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Chroniken der Kolchose
Roman aus Litauen
mit Cornelius Hell (Übersetzer*in)
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Erscheinungstermin 06.10.2026 | Archivierungsdatum N/A
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Zum Inhalt
Eine Kolchose in Sowjetlitauen – und ein Vorsitzender, der jeden politischen Wandel übersteht. Vytautas ist überzeugter Kommunist, Stalinist, Kolchosvorsitzender und ein Mann mit einem...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783947724666 |
| PREIS | 25,00 € (EUR) |
| SEITEN | 356 |
Auf NetGalley verfügbar
Durchschnittliche Bewertung von 2 Mitgliedern
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Die Wahrheit wechselt – Vytautas bleibt
Ich musste ich immer wieder an meine eigene Kindheit und Jugend in der DDR denken. Diese großen Worte von Fortschritt und sozialistischen Idealen, während die Wirklichkeit oft ganz anders aussah vieles davon kam mir beim Lesen erstaunlich vertraut vor. Natürlich war die DDR nicht Sowjetlitauen. Trotzdem erkannte ich Mechanismen wieder: die offizielle Sprache, die immer etwas schöner klang als der Alltag, das Anpassen an die gerade gültige politische Linie und den Unterschied zwischen dem, was öffentlich gesagt wurde, und dem, was Menschen tatsächlich dachten. Über manches konnte ich deshalb herzlich lachen und bei anderem blieb mir das Lachen eher im Hals stecken.
Vytautas verkörpert dieses Sich-Anpassen auf geradezu perfekte Weise. Stalin, Chruschtschow, Breschnew oder Gorbatschow. Die politische Wahrheit verändert sich, und er verändert sich einfach mit. Gerade weil ich selbst erlebt habe, wie schnell nach 1989 manche Überzeugungen plötzlich verschwunden waren, fand ich das ziemlich treffend.
Herrlich ist die überzeichnete Parteisprache. Sozialistische Erfolgsmeldungen treffen auf Mangel, Bürokratie, Alkohol und einen Alltag, der sich einfach nicht nach dem Plan richten will. Nicht jede Episode hat mich gleichermaßen gepackt, aber vieles hatte für mich durch meine eigenen Erinnerungen eine zusätzliche Ebene. Ich habe über Vytautas gelacht und dabei öfter an die DDR zurückgedacht, als ich erwartet hatte. Vor allem an die merkwürdige Fähigkeit mancher Menschen, vor und nach einem politischen Umbruch jeweils schon immer auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Genau deshalb war diese Satire für mich manchmal komisch und manchmal ziemlich bitter.
Einen historischen Roman kann man auf vielerlei Arten erzählen. Immer aber ist ein historischer Roman eine Form von Geschichtsschreibung, bei dem meist fiktive Figuren sich in einer vergangenen Zeit bewegen, wobei die Darstellung der Vergangenheit sich an den historischen Fakten orientieren sollte. Oder anders formuliert: Ein historischer Roman verbindet Fakt und Fiktion.
Und das macht Herkus Kuncius auf eine ganz besondere, überraschende Weise: er kleidet seinen Stoff in das Gewand einer Satire. 40 Jahre lang begleitet er Vytautas, einen Bauernsohn, der sich schon früh für die „Völkerbruderschaft“ mit der UdSSR einsetzte und die Kollektivierung der Landwirtschaft vorantrieb. Hierbei scheute er nicht davor zurück, auch seine eigene Familie „zur Abkühlung zu den Eisbären“ zu schicken. Vytautas sichert sich das Amt des Kolchos-Vorsitzenden und übt dieses Amt mit einer Skrupellosigkeit aus, die ihresgleichen sucht. Kuncius streift dabei auch den sog. Holodomor in der Ukraine, eine künstlich durch Stalin herbeigeführte Hungersnot, die Millionen Todesopfer forderte; und da Stalin sich einen derartigen „Luxus nicht mehr leisten“ konnte, beschloss das Politbüro, widerspenstige Elemente „etwas maßvoller auszurotten und sie ohne Rückfahrkarte aus Litauen zu verbannen. Nach ihrer Ankunft im Ural, an der Polargrenze oder in Kasachstan konnten diese Elemente bis an ihr Lebensende für das Wohl ihres neuen Vaterlandes arbeiten“.
Der Sarkasmus des Autors ließ mich immer wieder lachen, aber sehr oft blieb mir das Lachen wegen der Bitterkeit der Aussage im Hals stecken. Kuncius verstärkt seine Satire zusätzlich, wenn er Satzfetzen der offiziellen Sprache übernimmt und sie der Wirklichkeit gegenüberstellt, oder wenn er das Gerede von Völkerfreundschaft und Verbrüderung, Versöhnung, Poesie- und Frühlingsfesten, Friedensfesten etc. konterkariert mit der täglichen Gewalt und Missachtung der Menschenwürde. Eher irritierend fand ich allerdings die mehrfachen Hinweise auf die Trinkfreude der Litauer; jedes Fest endet mit einem gewaltigen Besäufnis und in Prügeleien. War das so...?
Der Leser begleitet Vytautas durch alle Phasen der sowjetischen Besatzung unter ihren unterschiedlichen Vorsitzenden und unterschiedlichen Leitlinien bis hin zu Gorbatschow und dem Zusammenbruch der SU– und Vytautas schwimmt immer obenauf, er ist niemals unterzukriegen und steht immer auf der richtigen Seite. Ein Überlebenskünstler, nur seinem eigenen Wohlergehen verpflichtet, ohne Gewissen, niemals ein Opfer, sondern immer ein Täter.
Ein lesenswertes Buch über 40 Jahre litauische Geschichte!