Mit der Faust in die Welt schlagen

Roman | Ein überzeugendes Porträt zweier Brüder ̶ Ein fulminantes und beeindruckendes Debüt

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Erscheinungstermin 07.09.2018 | Archivierungsdatum N/A

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Zum Inhalt

Zwei Brüder, ein Dorf in Ostsachsen und eine Wut, die immer größer wird

Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es.

Lukas Rietzschels Roman ist eine Chronik des Zusammenbruchs. Eine hochaktuelle literarische  Auseinandersetzung mit unserem zerrissenen Land.

Zwei Brüder, ein Dorf in Ostsachsen und eine Wut, die immer größer wird

Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht...


Verfügbare Ausgaben

AUSGABE Anderes Format
ISBN 9783550050664
PREIS 20,00 € (EUR)

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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder

Es geht aufwärts, so könnte man eigentlich meinen nach der ersten Seiten von „mit der Faust in die Welt schlagen“. Die Mauer ist gefallen, die Menschen in der ehemaligen DDR stehen vor einer neuen, anderen Zukunft. Einst lebten die Eltern von Philipp und Tobias im typischen Plattenbaublock . Jetzt, wo das zweite Kind da ist, wird am eigenen Haus gebaut. Klingt doch nach Erfolg, oder? Doch eine gewisse Tristesse durchzieht gleich das erste Kapitel. Die Arbeit von einst gibt es nicht mehr, VEB war einmal, es herrscht Verunsicherung, Stagnation, nicht jeder schafft den Anschluss an die neue Arbeitswelt. Das ist die Welt, in die die beiden Brüder hineinwachsen, Anfang des Jahrtausends. Lukas Rietzschel begleitet das Bruderpaar durch ihre Kindheit und Jugend in der jungen wiedervereinigten Republik. Verlassene Steinbrüche sind wie ein Symbol der zusammengebrochenen Wirtschaft der einstigen Staatsbetriebe. Zwischen Schrebergartenidylle und Dorffesten brodeln Unbehagen, werden Aggressionen spürbar. Da sind die umgeworfenen Wegkreuze der sorbischen Minderheit, die als Katholiken ohnehin suspekt sind. Dann die Hakenkreuzschmiererei auf einem Stein vor der Schule. Das Zeichen sagt Philipp und Tobias gar nichts, doch die Reaktionen der Erwachsenen triggern die Jungen. Die älteren Jungen, die vor ihrer ehemaligen Schule rumhängen, Bier trinkend und ohne Perspektiven, werden zu Rollenvorbildern. Die Wut, deren Ursprung eigentlich gar nicht klar erkennbar ist, muss raus. Erklärt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ die Verhältnisse im Osten Deutschlands zwischen Pegida und AfD-Hochburgen? In einer nüchtern-lakonischen Sprache beschreibt Rietzschel eine Jugend, die vielleicht nicht reich an spektakulären Höhepunkten ist, die aber auch nicht so verzweifelt und hoffnungslos erscheint, dass Wut und Gewalt der einzige Ausweg zu bleiben scheinen. Zerbrechende Familien, Ärger mit den Lehrern, Provinzleben ohne große Ereignisse – das gibt es doch auch anderswo. Als Psychogramm einer Familie ist der Roman eindringlich und lässt den Leser zugleich mit Fragen zurück. Lukas Rietzschel, Mit der Faust in die Welt schlagen Ullstein Verlag, Berlin 2018 ca 320 Seiten ISBN 978-3-550-05066-4

