Fräulein Hedwig
von Christoph Poschenrieder
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Erscheinungstermin 22.10.2025 | Archivierungsdatum 11.12.2025
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Zum Inhalt
Hedwig ist eine unverheiratete Frau, die auf dem Land als Grundschullehrerin arbeitet. Doch schon in jungen Jahren meldet sie sich immer häufiger krank. Der Pfarrer sieht in ihr eine verirrte Seele...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783257073508 |
| PREIS | 25,00 € (EUR) |
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Ich fand es ziemlich schwierig, in das Buch hineinzukommen. Nur das letzte Drittel des Buches war für mich interessant. Ich hatte erwartet, einen besseren Einblick in Hedwigs Charakter zu bekommen, auch auf wissenschaftlicher Ebene. Das Buch zeigt die (mehr als verständliche!) Wut des Autors über das, was Hedwig widerfahren ist, aber nicht viel mehr. Der Schreibstil ist lebendig. Ich hatte das Gefühl, dem Autor zuzuhören, wie er seine Geschichte erzählt. Obwohl das Buch mich nicht so gefallen hat, der Autor hat definitiv eine wichtige Geschichte geschrieben.
Ich habe eine digitale Kopie dieses Buches von NetGalley bekommen und freiwillig habe ich eine ehrliche Rezension geschrieben.
Rezensent*in 658031
Ehrlich gesagt bin ich mit den falschen Erwartungen an das Buch herangegangen und hatte daher Schwierigkeiten in das Buch hineinzukommen.
Ich habe gedacht das es sich um einen Roman handelt, dessen Protagonistin Hedwig ist und so etwas über sie und ihr Schicksal zu erfahren. Das war auch Thema des Buches, doch es war mehr eine Biographie als ein Roman. Der Autor ist ein Nachfahre von Hedwigs Bruder und hat sich daran gemacht die Geschichte der Frau und ihrer Familie zu recherchieren und niederzuschreiben. Leider hatte er dafür wenige Quellen. Hauptsächlich den Versuch von Hedwigs Schwester Marie, ein Buch über ihre Schwester zu schreiben.
Er beginnt mit Hedwigs Eltern, erzählt von ihrer Geburt, ihrer Kindheit und vielen Punkten in ihrem Leben. Die unfassbare Wut, darüber was zur Zeit des Nationalsozialismus mit Hedwig passiert ist ist spürbar.
Christoph Poschenrieder hat das Bild einer interessanten Frau geschaffen. Hat von ihren Höhen und Tiefen berichtet und auch ihr Umfeld ins Spiel gebracht. Das war sehr interessant und hat mir auch durchaus gefallen. Nur war es für mich näher an einer Biographie, auch wenn einiges Fiktion war, war und nicht der Realität entspricht.
Regine F, Buchhändler*in
Hedwig, geboren am 3.März 1884, gestorben am 25.Juli 1944.
Der Autor macht sich auf die Suche nach dem Leben seiner Grosstante Hedwig über die nie viel gesprochen wurde. Anhand von Postkarten, Briefen, Zeugnissen und dem Wenigen, was er von Hedwigs Schwester Marie weiss, zeichnet er das Leben einer unverheirateten Frau auf, die als Grundschullehrerin auf dem Land arbeitete, oft krank war und schliesslich ausser Dienst gesetzt werden musste. Hedwig war nervenkrank und lebte bis kurz vor ihrem Tod mit ihrer Schwester zusammen. 1944 wird sie in eine Nervenklinik eingewiesen und nur wenige Wochen später ist sie tot …
Mit diesem traurigen, liebevollen und notwendigen Buch setzt Christoph Poschenrieder nicht nur seiner Grosstante ein Denkmal!
Beschäftigte*r in der Buchbranche 1171222
Weniger ein Roman, sondern vielmehr ein Bericht mit vielen Zeitzeugnissen über das Leben von Hedwig. Diese war künstlerisch begabt, musste Lehrerin werden und landete schliesslich im Irrenhaus, zuletzt während der NS-Zeit. Spannend und tragisch!
