsterblichen Abendessen› von 1817, so wurde argumentiert, entbehrten jeder Grundlage. Esprit sei größtenteils ein Vorrecht der geistesgewandten Jugend. Und bei den Blundys habe es an jenem Abend niemanden gegeben, der sich vergleichen ließe mit Leigh Hunt oder Keats, dem nur noch vier Jahre bis zum Ende seines kurzen Lebens blieben. Niemand in der prachtvoll umgebauten Scheune hätte es mit Wordsworths Gelehrsamkeit aufnehmen können, der Unmenge an Gedichten, die er auswendig kannte, oder mit der Kraft seiner Persönlichkeit.
Und so stolperte die Debatte dahin, und der Ruhm des Abends bei Blundy wuchs im Laufe jener Jahre, in denen Städte, Landschaften und Institutionen verkümmerten oder überflutet wurden. Dabei hat ein Unmaß an Informationen in zahllosen Schichten unwichtiger Details überdauert. Viele Gelehrte erstickten unter dem Gewicht trivialer Fakten. So wissen wir zum Beispiel, dass Francis Blundy gern Äpfel aß. (Seite 24f.)

Sie wissen ja: Die Daten über diese Zeit haben dank des nigerianischen Internets überlebt. Die Frage, die Ian McEwan in seinem Buch stellt, lautet: Wissen wir mehr, wenn wir über mehr Daten verfügen?Über die Zeit des ersten «Unsterblichen Abendessens» von 1817 sind Angaben allenfalls in Form von einigen Briefen und Tagebucheinträgen überliefert. Wer, wie Francis Blundy im 21. Jahrhundert lebte, hinterliess eine riesige Datenspur und ist für die Forscher der Zukunft quasi gläsern. Literaturwissenschaftler Thomas Metcalf sagt:

Unsere Biografen, Historiker und Kritiker, deren Forschung in die Zeit nach dem Jahr 2000 fällt, erben über ein Jahrhundert dessen, was die Ära der Blundys so wolkig die ‹Cloud› nannte: ein riesiger, sich stetig ausweitender Sommerkumulus, bei dem es sich natürlich nur um Datenspeicher handelte. Wir haben fast zwei Jahrhunderte Fotografie und Film geerbt. Zahllose Vorträge von Francis Blundy, Interviews und Lesungen wurden aufgezeichnet und bleiben uns dank des nigerianischen Internets erhalten. All die Artikel über ihn in Zeitungen und Zeitschriften existieren in digitaler Form. Nachdem ab etwa 2004 die Handys der Blundys auch zu Kameras wurden, vervielfältigten sich Aufnahmen der Scheune, der Innenräume und der umgebenden Landschaft. Weder er noch Vivien waren in den sozialen Medien aktiv, doch verschickten sie in ihren späteren Lebensjahren Abertausend digitale Nachrichten. Ihnen verdanken wir, dass sich die tagtäglichen Belanglosigkeiten verfolgen lassen, und sie geben uns einen akkuraten Bericht über Freunde und Bekannte, abgeschlossene Gedichte und das Auf und Ab ihrer Stimmungen. Sie erzählen uns, was Vivien bekümmerte und bedauerte, alles, was sie ihre Schwester Rachel und enge Freunde wissen lassen wollte. Wir können uns außerdem die Nachrichten ansehen, die ihre Zeitgenossen beunruhigten, die Skandale, die davon ablenkten, die alten Triumphe im Sport. Wir wissen genau, was zwischen Francis und seinem Agenten, seinen Verlegern und Übersetzern, seinem Steuerberater, Arzt oder Anwalt vorging. Selbst seine und Viviens Surfgewohnheiten sind heute nachvollziehbar, und wir können Ende-zu-Ende-verschlüsselte Nachrichten einsehen. Wie unser Dean in einer Ansprache einmal sagte, haben wir der Vergangenheit ihre Privatsphäre geraubt. (Seite 31f.)

Der Literaturwissenschaft stehen also ganze Datenberge zur Verfügung. Aber weiss sie deshalb wirklich mehr? Keine Mail oder SMS enthält so interessante und wohlformulierte Reflexionen wie ein gedankenschwerer Brief des 19. Jahrhunderts. Der Literaturwissenschaft weiss im Jahr 2120, dass Vivien Blundy hundert Jahre zuvor eine Kartoffel der Sorte Rooster in der Hand hielt, um sie für das Essen an ihrem Geburtstag zu schälen. Aber weiss sie deshalb mehr? Und vor allem: Verstehen die Menschen des 22. Jahrhunderts die Menschen des 21. Jahrhunderts deshalb besser? Die Studenten von Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe jedenfalls schütteln über sie nur die Köpfe.

Was für brillante Erfindungen, welch bornierte Gier. Was für eine Musik, welch geschmacklose Kunst, welch wilde Ausbrüche und was für ein Humor: für eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer fliegen; Hochhäuser, die an Wolken kratzten; uralte Wälder abholzen für Papier, mit dem sie sich den Hintern abputzten. Allerdings entzifferten sie auch das menschliche Genom, erfanden das Internet, begannen mit KI und schickten ein wunderschönes goldenes Teleskop Millionen Kilometer tief ins All. Dann aber, was zu wiederholen sich kaum lohnt, sahen sie verblüfft zu, wie Jahrzehnte verstrichen, während die Disruption an Tempo gewann, die Zahl der Waffen sich vervielfältigte, und sie taten wenig dagegen, auch nicht, als sie wussten, was auf sie zukam und was nötig wäre. Eine solche Freiheit und Hemmungslosigkeit, solch furchtsamer Trotz. Sie waren brillant bei aller Habgier, unvorstellbar streitlustig und bereit, gleichermaßen für schlechte wie für gute Ideen zu sterben. Während die Wissenschaft ihren Einfluss erweiterte, verbreiteten sich zeitgleich auch Religion und Verschwörungstheorien immer stärker. Die Menschen waren großartig und tapfer, fantastische Gelehrte und Wissenschaftler, Musiker, Schauspieler und Sportler, und sie waren Idioten, die all das fortwarfen, obwohl ihre Hochkultur heftig klagte oder schrie vor Schmerz. Wir schauderten vor Entsetzen über ihre Unerschrockenheit. Sie waren laut, unbescheiden, unbekümmert und frei bis auf jene Aberhundert Millionen, die es nicht waren. Wir sehnten uns danach, mit unseren Studenten ihre Literatur und ihre Zeit durchzunehmen. Wir hofften, sie würden unsere Leidenschaft für die wütende Energie dieser Zeit teilen, würden ihre eigenen Zwänge abwerfen genau wie jene ängstliche Prinzipientreue, die unsere Institute lähmten. (Seite 94f.)

