Heilige der Narrows Street
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Erscheinungstermin 12.05.2026 | Archivierungsdatum 30.05.2026
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Zum Inhalt
Die Bewohner von Gravesend, einem italienischen Arbeiterviertel in Brooklyn, verbindet ein Fluch, der unter Amerikanern weit verbreitet ist: die unerfüllte Hoffnung, ihr Leben für ein besseres Leben...
Eine Anmerkung des Verlags
Bitte keine Besprechungen vor dem 12. Mai 2026
Vorab-Besprechungen
„Boyle strukturiert die weitläuge Geschichte wie eine griechische Tragödie und behandelt dabei wichtige Themen wie Vermächtnis und Klasse mit solcher Kraft und Empathie, dass die Leser ihn vielleicht als den Balzac von Brooklyn betrachten werden. Es ist eine beeindruckende Leistung.“ - Publishers Weekly
„Boyle beobachtet seine Nachbarn mit einer Mischung aus Zuneigung und Verzweiflung, die einem Song von Bruce Springsteen würdig wäre. Er hat eine echte Vorliebe für Menschen aus der Arbeiterklasse. Menschen wie diese brauchen Menschen wie Boyle.“ - The New York Times Book Review
„Boyle kennt die Musik der italienisch-amerikanischen Stimmen wie kein anderer: Mafiosi, College-Abbrecher, melancholische Witwen und pinkhaarige Rockervermischen sich in dieser köstlich verworrenen Geschichte, die sich wie eine neue Stffel von „The Sopranos“ liest.“ - The Washington Post
„Boyle strukturiert die weitläuge Geschichte wie eine griechische Tragödie und behandelt dabei wichtige Themen wie Vermächtnis und Klasse mit solcher Kraft und Empathie, dass die Leser ihn vielleicht...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783910918481 |
| PREIS | 26,00 € (EUR) |
Links
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Rezensent*in 427080
Brooklyn Noir
Heilige der Narrow Street ist der Titel des neuen Buches von Kriminalschriftsteller William Boyle, der hiermit einen gelungenen Mix aus Noir und Familiendrama bietet. Es ist ein sehr amerikanisches Buch, angesiedelt im Brooklyn der Achtziger und Neunziger Jahre.
Ein Vorfall der häuslichen Gewalt führt zum Tod des Täters. Das wird vertuscht, wird die Beteilen aber noch lange verfolgen. Die Handlung zieht sich über 18 jahre.
Die Schwestern Risa und Giulia, Risas Sohn Fab und dem guten Freund Chooch sind interessante Figuren, die man im Laufe der Handlung gut kennen lernt. Sie wirken echt! Die Figuenentwicklung und -führung war auch schon in Boyles anderen Romane eine seiner großen Stärken.
Heilige der Narrow Street ist ein relativ ruhiger Roman ohne viel Action, aber mit einer inneren Stärke und einen dann doch dramatischen Finale.
Was mich an diesem Roman am tiefsten berührt hat, ist die Art, wie er ein ganzes Viertel wie einen atmenden Organismus zeichnet. Ein Ort voller Sehnsucht, Stagnation und jener typisch amerikanischen Hoffnung, die sich für viele nie erfüllt. Risa ist eine Frau, die zu lange geschwiegen hat, zu lange geschluckt hat, bis ein einziger Moment der Panik ihr gesamtes Leben zerreisst. Der Tod ihres Mannes ist kein kalkulierter Mord, sondern ein tragischer Unfall, der sich wie die logische Konsequenz eines Systems anfühlt, welches Frauen wie Risa nie schützt. Die Szene mit der Pfanne ist weniger ein Akt der Gewalt als ein verzweifeltes Aufbäumen gegen Jahre der Erniedrigung. Die Entscheidung, Saverios Leiche verschwinden zu lassen, ist moralisch fragwürdig, aber erschreckend nachvollziehbar. In Gravesend vertraut man nicht der Polizei, sondern der Nachbarschaft, den unausgesprochenen Regeln, dem Schweigen. Chooch’ Hilfe zeigt, wie tief Loyalität und Verstrickung in diesem Milieu ineinandergreifen. Genau dieses Schweigen wird zum eigentlichen Fluch. Es frisst sich in die Jahre, in die Beziehungen, in die Körper. Besonders eindringlich fand ich Fabrizio, das Kind, das kaum spricht, als würde er die Wahrheit in sich tragen, unfähig, sie auszusprechen. Er ist der stille Zeuge eines Verbrechens, das nie als solches geplant war, und zugleich das Symbol dafür, dass Schuld niemals vollständig begraben werden kann. Der Roman zeigt mit grosser Sensibilität, wie Menschen versuchen, sich ein neues Leben zu erkämpfen, und wie die Schatten der Vergangenheit dennoch immer wieder die Oberhand gewinnen. Für mich ein melancholisches, tief menschliches Buch über Schuld, Loyalität und den Preis des Schweigens.
