Doppelleben

Roman

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Erscheinungstermin 18.08.2022 | Archivierungsdatum 01.04.2023

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Zum Inhalt

Ein grandioser Roman über die letzten Jahre der zwillingsgleich lebenden Brüder Goncourt und das Doppelleben ihrer Haushälterin, inmitten von Glanz und Elend im Paris zu Zeiten Napoleons III.

Der Roman nimmt uns mit zu Jules und Edmond de Goncourt, die alles teilten: das Haus, die Gedanken, die Arbeit, die Geliebte. Zu zweit gingen sie zum Treffen mit Flaubert, Zola und anderen Künstlern ins Palais der Cousine des Kaisers, in Ausstellungen und zu Restaurantbesuchen mit Freunden und Bekannten. Und danach lästerten sie ab über alle, die sie getroffen hatten, im geheimen Tagebuch, das sie gemeinsam führten. Berühmt-berüchtigt waren sie für ihren Blick, dem angeblich nichts entging, und ihre spitze Feder, die alles notierte. Bis Jules unheilbar erkrankte …

Und der Roman nimmt uns mit in die Gegenwelt: zu Rose, ihrer Haushälterin, die zum Hausstand gehört wie ein Möbelstück. Die unbemerkt von den Brüdern existenzielle Dramen durchlebt, sich hoffnungslos in den Falschen verliebt und von ihm schamlos ausgenutzt wird, die ein Kind austrägt, ohne dass die Brüder es bemerken, es gebiert, liebt und später auch verliert; die Trinkerin wird und ihre Dienstherrn hintergeht und bestiehlt, ohne dass diese es merken. Bis sie stirbt und den Brüdern ein Licht aufgeht …

Ein packendes Epochengemälde in Lebensläufen, die gegensätzlicher kaum sein können.

Ein grandioser Roman über die letzten Jahre der zwillingsgleich lebenden Brüder Goncourt und das Doppelleben ihrer Haushälterin, inmitten von Glanz und Elend im Paris zu Zeiten Napoleons III.

Der...


Verfügbare Ausgaben

AUSGABE Anderes Format
ISBN 9783869712499
PREIS 23,00 € (EUR)
SEITEN 304

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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder

Jules und Edmond de Goncourt leben als Junggesellen gemeinsam in einem Haus und haben sich geschworen, dies nie zu ändern. Jules, der jüngere der beiden, ist unheilbar krank und verfällt zusehends. Rose, ihrer Haushälterin stehen sie sehr wohlwollend gegenüber. Allerdings machen sie sich keinerlei Gedanken über ihre Lebensumstände und nehmen ihre Gegenwart und ihre Dienste als gegeben und selbstverständlich hin. Umso mehr sind sie überrascht, als sie nach ihrem Tod erfahren, dass sie einen Geliebten und ein Kind hatte.

In zwei Erzählsträngen und Rückblenden widmet sich Alain Claude Sulzer in Doppelleben den Brüdern de Goncourt und Rose. Die Leben der Brüder laufen in vielerlei Hinsicht parallel und gemeinsam ab, dass man fast denken könnte, es handele sich dabei um das eines einzigen Menschen. Rose hingegen führt ein Leben als Haushälterin und ist gleichzeitig auch Mutter, Geliebte, Alkoholikerin, Diebin. Zwei "Doppelleben", die sich nur wenig überschneiden, obwohl sie im gleichen Haushalt stattfinden. Die Brüder sind einzig und alleine mit sich selbst und ihren Künstlerkreisen beschäftigt. Rose' Lebensinhalt ist ihre Obsession für einen Mann, obwohl dieser sie sehr schlecht behandelt.

Der Autor nimmt die Leser mit ins 19. Jahrhundert, das er in bildhafter Sprache authentisch und atmosphärisch beschreibt. Obwohl er die Charaktere detailreich zeichnet, bleiben sie für mich oberflächlich und unnahbar. Dennoch ist Doppelleben ein lohnenswertes, tiefschürfendes Leseerlebnis.

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Alain Claude Sulzer ist ein Meisterwerk gelungen – das "Doppelleben“ der Brüder Goncourt ist so fabelhaft geschrieben, dass ich es nicht aus der Hand legen konnte und noch lange in den Worten, Bildern und Leben der beiden 'gens de lettres' gefangen war.

