Der Beweis meiner Unschuld
von Jonathan Coe
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Erscheinungstermin 22.08.2025 | Archivierungsdatum 27.11.2025
Zum Inhalt
Finstere politische Machenschaften rütteln das langweilige Leben der jungen Phyl auf: Der Journalist Christopher will einen politischen Zirkel entlarven, der in Cambridge gegründet wurde, um die britische Regierung in eine rechtsextreme Richtung zu drängen. Seine Recherchen führen ihn zu einem Kongress in einem alten Herrenhaus. Dort nehmen die Ereignisse eine unheilvolle Wendung und ein Mord passiert. Liegt das Verbrechen in der aktuellen Politik oder in einem alten literarischen Rätsel begründet? Coes neuer Roman ist schön böse, witzig und messerscharf, spielt mit Genres und zeigt, dass der Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart oft in den dunkelsten Ecken der Vergangenheit zu finden ist.
Ein raffiniertes literarisches Spiel und glänzende Unterhaltung.
Generation Z, rechte Denkfabriken und ein Mordfall.
Finstere politische Machenschaften rütteln das langweilige Leben der jungen Phyl auf: Der Journalist Christopher...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783852569185 |
| PREIS | 28,00 € (EUR) |
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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Das Buch ist völlig anders, als ich erwartet habe. Es ist wohl weniger ein Krimi, als mehr eine Geschichte über Lebenswege. Nicht einer davon ist gerade und einige haben dunkle Stellen.
Die Charaktere sind tiefgründig. Für mich war es manchmal etwas zu weitschweifig. Zu viele Schauplätze spielen ein Rolle oder doch nicht.
Zeitlich spielt die Geschichte hauptsächlich während der kurzen Regierungszeit von Liss Truss (2022).
Der Text gibt tiefe Einblicke in das Denken der Britischen Konservativen und Linksintellektuellen.
Regine S, Rezensent*in
Für mich ist Jonathan Coe ein herausragender Chronist der politischen Lage in Großbritannien. Hochaktuell befasst er sich mit der Geschichte der Rechtskonservativen und deren unaufhaltsamen Aufstieg seit den 80ern. Wie das Unsagbare langsam immer normaler wird und wie die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben wird durch rechte Denkfabriken beschreibt er klar und spannend. Während Liz Truss Prime Ministerin wird und wieder zurücktritt, R. Sunak übernimmt, die Queen verstirbt, verfolgen die Vordenker unaufhaltsam ihre Ziele, wie den Brexit oder die Reform des Gesundheitswesens. Mit Christopher hat diese Clique jedoch einen Widersacher, der in seinem Blog über die Machenschaften aufklärt. Er veröffentlicht ihre geheimen Pläne und macht sich Feinde. Die Aufklärung seiner Ermordung führt dann seine Adoptivtochter und eine Freundin über England nach Monaco und schließlich nach Venedig. Mir haben die Protagonisten mit ihren Schrullen und Eigenheiten gut gefallen und auch sein Spiel mit unterschiedlichen Genres finde ich gelungen. Ich hatte großen Spaß an seiner Satire und dem typisch britischen, trockenen Humor., auch wenn die allzu realistische und hochaktuelle Darstellung der Rechten und das bereits in vielen Ländern zu beobachtende Erreichen ihrer Ziele beängstigend ist.
Das Cover gefällt mir farblich sehr gut.
Jonathan Coe erweist sich auch in Der Beweis meiner Unschuld einmal mehr als präziser Chronist der britischen Gesellschaft. Mit scharfem Blick und vielschichtiger Erzählstruktur beschreibt er den schleichenden Aufstieg der extremen Rechten in Großbritannien – eine Entwicklung, die sich hinter einer konservativen Fassade verbirgt, jedoch in Wahrheit die Aushöhlung des Rechtsstaats und der sozialen Sicherungssysteme betreibt. Brexit, Demokratieabbau, neoliberale Deregulierung – Coe zeigt, wie diese Phänomene aus ideologischen Nischen zur politischen Realität wurden.