Wenn man das liest, kann man dem braven Literaturwissenschaftler der Zukunft nur recht geben. Diese Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts müssen wirklich seltsam gewesen sein: für eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer fliegen; … uralte Wälder abholzen für Papier, mit dem sie sich den Hintern abputzten. Besser kann kann man es nicht auf den Punkt bringen.

Aber die Apokalypse der Menschheit ist nur der Hintergrund für die eigentliche Geschichte, die Ian McEwan uns erzählt. Er zeigt, wie schwierig es seinem Literaturwissenschaftler der Zukunft fällt, in der überwältigenden Fülle an archivierten Informationen die Wahrheit über Motivationen und Gefühle zu finden. Metcalfe und seine Kollegen verfügen über ein «ganzes Gebirge unerforschten Materials», Abertausende digitale Nachrichten, Tagebücher, Wetterbeobachtungen und Surfgewohnheiten der Blundys. Dem Biograf bleibt, wie in früheren Jahrhunderten, aber trotzdem nichts anderes übrig, als die zwischen den Fakten klaffenden Lücken mit Fiktion zu schliessen.

Ian McEwan setzt dafür eine schöne Metapher ein. Im Zentrum des Buchs steht eine Leerstelle: das verschollene Gedicht «Ein Sonettenkranz für Vivien». Metcalfe schreibt also die Biografie eines ungelesenen Gedichtes. Sein Unwissen bezieht sich dabei nicht auf Daten, sondern auf das Wesen, die Gefühle und das Innere der Menschen. Die vielen Daten stehen ihm dabei eher im Weg.

Ian McEwan zieht daraus keine Schlüsse. Das überlässt er uns. Wir können uns selbst fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, für eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer zu fliegen und uralte Wälder abzuholzen für Papier, mit dem wir uns … Sie wissen schon. Ob die vielen Daten uns zu mehr echtem Wissen und Verständnis füreinander verhelfen – oder ob es dazu vielleicht etwas ganz anderes braucht. Etwas wie Fiktion und Fantasie – und ein grosses Herz statt einen grossen Datenspeicher.

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Ein altersweiser, ironischer Roman über eine düstere Zukunft und der Frage, wie wir die Vergangenheit wahrnehmen.
Nicht McEwans bester Roman, mit ein paar Längen, aber absolut lesenswert. Und wie man es von McEwan gewohnt ist, gibt es am Ende noch einen Twist, der den Leser alles Vorangegangene überdenken lässt.

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Fesselnde Geschichte, die zum Teil in der heutigen und zum Teil in einer dystopischen Zukunft spielt. Mal wieder ein richtig guter McEwan.

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Ja, was können wir eigentlich wissen?

Ian McEwan nimmt uns erst mit in die Zukunft um dann in die zukünftige Vergangenheit zu gehen. Klingt vielleicht etwas seltsam, ist jedoch sehr sehr gelungen. Die Zukunftsmusik ist so realistisch und glaubwürdig beschrieben, dass man sofort eintaucht. Die Spurensuche nach dem Gedicht entwickelt eine spannungsreiche Atmosphäre. Einzig die Längen im ersten Teil kann man etwas bemängeln. Ansonsten wieder ein tolles Buch.

4 stars
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„Was wir wissen können“ spielt in einer Zukunft, die eher als leiser Hintergrund dient. Im Mittelpunkt steht Thomas, der einem verlorenen Gedicht nachgeht. Diese Suche nimmt sehr viel Platz ein und wird so ausführlich erzählt, dass sich der Roman stellenweise deutlich zieht. Für mich wurde er dadurch phasenweise langweilig, auch wenn die Grundidee interessant ist.

Spannender wird es erst, wenn Vivien selbst zu Wort kommt. Dieser Perspektivwechsel bringt mehr Gefühl und Abwechslung und gibt der Geschichte eine neue Richtung. Die Zukunftselemente bleiben insgesamt dezent, regen aber dazu an, über Erinnerung und den Wert von Literatur nachzudenken.

Insgesamt ein ruhiger, sehr langsamer Roman mit schönen Momenten, der aber nicht immer die nötige Spannung hält.

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McEwan setzt in „Was wir wissen können“ erneut auf seine große Stärke: die feinsinnige Beobachtung der menschlichen Vernunft — und ihrer Grenzen. Er nimmt sich eines Themas an, das komplex genug ist, um philosophisch zu tragen, und zugleich nah genug am Alltagsleben bleibt, um sofort zu packen. Es geht um Wahrnehmung, Wahrheit, Selbsttäuschung und die Frage, wie sicher wir uns eigentlich sein können, wenn wir sagen: Ich weiß.
Wie so oft bei McEwan ist die Handlung nicht laut, aber präzise gebaut. Er führt seine Figuren mit einem erstaunlichen Gespür für Zwischentöne. Menschen stolpern über ihre eigenen Gewissheiten, klammern sich an Überzeugungen, die bröckeln, oder entdecken plötzlich, wie wenig sie bisher verstanden haben. Gerade diese Mischung aus psychologischer Tiefe und intellektueller Eleganz macht den Roman so faszinierend.
Die Sprache ist klar, kontrolliert, fast chirurgisch — aber nie kalt. McEwan schafft es, große Ideen an konkrete, intime Momente zu binden. Man liest über Beziehungen, Irrtümer, Hoffnungen und erkennt dabei: Das, was wir „Wissen“ nennen, ist oft ein fragiles Gebilde aus Erinnerungen, Emotionen und halben Wahrheiten.
Besonders eindrucksvoll ist, wie er philosophisches Nachdenken mit erzählerischem Fluss verbindet. Nichts wirkt dozierend, nichts verkopft. Stattdessen entsteht dieser typische McEwan-Sog: Man rutscht immer tiefer in das Innenleben der Figuren und merkt irgendwann, dass man sich selbst befragt.
Fazit: „Was wir wissen können“ ist ein bemerkenswert konzentrierter Roman, der mit leisem Druck arbeitet. Er fordert heraus, öffnet gedankliche Räume und bleibt lange nach dem Lesen im Kopf. Für alle, die Literatur suchen, die mehr tut, als nur zu unterhalten — und die Lust haben, sich selbst beim Denken zu ertappen — eine klare Empfehlung.