Der eine ist ohne den anderen nicht vorstellbar: Jules, der Nervöse und Edmond, den nichts aus der Ruhe bringen konnte - "Brüder gewiss, vor allem aber Dichter!“, schreibt Sulzer und: "Es gab keine Unstimmigkeiten zwischen ihnen …. Es war, als hätten sie eine Seele, einen Verstand, eine Hand“. Aber nicht nur Wortkünstler waren sie, auch feinfühlige Beobachter, so konnten sie Anregungen für Romane gewinnen und natürlich wurden alle Begebenheiten im berühmten gemeinsamen Journal festgehalten. Alain Claude Sulzer legt einen Schwerpunkt auf die schlüssige Darstellung dieser symbiotischen Beziehung - die gemeinsame Arbeit, das gemeinsame Leben wird von ihm hervorragend herausgearbeitet.

Einen zweiten interessanten Schwerpunkt legt der Autor auf die ergreifende Lebensgeschichte der Dienerin Rose, eigentlich eine Nebenfigur im Leben der Brüder. Sulzer schreibt brillant, und ich erfahre viel über das Leben und Leiden der Unterschicht im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Doch so verfeinert die Lebensweise der Goncourts auch ist, so ziseliert sie die Worte setzen, so seismografisch sie auf jede Störung reagieren – den qualvollen Niedergang ihrer Bediensteten Rose bemerken sie nicht. Später jedoch werden sie ihr mit dem Roman "Germinie Lacerteux“ ein Denkmal setzen. Leider gibt es diesen Roman zur Zeit nicht zu kaufen, wie überhaupt die meisten Romane der Brüder Goncourt in Deutschland nicht mehr verlegt werden. Vielleicht ändert sich das durch Alain Claude Sulzers großen Erfolg.
Für mich jedenfalls ist "Doppelleben“ das Buch des Jahres 2022. Die Lektüre ist anregend und beglückend. Es geht nicht besser.

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Bruderliebe

Der erfahrene und routinierte Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer zeichnet sich durch einen hohen Erzählton aus, mit deme r aus der Masse rausragt.
In diesem Buch erzählt er von den bekannten Brüdern Edmond und Jules de Goncourt.
Sie sind auch heute noch berühmt, aber viel über sie habe ich nicht gewusst. Ich denke, Alain Claude Sulzer hat gut recherchiert z.B. auch in den Journalen der Brüder.
Sie waren nicht nur Brüder und Vertraute sondern auch ein Team.
Hinzu kommt mit der Köchin Rose eine wichtige Figur, die fest mit dem Leben der Brüder verbunden war.
Sulzer schafft es, die historischen Persönlichkeiten zu Leben zu erwecken und das 19.Jahrhundert zu vermitteln.

Das Buch ist sowohl Roman wie auch ein wenig Biografie und ist mehr als ordentlich umgesetzt.

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Alain Claude Sulzer entführt uns in seinem neuen Roman "Doppelleben" in die Zeit Napoleon III. Die Gebrüder Goncourt leben seit dem Tod der Mutter in einer eheähnlichen Beziehung, von der unscheinbaren Haushälterin Marie umsorgt. Die Brüder teilen alles und lieben einander bis in den Tod. Beschrieben werden die letzten Jahre von Jules Goncourt, der, an Syphillis erkrankt, dem Ende entgegen siecht. Sein Bruder Edouard muss dem geistigen und körperlichen Verfall seines jüngeren Bruders tatenlos zusehen und hält dabei den Verlauf der Krankheit minutiös im gemeinsamen Tagebuch fest. Nichtsahnend, dass ihre treu ergebene Haushälterin Marie ein Doppelleben führt, werden sie erst nach deren Tod gewahr, dass der Mensch, der sie all die Jahre umsorgte und Teil ihres Lebens war, von ihnen unbemerkt Mutter wurde und einem jüngeren Mann verfallen war. Sulzer zeichnet mit diesen parallel verlaufenden Lebensläufen eine Milieustudie der französischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Eine erzählerische Meisterleistung, die uns mit den Stiftern des Prix Goncourt bekannt macht.