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Familie Zschornack hat es geschafft, nur elf Jahre nach der Wende können sie sich den Traum vom eigenen Häuschen erfüllen. Drastische Veränderungen gab es in dieser Zeit. Werke wurden geschlossen, Bewohner die ein Leben lang dort gearbeitet hatten standen nun auf der Straße. Wer das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht hatte, konnten auf Umschulungen hoffen. Nachdem der Vater von Tobias und Phillip notgedrungen zwei Umschulungen und Weiterbildungen über sich ergehen lassen musste, weil sein Berufsabschluss nicht anerkannt wurde, ist er jetzt Elektriker und mit dem Gehalt seiner Frau, die als Krankenschwester arbeitet, scheinen sich für die Ostsachsen die blühenden Landschaften tatsächlich zu erfüllen. Ihre beiden Jungs können nun wohlbehütet aufwachsen… Zehn Jahre später …“ Tobias fragte sich, was zuerst da gewesen war. Die Straßen, die die Orte umgingen und damit leer fegten. Oder die leeren Orte, an denen jeder vorbei fahren wollte?“ Vor den Weihnachtsbäumen saßen keine Familien mehr, nur alte Pärchen vor den Fernsehern. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist ein leises Porträt der Nachwendezeit in den überwiegend ländlichen Gebieten unserer Republik (ich möchte hier nicht den Osten besonders hervorheben, denn auch im Westen gibt es genau dieselben Szenarien). Es sind die vielen kleinen und großen Rückschläge der Bewohner. Althergebrachtes und auch Gewohntes verändert sich innerhalb kürzester Zeit. Strukturen lösen sich auf, Perspektivlosigkeit macht sich breit. In diesem Umfeld wachsen die beiden Jungen heran, sie erleben das Hochwasser bei Dresden, die Anschläge auf das World Trade Center und auch die „Flüchtlingswelle“ 2015. Eine Belastungsprobe, jahrelang wurde ihr kleiner Ort von der Politik vernachlässigt, doch nun ist Geld da um den Flüchtlingen eine Unterkunft zu bieten. Neschwitz sitzt auf einem Pulverfass, denn die Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen und das Gefühl des „Abgehängtseins“ haben sich schon zu tief in der verbliebenen, vorwiegend jungen Bevölkerung breit gemacht. Lukas Rietzschel beschreibt dies auf eine eher nüchterne Art, die weder anklagt noch wertet. Ich habe jedoch lange gebraucht, seinen Schreibstil zu akzeptieren. Ich fand ihn äußerst emotionslos. Eine Anreihung von zumeist kurzen Sätzen und sprunghaften Szenewechseln. Dadurch konnte ich auch gar keine Beziehung zu den Protagonisten aufnehmen, sie waren seltsam farblos. Gestört hat mich auch, das alle Beteiligten irgendwie um den „heißen Brei“ reden. Probleme werden nicht explizit angesprochen und gegeben falls ausdiskutiert, deshalb weiß man als Leser sofort dass die Geschichte nur in einem Desaster enden kann. Genau hier fehlt mir der Tiefgang, das ist mir etwas zu eindimensional. Trotzdem finde ich, ist dem Autor ein wirklich beachtliches Debüt zu einem schwierigen Thema gelungen.

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Ein Buch, welches zur aktuellen Lage leider nicht besser passen könnte. Wir lernen eine Familie mit zwei Kindern kennen, so wie sie jeder von uns kennt, sich eventuell sogar selbst wiedererkennt. Das kleine genannte Örtchen könnte auch unser Nachbardorf sein, nichts scheint an den Haaren herbei gezogen oder fernab der Realität. Und langsam – im Laufe des Buches – merkt man wohin die Reise des Buches geht. Man sieht wie sich unterschwellige Gesinnungen in Handlungen und ganz Leben gipfeln, die durch Frust und oder Langweile, sowie schlechte Chancen in die falsche Richtung rutschen, den Hass auf andere schüren und plötzlich zu Nazis der neuesten Generation werden. Dis passiert „so nebenbei“ dass es wirklich erschreckend ist, da man die aktuelle Stimmung in Deutschland genau so wiedererkennt. Mir ist das Buch ab und an ein wenig zu weit vom Thema weg, was dennoch der Geschichte und deren Entwicklung zu Gute kommt. Hier und da ist es ein wenig langatmig, aber durch die leisen Töne geradezu erschreckend, da es um ein so lautes Thema geht. Brandaktuell und brandgefährlich!

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Mit der Faust in die Welt schlagen ist ein Roman, der thematisch nicht treffender in das aktuelle Zeitgeschehen passen könnte. Die Nachrichten, die Gespräche – sie werden beherrscht durch Themen wie Rassismus, Demonstrationen, Ausschreitungen – zu Recht wird darüber geredet. Auch Bücher widmen sich dem Thema, so wie Lukas Rietzschels Debütroman. Doch Mit der Faust in die Welt schlagen ist etwas anders. Literarisch ein wunderbar geschrieben Roman und zeitgleich politisch relevant. Er handelt von Tobias und Philipp, zwei Brüder, die in der ostsächsischen Provinz aufwachsen. Und Rietzschel macht aus ihnen eine Antwort, die gerade die Tage nach Chemnitz in vielen Köpfen rumschwirrt. Wie entsteht Rassismus? Wie wird man fremdenfeindlich? Warum entwickelt man solche Ansichten? Mit der Faust in die Welt schlagen versucht darauf eine mögliche Antwort zu geben, in dem Es um zwei Brüder geht, die in drei Abschnitten geteilt durch die Jahre 2000 bis 2015 begleitet werden. Vom 9/11 bis zum Dresdener Hochwasser zur Flüchtlingskrise – all dies erleben die Beiden mit, lässt sie zweifeln, formt sie zu dem was sie am Ende werden. Hier gibt es natürlich keine Universalantwort. Aber die nüchterne und schonungslose Schilderung des Lebens in dem sächsischen Dorf gibt jedoch Aufschluss. Es wird nichts beschönigt, kein Verständnis erzeugt, sondern ohne viel Gefühl geschildert. Die beiden Jungs haben eine triste Kindheit, vorgezeichnete Wege durch Lehrer, die schon ihren Eltern nichts zu trauten. Über viele Enttäuschungen, viel Wandel im Dorf – die einzige Schule wird geschlossen, die Firmen machen dicht, die Zukunft ist beängstigend. Zeitgleich kommen immer mehr Flüchtlinge in die Gegend – Meinungen werden gebildet, Ahnung hat gefühlt keiner, doch sich zusammenzuscharren gibt Hoffnung. Gemeinsam gegen etwas sein. Wie gesagt – eine Antwort ist es nicht, aber so wie Rietzschel es schildert – auf seine nüchterne, neutrale Art –, wirkt es logisch. Schonungslos logisch und traurig. Jede Entwicklung des Romans wirkt erschreckend folgerichtig, auch, dass die beiden Brüder bei den örtlichen Nazis landen, weil es dort eine Art „Zusammenhalt“ gibt und eben auch Bier. Und was noch als Dummheit beginnt, wird schnell ernster, gefährlicher und radikaler. Ehe sich einer versieht, ist zumindest einer der Brüder tiefer in der Szene als er es selber sieht. Denn es ist doch „nur Spaß“ und „man muss doch was tun“. Die Figuren sind gut konstruiert und die Geschichte stimmig. Wenn das Buch mal beendet ist, lässt es einen noch lange über die einzelnen Handlungsstränge und Geschehnisse nachdenken und immer noch, während ich hier noch schreibe, fällt mir eine Kleinigkeit neu auf, die dramaturgisch wahnsinnig gut platziert wurde. Gerade in Anbetracht des aktuellen Bezug kann ich das Buch nur händeringend empfehlen.