5 stars
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Das Buch "Was wir wissen können" wird in zwei Teilen erzählt und am besten fängt man an zu lesen ohne zu viel von dem Buch gehört zu haben. Die Geschichte fängt in einer nahen Zukunft an, wo man dem Protagonisten bei der Recherche um einen verlorenen Sonettenkranz begleitet. Es geht nicht nur um dieses scheinbar verloren gegangenes Meisterwerk, sondern auch um zwischenmenschliche Beziehungen, die Literatur, die Sprache und Imaginäre an sich, und was tatsächlich im Leben wichtig ist (oder sein sollte). Die zukünftige Welt selbst ist ernüchternd, aber fühlt sich real an, es wird nichts beschönigt. Dann im 2. Teil wird quasi von der Vergangenheit erzählt, allerdings aus einer subjektiven Sicht. Der Leser wird herausgefordert und man legt ab einem gewissen Punkt alle Aussagen auf eine Waage, ob wahr oder falsch. Wie der Titel sagt: Was wir wissen können. Raffiniert erzählt fühlte sich das Buch nicht so lang an und war auch schnell durchgelesen.

"Gerade weil niemand den Sonettenkranz kannte, war er so schön."

Das inzwischen 4. Buch von Ian McEwan, was ich lesen durfte. Ich mag seine Erzählweise und auch wie kreativ er mit vielleicht fast schon normalen, langweiligen Themen umgeht. Man liest und liest und plötzlich gibt es dann Momente, die hell erleuchten. Von seinen bisherigen Büchern finde ich "Was wir wissen können" bisher am stärksten mit viel Tiefgang und Höhen. Ich hatte viel Spaß bei der Lektüre dieses Buches!

5 stars
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Ian McEwan ist ein Meister der stillen, präzisen Erschütterung – und Was wir wissen können bestätigt das noch einmal.
Ein Roman über Erinnerung, Wahrheit, Wahrnehmung und die Frage, wie sehr wir uns auf unsere eigenen Geschichten verlassen können.

McEwan schreibt mit dieser unverwechselbaren Mischung aus analytischer Schärfe und emotionaler Tiefe. Er zeigt, wie brüchig Gewissheiten sind, wie schwer es ist, sich selbst ehrlich zu begegnen, und wie stark das Bedürfnis nach einem klaren Narrativ sein kann – selbst wenn es nicht der Wahrheit entspricht.

Was mich besonders berührt hat, ist die stille Traurigkeit, die zwischen den Zeilen liegt. Die Erkenntnis, dass wir uns selbst manchmal mehr täuschen als andere. Und dass Erinnerungen nicht zuverlässig sind, aber bedeutend.

Ein kluger, ruhiger, dichter Roman, der lange nachhallt.

3 stars
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𝑫𝒊𝒆 𝒁𝒖𝒌𝒖𝒏𝒇𝒕 𝒃𝒆𝒔𝒕𝒆𝒉𝒕 𝒂𝒖𝒔 𝑩𝒓𝒖𝒄𝒉𝒔𝒕ü𝒄𝒌𝒆𝒏 – 𝒖𝒏𝒅 𝒂𝒖𝒔 𝒅𝒆𝒓 𝑺𝒆𝒉𝒏𝒔𝒖𝒄𝒉𝒕, 𝒔𝒊𝒆 𝒛𝒖 𝒐𝒓𝒅𝒏𝒆𝒏.
Ian McEwan. Was wir wissen können (Bernhard Robben (Übersetzer)), Diogenes 2025)

Tom Metcalfe lebt im Jahr 2119 in einer Welt, die sich irgendwie gefangen hat zwischen Untergang und Routine. Küsten sind versunken, Staaten zerfallen, doch Kultur und Wissenschaft existieren weiter, als hätten sie sich an den permanenten Krisenzustand gewöhnt. In dieser nach-katastrophischen Normalität führt Tom das Leben eines Literaturwissenschaftlers, der sich mit der „Politik und Literatur der Inundation“ beschäftigt — ein Fach, das seltsam naheliegend wirkt, wenn die Hälfte des Kontinents vom Wasser geschluckt wurde.
Tom hat eine Obsession: ein verschollenes Gedicht des fiktiven Dichters Francis Blundy, vorgetragen im Jahr 2014, nie veröffentlicht, nirgends aufgezeichnet. Ein einmaliges Ereignis, das nun wie ein literarischer Komet durch die Archive geistert. Tom versucht, diese eine Nacht zu rekonstruieren — die Gäste, die Stimmung, die Gespräche, die emotionalen Strömungen. Was wie ein Forschungsprojekt beginnt, wird schnell zu einer persönlichen, fast gefährlichen Faszination.
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Die Jagd nach einem Gedicht – und nach Wahrheit
McEwan erzählt Toms Recherche als Mischung aus kriminalistischem Archivgraben und intellektuellem Eigensinn. Der Roman entfaltet sich nicht über äußere Spannung, sondern über die Frage, wie Wissen entsteht — und wie leicht wir unsere eigenen Versionen zur Wahrheit machen.
Tom arbeitet mit Restdaten, Korrespondenzen, sozialen Netzspuren, digitalen Sedimenten. Er ist überzeugt, in jedem Detail Bedeutung zu finden. Doch je tiefer er gräbt, desto unsicherer wird das Fundament seiner Erkenntnisse.
Alles, was wir über die Vergangenheit erfahren, ist abhängig davon, wer sie erzählt.
Und Tom ist ein Erzähler, den man permanent hinterfragen möchte.
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Kommentar 1 von 2