Die Handlung setzt in den frühen 1980er Jahren in Cambridge ein, im intellektuellen Milieu einer vielversprechenden Student*innenclique. Hier treffen wir auf Chris, einen kritischen, politisch wachen jungen Mann, der sich früh gegen die wachsenden autoritären Tendenzen seiner Zeitgenossen stellt. Zu dieser Clique gehören auch einige ehrgeizige Figuren, die später zentrale Rollen in der konservativen Bewegung übernehmen – sie entwickeln in jenen Jahren bereits die Vision einer neoliberalen, marktzentrierten Gesellschaftsordnung, die sie Jahrzehnte später in die Tat umsetzen.
Während viele Mitglieder dieser Gruppe steile politische Karrieren machen, bleibt Chris ein Außenseiter. Als Blogger beobachtet und analysiert er über Jahre hinweg die politische Entwicklung Großbritanniens – insbesondere die zunehmende Radikalisierung der Rechten. Seine kritischen Artikel und Recherchen machen ihn zur Zielscheibe. Als er auf einem Kongress der neuen Rechten ermordet wird, wird sein Tod zum Ausgangspunkt für eine zweite Erzählebene, die das politische Drama mit Elementen eines Krimis und Roadmovies verwebt.
Rash, Chris' kluge und mutige Adoptivtochter, macht sich gemeinsam mit Phyl, der Tochter von Chris' früherer Weggefährtin Joanna, auf die Suche nach den Hintergründen des Mordes. Ihre Spurensuche führt sie quer durch Europa – von England über Monaco bis nach Venedig –, wobei sie nicht nur Chris' Vergangenheit rekonstruieren, sondern auch auf ein Netzwerk ideologischer Seilschaften stoßen, das bis in die höchsten politischen Kreise reicht.
Unterstützt werden sie von einer der schillerndsten Figuren des Romans einer Hauptkommissarin, die kurz vor der Pensionierung mit Intelligenz, Charme und einem Augenzwinkern agiert – eine liebevolle Hommage an Agatha Christie und die klassische Kriminalliteratur. Ihre Figur bringt nicht nur Witz und Leichtigkeit in die Erzählung, sondern steht auch für ein Europa, das sich der wachsenden autoritären Bedrohung mit Anstand und Haltung entgegenstellt.
In Der Beweis meiner Unschuld kombiniert Coe unterschiedliche Genres auf meisterhafte Weise: Was wie ein Politthriller beginnt, entwickelt sich zum Gesellschaftsroman, zur politischen Satire, zum Familien- und Generationsdrama. Dabei gelingt es ihm, die politischen Konflikte stets mit den persönlichen Biografien seiner Figuren zu verknüpfen. Fragen nach Schuld, Verantwortung, Loyalität und politischer Moral durchziehen den gesamten Roman. Besonders eindrucksvoll ist dabei, wie Coe zeigt, dass die großen gesellschaftlichen Brüche nicht abstrakt, sondern zutiefst menschlich sind – sie schreiben sich in Freundschaften, Eltern-Kind-Beziehungen und persönlichen Verlusten ein.
Auch stilistisch überzeugt der Roman mit Raffinesse: Wechselnde Perspektiven, Zeitsprünge, Tagebucheinträge, Blogtexte und klassische Erzählpassagen greifen nahtlos ineinander. Coe spielt mit der Form, ohne den Faden zu verlieren – und fordert seine Leser*innen, ohne sie zu überfordern. Seine Sprache ist präzise, seine Ironie fein, sein Tonfall nie belehrend, sondern klug beobachtend.
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Fazit:
Der Beweis meiner Unschuld ist ein Roman von großer politischer Relevanz und literarischer Klasse. Jonathan Coe gelingt das Kunststück, eine Geschichte zu erzählen, die gleichzeitig ein unterhaltsamer Krimi, eine beißende politische Satire und ein tiefgründiger Familienroman ist. Die Parallelen zur realen Entwicklung Großbritanniens – von Thatcher über Brexit bis zum rechten Kulturkampf – sind unübersehbar und erschütternd. Doch Coe bleibt nicht bei der Analyse stehen: Sein Roman ist auch ein Plädoyer für Aufklärung, Erinnerung und moralische Integrität. Anspruchsvoll, intelligent, packend – ein Buch, das bleibt.