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Ein moderner Roman über die unterschiedliche Entwicklung zweier Brüder im Osten Deutschland. Vom Wiederaufbau der ostdeutschen Provinzen hin zum allmählichen Verfall dieser Ortschaften und der aufsteigenden Wut in den Köpfen der Menschen. Er erzählt von Veränderungen in Familien, Freundschaften und der Gesellschaft und veranschaulicht zuletzt eine andere Sichtweise auf Ostdeutschland innerhalb der Flüchtlingskrise.

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Philipp und Tobias wachsen in einem kleinen Dorf in Sachsen auf. Sie ziehen mit ihren Eltern ins eigene Haus, alles scheint gut zu werden. Doch allzu bald bekommt die vermeintliche Idylle die ersten Risse. Die miserablen Zukunftsaussichten und die Angst vor dem Verlust der Heimat werden für die beiden immer größer. Genau zu diesem Zeitpunkt kommt auch noch die Flüchtlingskrise dazu, die auch vor ihrem Dorf nicht halt macht. Beide Brüder reagieren auf ihre Weise. Während sich der eine absondert, findet der andere ein gefährliches Ventil für seine Wut... Lukas Rietzschel hat mit seinem Debütroman "Mit der Faust in die Welt schlagen" ein gelungenes Porträt über zwei Brüder vorgelegt, die mit der rechten Szene in Berührung kommen. Die Enge und die Perspektivlosigkeit in dem kleinen sächsischen Dorf sind sehr gut beschrieben. Das Umfeld von Tobi und Philipp ist geprägt von geringen Zukunftsaussichten, Alkohol, Vorurteilen gegenüber Ausländern auf der einen Seite und gleichzeitig von Eltern, die mit ihren eigenen persönlichen Problemen zu tun habe. Man kann als Konsequenz dieser Umstände durchaus erahnen, wie die Brüder ins rechtsradikale Milieu abrutschen. Durch die distanzierte Sichtweise, aus der der Autor die Geschichte der beiden erzählt, wirkt alles noch kraftvoller und authentischer. Ich musste mich erst an den kargen Schreibstil gewöhnen, aber ich finde gerade diese Art zu schreiben, passt perfekt, um die Problematik dieses schwierigen Themas in seiner Vielschichtigkeit dem Leser näherzubringen. Das liegt für mich auch an den kurzen, prägnanten Sätzen mit Tiefgang. Das gefällt sicher nicht jedem, aber für mich ist das ein großer Pluspunkt des Buches. Auch die Charaktere sind präzise und stimmig skizziert und absolut überzeugend. Dieses Buch ist keine leichte Kost, es ist eine hochaktuelle Lektüre zur Lage in unserer Gesellschaft. Ich habe noch lange über das Gelesene nachgedacht. So intensiv habe ich mich bisher noch nie mit dieser Problematik beschäftigt. Ich hoffe, Lukas Rietzschel erreicht mit seinem Buch viele interessierte Leser, es lohnt sich wirklich.