Eine Zukunft, die uns ähnlicher ist, als uns lieb sein kann
Obwohl der Roman in einer post-klimatischen Zukunft spielt, wirkt die Welt erstaunlich nah. Die Städte sind beschädigt, aber bewohnt. Länder existieren in Restformen. Menschen lieben, irren, forschen — mit derselben Mischung aus Selbstüberschätzung und Verletzlichkeit wie heute.
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Tom Metcalfe – ein Mann, der zu viel weiß und zu wenig versteht
Tom ist einer dieser Figuren, die McEwan besonders gut kann: brillant im Denken, unsicher im Leben, moralisch aufrichtiger als er glaubt und gleichzeitig erstaunlich blind für die eigenen Schwächen.
Er ist weder sympathisch noch verwerflich — er ist schlicht glaubwürdig.
Ein Mann, der Wissen sucht, weil er sich selbst nicht versteht.
Seine Beziehung zu Rose, Kollegin und Gegenpol, zeigt das besonders deutlich. Während Tom sich immer tiefer in Spekulationen verliert, erkennt Rose, dass Wahrheit nur selten eindeutig ist. Sie sieht die Brüche, die Tom ignoriert. Ihre Dynamik ist einer der feinsten Fäden im Roman:
ein Zusammenspiel von Anziehung, Misstrauen, Bewunderung und intellektueller Reibung.
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Struktur: Zwei Stimmen, zwei Welten
Der Roman gliedert sich in zwei große Teile, die voneinander abhängen und einander zugleich widersprechen. Die zweite Perspektive stellt Toms Erkenntnisse infrage, erweitert sie, korrigiert sie — und zeigt, wie unzuverlässig jede Wahrheitsbehauptung ist.
Genau hier entfaltet das Buch seine volle Kraft:
McEwan lässt uns erleben, wie brüchig Wissen ist — selbst dann, wenn es wissenschaftlich klingt.
Kommentar 2 von 2
Themen, die den Roman tragen
1. Erinnerung als Konstruktion
Wir erinnern selten das, was war, sondern das, was wir ertragen können.
2. Wissen als Macht – und als Selbsttäuschung
Je mehr Daten Tom sammelt, desto unsicherer wird alles.
3. Zukunft als Kommentar zur Gegenwart
Was im Jahr 2119 passiert, ist oft eine überdeutliche Spiegelung unserer heutigen Abhängigkeiten.
4. Literatur als Überlebensinstinkt
Warum ist ein einziges Gedicht so wichtig?
Weil Kunst das ist, was nach dem Untergang bleibt.
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McEwans Stil – glasklar, spielerisch, scharf beobachtet
McEwan schreibt in diesem Roman mit der Leichtigkeit eines Spätwerks, aber ohne Müdigkeit.
Die Sprache ist kontrolliert, aber nicht streng.
Die Ironie ist präzise, aber nie zynisch.
Die Welt ist futuristisch, aber psychologisch vertraut.
Es ist ein Buch, das das Denken feiert — ohne je trocken zu werden.
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Kritikpunkte – und warum sie zum Roman gehören
• Toms Obsession kann anstrengend wirken.
• Die Rekonstruktionspassagen verlangen Aufmerksamkeit.
• Manche Leser möchten mehr äußere Handlung.
Aber genau dadurch bleibt der Roman glaubwürdig:
Er denkt über Wissen nach — und kein Gedanke, der sich lohnt, ist einfach.
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Fazit
Was wir wissen können ist ein kluger, vielschichtiger, überraschend unterhaltsamer Roman.
Er verbindet Zukunftsvisionen mit intellektuellem Witz, Lebensnähe mit philosophischer Schärfe.
McEwan erinnert uns daran, dass Wahrheit nie stabil ist — und dass wir trotzdem nicht aufhören, nach ihr zu suchen.
Es ist eines seiner reifsten Bücher:
präzise, warm, ironisch, menschlich.
Und eines, das sehr lange nachhallt.

5 stars
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McEwan versteht sein Handwerk und ist ein grossartiger Literat. Ganz nebenbei lässt er die grossen Fragen unserer Zeit in diese sowohl verstörende, als auch mit Humor erzählte Dystopie einfliessen:..:
Welche Welt werden wir den zukünftigen Generationen hinterlassen? Welche Verantwortung tragen wir?
Welche unserer Daten, Dokumente und Fakten werden erhalten bleiben? Was aus unserer Zeit wird in die nächsten Jahrhunderte
überliefert werden und wie?