Nach Zweidrittel des Krimis war ich hin und weg und dachte mir, das wird mein Krimi für das Weihnachtsgeschäft! Wie Jonathan Coe das Thema Rechtsruck und politische Machenschaften in England in einem Cosy Crime abwechslungsreich verpackt, das fand ich genial. Beim letzten Drittel ging dem Krimi dann aber etwas die Luft aus und die Auflösung und die letzten Inhaltsschlenker waren mir zu bemüht. Deshalb nur vier von fünf Sternen.
Kann das Buch aber gut verkaufen und das ist ja auch nicht unwichtig.
Rezensent*in 1304040
„In einer Welt, in der alle Bemühungen, die Wahrheit in Worte oder Bilder zu fassen, kompromittiert und kontaminiert werden, hat die Fiktion etwas Einzigartiges. Etwas Authentisches, Etwas, auf das man sich verlassen kann.“
Ich stelle dieses Zitat aus dem Buch mal an den Anfang. Es ist mein erster Roman von Jonathan Coe, von daher habe ich keine Vergleichsmöglichkeiten. Doch ich muss sagen, ich bin zutiefst beeindruckt und selten habe ich ein Buch so verschlungen wie dieses hier. „Der Beweis meiner Unschuld“ hat mich, als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, an den Film „Sixth Sense“ erinnert. Augen auf und die Sinne geschärft, man wird allzu leicht getäuscht.
Dieser Roman ist sehr vielschichtig und sehr strukturiert. Die Sprache nimmt den Leser sofort mit. Sie ist so gestaltet, dass man weder überfordert noch unterfordert ist. Und mit dieser Sprache gelingt es Coe, auch sehr gut, seine Figuren zu zeichnen. Selbst die kleinste Nebenrolle wirkt nicht eindimensional. Dieses Buch ist ein wahres Lesevergnügen, auch wenn der Inhalt alles andere als seicht ist.
Worum geht es? Um die Rolle der Konservativen in Großbritannien seit Magarete Thatcher. Um den stetig während Aufstieg der Rechten in dem Land, um ihre Strukturen und ihre Pläne und wie sie diese durchsetzen. Die Erzählzeit umfasst die Amtszeit von Liz Truss, den Tod der Queen und dann die Ernennung von Sunnak zum Premierminister. Und dahinein kommt ein Mord, Familiengeschichten, die gute alte Zeit und eine Kommissarin, die einer Miss Marple gleicht. Die Gemengelage an Figuren ist hier sehr zahlreich. Chris, ein Blogger und Linker, der einen Blog betreibt und die konservativen Gruppen, insbesondere die seiner ehemaligen Studienkollegen, sehr genau beobachtet, wird ermordet. Seine Stieftochter Rash ermittelt mit Phyl, der Tochter einer ehemaligen Kommilitonin ihres Steifvaters, insoweit man es ermitteln kann. Der Roman taucht tief ein in die Strukturen, oftmals wirkt es sehr formal und bürokratisch, aber gerade dann wirkt der Inhalt umso mehr. Weil man erkennt, dass es nicht nur in Großbritannien so läuft, sondern überall auf der Welt. Elite Unis sind die Schmieden der Politiker von morgen, derartige Seilschaften können ein Leben lang halten.
Dieser Roman ist vieles in allem, Krimi, Zeitgeschehen, Reportage, Vision, Familiengeschichte. Und alles sehr geschickt miteinander verknüpft. Und mit Figuren besetzt, die glaubhaft sind, skurril, liebenswert, verachtenswert, je nach Sichtweise.