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Als ich zuletzt den von mir sehr geliebten Roman „Alligatoren“ von Deb Spera las, verschreckte mich einerseits die Tristesse, die die Handlung ausstrahlte, welche mich zugleich dadurch faszinierte, dass sie sehr viel Hoffnung vermitteln konnte, obschon die Geschichte in all ihrer trüben Atmosphäre noch auf die ganz große Weltwirtschaftskrise der 20er/30er des letzten Jahrhunderts zusteuerte. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ verstärkte in mir nur das Gefühl, dass (nicht nur) Deutschland nun knapp 100 Jahre später auf eine ähnliche globale Krise zurast; es erzählt die beängstigende Geschichte einer „normalen“ Familie aus dem Osten Deutschlands, deren Söhne zu jungen Erwachsenen im Hier und Jetzt heranreifen, die quasi in die rechte Szene „hineinwachsen“, ohne jegliches Verständnis, ohne jegliches Wissen. Hakenkreuze werden nicht als solche erkannt, sondern man malt sie nach, weil man sie eh so oft an irgendwelche Wände geschmiert sieht; Fotos von Hitler symbolisieren nur eine erstrebenswerte Macht. 9/11 passierte, als man noch ein Kind war, und darüber „weiß“ man nicht mehr als dass die USA das doch verdient hatten… Man sagt/macht/meint einfach dass, was die nur wenig Älteren einem vorkauen und an Allem sind die Ausländer schuld. Woran genau eigentlich bleibt sehr diffus, zumal die hier beschriebene Familie eher dem Mittelstand angehört; die Eltern sind beide berufstätig, man besitzt ein eigenes Haus, die Kinder wachsen auch von den Großeltern vermeintlich behütet auf, können nach dem Schulabschluss Ausbildungen absolvieren… im Prinzip ist diese Familie das Abbild einer ganz normalen Familie aus der Mitte der Gesellschaft und die komplette Handlung könnte auch ebenso in einem kleinen Dorf im Westen Deutschlands spielen. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erklärt nicht, warum Menschen immer weiter nach rechts rutschen; es schildert lediglich eine hoffnungslose Wanderung dorthin, in der festen Überzeugung, dass „Deutschland mal wieder einen richtigen Krieg braucht“. Es werden Bedrohungen erfunden und hochstilisiert, die nicht da sind; Übergriffe inszeniert und Schlägereien angezettelt ; man zerstört längst leerstehende Gebäude, mit denen man angeblich sentimentale Erinnerungen verbindet, damit niemand „Fremdes“ sie übernehmen konnte anstatt sich alternative Nutzungsmethoden auch nur kurz zu überlegen; an keiner Stelle hatte ich das Gefühl, irgendjemand wüsste hier, wofür er eigentlich kämpfte. „Ich weiß nicht, was ich will, also bin ich gegen alles, was ist“ schien hier das Motto zu sein; die Handlung triefte vor Mitläufertum, obschon auch eine der Figuren später kritisiert wurde, dass sie doch einfach nur so mitlief ohne aktiv beteiligt zu sein. Da wurde ein merkwürdiges Gruppenideal, ein aktiver Zusammenhalt, „Teamarbeit“, propagiert, obschon ständig zu merken war, dass dieser Zusammenhalt letztlich nicht existierte: Man tat kumpanenhaft, hatte aber doch nichtmals Ahnung von den eigenen „Freunden“, alles war auf Hörensagen ausgelegt. Rietzschel erzählt hier auf eine sehr nüchterne Art, in einem eher stakkatoartigen Stil; häufig verschwimmen die Grenzen zwischen Figuren, so dass die Personen zu einem Einheitsbrei ohne jedwede Individualität werden. Wer nicht mitmacht, steht Allem eher resignierend und ohnmächtig gegenüber; nein, auch hier macht nicht jeder mit. Die Großmutter übergibt ihren Kleingarten später sogar an einen Syrer, als sie die Bewirtschaftung körperlich nicht länger stemmen kann und versteht den darum entstehenden Aufruhr ebensowenig wie die Mutter der Jungs, von denen einer immer aktiver „mit der Faust in die Welt schlägt“, während der Bruder sich nach seiner Lehre eher einzuigeln beginnt und mehr auf Distanz zur aktiven rechten Bewegung, seiner alten „Clique“, geht und darum als „komischer Kauz“ zu gelten beginnt, obschon die älteren Generationen den Jungs ebenfalls schon von klein auf häufig beteuert haben, dass „die Anderen“ schuld sind (so wird mitunter eine falsch gemachte Hausaufgabe, die zudem hauptsächlich von Großeltern und Eltern gemacht wurde, angeblich nur deswegen mit einer Drei benotet, weil die Lehrer früher auch schon die Eltern auf dem Kieker hatten). Aber niemand positioniert sich klar entgegen der Rechten und so bleibt ein hasserfüllter, pessimistischer, hoffnungsloser Rahmen übrig, in dem sorbische Mitbürger selbst von Halbsorben rassistisch beschimpft werden, in dem eine offene Auseinandersetzung, also ein Krieg, anscheinend als einzige Zukunftsperspektive gesehen wird, selbst von jemandem, dessen Dasein eigentlich auf grundsoliden Füßen steht… und insgesamt ergibt sich eine deprimierende Lektüre, die umso deprimierender ist, weil sie die derzeitige gesellschaftspolitische Entwicklung so punktgenau abbildet. Von dieser Trostlosigkeit, den Achtlosigkeiten, den Gehässigkeiten mag ermüdend zu lesen sein, zumal die Handlung ohne echten Hoffnungsschimmer auskommt, aber im Prinzip ist dieses Buch ein in die offene Wunde unserer Zeit gelegter Finger.