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Das Buch beschreibt das Verhältnis von Jules und Edmond de Goncourt zueinander und das ihrer Haushälterin. Sie teilen alles miteinander, das Haus die Arbeit ja sogar die Geliebte. Sie gingen zusammen zu Treffen mit Flaubert, Zola und anderen Künstlern ins Palais der Cousine des Kaisers. Danach können die beiden so richtig über alle getroffenen lästern. Dies tun sie in ihrem Geheimen Tagebuch. Die beiden waren berüchtigt wegen ihrer spitzen Feder. Bis zu dem Tag als Jules erkrankte. Die Geschichte erzählt auch die Gegenwelt von Rose ihrer Haushälterin. Die beiden erachten sie wie ein Möbelstück, das dazugehört. Sie verliebt sich leider in den falschen und wird ausgenutzt. Das Kind trägt sie aus und keiner merkt es. Dieses verliert sie aber und- sie wird zur Trinkerin und hintergeht die Dienstherren, ohne, dass die es merken. Erst als sie stirbt, geht den beiden ein Licht auf. Man liest ein Buch über eine sehr spannende Epoche. Ein solches Buch zu lesen hat mir viel gebracht und es ist ein Zeitzeuge von Glanz und Elend in Paris zu Zeiten Napoleons III. empfehlenswert für die Leser die historische Bücher lieben.

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„Doppelleben“ von Alain Claude Sulzer ist eine ziemlich gelungener biografischer Roman aus (nicht über!) dem Leben der Brüder Edmond und Jules Goncourt. Nachdem schreibenden Duo ist bekanntlich der bedeutendste französischer Literaturpreis benannt.

Wir lernen die beiden kennen, als ihr Leben schon fortgeschritten ist und Jules Syphilis-Erkrankung zunehmend Probleme macht. Die Brüder sind Junggesellen geblieben, leben zusammen, arbeiten zusammen, und haben keine Geheimnisse voneinander. Edmund leidet an Jules Erkrankung, als habe er sie selbst. Einige Rückblenden, die kaum als solche gekennzeichnet werden, zeigen uns andere Momente im Leben der Brüder. Etwa einen Aufenthalt bei einer befreundeten Gräfin, da diese, wie überhaupt alle Anwesenden und der Großteil der Öffentlichkeit, den neuesten Roman der Brüder ignorieren. Eigentlich war die Anwesenheit Flauberts versprochen, ihres einzigen Fürsprechers. Doch der fehlt. Viel Raum nimmt die Nebenhandlung der Bediensteten Rose ein, die sich schon um die Brüder gekümmert hat, als die Eltern noch lebten. Die hat sich geradezu fanatisch in einen jungen Händlersohn verliebt, von dem sie ein Kind bekommt, das bald stirbt. Der junge Mann nutzt sie nach Strich und Faden aus. Erst spät erfahren die Brüder einiges von dieser Geschichte, nachdem Rose bereits verstorben ist.

„Doppelleben“ funktioniert als Roman, im Gegensatz zu vielen anderen biographischen Romanen. Er läuft nie Gefahr, sich vor den Vorbildern zu blamieren und auch die Frage, was an der Biografie eigentlich der Roman sein soll, stellt sich nicht. Das hat mehrere Gründe.