„Aber das ist eben die Macht der geschriebenen Worte; Nichts wird je vergessen. Nichts geht je verloren. Schreiben hält de Lauf der Zeit an. Letztendlich ist das der einzige Grund, warum man schreibt, nicht wahr?“
Dieses Zitat stelle ich mal an das Ende dieses Versuchs einer Rezension, in der Hoffnung, diesem großartigen Buch irgendwie gerecht zu werden. Sicher mag das Ende etwas befremdlich wirken, für den einen oder anderen konstruiert. Fast wie der berühmte Gott aus der Maschine. Aber wie im schon erwähnten Film heißt es, alle Sinne schärfen. In diesem Buch steht nichts, was da nicht auch hineingehört. Und ich werde mich darum kümmern, noch mehr von Jonathan Coe zu lesen.
Abgefahren! Ich hab schon lang nicht mehr so einen Krimi gelesen! „Der Beweis meiner Unschuld“ von Jonathan Coe ist ein raffiniert verschachtelter Roman, der mehrere Genres miteinander verwebt – Cozy Crime, Dark Academia, Autofiktion und politischen Thriller. Im Mittelpunkt steht die junge Phyl, eine 23-jährige Literaturabsolventin, die nach ihrem Studienabschluss bei ihren Eltern lebt und mit einem Niedriglohnjob in einer Sushi-Kette versucht, über die Runden zu kommen. Gedanklich flüchtet sie sich in nostalgische Serienklassiker wie Friends und spielt mit der Idee, selbst einmal einen Cosy Crime zu schreiben. Doch ihr Leben nimmt eine radikale Wendung, als Christopher - ein enger Freund der Familie und ehemaliger Studienkollege ihrer Mutter, ein freischaffender Journalist - wie er sich selbst nennt - eine Konferenz besucht, die im rechten politischen Spektrum liegt und von dort nicht lebens zurückkehrt.
Die Konferenz selbst - TrueCon-Konferenz - ist eine satirisch zugespitzten Variation realer rechter Ideologentreffen, in einer Zeit, in der Liz Truss kurzzeitig Premierministerin ist und das Vereinigte Königreich mit politischen Verwerfungen kämpft. Die Ermittlungen übernimmt Detective Pru Freeborne, deren Name ein ironisches Echo auf die Wahrheitssuche des Romans selbst ist. Zumindest könnte man das mal hineininterpretieren.
Das wirklich Außergewöhnliche hier: Coe entwickelt die Handlung auf mehreren Ebenen: Da ist Phyls Leben und Suche nach Sinn und einer Beschäftigung in der Gegenwart und parallel dazu kommt schließlich die vielschichtige Erzählung der Hauptstory, die historische Rückblenden, politische Satire und literarische Selbstreflexion miteinander verbindet. Ein wirklich etwas abgefahrener Mix, aber in sich so unfassbar stimmig.
Der Roman besticht durch seine Vielfalt an Stimmen und Perspektiven, die zusammen ein Panorama der britischen Gegenwartskultur ergeben. Themen wie konservative Think Tanks, die Privatisierung des Gesundheitswesens, die Macht politischer Netzwerke und eine weit verbreitete Nostalgie nach vermeintlich besseren Zeiten durchziehen das Buch. Coe erzählt mit scharfem Humor, präziser Beobachtungsgabe und einer feinen Balance zwischen Satire und Ernsthaftigkeit. Er entlarvt rechte Machtzirkel und konservative Ideologien, ohne seine Figuren zu Karikaturen zu reduzieren, was meines Erachtens die Ernsthaftigkeit des Themas umso mehr unterstützt.
„Der Beweis meiner Unschuld“ fühlt sich ein klein wenig an, wie ein literarisches Experiment: Die Geschichte unterhält wirklich gut, ist scharfsinnig und analysiert unsere Gegenwartskultur und bezieht auf sehr kluge Weise politisch Stellung. Was ich im Übrigen richtig gut finde! Es ist ein Roman, der zeigt, wie eng persönliche Geschichten, gesellschaftliche Dynamiken und politische Entwicklungen miteinander verknüpft sind, und der dabei die Grenzen von Fiktion und Realität wirklich stark verschwimmen lässt. Jonathan Coe ist hier ein sprachlich-rhetorisches Feuerwerk gelungen, das sowohl als Gesellschaftsroman wie auch als kluge literarische Satire funktioniert. Wer bereit ist, sich auf dieses vielschichtige Spiel einzulassen, wird mit einer Lektüre belohnt, die humorvoll, provokant und zugleich zutiefst aufklärerisch ist.