5 stars
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Ian McEwan ist für mich ein Autor, von dem ich absolut alles lese bzw. noch lesen möchte. Sein Werk ist dabei recht vielfältig. In seinen neueren Büchern wendet er sich teilweise der spekulativen Fiktion und Dystopien zu. Dies gelingt ihm jedoch leider nur bedingt gut.
Im vorliegenden Roman befinden wir uns zu Beginn etwa 100 Jahre in der Zukunft. Die Welt ist nicht mehr dieselbe: durch eine Bombe wurden große Teile Europas zerstört und ist nun eine Insellandschaft, die Weltordnung wurde auf den Kopf gestellt. Ein Rest Zivilisation hat sich noch erhalten, es gibt auch weiterhin Forschung und Literaturwissenschaft. Das viel Wissen verloren gegangen ist und der Zugang zu Quellen mühselig ist, bleibt vieles im Verborgenen. Ein Wissenschaftler ist von einem verschollen gegangenen Gedicht völlig fasziniert und setzt alles daran, es zu finden.
Dystopien wie die oben beschriebene üben immer einen gewissen Schrecken auf mich aus. Auch wenn ich in den Beschreibungen manches verwirrend fand (was nicht an Sprache oder Können des Autors liegt, sondern daran, dass es meiner gewohnten Weltordnung völlig widerspricht), war sie doch realistisch genug. Gleichzeitig liest sich dieser erste Teil aber unglaublich zäh. Ich brauchte fast drei Wochen dafür und es war teilweise eine Qual.
Nach etwa 300 Seiten folgt dann der zweite Teil und die Erzähl- und Sichtweise ändert sich abrupt. Und auch mein Blick auf das Buch änderte sich. An nur einem Tag las ich den Rest. Zuvor war ich nahe daran aufzugeben. Ich hatte jedoch in anderen Rezensionen bereits gelesen, dass sie sich an Abbitte erinnert fühlten, und allein dieser Gedanke motivierte mich. Was bin ich froh, dass ich durchgehalten habe. Denn Ian McEwan zeigt erneut sein meisterhaftes Können. Wurde im ersten Teil mein Weltbild auf den Kopf gestellt, so ist es nun das jenes Wissenschaftlers. Der Roman ist großartig konstruiert. Er hat vieles bei mir angeregt und wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Ein bemerkenswertes Buch und eine unbedingte Leseempfehlung für alle mit Durchhaltevermögen.

4 stars
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In einer Welt am Rande des ökologischen Kollapses begibt sich Biograf Thomas Metcalfe auf die Suche nach dem verschollenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy – und stößt dabei auf eine Geschichte, die seine eigenen Gewissheiten zerschmettert. Ein Roman über die Grenzen der Erkenntnis und die Macht der Projektion, der zeigt, was bleibt, wenn wir erkennen, dass wir nichts wissen.

Erkenntnis oder Projektion?
Zusammenfassung / Inhalt „Was wir wissen können“
Ian McEwans neuer Roman „Was wir wissen können“ dreht sich um Francis Blundy und sein verschwundenes Gedicht, einen Sonettenkranz. In einer ausgebeuteten, klimatisch geschundenen Welt erforscht der Biograf Thomas Metcalfe das Leben des Dichters Blundy, dessen bedeutendstes Werk verloren ging.

Die Dystopie entfaltet sich auf zwei Zeitebenen.

Die Gegenwart zeigt eine erschöpfte Welt. McEwan verortet die Handlung in das Jahr 2119. Eine fiktive Welt, die ökologisch, emotional und literarisch ausgezehrt ist.

Diese postkatastrophale Gegenwart verzichtet auf actiongeladene Szenen von brennenden Städten und Zusammenbruch. Sie wirkt resigniert, still, grau und abgenutzt. Die Welt funktioniert gerade noch, ohne Höhepunkte. Der Klimawandel zeigt sich nicht in dramatischen Katastrophen, sondern schleichend. Utopien und große Fortschrittserzählungen fehlen. Es bleibt nur das Weitermachen – und das Schreiben.

In dieser Welt arbeitet Thomas Metcalfe als Biograf. Seine Aufgabe ist es, das Leben des Dichters Francis Blundy zu rekonstruieren. Diese Mission ist wissenschaftlich und emotional: Metcalfe liebt seine Arbeit, liebt Blundy, liebt das Rätsel, das dieser Mann darstellt.

Die Handlung gleicht einer wissenschaftlichen Detektivarbeit. Metcalfe durchkämmt Archivmaterial und sammelt Fragmente. Die narrative Gegenwart ist eine des forschenden Schreibens – nicht der Action, sondern der Reflexion.

Das verschwundene Gedicht und die Liebe In der Vergangenheit, die der Gegenwart der Leser entspricht, enthüllt dieser Rückblick die komplexe Beziehung zwischen Francis Blundy und Vivien. Ihre Lebensgeschichte erscheint als vielschichtiges Gewebe aus Begehren, wissenschaftlicher Neugier und unausgesprochenen Geheimnissen.

Metcalf ist fasziniert von diesem Gedicht, das ein Phantom ist. Was war dieses Gedicht? Worum ging es?

Das Leben selbst wird zum Rätsel: Was war die Beziehung zwischen Blundy und Vivien? Was Metcalfe zunächst „weiß“, bzw. was er konstruiert hat ist, dass Vivien eine unterstützende Partnerin war, dass sie ihre akademische Karriere für Blundy aufgegeben hat, dass sie sich zurückgezogen hat. Die erzählte Geschichte ist nicht die wahre Geschichte. Sie ist die Geschichte, die Metcalfe sich erzählt hat.

Drei Stimmen, eine Wahrheit? – Die Protagonisten „Was wir wissen können“
Der leidenschaftliche Forscher Thomas Metcalf ist der Erzähler im ersten Teil des Romans. Er ist Biograf und Wissenschaftler. Seine Besessenheit von Blundy, seine Hingabe an die Recherche und seine emotionale Investition in die „Wahrheit“ prägen seine Arbeit. Doch seine Perspektive bleibt subjektiv, es fehlt ihr an Objektivität.

Metcalfe setzt auf Empathie, um Blundys Leben zu verstehen. Doch der Roman fragt: Genügt Empathie als Methode historischer Erkenntnis?

„Beruf‌lich habe ich mich ein Leben lang darum bemüht, mit Menschen vertraut zu werden, die ich niemals persönlich treffen konnte, Menschen, die wirklich gelebt haben und für mich daher weit lebendiger waren als Figuren in einem Roman. Ich habe versucht mir zu eigen zu machen, was »jenseits meiner Reichweite über die Zeit hinweg« liegt. So bin ich zum Beispiel davon überzeugt, ich hätte Vivien Blundy lieben können“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Francis Blundy bleibt ein Rätsel. Er ist lange tot, und sein Leben wird nur durch Fragmente, Erinnerungen und Aufzeichnungen anderer erzählt. Er ist keine überlebensgroße literarische Figur wie Byron.