Maria H, Rezensent*in
Fräulein Hedwig
Das Buch von Christoph Poschenrieder spielt zu der Zeit vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es handelt von einer jungen ledigen Frau namens Hedwig. Eigentlich hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt, aber weil sie gut lernen konnte wurde sie Grundschullehrerin. Hedwig führt ein stilles und einsames Leben und ist auch häufig krank. Sie entwickelt seltsame Eigenarten und wird vom Arzt als Nervenkranke eingestuft und in eine Anstalt eingewiesen. Obwohl sie drei Geschwister hat, ist es nur ihre Schwester die sich um sie kümmert, doch auch ihr sind die Hände gebunden. Hedwig ist als psychisch kranke Frau ihres Lebens nicht mehr sicher. Der Aufenthalt in der Anstalt ist …….Mehr möchte ich zum Inhalt nicht schreiben. Das Buch ist sehr interessant geschrieben und beschreibt Zustände, die erschreckend sind.
Beschäftigte*r in der Buchbranche 1760838
Tolles Buch, dass es geschafft hat, mich in seinen Bann zu ziehen. Der Klappentext führt leider etwas in die falsche Richtung. Man erwartet einen Roman, stattdessen ist es eine literarische Annäherung des Autors an seine Vorfahrin Hedwig Poschenrieder, von der eigentlich nicht viele schriftliche Zeugnisse erhalten sind. Vieles ist Spekulation, aber gerade das Ausloten der biografischen Lücken fand ich spannend.
Mit der teils biographischen, teils fiktionalen Herangehensweise hat der Autor Christoph Poschenrieder einen guten Weg gefunden, ein historisch beispielhaftes Schicksal zugleich einfühlsam und kritisch uns Nachgeborenen nahezubringen und ein in zweifacher Weise dunkles Kapitel der deutschen Geschichte ins Licht zu rücken.
Erzählt wird, in einem durchdachten Ineinander von einfühlender Nachdichtung und genauer dokumentarischer Kontextualisierung, die Geschichte der Hedwig Poschenrieder, der in den Wirren des zweiten Weltkrieges in einer psychiatrischen Anstalt verstorbenen Großtante des Autors, die an einer bipolaren Störung litt. Obwohl es nicht allzu viele Zeugnisse von ihr und über sie gibt, gelingt es Christoph Poschenrieder, sie für gewisse erzählerische Momente lebendig werden zu lassen und aus der Anonymität herauszuholen, die sie als ledige, frühpensionierte und als irre abgestempelte Frau mit nicht wenigen anderen Opfern dieser Zeit teilte.
Seiner Großtante und an ihrem Beispiel auch den vielen anderen namenlosen ähnlichen Schicksalen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist denn auch das erklärte Ziel des Autors, der seine engagierte Haltung nicht kaschiert. In seinem aufrüttelnden dokumentarischen Roman geht es um Euthanasie, um psychische Erkrankungen und den gesellschaftlichen Umgang damit, und um die begrenzten und sehr leicht ins Prekäre abrutschenden Möglichkeiten weiblicher Lebensläufe.
Mit seiner präzisen Hintergrundrecherche und seiner hinterfragenden, Offenheiten zulassenden Grundhaltung gibt Christoph Poschenriedern seinen Lesern vielschichtige Einblicke in eine Zeit, in der ein patriarchalisch geprägtes Frauenbild und nicht zuletzt von Seiten der Kirche indoktrinierte fragwürdige Moralvorstellungen von Scham und Sündhaftigkeit weiterwirkten und, nicht nur in Verbindung mit einer menschenverachtenden Ideologie wie dem Nationalsozialismus, in unterdrückerische Gewalt ausarten konnten.
Zum Inhalt:
Hedwig ist unverheiratet und arbeitet als Grundschullehrerin. Schon früh meldet sie sich immer wieder krank. Ihr Pfarrer hält sie für eine verirrte Seele, ihr Arzt für eine Nervenkranke und die Familie versteht sie nicht. Als der Nationalsozialismus aufkommt, gerät sie als psychisch kranke Frau in Gefahr.
Meine Meinung:
Ich glaube, ich bin mit völlig falschen Erwartungen an das Buch gegangen, denn ich hatte einen Roman aus der Sicht von Hedwig erwartet. Das ist dieses Buch aber überhaupt nicht. Es ist eher der Versuch des Autors, der Nachfahre des Bruders von Hedwig ist, eine Art Biografie über Hedwig zu schreiben. Dabei hat er recht wenig Informationen und stützt die Recherchen auf Unterlagen von Hedwigs Schwester Maria. Man spürt, dass der Autor schon emotional involviert ist, was auch sehr verständlich ist. So richtig eingefangen hat mich das Buch aber nicht, denn ich fand es schwierig Zugang zu finden.