Erstens: Die Wahl der Protagonisten: In Deutschland sind die Brüder Goncourt praktisch unbekannt. Doch auch in Frankreich gehören sie wohl nicht mehr zu den regelmäßig gelesenen und hochgeschätzten Autoren. Man vergleiche nur einmal die Länge des Wikipediaartikels mit denen selbst über Autoren der zweiten Reihe wie Maupassant oder Nerval, ganz zu schweigen von Balzac, Flaubert, Hugo oder Zola. Es schreibt sich leichter über solche selten gelesenen Autoren, weil das Publikum weder erwartet, dass man bestimmte Lebenssituationen aber auch wirklich alle abklappert, noch zum Vergleich gedrängt wird: „so gut wie XY ist das aber nicht“.
Damit folgt der Text auch der wichtigsten Regel historischer Romane: möglichst nicht die zentralen Figuren der Geschichte in den Mittelpunkt stellen. Sonst schreibt man am Ende nicht viel mehr als ein Geschichtsbuch. In „Doppelleben“ können die Brüder Goncourt als literarische Figuren atmen und während die Geschichte im Sinne von History allgegenwärtig ist, tritt sie selten in Person auf. Im Zentrum stehen die kleinen Probleme der Brüder und die tragische Geschichte von Rose, der Bediensteten. Ja, Alfonse Sax ist ein Nachbar, doch der hat keinen persönlichen Auftritt sondern nervt die Brüder mit all seinen musikalischen Experimenten als reine Lärmbelästigung. Eine Zeitlang wohnt Chopin in der Nähe, doch auch ihn treffen wir nicht, er bringt sich uns bloß durch betrunkenes Klaviergeklimper in Erinnerung. Flaubert immerhin bekommt eine kleine Sprechrolle, doch das auch erst, nachdem seine Abwesenheit lange Thema war – er ist sozusagen der weiße Hai des Romans.
Zuletzt Identifiziert Autor Sulzer interessante Situationen, und spannt dazwischen seine Geschichte auf, so dass man auf den Bogen des Lebens der Brüder schließen kann, ohne dass dieser komplett nacherzählt werden muss. „Doppelleben“ ist in diesem Sinne also tatsächlich „spannend“. Etwas, das vielen biographischen Romane nicht zu eigen ist.

Besonders gelungen ist die Verbindung mit der Geschichte von Rose, die einerseits in sich selbst Bedeutung trägt, andererseits dient, um die Ambivalenz der Brüder zu illustrieren. Einerseits bedeutet die Bedienstete den Beiden durchaus sehr viel, wie deutlich wird, als endlich die schwere Tuberkuloseerkrankung nicht mehr zu verleugnen ist. Man verordnet ihr Ruhe,
holt Ärzte, die sich um sie kümmern und verbringt regelmäßig Zeit am Bett der Kranken. Andererseits hat sich Rose nicht getraut, die Erkrankung vor dem Zusammenbruch bekanntzumachen, und die Brüder haben nicht bemerkt, dass die Bedienstete sich einen ganzen Winter mit Fieber zur Arbeit geschleppt hat, obwohl sie bei ihnen wohnt. Und nicht nur das, als die beiden von Roses zwei früheren Schwangerschaften und ihrer großen unglücklichen Liebe erfahren, fallen sie aus allen Wolken. Und dass diese Frau, die quasi Familie ist, sich für einen jungen Mann finanziell ruiniert hat, trifft weniger auf Mitleid als auf Herablassung und Abscheu. Und trotz aller Sentimentalität wird über die Ersetzung durch eine neue Bedienstete dann schon wieder ganz geschäftlich nachgedacht.

Ein letztes Plus: während der Text sich moderner Verfahrensweisen bedient, um das Leben der Brüder Goncourt in erzählenswerter Weise zu verdichten, fügt er sich sprachlich plausibel in die Zeit ein, aus der er erzählt. Ohne einen Stil des 19. Jahrhunderts zu imitieren, wird doch der Fokus aufs Detail und die Momente das rein Faktische transzendierender Beschreibungen dem Geist der Literatur des 19. Jahrhunderts in Frankreich gerecht. Faktische Beschreibungen und Dialoge wechseln sich immer wieder mit diese tranzsendierenden Bildern ab:

“Die Gardine hatte die Farbe von Kinderpisse, der Saum war am Boden umgeknickt wie ein zu langes, von Gossenwasserflecken beschmutztes Abendkleid. Das Fenster stand halb offen, ein warmer Windhauch, in dem sich der Salzgehalt des trägen Meers verfangen hatte, streifte Jules, den jungen Mann, damals, als sie das Gift in ihn geträufelt hatte. Im dampfenden Mondlicht tanzten die Falter. Alles schwitzte Feuchtigkeit aus. Der Schweiß auf seinem Körper schützte ihn vor dem Mond, nicht vor der Frau. Der warme Wind trug die Matrosenkrankheiten und die Melancholie an Land. Hier war kein Raum für Sentimentalität.”