Sein verschwundenes Gedicht steht für Vergänglichkeit. Es symbolisiert alles, was wir nicht wissen und was verloren geht.

Vivien ist die Schreiberin der Gegenwahrheit, Die eigentliche Überraschung des Romans ist Vivien. Lange war sie die stumme Figur – die zurückgezogene Partnerin, die unterstützende Ehefrau. Doch Vivien hinterlässt Aufzeichnungen, die Metcalfes Bild von ihr widersprechen.

Vivien schreibt gegen das Bild, das Thomas von ihr hatte. Sie ist nicht das sanfte, aufopfernde Opfer, als das Metcalfe sie darstellte. Sie ist komplex, fehlbar, eigenständig. Ihre Erinnerungen sind ebenso wahr wie Metcalfes Recherchen – nur anders.

Die Harmonisierung dieser drei Stimmen – Metcalfe, Blundy und Vivien bildet das narrative Herzstück des Romans.

Schreibstil und Struktur „Was wir wissen können“
McEwan entwickelt eine präzise, zurückhaltende Erzählweise. Die Sprache ist kühl, distanziert und analytisch. Die Zukunft, in der die Geschichte spielt, formt die Sprache: sie ist trostlos, ohne Illusionen.

McEwan überlässt nichts dem Zufall. Die Struktur von „Was wir wissen können“ ist durchdacht und gezielt rau. Der Roman teilt sich: Zuerst die Forschung des Biografen, die Rekonstruktion, die liebevolle Interpretation. Dann der Bruch – Viviens Aufzeichnungen, die Korrektive, die Umschreibung.

Dieser Bruch ist gewollt. Metcalfe verliert seine Erzählerrolle. Die Figur Vivien übernimmt. Die Perspektive wechselt nicht sanft, sondern abrupt.

McEwan zeigt damit etwas Tiefgreifendes: Wir können nicht sanft von einer Wahrheit zur anderen wechseln. Der Erkenntnisprozess ist nicht evolutionär, sondern revolutionär. Es gibt einen Punkt, an dem die alte Erzählung (Metcalfes Forschungsergebnisse) endet und eine neue (Viviens Aufzeichnungen) beginnt.

„Wie bei den meisten Menschen, die sich auf dem Papier mit sich selbst unterhalten, galt meine Treue der Wahrheit, so wie ich sie zum jeweiligen Zeitpunkt verstand. Würde ich mich in schlechtem Licht zeigen müssen, dann sollte es so sein.“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Fazit / Kritik „Was wir wissen können“
Der Roman hinterfragt grundlegende erkenntnistheoretische Konzepte. McEwan zeigt, dass die Idee der Empathie sehr subjektiv ist. Sichtbar werden die Grenzen menschlicher Erkenntnis in einer vergangenen Welt, so dass man sagen kann, „Was wir wissen können“ entfaltet sich als komplexe Meditation über Wissen, Interpretation und die Grenzen menschlichen Verstehens.

Mir gefällt die moralische Komplexität: Weder Metcalfe noch Vivien sind Bösewichte. Beide haben recht – und beide haben unrecht. Der Roman verweigert einfache moralische Bewertungen.

Auch eine Warnung für die aktuelle Politik Deutschlands kann man, wenn man möchte, im nächsten Zitat lesen.

„Etwa zu der Zeit, als das darniederliegende Deutschland von Großrussland einverleibt wurde, war die Erdbevölkerung infolge von Tsunamis, Kriegen, Hungersnöten und Krankheiten auf knapp vier Milliarden gesunken.“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Ich möchte den Buchtitel zum Abschluss in eine Frage umwandeln: Was können wir wissen? Jeder, der in der Vergangenheit forscht oder etwas sucht – ob Wissenschaftler oder Laie –, muss sich diese Frage ständig stellen. Warum? Weil das Ziel immer die Wahrheit ist. Auch wir Rezensenten sollten uns diese Frage bewusst machen und dabei nie vergessen: Jede Rezension spiegelt nur eine persönliche Meinung und darf nicht den Anspruch erheben, die Wahrheit zu sein.

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Im Jahr 2119 ist die Welt nach verheerenden Überschwemmungen zu einer Insellandschaft geworden, und die einstige Freiheit und der Wohlstand sind nur noch Erinnerungen.
Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe sucht in dieser dystopischen Zukunft nach einem verschollenen Gedicht von Weltrang. Es stammt von dem berühmten Dichter Francis Blundy, der es 2014 seiner Frau Vivien widmete und nur einmal öffentlich vortrug. Bei seinen Nachforschungen stößt Thomas auf Spuren einer geheimen Liebe und eines Verbrechens, das die Geschichte des Paares überschattet. Ian McEwan entwirft dabei eine Welt, in der trotz Verlust Hoffnung und die Macht der Kunst bestehen bleiben.

»Die Legalisierung von Zigaretten.« »Von Nikotin? Im Ernst?« »Ist ab nächstem Jahr erlaubt. Wo lebst du denn, Thomas? Im gesetzlosen Südwesten wird Tabak unter Glas angebaut.“

Mir ist es lange schon nicht mehr so schwer gefallen, in eine Geschichte hinein zu kommen. Und so war ich im ersten Drittel versucht, abzubrechen. Doch sowohl der Autor als auch der Verlag sind eigentlich Garanten für Qualität - und es gab immer wieder Sätze, die bemerkenswert waren.

„Francis empfand keine Liebe für die Dinge, die sein Gedicht zu lieben schien. „

Und so habe ich durchgehalten. Und mein Durchhalten wurde belohnt. Plätscherte die Geschichte zunächst dahin, ja war fast langweilig, da sie sich (so schien es mir) im Kreis drehte, so erreichte sie plötzlich einen Punkt, in der sie mit einer unerwarteten Wendung nicht nur spannender wurde, sondern den ersten Teil maßgeblich änderte.