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"Deshalb ist man doch kein Nazi." (Track 105) Philipp und sein jüngerer Bruder Tobias wachsen in der sächsischen Provinz auf. Nach dem Fall der Mauer sind die hier lebenden Menschen unzufrieden, fühlen sich von der Regierung vergessen und sind überzeugt, dass Versprechen nicht eingelöst wurden. Lukas Rietzschel erzählt in seinem Debütroman ‚Mit der Faust in die Welt schlagen‘ von einer Kindheit und Jugend in der Nähe von Bautzen, von Arbeitslosigkeit und Umschulung, von Alkoholismus und fehlenden Zukunftsperspektiven, von einer weit verbreiteten Xenophobie und der Angst, noch mehr zu verlieren. Rietzschels Roman umfasst die Jahre 2000 bis 2006 sowie 2013 bis 2015, in denen er aufzeigt, wie die Brüder aufwachsen und mit welchen Anschauungen und Meinungen sie bereits in jungen Jahren konfrontiert wurden und wie die Situation mit dem Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise, der Gründung von Pegida und der Propaganda von Thilo Sarrazin schließlich eskalierte. Ich bin selbst in einer Kleinstadt in Sachsen aufgewachsen und beobachte seit den 1990er Jahren die zunehmende Unzufriedenheit, die ausländerfeindliche Gesinnung und die Hoffnungslosigkeit in meiner alten Heimat, obwohl es mir sehr wichtig ist zu betonen, dass dies nicht die Mehrheit der Menschen in Sachsen darstellt, sondern dass die Anhänger von Pegida und AfD einfach lauter schreien und mehr Gehör finden als diejenigen, die diese ablehnen. Ich war sehr gespannt auf den Roman, der genau das behandelt, was ich selbst erlebt, beobachtet und erfahren habe, was mich beschäftigt und was mich in seiner Dynamik interessiert. Und ich kann sagen, dass mir der Roman alles in allem gut gefallen hat, dass ich ihn aber oft zu emotionslos gefunden habe. Den Schreibstil empfand ich als etwas zu abgehackt, so dass er mich eher an einen Schüleraufsatz als an einen Roman erinnert hat. Auch der Sprecher Christoph Letkowski klang irgendwie gelangweilt, und ich fand es eindeutig spannender und angenehmer, den Roman zu lesen statt Letkowski zu lauschen. Sicherlich passt seine Art und Weise, den Roman zu lesen, zur eher emotionslosen Erzählweise Rietzschels, aber ich finde, als Hörbuchhörer muss man auch ein bisschen mitgerissen werden. Unterm Strich würde ich das Buch aber empfehlen, da es sehr gut den Weg von Perpektivlosigkeit in Radikalisierung nachzeichnet und dadurch zum Verstehen des Phänomens Pegida und des Wahlerfolgs der AfD beiträgt. Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Ullstein, 2018, 320 Seiten; 20 Euro (gebundenes Buch) bzw. 16,99 Euro (Kindle Edition). Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Ungekürzte Lesung von Christoph Letkowski. Hörbuch Hamburg, 2018; 20 Euro.

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"Mit der Faust in die Welt schlagen" ist absolut keine leichte Kost, allerdings beschreibt Lukas Rietzschel damit sehr nüchtern und schonungslos die aktuelle Lage in unsrer Gesellschaft. Ihm ist mit dem recht emotionslos gehaltenen Schreibstil, das auch irgendwie die Hoffnungs- & Perspektivlosigkeit widerspiegelt, ein beachtliches Buch zu einem schwierigen Thema gelungen, welches noch im Nachhinein einem sehr zum Nachdenken bringt.

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Sehr wichtiger gut lesbarer Coming of Age Roman der in den neuen Bundesländern spielt. Er handelt von zwei Brüdern die im Sachsen kurz nach der Wende aufwachsen und immer in die rechte Szene abdriften, jeder der beiden geht anders mit Sitation vor Ort um... Super

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Sieht so eine ganz normale Familie in Ostdeutschland aus? Diese Frage stellte sich mir das ein oder andere Mal beim Lesen. Das Buch wirkt sehr authentisch. Durch den überragenden Sprachstil kommt die triste Atmosphäre zur Geltung, so dass man als Leser die Langeweile und den Frust der Bewohner des kleinen, ostdeutschen Nests richtig nachempfinden kann. In der Geschichte geht es um eine ostdeutsche Familie mit zwei Kindern, Philipp und Tobias, die kurz nach der Wende über 15 Jahre begleitet werden. Hauptcharaktere sind die beiden Brüder, die charakterlich sehr verschieden sind und dementsprechend unterschiedlich auf die äußeren Umstände reagieren und sich weiter entwickeln. Während der eine ein Mitläufer bleibt, in seinem Frust versinkt und einfach alles zu akzeptieren scheint, entwickelt der andere seine eigenen Gedanken zu seinem Umfeld. Da kam mir gleich die Frage in den Sinn: Inwieweit beeinflusst die Umwelt das Denken eines Individuums? Und inwieweit spielt der Charakter eine Rolle? Das kann man am Beispiel dieser beiden Brüder sehr gut beobachten. Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es beschreibt auf einzigartige Weise das Gefühl, das in weiten Teilen Ostdeutschlands kurz nach der Wende (und auch immer noch heute) geherrscht haben muss. Es versucht die Frage zu beantworten, wie es in diesen Teilen zu einem so hohen Anteil an Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit kommen konnte. Und auch wenn diese Frage hier nicht beantwortet werden kann, so bekommt man doch einen guten Eindruck davon, was viele Menschen im Osten (auch wenn man nach fast 30 Jahren eigentlich nicht mehr vom "Osten" sprechen sollte) bewegt. Die Einheit ist zwar da, doch in vielen Teilen Deutschland ist sie immer noch bloß reine Theorie.