In der „Heilige der Narrows Street“ in Gravesend/Brooklyn lebt 1986 Risa Franzone mit Ehemann Sav/Saverio und Baby Fab/Fabrizio. Als der gewalttätige Sav betrunken eine Waffe zieht, schlägt Risa ihn mit der Bratpfanne nieder; er stirbt an der Kopfwunde, die er sich beim folgenden Sturz zuzieht. Mit Hilfe von Risas Schwester Giulia und Savs Jugendfreund Christopher/Chooch wird Savs Leiche samt seiner Habe im Wald hinter dem abgelegenen Ferienhaus von Choochs Familie vergraben. Eine verschworene Not-Gemeinschaft entsteht, die über die Tat eisern schweigt und vor allem den kleinen Fab davor bewahren will, zu werden wie sein Vater. Auch wenn in der italienisch-stämmigen Nachbarschaft Savs Gewalttätigkeit kein Geheimnis war, nimmt die Gemeinde Risa übel, dass sie offensichtlich kaum unter dem Verschwinden ihres Mannes leidet. In einem Zeitraum von fast 20 Jahren gibt es mehrfach Anlass, sich zu sorgen, was mit der Leiche zu tun ist, falls Choochs Mutter das Grundstück verkaufen sollte. Bisher ist jedoch alles gut gegangen, so dass Chooch und Giulia sich als Retter von Mutter und Kind fühlen können. Die wacklige Idylle endet allerdings, als nach Jahren Savs Bruder Roberto auftaucht, jemand eine zurückliegende Straftat ausgräbt – und das mehrere Personen das Leben kostet.
Fazit
Erzählt werden die Ereignisse in vier Kapiteln zwischen 1986 und 2004. Durch Zeitsprünge zwischen den Kapiteln entstehen Lücken in der Handlung, so dass Boyles Leser:innen nicht alle Ereignisse nachvollziehen können, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt werden. In der Gegenwart ist Fabrizio 18 Jahre alt und will endlich wissen, warum sein Vater ihn und seine Mutter verlassen hat. Für die Beteiligten bedeutet das die Probe, ob sie Fab tatsächlich vor dem gewalttätigen Milieu bewahren konnten, in das er hinein geboren wurde – und um welchen Preis. Da in „Heilige der Narrows Street“ keine Straftat aufzuklären ist, handelt es sich eher um einen sozialkritischen New-York-Roman, der der Frage nachgeht, wie lange in einer Parallelgesellschaft mit mafiösen Strukturen ein Verbrechen verborgen werden kann und wie diese Community Personen wie die Dreier-Truppe auffängt, die ihr Leben mit den besten Absichten in den Sand gesetzt haben. William Boyle wird dazu im Nachwort zitiert, dass er am liebsten von Menschen erzählt, „die in den Seilen hängen“.
Simone F, Rezensent*in
Eher zufällig wurde ich auf „Heilige der Narrows Street“ aufmerksam, da mich Cover und Kurzbeschreibung ansprachen. Zum Glück, denn William Boyle hat mir mit seinem Kriminalroman ein echtes Highlight beschert.
Die Schwestern Risa und Giulia, beide in den Zwanzigern, wohnen 1986 in einem italienischen Arbeiterviertel in Gravesend, Brooklyn. Risa ist mit Sav verheiratet, einem gewalttätigen Kleinkriminellen, und hat mit ihm den achtmonatigen Sohn Fab. Als Sav betrunken mit einer Waffe nach Hause kommt, Giulia am Hals packt und sie zu erwürgen droht, schlägt Risa mit der Bratpfanne zu. Sav stürzt unglücklich und stirbt. Die beiden Schwestern holen den Nachbarssohn Christopher „Chooch“ zu Hilfe und beschließen, die Leiche zu vergraben und allen zu erzählen, dass Sav einfach abgehauen ist. Da Sav zuvor in der Kneipe entsprechende Absichten geäußert hat, schöpft niemand Verdacht, zumal sich sein älterer Bruder Roberto Jahre zuvor ebenfalls bei Nacht und Nebel davongemacht hatte. Als Roberto eines Tages wieder auftaucht, beginnt er, unangenehme Fragen zu stellen.