Mit dem zweiten Teil wechselt der Erzähler von Thomas zu Vivian. Und die Geschichte, die vorher auf Recherchen und Tagebuchsichtungen basierte, erfährt einen Ruck in Richtung Realität - und stellt plötzlich eine andere überraschende Wahrheit dar. Ein - wie ich finde - vom Autoren meisterlicher Griff in die Trickkiste, der zudem einen erschreckenden Aspekt mit einführt!

„Am schlimmsten jedoch war, dass er vergessen hatte, dass er mich liebte.“

Eine Geschichte über Klimawandel, Kunst, Liebe und Betrug - aber auch über Hoffnung und Verlust. Was wie ein Bericht beginnt, entpuppt sich als eigentlich traurige Lebensgeschichte.

Ich bin froh, nicht aufgegeben zu haben und kann dieses Buch nur sehr empfehlen - insbesondere, wenn man nicht zu viel Tempo erwartet.

»Nur in Dingen finden sich Ideen.«

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Obwohl Ian McEwan zu meinen Lieblingsautoren gehört, habe ich mich mit diesem Buch recht schwergetan. Die erste Hälfte, in der Tom Metcalfe erzählt, ist oft sehr langatmig, besonders bei den Beschreibungen rund um das gesuchte Gedicht. Was mich neugierig auf das Buch gemacht hat, die Beschreibung der Welt in hundert Jahren, hat mich nicht enttäuscht. Allein dafür lohnt es schon. Im zweiten Teil erzählt Vivien die Geschichte, die Frau, der vor hundert Jahren das Gedicht gewidmet war. Das ist wesentlich spannender zu lesen und geht auch sehr nah.
Natürlich ist der ganze Roman wie alle McEwans lesenswert. Immer besonders.

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Die verschiedenen Zeitebenen haben mich erst irritiert. Das Zurücksehnen in die Vergangenheit, also in einer Welt, die vom Klimawandel noch nicht völlig verändert wurde, empfand ich als beklemmend. Und doch haben sich die Menschen irgendwie wieder eingerichtet. Der Suche nach dem verlorenen Gedicht und den ganzen Lebensumständen, konnte ich teils schwerlich folgen. Das kann aber durchaus daran liegen, dass ich den ersten Teil über einen längeren Zeitraum gelesen habe und mir damit einige Bezüge verloren gingen.

Der zweite Teil erklärte so manche Frage dann. Was an sich ein gelungenes Buch ja ausmacht.

Mein Fazit: ich werde den Roman nochmal lesen, wenn ich mehr zusammenhängende Lesezeit habe. Da ist für mich sich noch etwas zu entdecken, was mir beim ersten Mal verborgen blieb.

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Ian McEwan enttäuscht nicht.
In seinem neuen Buch schafft er es, eine sehr spannende und (für mich) neue Perspektive einzunehmen: Der romantisierende Blick auf unsere Zeit von unserer Zukunft aus.
Was wäre, wenn unsere jetzt so krisengeschüttelte Zeit die Ruhe vor dem Sturm ist? Wie würden wir in 100 Jahren auf unsere Zeit zurückblicken, wenn der 3. Weltkrieg und drastische Folgen des Klimawandels bereits über uns hinweggeschwappt wären?
Und welche Rolle spielt unser digitales Zeitalter für das Erinnern? Unsere Vergangenheit und ihre Quellen sind beschränkt. Bis zu einem gewissen Punkt können wir nicht mehr erfahren. Aber mit den riesigen Mengen an Daten, die sich heute tagtäglich ansammeln, bräuchte es in dieser Zukunft ganz Leben, um alle Informationen über einen einzigen Tag von heute auszuwerten.

Diese Geschichte vergisst man garantiert nicht. Trotz dieses weiten Blicks auf Zukunft und Vergangenheit geht McEwan auch ganz tief in seine Figuren, allen voran Vivien. Eine tolle Kombi und ein Highlight von einem Buch.

5 stars
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Die Prämisse des Buches finde ich gut, aber beim Lesen ist mir dann aufgefallen, dass es doch schon etwas anspruchsvoller ist. An sich ist die Geschichte nicht schlecht, letztendlich hat sie mich nur nicht so abgeholt. :)

3 stars
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Im Jahr 2119 ist die Welt nach Atomkrieg und Naturkatastrophen komplett verändert – Europa besteht aus vereinzelten Inseln, der „weiße Europäer“ ist weitestgehend verdrängt, die Menschheit ist dezimiert und unser privilegiertes Leben im Europa am Anfang des 21. Jahrhunderts ist längst passé.. Aber dennoch: es gibt noch Universitäten und dort wird auch noch in Literaturwissenschaft geforscht und gelehrt. Thomas Metcalfe ist ein Dozent, der es sich in den Kopf gesetzt hat, ein verschollenes Gedicht zu finden. Sein Verfasser und die Person, der es gewidmet ist, werden für Metcalfe zu nahezu realen Begleitern in seinem Leben. Ab der Hälfte des Romans wird die Geschichte dann aus der Perspektive eine Dichterin aus dem frühen 21. Jahrhunderts erzählt – es ist spannend zu sehen, wo Erinnerung, Überlieferung und Forschung überlappen oder auch weit auseinander liegen. Für mich eine Liebeserklärung an die Geisteswissenschaften!

4 stars
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Großartig! Einfach nur großartig!