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„Dieses ganze eingefallene, verlassene Zeug. Untergegangene, traurige Scheiße. Kein Mensch auf der Straße. Abriss und Leerstand. […] Die Schulen, die sie schlossen, die Sparkassen und Arztpraxen. Die Kreise, die sie zusammenlegten, die Gemeinden und Städte. Die Wege wurden länger, die Entfernungen größer. Für Griechenland war Geld da gewesen und für unnötige Umgehungsstraßen. Schnellstraßen, damit niemand mehr durch die traurigen Orte fahren musste.“ Es ist dieses trostlose Bild Ostdeutschlands, genauer gesagt der Oberlausitz, das in Lukas Rietzschels Buch „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vorherrscht. Die beiden Brüder Philipp und Tobias wachsen in Neschwitz auf, einem kleinen Dorf, das nach der Wende nichts mehr zu bieten hat. Das Schamottewerk hat dicht gemacht, selbst die Kantine wird zur Ruine. Wer kann, geht. Zurück bleibt, wer es nicht geschafft hat. Bald bröckelt es auch in der Familie der Geschwister. Der Vater geht fremd, verlässt Frau und Kinder. Viel los ist nicht im Dorf, und so bildet sich rasch eine Clique, mit der Philipp unterwegs ist. Nach und nach rutscht die Gruppe ins rechte Milieu ab, wobei es meist bei markigen Worten bleibt. Lukas Rietzschel gelingt es hier, das abzubilden, was gesellschaftlich in Deutschland wahrzunehmen ist: Unzufriedenheit (auch im Westen!), die rechtsradikale Stereotype aufgreift, verbunden mit Politikverdrossenheit. „Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg“, sagt Tobias, der jüngere der beiden Brüder. Er schwadroniert von Untermenschen und unfähigen Politikern gleichermaßen. Einer, der sich zurückgesetzt fühlt. Auch von seinem Bruder. Mit Beginn seiner Ausbildung zieht Philipp daheim aus, für Tobias ist das ein Verrat, die Beziehung der beiden wird auf eine Probe gestellt. Zudem zieht sich Philipp aus der Clique zurück, als Tobias dazukommt. Er macht sein eigenes Ding. Einen anderen Freundeskreis allerdings, so scheint es, kann Philipp sich nicht aufbauen. So ist der Debutroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht nur ein Buch über den aufkommenden Rechtsextremismus im Osten, sondern zugleich ein Buch über zwei Brüder, die sich immer mehr voneinander entfremden. Gemeinsam haben sie, dass sie ihren Weg selber finden müssen und wenig Halt in Familie und Peer Group finden. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ gibt vielleicht nicht die Antworten auf die Frage, weshalb Rechtsextremismus entsteht und gar gesellschaftsfähig wird, es bildet aber gekonnt die Stimmung ab, die notwendig ist, um Nährboden für Unzufriedene zu sein. Lukas Rietzschel bedient sich dabei der Sprache der kurzen, abgehackten Sätze, oft verbunden mit Wortauslassungen und lässt so eine durchgehend düstere Stimmung. Der Ort Neschwitz mit seinem Schlösschen kann einem Leid tun: Rietzschel schafft es in seinem Roman, daraus einen Un-Ort zu machen, überzeugend.

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Ein Buch voller Sprachlosigkeiten. Das Leben wird geduldet, so hingenommen. Nichts wird hinterfragt. Das ruft Themen auf den Platz, die umfassender sind als der Schauplatz des Buches seine Flügel spannt.