Ebenso wie mit solchen von morbider Schönheit:

“Als Jules die Gabel mit Muschelfleisch und Sauce zum vierten Mal an die Lippen führen wollte, verdüsterte sich sein Gesicht, und die Hand stockte zwischen Tisch und Mund und zuckte und ruckelte auf und ab wie die Hand einer von einem zitternden Spieler geführten Marionette. Es roch nach Meer. Sie waren aber in Auteuil. Zu Hause. In ihrem Speisezimmer. Umgeben von ihren Möbeln, Bildern und hunderterlei kleinen und großen Kostbarkeiten, Kram und Trödel, der eines Tages den Ritterschlag der antiken Exklusivität empfangen würde. Kaum etwas stammte aus diesem Jahrhundert, sie hatten es mit Objekten aus dem vergangenen ausgestattet.”

Ein starker Roman, insbesondere, wenn man bedenkt, wie viele biografische Romane auf ganzer Linie an ihrem Material scheitern.

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Als Mutter Annette Cécile de Goncourt am Sterbebett von ihrem älteren (26-jährigen) Sohn Edmond verlangte, dass er sich künftig um seinen jüngeren (17-jährigen) Bruder Jules kümmere, übernimmt Edmond die Verantwortung und beide beschließen, niemals zu heiraten. Sie leben von nun an zusammen, teilen sich das Haus und neben der literarischen Arbeit – ‚ihr gemeinsames Schreiben war wie ein Wechselgesang‘ - auch die Geliebte Maria, eine Hebamme.

Bis zum Tod von Jules waren beide nach dem Tod der Mutter nur 2 Nächte getrennt. Wir erleben die Brüder in ihrem vielfältigen Freundeskreis in Künstler- und Adelskreisen und somit das Paris, Mitte des 19. Jahrhunderts. Die beiden führen also ein Leben im Doppelpack – > ein Doppelleben.

Eine andere Bedeutung für ‚Doppelleben‘ bezeichnet ‚die Lebensführung einer Person in mindestens zwei separaten und verschiedenen Milieus usw., die die Person anderen Personen gegenüber wenigstens zum Teil bewusst verheimlicht‘. Und da sind wir bei Rose, der langjährigen Dienstbotin im Hause Goncourt, schon von der Mutter übernommen. Diese, in einem Liebeswahn zu Alexandre, einem Tunichtsgut, einem Taugenichts (heute wahrscheinlich ‚womanizer‘ genannt) gefangen, ‚ihre einzige Liebe, zu der sie wie ein Hund stets zurückehren würde, gestreichelt oder geschlagen, ihre Bestimmung war es losgeschickt zu werden, um die schönsten Leckerbissen zu apportieren‘.

Es ging mir gewaltig unter die Haut, zu lesen, wie Rose ausgenutzt wurde (und sie das hat auch mit sich machen lassen!), sie ihre Herrschaften bestahl, dem Alkohol verfiel, ‚fremde Männer anmachte‘, und Edmond und Jules nichts davon mitbekamen, nicht einmal ihre Schwangerschaft, ihre Tochter Louisette, die bei einer Amme aufwuchs, deren Tod und anschließend die Trauer von Rose. Erst nach dem Tod von Rose erfahren die Brüder von Maria, der Hebamme, (ihrer Geliebten und Freundin von Rose) die ganze Geschichte ihrer Dienstbotin und verarbeiten diese nach 3 Jahren in ihrem Roman ‚Germinie Lacerteux‘. (Wie man so eine Tragik nicht bemerken kann, die sich unmittelbar vor dem Auge abspielt, kann ich nicht nachvollziehen! Waren sie nur mit sich beschäftigt? Nahmen sie Rose nicht als Mensch wahr, obwohl die sie rührend umsorgte?) Schmunzeln musste ich - als leidenschaftliche Köchin - bei den geschilderten Geschmackerlebnissen aus Rose‘ Küche.

Jules hatte sich mit 20 Jahren bei einer Prostituierten Syphilis geholt und ‚Geist, Intelligenz und Verstand verließen ihn über die Jahre‘. In Folge wird der Leser mit dem langen (mir zu langem – es war schwer auszuhalten!) und grausamen Ende von Jules konfrontiert und auch hier verdrängt Edmond die Wirklichkeit und ist der Überzeugung, dass sein Bruder an ‚Überanstrengung im Dienst der Kunst‘ gestorben wäre.