Krass — so einen Krimi habe ich lange nicht mehr gelesen! Jonathan Coes „Der Beweis meiner Unschuld“ ist ein kunstvoll geknüpfter Roman, der verschiedene Gattungen zusammenführt: Cozy Crime, Dark Academia, Autofiktion und politische Spannungslektüre. Im Zentrum steht die junge Phyl, 23, frischgebackene Literaturabsolventin, die nach dem Studium wieder bei ihren Eltern unterkommt und sich mit einem schlecht bezahlten Job in einer Sushi-Kette über Wasser hält. Oft flüchtet sie in Erinnerungen an Serienklassiker wie *Friends* und träumt davon, selbst einmal einen Cozy-Crime-Roman zu verfassen. Dann aber ändert sich ihr Alltag dramatisch: Christopher — ein langjähriger Familienfreund und ehemaliger Kommilitone ihrer Mutter, der sich als freier Journalist bezeichnet — besucht eine rechtsgerichtete Konferenz und kehrt von dort nicht lebend zurück.
Die Tagung, die Coe als „TrueCon“-Variante darstellt, ist eine überspitzte Satire auf reale rechte Versammlungen, angesiedelt in einer Zeit, in der Liz Truss kurz Premierministerin war und das Vereinigte Königreich politische Turbulenzen durchlebt. Die Ermittlungen führt Detective Pru Freeborne — ein Name, der auf ironische Weise die Suche nach Wahrheit im Roman widerspiegelt. Das kann man so lesen, muss man aber nicht.
Was den Roman besonders macht, ist sein mehrschichtiges Erzählen: Parallel zu Phyls gegenwärtigem Ringen um Orientierung und Arbeit entfaltet sich die eigentliche Haupthandlung, die historische Rückblicke, politische Persiflage und literarische Selbstbetrachtung verbindet. Dieser ungewöhnliche Mix wirkt erstaunlich stimmig.
Coe wechselt geschickt zwischen Stimmen und Blickwinkeln und zeichnet so ein breites Bild der britischen Gegenwartskultur. Immer wieder tauchen Themen wie konservative Thinktanks, die Privatisierungsdebatte des Gesundheitswesens, die Macht politischer Netzwerke und eine weitverbreitete Sehnsucht nach „besseren Zeiten“ auf. Coes Ton ist scharfzüngig, beobachtend und findet eine feine Balance zwischen Spott und Ernst. Er entlarvt rechte Machtstrukturen, ohne die handelnden Personen bloß zu überzeichnen — das verleiht dem gesamten Projekt zusätzliche Glaubwürdigkeit.
„Der Beweis meiner Unschuld“ wirkt ein Stück weit wie ein literarisches Experiment: spannend und unterhaltsam, zugleich analytisch und politisch pointiert — was mir besonders gut gefallen hat. Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie persönliche Schicksale, gesellschaftliche Dynamiken und politische Prozesse miteinander verwoben sind und an welchen Stellen Fiktion und Realität sich überlappen. Sprachlich ist das Buch ein kleines Feuerwerk; es funktioniert sowohl als Gesellschaftsroman als auch als raffinierte literarische Satire. Wer sich auf diese komplexe Erzählung einlässt, bekommt eine Lektüre, die witzig, provokant und in ihrer Aufklärungsabsicht sehr lohnend ist.