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Lukas Rietzschel hat seinen Debütroman in kurzen, knackigen Sätzen und einem nüchternen Stil geschrieben. Mit vielen Ellipsen. So vermittelt er bereits über die Sprache ein deutliches Gefühl von Trostlosigkeit. Dies setzt sich fort in der Beschreibung der Nachwendezeit in einer ländlichen Region in Sachsen: Unternehmen gehen pleite, Läden und Schulen werden geschlossen, viele Menschen ziehen in die Städte, ein Stasiverdacht wird verstohlen ausgesprochen, Freizeitangebote fehlen. Dazu kommen gescheiterte Ehen und andere ganz alltägliche Dramen, die so überall passieren. Die beiden Brüder Tobias und Philipp werden erst kurz nach der Wende geboren, erleben die Auswirkungen der Wiedervereinigung aber selbst. Auch die Opfer-Mentalität der älteren Generation („Es war nicht deine Schuld.“) übernehmen sie gleich mit. In diesem tristen Umfeld wachsen die beiden Protagonisten nun auf. Sie erleben trotz der Umbrüche eigentlich eine ziemlich durchschnittliche Kindheit und Jugend. Beide Eltern haben einen Job und bauen ein Haus. Die Jungs gehen zur Realschule und fangen anschließend eine Ausbildung an. Trotzdem werden beide Teil der Neonazi-Szene. Sie rutschen ab in dieses Milieu, wie man so sagt. Genau so fühlt es sich in dem Roman an: Tobi und Philipp werden nach und nach zu Nazis, als wenn das unter diesen Umständen halt normal wäre. Anfangs verstehen die Jungs Symbole und Gesten gar nicht, sondern ahmen sie nur nach, weil es die vermeintlich coolen älteren Jugendlichen tun und weil es die Erwachsenen ärgert. Mögliche Gründe für die Radikalisierung werden wie nebenbei erwähnt. Sie liegen irgendwo zwischen Langeweile, dem Wunsch nach Zugehörigkeit, dem Bedürfnis Grenzen zu testen und einer diffusen, unbegründeten Wut, die sich mal gegen Sorben und mal gegen Ausländer richtet. Dem Autor gelingt ein sensibles Portrait der leisen Töne, allerdings ist die Geschichte mehr Beschreibung als tiefgehende Analyse. Einige der Beschreibungen fallen zudem etwas langatmig aus. Genau hier liegt auch mein Problem. Am Ende plappert der eine Bruder die typisch rechten Plattitüden fanatisch nach, während sich der andere apathisch von der Szene zu distanzieren versucht, dabei aber nervig passiv bleibt. Es gibt keinen Widerspruch, die hasserfüllten Aussagen bleiben einfach so stehen und führen zu sinnloser Gewalt. Die Entwicklung der beiden Brüder wirkt einfach banal. Vielleicht ist genau das die Aussage des Romans, dass es für diese Radikalisierung eigentlich keinen triftigen Grund gibt. Nein, ich habe nicht erwartet, dass die Brüder am Ende bekehrt werden und mit ihren neuen Nachbarn aus Syrien Ringelpiez mit Anfassen tanzen. Aber das offene Ende hat mich ziemlich frustriert zurückgelassen. Zum Nachdenken regt der Roman aber allemal an.

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Tobias und Philipp werden in Sachsen nach der Wende groß. Der Autor weißt immer wieder mit kleinen Hinweisen auf das Mistrauen der Bevölkerung hin auf ihre stasivergangenheit und auf die Vorurteile gegen ausländer. Die geringen Zukunftsaussichten die zum Alltag der Brüder gehören und welche noch mit Alkohol und net ordentlichen Menge an Hass gespickt wird.Beide rutschen in die naziszene. Mögliche Gründe wie Langeweile, Zugehörigkeit oder einfach Grenzen austesten werden eher nebenbei erwähnt. Ich fand den Roman sehr gut und hochaktuell vom Thema her. Eine Entwicklung der Brüder ist kaum vorhanden, wo der andere die ganze Nazi scheiße einfach stupide nachplappert ist der andere schon fast nervig ruhig und ja fast schon apathisch. Als ich dann zum Ende gekommen bin war ich doch etwas erstaunt und überrascht denn nein mit dem Ende hätt ich nicht gerechnet und ich weiß auch nicht ob ich mit diesem einhornregenbogensuperduper Ende happy bin 😕 Aber der Roman regt aufjedenfall zum nachdenken an und ich empfehle ihn gerne weiter .

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Meine Meinung: Es war für mich anfangs nicht leicht, mich an den sehr „abgehackten“ Schreibstil des Autors zu gewöhnen, wodurch sich das Lesen für mich zunächst etwas anstrengend gestaltete. Als ich mich daran gewöhnt hatte, erkannte ich die darin steckende feine Beobachtungsgabe und vor allem gelingt es dem Autor, das vorherrschende Stimmungsbild spürbar zu transportieren, das begleitet wird von Hoffnungs- und Ziellosigkeit in einer sehr tristen Umgebung. Auch wenn ich mir ein Bild der Protagonisten machen konnte, fehlte es mir an mancher Stelle an tieferen Einblicken in ihre Gedanken, so dass ihre Entwicklung zwar sehr gut beschrieben wurde, es dabei aber an tieferen Erklärungen mangelt. Es steckt viel Diskussionsstoff zwischen den Zeilen, denn besonders das „Nicht-Ausgesprochene“ hat in diesem Roman die lauteste Stimme. So lohnt es sich, dieses Buch in einer Gruppe zu lesen, um immer mal wieder in den Gedankenaustausch zu gehen. Fazit: Der Faust fehlt es an zwar tieferer Schlagkraft aber mögliche Keimlinge von Rassismus werden eindrücklich portraitiert.