Die Geschichte der Brüder Goncourt und Rose ist eingebettet in der Geschichte Frankreichs mit der Belagerung von Paris und dem Ausrufen von Wilhelm I in Versailles zum deutschen Kaiser und dem Unterzeichnen des Waffenstillstandsvertrags. Außerdem lernen wir mit den Brüdern den französischen Literaturpreis ‚Le prix Goncourt‘ kennen, der seit 1903 verliehen wird und nach ihnen benannt wurde.

Der Roman ist sehr, sehr abwechslungsreich: brüderliche Liebe, gemeinsame Arbeit, am Ende die Verzweiflung, den anderen verfallen zu sehen, die Trauer über den Tod, dazu die tragische Geschichte von Rose - er nahm mich von Anfang an gefangen! Dazu die anspruchsvolle Sprache! Es wäre für mich jedoch ein noch größerer Genuss gewesen, wenn das Ende von Jules etwas gestraffter erzählt worden wäre! Vier Sterne vergebe ich deshalb dafür!

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Zum historischen Hintergrund:
Die beiden Brüder Edmond und Jules de Goncourt stammten aus einer vermögenden Familie und lebten ihr Leben lang ausschließlich für ihre Interessen, hauptsächlich die Literatur. Sie lebten und arbeiteten fast symbiotisch zusammen, teilten sich sogar ihre Geliebte. Mit ihrem literarischen Interesse für die niederen Stände gelten sie als die Begründer des Naturalismus.
Ein besonderes Zeitdokument ist das Tagebuch (ab 1851), das beide Brüder verfassten und das Edmond, der ältere Bruder, nach Jules‘ Tod noch 25 Jahre alleine fortführte. In diesem Tagebuch nehmen die Beiden kein Blatt vor den Mund. Sie beobachten scharf und mitleidlos, notieren unbestechlich genauestens Intimitäten ihres Freundeskreises, zu dem die wichtigsten Literaten ihrer Zeit und auch die Prinzessin Mathilde, Nichte Napoleons und Kusine des Kaisers Napoleon III., gehörten. Das vollständige Tagebuch erschien 2013 erstmals auf Deutsch und ist die Quelle für Sulzers Roman.
Der Prix Goncourt ging aus einer Stiftung Edmonds Goncourts hervor und gilt inzwischen als der begehrteste Literaturpreis Frankreichs.

Mein Lese-Eindruck:
Selten hat mir ein Romantitel so gut gefallen wie „Doppelleben“. Dieser Titel trifft in mehrfacher Weise zu, und zwar auf jeden der verschiedenen Handlungsstränge. Die kapitelweise miteinander verschränkt werden.
Zunächst betrifft „Doppelleben“ das symbiotische Zusammenleben und -arbeiten der beiden Brüder Goncourt. Jules‘ Syphilis-Erkrankung wird von seinem älteren Bruder beharrlich geleugnet, und hier gelingen Sulzer sehr empathische und berührende Szenen, wenn er die Sorge und auch die Verzweiflung Edmonds erzählt, der sich mit dem geistigen Verfall seines Bruders nicht abfinden kann.
„Doppelleben“ betrifft aber auch die Magd Rose, die seit den Kindheitstagen der Brüder im Haus lebte und sie wie eine Mutter aufopferungsvoll versorgte. Erst nach ihrem Tod erfahren die Brüder von ihrem Doppelleben: sie hatte sich verschuldet, gestohlen und betrogen, um ihren jungen Geliebten zu finanzieren, dem sie hörig war. Beide Brüder mussten erkennen, dass sie, die so stolz auf ihre scharfe Beobachtungsgabe waren, bei den Tragödien in ihrer direkten Umgebung blind waren. Sie beschließen einen professionellen, d. h. ästhetischen Umgang mit dem Erlebten und schreiben den Roman Germinie Lacerteux, in dem sie das Leben einer Frau der niederen Stände mit allen abstoßenden Facetten thematisieren.
„Doppelleben“ betrifft aber auch die Zeit, in die der Autor seinen Leser mitnimmt. Es ist die Zeit Napoleons III., wir erleben den Glanz der Salons, üppige Festmähler und opulente Vergnügungen – und auf der anderen Seite das Elende der Unterschicht: gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen, Alkoholismus, Kriminalität, Prostitution. Sulzer verschränkt beide Seiten der Gesellschaft. In Erinnerung bleibt eine pointierte Szene, als im Salon der Prinzessin ein Arzt dieses Elend ins Gespräch bringt, was von der champagnertrinkenden Gesellschaft jedoch als „degoutantes Hirngespinst abgetan wird.
Sulzers Buch besticht nicht nur durch die genaue historische Recherche, sondern auch durch die immer ruhige, fast behäbig-altmodische Sprache, in der er erzählt. Dramatisches wechselt mit Lyrischem, Anekdoten aus den Tagebüchern sorgen für Kurzweil. Sulzer erzählt seine Geschichte mit Empathie, ohne larmoyant zu werden, und so gelingt ihm ein spannender Roman, der eine starke Sogwirkung entfaltet.