Das Tolle an Ian McEwan ist, dass jedes seiner Bücher anders ist als das vorige und für sich steht. Er wählt sich ein Thema aus, das ihn interessiert - und arbeitet sich dann offensichtlich sehr tief in die Materie ein. Das kann bei schlechteren Autoren schon mal dazu führen, dass man kleine Sachartikel mitgeliefert bekommt, die den Lesegenuss stören. Bei Ian McEwan ist das undenkbar, er handhabt sein Material viel subtiler. Die Welt in der nahen Zukunft (2119), die er entwirft, wird uns nicht eingangs erklärt. Wir erfahren vieles erst nach und nach und eher indirekt, aus Dialogen, Überlegungen der Figuren, wie beiläufig hingeworfen.
McEwans Figuren sind immer sehr menschlich, mit vielen Fehlern und Schwächen ausgestattet, sie verhalten sich nicht immer konsequent, zweifeln oft und gehen doch ihren Weg. So auch Thomas, der Literaturwissenschaftler in "Was wir wissen können", der geradezu besessen einem verschollenem Gedichtzyklus von 2014 und der zugrunde liegenden Liebesgeschichte zwischen dem Dichter Francis Blundy und seiner Frau Vivien nachspürt. Und dabei sogar einem Verbrechen auf die Spur kommt ...
Es ist zum Teil sehr beklemmend zu lesen, wie unserer heutige Zeit rückblickend bewertet wird.. Denn: Wir hätten es schließlich wissen müssen, dass es so nicht weitergeht mit der Erde, so der Tenor von Thomas' Studenten. Mit der Welt, wie wir sie hinterlassen haben, mit den politischen Verwerfungen, den Einschränkungen haben die Protagonisten des Buches zu leben gelernt. Was das Ganze besonders reizvoll macht: In der Zukunft hat man nahezu unbegrenzten Zugriff auf damals vermeintlich sichere Korrespondenz in den sozialen Medien. Aber auch dort findet sich nie die ganze Wahrheit.
Am Ende rundet sich alles zu einem großartigen Gesamtbild, das literaturwissenschaftliche Rätsel wird gelöst und man hat viel Stoff zum Nachdenken. Sprachlich wie immer brillant, ein herausragendes Lesevergnügen.

5 stars
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4 stars

Ein dystopischer Ausblick auf unsere Welt in hundert Jahren, geschickt kombiniert mit einer Spurensuche nach einem sagenumwobenen Gedicht. Erkenntnis: noch können wir umsteuern, um das Schlimmste zu verhindern. Noch. Am spannendsten wird es im zweiten Teil, wenn die Frau des berühmten Verfassers des Gedichts uns ihre wahre Geschichte erzählt.

4 stars
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5 stars

Der neue Roman von Ian McEwan "Was wir wissen können" ist eine Dystopie, die im Jahr 2119 spielt.
Der Hauptprotagonist Thomas Metcalfe sucht nach einem verlorenen Gedicht in einer Welt, die vom Klimawandel und dem damit einhergehenden Verlust von Gesellschaft und Werten geprägt ist.
Über diese Veränderungen erfährt man nur durch Andeutungen und Dialoge, so ist zum Beispiel Nigeria zur Großmacht aufgestiegen.
Besonders reizvoll finde ich, dass der Ich-Erzähler aus seiner Zeit, 2119, wehmütig in unsere Zeit zurückblickt und sieht, wie wir darin versagt haben, die Klimakatastrophe zu verhindern und was alles noch möglich gewesen wäre, um das Steuer noch herumzureißen.
In der zweiten Hälfte des Roman entpuppt sich dieser dann auch noch als Liebesroman, was ich ganz zauberhaft finde.
Der Roman ist in einem ironischen Ton geschrieben, der trotz der Dystopie so etwas wie eine gewisse Leichtigkeit und Amusement vermittelt.
Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen und er hat mich zum Denken angeregt.
Daher empfehle ich ihn uneingeschränkt!

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Bodleian-Snowdonia-Bibliothek, 20.Mai 2119: Thomas Metcalfe ist seit längerem auf der Suche nach einem verschwundenen Sonett aus dem Jahr 2014. Der damals berühmte Schriftsteller Francis Blundy verfasste es zum Geburtstag seiner Frau Vivien. Um dem Schriftstück auf die Spur zu kommen, arbeitet sich Thomas durch Viviens Tagebücher und entdeckt dabei, neben dem Verbleib des Gedichtes, etwas völlig Unerwartetes.
Ian McEwan blickt ungeschönt aus einer nahen Zukunft in unsere Gegenwart. Während er die Klimakrise streift, stellt er unmissverständlich klar, dass das Zwischenmenschliche über allem steht. Wie können wir andere Lebewesen, egal ob Mensch,Tier oder Pflanze lieben, wenn wir uns selbst verachten?
Ein großes Werk!

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2 stars

Eigentlich habe ich McEwan immer sehr gerne gelesen, aber bei "Was wir wissen können" habe ich einfach den Zugang nicht gefunden. Der Anfang war sehr langatmig und der Sonettenkranz war mir ehrlich gesagt egal. Habe dann abgebrochen. Vielleicht fehlte mir auch einfach die Geduld. Verkauft sich ohnehin, auch ohne persönliche Empfehlung.

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4 stars

Im Jahr 2119: Die Welt ist überschwemmt, Europa eine Insellandschaft, Freiheit und Reichtum unserer Gegenwart – ein ferner Traum. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe sucht ein verschollenes Gedicht von Weltrang., welches der Dichter Francis Blundy 2014 seiner Frau Vivien gewidmet und nur ein einziges Mal vorgetragen hat
Die Zukunftsvision ist nicht meine. Der Text ist teils zäh und teils langweilig, aber der zweifellos sehr gebildete Autor hat für mich schon bessere Bücher geschrieben.. Glänzende Passagen gibt es aber auch hier.

4 stars
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5 stars

Endlich habe ich es geschafft dieses Tier Buch zu lesen. Für mich ist es wie ein Krimi, Zukunftsvision und Gesellschaftsroman in einem. Wie immer entäuscht mich Ian McEwan nicht!

5 stars
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Der Autor zeigt mit dem Finger auf viele Wunden in unserer Gesellschaft. Mir hat er Denkanstösse über den Sinn und die Wichtigkeit unserer "modernen" Welt gegeben. Wichtige Probleme die nicht gelöst, respektiv verharmlost oder ignoriert werden, auf der anderen Seite geben wir "Unwichtigkeiten" zuviel Gewicht.
Ich habe es mit Freude gelesen und freue mich schon auf sein nächstes Buch!

5 stars
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