Fazit:
Hat mich nicht gepackt
Stilles Schicksal, stark erzählt – jedoch mit Distanz
Ein eindrucksvoll geschriebenes Buch über ein erschütterndes Frauenschicksal
Zu Beginn hatte ich etwas Mühe, in die Geschichte hineinzufinden. Die Kapitel über Hedwigs Familie und die Generationen vor ihr zogen sich für mich etwas hin. Erst in den letzten Teilen hat mich das Buch wirklich erreicht, als Hedwig selbst stärker in den Mittelpunkt rückte. Sie lebt Anfang des 20. Jahrhunderts als Lehrerin auf dem Land, ist oft krank und wird von ihrer Umgebung kaum verstanden.
Ich hätte mir gewünscht, sie noch näher kennenzulernen. Ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihr inneres Erleben. Stattdessen bleibt sie oft auf Distanz. Man spürt zwar das Mitgefühl und auch die Empörung des Autors über das, was ihr widerfahren ist, aber für mich blieb Hedwig als Person etwas verschwommen.
Christoph Poschenrieders Stil ist lebendig, fast wie in einem Gespräch. Man merkt, wie sehr ihm die Geschichte seiner Familie am Herzen liegt und dass er mit diesem Buch etwas wiedergutmachen wollte.
Mich hat berührt, wie Hedwig sich in einer Zeit behaupten musste, in der Frauen kaum eigene Wege gehen durften. Noch stärker hat mich bewegt, wie schnell sie als „nervenkrank“ abgestempelt und schließlich zum Opfer der NS-Zeit wurde. Diese Ungerechtigkeit hallt nach, auch wenn mich das Buch nicht auf jeder Seite fesseln konnte.
Am Ende überwiegt für mich der Respekt vor der Intention des Autors. Er hat einer Frau eine Stimme gegeben, die keine hatte und hat ihre wichtige Geschichte mit einer gewissen Distanz erzählt. 3 Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die ruhige, ernsthafte Geschichten bevorzugen und sich für historische Schicksale interessieren.
Bibliothekar*in 1036346
Die Grundschullehrerin Hedwig führt ein ruhiges Leben. Sie ist labil und oft krank. Der Arzt erklärt sie nervenkrank und die Pfarrer hält sie für eine verirrte Seele. Als schließlich die Nationalsozialisten an die Macht kommen gerät die kranke Frau in Gefahr, weil psychisch Kranke als lebensunwert betrachtet wurden. Der historische Hintergrund ist gut recherchiert und hier mit dieser schwachen Frauenfigur verbunden. Hedwig war eine Frau in der Familie des Autors und die Informationen kommen aus Unterlagen von Hedwigs Schwester Maria, was den Hintergrund noch realistischer und greifbarer macht. Mir hat gefallen, dass hier einmal nicht eine taffe, starke Frau die Hauptrolle spielt, sondern eine realistische Figur und ihr Leben in dieser Zeit dargestellt wird.
S R, Buchhändler*in
Lese Christoph Poschenrieder sehr gerne und habe mich gefreut über dieses neue Buch.
Fräulein Hedwig heißt mit Nachnamen Poschenrieder und ist tatsächlich die Großtante von C.P.
Sie ist unverheiratet, arbeitet als Grundschullehrerin und ist eher kränklich.
Der Pfarrer nennt Hedwig eine verirrte Seele.
Der Arzt hält sie für nervenkrank.
Die Familie kann nichts mit ihr anfangen.
Sie hat es wirklich nicht leicht gehabt und letztendlich wurde sie während des NS-Regimes durch unterlassene Hilfe ermordet.
Eine anrührende Geschichte, die bestimmt schwer zu schreiben war.
Simone F, Rezensent*in
Christoph Poschenrieder begibt sich auf Spurensuche im Leben seiner Großtante Hedwig, Jahrgang 1884. Wenig ist zunächst bekannt über die Frau, die zeitlebens alleinstehend blieb, überaus fromm war und bereits als junge Frau zunehmend nervenkrank wurde. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird dies für Hedwig lebensbedrohlich.