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Die Brüder de Goncourt sind durch ihre Tagebücher, die einen Einblick in die Zeit unter Napoleon III. berühmt geworden. Sie lebten zusammen und schrieben zusammen und teilten alles, auch die Geliebte. In ihrem geheimen Tagebuch lästerten sie über alle, die sie trafen. Auch von antisemitischen Bemerkungen sind diese Tagebücher und ihre Briefe nicht frei. Schon alleine die beiden Brüder würden den Titel Doppelleben rechtfertigen.
Der Autor erzählt aber auch die Geschichte ihrer Haushälterin, die von den Brüdern, die sie von der Mutter übernommen hatten, sehr schätzten. Allerdings bekamen die Brüder Goncourt nichts von dem Doppelleben ihrer Haushälterin mit. Diese liebte Männer und die Liebe. Als Folge wurde sie schwanger, was die Brüder nicht mitbekamen. Erst als das Kind, das die Haushälterin weggeben hatte starb und die Haushälterin zusammenbrach, bemerkten die Brüder die Situation. Und sie schrieben einen Roman. Dieser kam nicht überall gut an, denn einen Roman, in dem eine Haushälterin als Heldin vorkam, war für eine Zeit in der man dem Personal nicht mehr Aufmerksamkeit schenkte als einem Möbelstück, empfand man als unpassend.
Ich liebe die Bücher von Alain Claude Sulzer. Und auch von diesem bin ich begeistert!

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Eines meiner absoluten Highlights. Was für ein Roman über unzertrennliche Brüder, die es nur im Doppelpack gibt und deren Haushälterin, die eine ganz andere ist, als es scheint. Ein historischer Roman, der von der ersten Seite an fesselt. Was für eine Geschichte, was für eine Sprache!

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Ein großartiges Buch! Sprachlich toll und handwerklich gut gemacht. Erschreckend, wie die beiden Männer so blind für Ihre Umgebung sind, wo sich doch auf die Fahne geschrieben haben einfühlsam zu sein. Und auch erschreckend, was es bedeutet hat eine Frau in dieser Stellung zu sein. Unabhängig davon, ob man sich einer unerwiderten Liebe hin gibt oder nicht.

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Ich fand die Idee, über die Brüder Goncourt ein Buch zu schreiben, toll. Leider kam ich über die ersten 80 Seiten nicht hinaus. Das lag am Erzählstil und daran, dass ich die Brüder zutiefst unsympathisch fand.

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Das Buch spielt in Paris zu Zeiten Napoleon III. Es spielt in zwei Ebenen. Zum einen lernen wir die Brüder Jules und Edmond de Goncourt kennen. Die Zwillinge sind untrennbar miteinander verbunden und treffen Größen ihrer Zeit, aber ihrem scharfen Auge und ihrem geheimen Tagebuch entgeht auch nichts. Dann gibt es ihre Haushälterin, die ein Eigenleben führt und uns noch mal ihre Sicht und ihr Leben schildert. Beides könnte unterschiedlicher nicht sein und ist gerade deshalb besonders interessant. Das Cover spiegelt das sehr schön wider. Auch der Schreibstil ist toll. Die Zeit, in der die Geschichte spielt, ist besonders interessant. Ein tolles Buch, das ich gerne empfehle.