William Boyle schreibt in klarer, eindringlicher Sprache und lässt Brooklyn und seine Bewohner vor meinem inneren Auge so lebendig werden, als würde ich selbst durch die Straßen der italoamerikanischen Community gehen, obwohl ich noch nie in New York war. Besonders fasziniert hat mich Boyles außergewöhnlicher Erzählstil: „Heilige der Narrows Street“ besteht aus vier Teilen, die jeweils die Geschehnisse an ein bzw. zwei Tage in den Jahren 1986, 1991, 1998 und 2004 erzählen. Obwohl er hierdurch nur Schlaglichter auf einzelne Tage im Leben der Figuren wirft, wirkt der Roman nie lückenhaft, sondern entwickelt gerade hierdurch eine besondere Dichte.
Wie Boyle das italienischstämmige Arbeitermilieu Brooklyns zum Leben erweckt, erinnert mich an einen meiner Lieblingsautoren, Dennis Lehane (bei ihm ist es Boston). Man spürt beim Lesen eine ehrliche Zuneigung zu den Menschen, ihren Sorgen und Nöten. In „Heilige der Narrows Street“ zeigt sich, wie kleine Zufälle, schnelle Entscheidungen ganze Leben prägen und einen Strudel von Ereignissen in Gang setzen.
Ganz klare Leseempfehlung!
Das Cover hat schon etwas düsteres, genau richtig für die Geschichte, die darin enthalten ist.
Wir begleiten Risa und ihre Schwester Giulia. Wie sie nach dem Tod Savs versuchen, ihr Leben so normal wie möglich weiterzuleben. Es gelingt tatsächlich ziemlich lange, bis Roberto auftaucht. Aber diese Sorge wird ihnen genommen. Nur wird Fab, Risas Sohn, erwachsen und stellt Fragen.
Das Drama ist vorprogrammiert. Obwohl sich Risa, Giulia und Chooch Mühe geben, die wahren Umstände um Savs Tod, geheim zu halten. Eigentlich läuft auch alles ganz gut, aber immer wieder passieren Dinge, die ihnen zeigen, dass sie jederzeit auffliegen könnten.
Tolle Charaktere. Das Trio ist absolut glaubhaft und auch Fab in seiner doch sehr eigenen Art kommt sehr glaubwürdig rüber. Die Story ist gar nicht rasant, das Leben plätschert eben vor sich hin, nur manchmal gibt es ein paar Stromschnellen, die die Protagonisten aber immer irgendwie umschiffen. Die Spannung baut sich genauso gemächlich auf, findet dann aber in einem fulminanten Finale sein Ende.
Eine Familiengeschichte, wie sie zu der Zeit vielleicht überall auf der Welt spielen könnte. Die Story ist ernst, hat aber durchaus auch ihre komischen Momente. Eine sehr tiefgehende, einfühlsame Geschichte.
Ina D, Rezensent*in
William Boyle schreibt (wieder) über eine Gegend, die er gut kennt: Gravesend in Brooklyn, NYC. Er ist in der Nachbarschaft aufgewachsen und beschreibt sehr authentisch das Lebensgefühl der italienisch-kleinbürgerlichen Einwohnerinnen und Einwohner: die katholische Kirche als Hülle für Rituale, einen durch Gewalt bestimmten Alltag und den Wunsch von allen, es irgendwann aus dem Viertel heraus zu schaffen und ein besseres Leben zu haben. Das gelingt jedoch kaum jemandem.
In dieser Atmosphäre lebt die junge Mutter Risa in einer trostlosen Ehe, in der der Gatte in jeder Hinsicht ein Totalausfall ist. Als der gegen ihre Schwester gewalttätig wird, greift Risa im Affekt zu einer gusseisernen Pfanne. Jetzt gilt es, den Toten mithilfe eines guten Freundes zu "entsorgen" und das Geheimnis um dessen Verschwinden für alle Zeit zu bewahren. Doch das wird in den folgenden fast zwanzig Jahren immer schwerer.
Man wartet auf den großen Knall, und man bekommt ihn.