Poschenrieder stützt sich bei seiner Recherche vor allem auf die Aufzeichnungen von Hedwigs Schwester Marie und Briefe. Da diese vor allem die frühen Jahre abdecken, bleibt ein großer Teil von Hedwigs Leben im Dunkeln bzw. spekulativ. Der Autor macht jedoch stets kenntlich, wo er sich auf Quellen bezieht und wo er behutsam eigene Vermutungen anstellt.
An Hedwigs Leben wird deutlich, welchen enormen Einfluss damals die Kirche besaß, sowohl als gesellschaftlich als auch in Bezug auf die persönliche Entwicklung insbesondere junger Frauen. Kirchliche Moralvorstellungen trugen massiv zur systematischen Unterdrückung von Frauen bei und waren Teil der patriarchalen Strukturen. Generell hatten Mädchen zurückzustecken und, wenn nötig, zum Familieneinkommen beizutragen, um den männlichen Geschwistern ein Studium zu ermöglichen. Das wurde als so selbstverständlich wahrgenommen, dass den Brüdern später nicht einmal in den Sinn kam, sich dankbar zu zeigen und sich ihrerseits um die Schwestern zu kümmern. Hedwig steht so exemplarisch für viele Frauen ihrer Generation, die qua Geschlecht in besonderem Maße fremdbestimmt und in den Möglichkeiten, die sich ihnen boten, benachteiligt waren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buches ist Hedwigs sich mit den Jahren verschlimmernde psychische Erkrankung, die sich während des Nationalsozialismus zu einem großen Risiko entwickelt. Auch hier wird an Hedwigs Beispiel der menschenverachtende Umgang der Nazis mit Nervenkranken deutlich.
Man spürt, wie nahe Christoph Poschenrieder das Schicksal von Hedwig geht, und sein feinfühliger, ruhiger und nachdenklicher Schreibstil gefiel mir auf Anhieb. Gerade die sachliche, um Authentizität bemühte Herangehensweise hat mich mehr berührt als dies ein historischer Roman gekonnt hätte.
Ein Schicksal, das betroffen macht, auch wenn man gar nicht viel über Hedwig erfährt, und das wenige nur durch die Brille der Angehörigen und Bekannten gesehen erzählt wird. Sie bleibt dadurch ein wenig blass, zu konturlos als dass man sie wirklich ins Herz schließen könnte, leider.
Uwe S, Journalist*in
Das Grab seiner Großtante kann Christoph Poschenrieder nicht besuchen. Es wurde abgeräumt. Wie seine Tante Hedwig gelebt hat und noch wichtiger, wie sie gestorben ist im Juli 1944, darüber schwieg man sich in der Familie des Schriftstellers aus. Nur eine von seinem Großvater überlieferte Bemerkung gab es: „Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen.“ Als ihr Name in einem Gedenkbuch der Münchner Opfer der „Euthanasie“ genannt wird, macht sich der Autor auf die Suche nach Hedwig Poschenrieder. Einer Frau, die auf dem bayerischen Land als Grundschullehrerin arbeitete, die Männern allenfalls im Beichtstuhl begegnete. Und daher ihr Leben lang Fräulein blieb. „Menschen wie sie hinterlassen wenige Spuren, zumindest wenige, die überdauern.“
„Fräulein Hedwig“ ist zweifellos der persönlichste Roman des in 1964 im amerikanischen Boston geborenen Poschenrieder, der in München an der jesuitischen Hochschule für Philosophie studierte und der sich seit seinem Romandebüt „Die Welt ist im Kopf“ besonders mit Schopenhauer beschäftigt. Nun taucht er ein in die Geschichte seiner eigenen Familie, die in der Gegend zwischen München und Regensburg seit vielen Generationen verwurzelt ist. Poschenrieder setzt fort, was Hedwigs Schwester Marie einmal begonnen hatte, aber nie zum Abschluss brachte. Seine Erfahrungen als Journalist und Dokumentarfilmer helfen ihm bei der Recherche mit Postkarten, Briefen, Dokumenten, Notizbüchern, Zeitungsausschnitten: „Fragmente, Fetzen und Fehlstellen, Unvollendetes und Unvollständiges.“
Die journalistische Distanz schwindet zunehmend in seinem Roman. Was auch dem eleganten, auf jedes Detail Rücksicht nehmende Erzählstil des Literaten, der 2014 mit „Das Sandkorn“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, zu verdanken ist. Wie dem Autor wird dem Leser anfangs Geduld abverlangt bei der Erkundung des innerfamiliären Geflechts. Doch mehr und mehr berührt diese Suche. Nicht nur weil die psychisch kranke Tante mit Anfang 60 unter der NS-Diktatur in einer Anstalt als „unwertes Leben“ ermordet wurde. Sondern weil sich bei der Beschäftigung mit der übrigen Verwandtschaft Abgründe auftun.