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Als Liebhaberin französischer Literatur vor allem auch des 19. Jahrhunderts und von Flaubert, dessen Leben und Schreiben untrennbar mit dem der Brüder Goncourt verbunden ist, musste ich dieses Buch von Alain Claude Sulzer selbstverständlich lesen. Aufgrund des Verlagstextes hatte ich mir die Geschichte zwar etwas anders vorgestellt, aber das änderte nichts an meiner Lesefreude.
Der Autor erzählt von den letzten Lebensmonaten des Jules de Goncourt, der aufgrund einer Syphiliserkrankung schon sehr früh starb. Sein Leidensweg wird sehr genau beschrieben, vor allem auch der seines Bruders Edmond, der praktisch nie von seiner Seite wich und ihn so gut er konnte unterstützte. Sehr interessant fand ich die Tatsache, dass Edmond offensichtlich die Augen davor verschloss, welche Krankheit sein Bruder hatte und darauf beharrt, die intensive Beschäftigung mit der Literatur wäre der Grund des Zerfalls und frühen Todes. Denn sonst sind die Goncourt-Brüder sehr für ihre Genauigkeit in den Tagebüchern bekannt, sie beschönigten nichts und blieben (wahrscheinlich) normalerweise bei der Wahrheit. Diese so enge Verbindung der Brüder wird sehr anschaulich und nachvollziehbar geschildert, man leidet mit beiden Brüdern mit und trauert am Ende wie sein Bruder um Jules.
In der Parallelerzählung wird das Doppelleben der langjährigen Haushälterin der beiden, Rose, nacherzählt. Diese Geschichte war schon von den Brüdern Goncourt nach ihrem Tod als Roman veröffentlicht worden und erzielte in der literarischen Welt nicht die Aufmerksamkeit, die sich die Autoren gewünscht hätten. Für mich war erschütternd, dass die Brüder wohl absolut nichts von dem privaten Leben von Rose mitbekommen haben, obwohl sie tagtäglich mit ihr zu tun hatten und sie auch sehr mochten. Weder ihre körperlichen Leiden noch ihren Liebeskummer und auch nicht, dass sie ihnen Geld und Lebensmittel stahl. Aus heutiger Sicht fast unvorstellbar, damals waren aber tatsächlich die Lebenswelten der Diener und ihren Herrschaften sehr stark getrennt und die Brüder Goncourt befanden sich zudem durch ihre Beschäftigung mit der Literatur in ihrer ganz eigenen Welt.
Ein kleiner, feiner Roman, der einen Einblick in das Leben der Brüder Goncourt und deren Haushälterin gibt und dadurch das Leben in Paris zu jener Zeit einfängt.

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Alain Claude Sulzer: Doppelleben (2022)
Ein großartiges Porträt der Pariser Gesellschaftsschichten des späten 19. Jahrhunderts.
Wir lernen die Brüder Jules und Edmond de Goncourt kennen, die ihr Leben der Literatur verschrieben haben. Der*Die Leser:in erhält tiefe Einblicke in ihre Gedankenwelt und begleitet deren Hausmädchen Rose durch ihr von Schicksalsschlägen gezeichnetes Leben.
Sulzers Schreibstil ist zu Beginn des Textes trocken und bisweilen etwas zäh, man sollte sich Zeit nehmen und vielleicht eine Tasse Tee dazu trinken.
Ist man jedoch erst in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfiguren eingetaucht, mag man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen. Sulzer spiegelt Glanz und Gloria mit der Misere des Paris des späten 19. Jahrhundert. Dies findet auch in der Sprache Ausdruck, trocken, aber geschmeidig beschreibt er das alltägliche Leben der Stadt. Ihren betäubenden Lärm und ihre erdrückende Stille.
Ein Buch, welches am besten am Kamin gelesen wird und die eigenen Gedanken feiner werden lässt.
Auch das Cover finde ich gelungen! Für das Cover wurde ein Ausschnitt des Gemäldes ,,Der Club” (1911) von Jean Béraud verwendet. Die Stofflichkeit der roten Sitzmöbel und Paravents lädt zum Parlieren in einem Pariser Literaturclubs ein und hat mich zur Kaufentscheidung bewegt.

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