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Wie wird ein Rechtsradikaler ein Rechtsradikaler? Oder um präzise zu sein, wie werden aus kleinen, unschuldigen Jungs rechtsradikale Hooligans? Diese Frage haben sich seit den vermeintlichen Chemnitzer Trauermärsche im Sommer 2018 nicht nur der gemeine Tagesschauseher, die Politologen & Soziologen gestellt, sondern schon Jahre vor ihnen allen hat die Band „die Ärzte“ mit ihrem Song „Schrei nach Liebe“ auch ihre Antwort darauf gegeben. Lukas Rietzschel, Jahrgang 1994 in einem kleinen Ort in Ostsachsen geboren & immer noch in Görlitz lebend, wie jeder Rezensent des Romans nicht vergisst zu erwähnen, als sei das Bleiben im Osten, wenn man doch gehen könnte, eine besondere Leistung, gibt mit seinem Debutroman "Mit der Faust in die Welt schlagen“ darauf auch keine hinreichende Antwort, um ehrlich zu sein, er stellt noch nicht einmal die Frage. Er erzählt einfach. Und wie ich finde macht er das ziemlich gut. Mit seinen reduzierten, aber berührenden Sätzen trifft er genau den richtigen Ton. Gerade der erste Teil dieses Coming-of-Age Romans, der von der Kindheit der Brüder, Philip & Tobias, in dem fiktiven ostsächsischen Dorf Neschwitz in Autofahrtnähe zu Hoyerswerda berichtet, beeindruckt durch seine wabernde Unschuld, hinter der das stille Grauen lauert. Hoyerswerda, ein Ort, dessen Innenstadt hier gerne Mal zum umschuldigen Vergnügen von Alt & Jung angefahren wird, zum Schaufensterbummel für die Großmutter, während die Enkel & der Großvater auf einer Bank in der Fußgängerzone sitzen & Eis essend auf sie warten. Das einzige Auffällige des Ausflugs ist die stets schwungvoll passierte Ortsausfahrt & das Schweigen auf die von Gerüchten genährte Frage von der Rückbank. Ein Ort, der dem politisch interessiertem Leser seit dem September 1991 eine ganz andere, weniger friedvolle Geschichte erzählt. Der Roman, aufgeteilt in drei Abschnitte, setzt im Jahr 2000 ein, also elf lange Jahre nach dem Mauerfall & dem Versprechen auf blühende Landschaften & begleitet das Leben der Brüder bis ins Jahr 2015. Die berufstätigen Eltern der Jungs scheinen erst einmal zu den Gewinnern der Wende zu gehören, beide arbeiten, verdienen genug, um sich den kleinbürgerlichen Traum eines Häuschens zu ermöglichen. Gebaut in einer Neubausiedlung & mit tatkräftiger Unterstützung von Freunden & Bekannten. Auch denen, die selber nicht so viel Glück hatten, die erst ihre Gewissheiten, dann Job, Frau, Freunde & Selbstachtung verloren haben, wie Uwe, der Ritter von der jämmerlichen Gestalt, dessen so sichtbares Elend, den anderen Angst macht, als sei es ansteckend. Bonjour Tristesse. Die Auswirkungen des Abbaus der DDR sind hier wie unter einem Brennglas sichtbar. Rietzschel erzählt von dem, was ist, wenn alles geht, vom Verschwinden des Tagebaus der Region, vom Jobsterben, von zerstörten Strukturen, von Gemeinschaften, die es plötzlich nicht mehr gibt, keine Genossen, Kumpels, Kollegen, Nachbarn oder Ehefrauen mehr. Diese schmerzhaften Lücken werden nun aber auch nicht wie versprochen durch eine Neubelebung der Region, durch neue Jobs, geschlossen, sondern sie bleiben wie eine klaffende Wunde. So rücken die Zurückgelassenen in ihrem Trennungsschmerz also zusammen, einige rotten sich sogar. Auf sich allein gestellt, abgehängt von der Wirtschaftslokomotive, die nicht bis in die Lausitz fährt, suchen sie nach Schuldigen, auch die jungen, hier vor allem die, die jungen, mutlosen Männer. Statt zum Berg zu ziehen, warten sie auf den Propheten & fallen dann auf den erstbesten rein, der ihnen Erlösung aus ihrem Verliererleid verspricht. Ihnen Zugehörigkeit anbietet. Gemeinschaften brauchen eine gemeinsame Geschichte, eine Narration, als Kitt, als Kleber, der sie zusammenhält. Großmannsträume wie damals sollen sie hören & es gibt immer einen der sie einflüstert. Ihre Antwort auf das alles ist Hass auf die „Anderen“, egal ob Journalisten, „linksversieft“, homosexuell, oder Flüchtling. Jeder, der ihnen, aus welchen Gründen auch immer, machtvoller erscheint & sie sich dadurch noch etwas unbedeutender fühlen lässt. Ich sagte ja, Rietzschels Romandebut gibt keine Antwort darauf, die alle beschäftigt. Was er aber tut, mit seinem Roman, er zeichnen ein sehr sensibles Portrait einer Region & ihrer Menschen & er verschafft ihren unerzählten Geschichten Gehör. Dieser junge Mann, der geblieben ist, nicht weil er musste, sondern vielleicht sogar aus Solidarität mit denen, die den Weg daraus nicht finden, er ist wie ein Chronist, wie ein Schreiber in alter Zeit, er hält Geschichte fest, die hier aber nicht vom Sieger diktiert wird.

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