Angelika J, Buchhändler*in
Jonathan Coe ist DER Chronist der englischen Nachkriegszeit. "Bournville" reicht von der Krönung Elizabeths bis zum Brexit, "Middle England" beschreibt die Brexit-Jahre und sein neuester Roman spielt 2022 während der 50 Tage, in denen Liz Truss englische Premierministerin war (erinnert sich noch jemand?). Mit jedem Buch erweitert Jonathan Coe seinen Kosmos, teilweise tauchen Figuren aus früheren Werken auf, so ergibt sich ein Querschnitt durch die englische Gesellschaft. Dabei ist auch klar, wem seine Sympathien gelten. "Der Beweis meiner Unschuld" ist eine bitterböse Abrechnung mit den britischen Konservativen, die seit den 80er Jahren ihr Programm der radikalen Kürzungen und des freien Marktes immer extremer gestaltet haben. Der Common Sense, das Gefühl für die Gemeinschaft, das Großbritannien durch den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit getragen hat, ist einem erbitterten Individualismus gewichen. Jede/r will nur noch seine Interessen durchsetzen, egal auf wessen Kosten.
Formal ist das Buch eine grandiose Mischung aus Kriminalgeschichte, Collegeroman, Biografie, Literatur- und Zeitgeschichte u.v.m. Jonathan Coe beherrscht die verschiedenen Genres und Sprachstile souverän und fügt sie zu einem großen Ganzen. Großartig übersetzt von Cathrine Hornung, die dankenswerterweise ein Glossar mit typischen Anspielungen erstellt hat, die sich einem nicht gleich erschließen.
Gunnar W, Rezensent*in
Im Herbst 2022 lebt die Absolventin Phyl wieder bei ihren Eltern in der englischen Provinz, als ein alter Studienfreund ihrer Mutter zu Besuch kommt. Christopher ist freier Journalist und Experte des britischen Konservatismus. Sein politischer Blog ist voller Enthüllungen über politische Verstrickungen, sein Eifer wird allerdings auch belächelt. Wenige Tage später bricht Christopher zu einer Veranstaltung eines rechtskonservativen Think Tanks auf, bei der er allerdings kein willkommener Gast ist. Am zweiten Tag wird Christopher ermordet in seinem Zimmer aufgefunden. Verdächtige gibt es einige. Weil er kurz vor seinem Tod noch nach einem Memoir eines alten Studienkollegen gefragt hat, vermuten Phyl und Christophers Adoptivtochter Rash einen Zusammenhang zu alten elitären Zirkeln in Cambridge und zum erzkonservativen Autoren Peter Cockerill.
Jonathan Coe ist seit dreißig Jahren eine feste Größe im Literaturbetrieb und arbeitet sich in seinen satirischen Romanen vor allem am britischen Konservatismus ab. Auch in „Der Beweis meiner Unschuld“ gibt es bissige Kommentare zur konservativen bzw. libertären Politik und zum britischen Literaturbetrieb. Die Geschichte spielt zudem während der kurzen Amtszeit von Liz Truss (die gegen den Salatkopf verloren hat). Coe erlaubt sich den Spaß, die Geschichte abschnittsweise in verschiedenen literarischen Gattungen zu erzählen: als Cosy-Krimi, Dark Academia und als autofiktonaler Essay aus Sicht von Phyl und Rash.
Das funktioniert über weite Strecken erstaunlich gut, lediglich zum Ende überdreht Coe für meinen Geschmack einen Tick zu viel. Insgesamt gelingt dem Autor eine bissige Krimi-Politik-Satire auf Kosten britischer Konservativer. Einer der entscheidenden Sätze: „Sie formen die Welt nach ihren eigenen Vorstellungen, und dann gefällt ihnen das, was sie sehen, nicht einmal. Ihr werdet nie zufrieden sein, keiner von euch.“
Ralph W, Rezensent*in
Ungewöhnlich, aber sehr eindrucksvoll und voller politischer Energie
Ich kannte den Autoren Jonathan Coe vor der Lektüre dieses Buches tatsächlich noch gar nicht, aber er hat sich für mich durch "Der Beweis meiner Unschuld" praktisch aus dem Stehgreif als Experte für die politischen Denkweisen in Großbritannien, sei es der Konservativen oder sei es der Linken, bewiesen und etabliert.
Das Buch ist eine Mischung aus Krimi, politischer Bestandaufnahme und Analyse der Folgen von meist doch recht extremen politischen Ansichten - in Taten und Gedanken. Coe entwickelt eine vielschichtige Story, die den Leser so manches Mal auf die falsche Spur führt. Erst ganz am Ende wird klar, wohin die Reise tatsächlich geht - und doch bleibt eigentlich auch am Schluss noch jede Menge Raum für Spekulationen.