Vieles hat mit der Rolle der Frauen in der damaligen Gesellschaft zu tun. Schon Margarete, Hedwigs Mutter, ist wie ihre Tochter eigentlich „munter, lebendig, musikalisch“, doch muss sie ihre Talente und Wünsche hintanstellen. Erst recht, als ihr Mann, ein Gymnasiallehrer, früh stirbt und sie die vier Kinder alleine durchbringen muss. An der wirtschaftlichen Not wird sich später kaum etwas ändern. Aber Hedwig, als Lehrerin, trägt einen Teil zum Überleben bei. Ein Beruf, den sich junge Frau nicht ausgesucht hat. Mit dem sie vielleicht nervlich überfordert ist. Und der die „Gemütszustände“ mit ausgelöst haben könnte, unter denen sie zunehmend leidet und deshalb unter ärztliche Aufsicht muss.
Eine geradezu dramatische Funktion kommt im Fall der Hedwig Poschenrieder der Religiosität zu. Der Katholizismus, der mit seinen Zwängen, aber auch seinen charismatischen Predigern gerade bei Frauen eine berauschende, wenn nicht, wie hier geschildert, erotisierende Wirkung entfacht. „Seit dem ersten Mal, als sie sich in den Beichtstuhl von Sankt Emmeram geschlichen hat, fühlt sie nur wohlige Geborgenheit in dem dunklen Gehäuse“, heißt es in dem Roman. „Das Beichten wird ihr zu einer Lebensnotwendigkeit und später zum Zwang, genau wie die Fixierung auf bestimmte Beichtväter.“
Einen Vertreter des Klerus hat Poschenrieder besonders in Verdacht, Alphons Maria Scheglmann, Generalvikar und Dompropst in Regensburg, „der das Samenkorn legte, der Hedwig mit seinem klebrigen Fingern einfing und einsponn in einen Kokon, aus dem sie sich nicht mehr befreien konnte.“ Poschenrieder klingt wie ein Ermittler, aber soweit, dem Kirchenmann eine Mitschuld an ihrem späteren würdelosen Tod zu geben, geht er nicht. Hedwig ist keine Ausnahme um die Wende des 20. Jahrhunderts, wo eine „Feminisierung des Katholizismus“ zu beobachten ist, Mediziner zunehmend Fälle von „Skrupulosität“ erkennen, die ausgelöst wird, wenn der Glaube sich zur Qual entwickelt.
Eine Erkrankung wie die der Tante Hedwig bekäme man heute wahrscheinlich in den Griff. Anfangs fehlte den Ärzten die medizinischen Methoden, dann kam die menschenverachtende Ideologie hinzu, die dazu führte, dass Hedwig, „die fromme Katholikin, die in Gedanken und in ihrem religiösen Wahn keine Sünde ausließ und wahrscheinlich keine einzige (bedeutende, nennenswerte) je auf sich lud“, in einem verkommenen Krankensaal vor sich hinvegetierte, völlig abmagerte, und schließlich mit der Todesspritze ermordet wurde. „Weil sie es konnten. Und niemand es verhinderte.“
Mehr als 70 Jahre später erst begann ein Forscherteam die Euthanasie-Morde in der Oberbayerischen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar zu untersuchen. Der Roman „Fräulein Hedwig“ greift nicht zuletzt die Nachwelt an. „Für den Tod der Hedwig Poschenrieder ist weder jemand angeklagt noch verurteilt worden. Kein Arzt, keine Krankenschwester, kein Pfleger. Niemand hat ermittelt. Falls jemand einen Verdacht gehabt haben sollte, dann hat er oder sie genauso geschwiegen wie diejenigen, die alles wussten.“ Zu letzteren, so die schmerzhafte Erkenntnis, gehörte auch die Familie.
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