Ein toller, sprachlich ausgereiften Roman/Krimi, der viele Klischees über die Briten bedient, aber damit wahrscheinlich oftmals auch ins Schwarze trifft. Die Lektüre macht Spaß und zieht den Leser mit der Zeit immer tiefer in den Sog einer ausgefeilten Geschichte.
Journalist*in 1624765
Das Buch spielt toll mit verschiedenen Formaten und Erzählmöglichkeiten, so dass es durchweg kurzweilig und spannend ist. Man weiss nie so richtig, woran man gerade ist. Dadurch bleibt die Spannung hoch, wobei es Jonathan Coe gelingt, ein spannendes Ende für die GEschichte zu finden.
Buchhändler*in 1748429
Ein sehr außergewöhnliches und interessantes Buch. Die vier verschiedenen Genres, die im Buch die Geschichte erzählen ist wirklich sehr originell. Die Story selber ist manchmal sehr politisch und zieht sich einige Kapitel in die Länge. Dennoch spannend und empfehlenswert.
Birgit T, Beschäftigte*r in der Buchbranche
Großartig! Nachdem mir "Middle England" (sicherlich sein Meisterwerk) schon so gut gefallen hatte, war ich auf den neuen Roman sehr gespannt. Und ich wurde nicht enttäuscht. Der Autor tobt sich hier munter aus in verschiedenen Genres und Erzählperspektiven, die er meisterlich zu einem großen Ganzen zusammenmischt. Herausgekommen ist ein ziemlich wilder (politischer) Krimi, mit viel britischem Humor gewürzt. Gleichzeitig enthält der Roman viel Zeitkritik, intelligente Reflexionen zum Erstarken des britischen und internationalen Konservatismus und thematisiert die Rolle, die dem literarischen Schaffen in diesen Zeiten zukommt.. Sehr schön auch die kleinen literarischen Anspielungen, von Jane Austen bis Agatha Christie. Kurz gesagt: Wer den klaren, ruhigen Erzählfluss liebt, ist mit dem Vorgängerroman sicher besser bedient. Wer dem Autor folgt und sich auf diesen wilden Ritt einlässt, der wird sicher großen Spaß beim Lesen haben.
Hier trifft Cosy Crime auf Zeitgeschehen. Eine ungewöhnliche Kombination, oder? Es gibt einen Mord im Herrenhaus und Detective Inspector Prudence Freeborn diskutiert den Fall mit ihrem Mann Mark, während sie in der Warteschlange steht, deren Ende (oder Anfang?) der Sarg von Queen Elisabeth bildet. Liz Truss ist gerade Premierministerin und konservative Rechte wünschen sich noch mehr Abkehr von Europa und zum Beispiel die völlige Privatisierung des Gesundheitswesens. Wer Freude an der Lektüre von
Der Beweis meiner Unschuld
von Jonathan Coe
übersetzt von Cathrine Hornung
haben will, sollte sich für Politik und Zeitgeschichte interessieren. Denn Coe, der in England für seine sozialpolitischen, satirischen Geschichten bekannt ist, analysiert hier recht akribisch das Erstarken einer rechten Strömung im Land. In besagtem Herrenhaus haben sich nämlich zornige Männer rund um Roger Wagstaff, Gründer der Processus Group, versammelt. Ein Thinktank, dessen Anhänger Pläne für ein rechtes, autoritär geführtes Großbritannien schmieden. Journalist Christopher, der schon seit längerem zu dem Machenschaften recherchiert, wird ermordet. Verschwörungstheorien und politische Intrigen spielen eine Rolle. Geheimgänge gibt es auch. Nicht immer geht es rasch voran, in Dialogen wird gern ein wenig doziert. Nebenfiguren bekommen ihren Auftritt und verschwinden wieder. Doch wenn man damit leben kann, bekommt man solide Krimikost und eine politische Bestandsaufnahme.
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