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Landschaft ohne Zeugen
Buchenwald und der Riss der Erinnerung | Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 (Sachbuch)
von Ines Geipel
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Erscheinungstermin 11.03.2026 | Archivierungsdatum 10.05.2026
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Zum Inhalt
Vom Staatsmythos Buchenwald zum Angriff auf die Demokratie
Auch 80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist die Erinnerung an den Holocaust nicht in der demokratischen Mitte angekommen. Die Angriffe auf das, was im Land Gedächtniskultur heißt, kommen nicht mehr nur von rechts. Warum? Was ist da los? Ines Geipel taucht in ihrem neuen Buch »Landschaft ohne Zeugen« noch einmal in die Vergangenheit ein, sucht nach den Quellen der Lagerwelt und befragt die Legenden nach 1945: von der vorbildlichen Aufarbeitung im Westen bis zum antifaschistischen Staatsmythos der DDR. Ein bestürzendes, hochaktuelles Buch über die alte und neue Unfähigkeit zu trauern und die Erinnerungskälte nach zwei Diktaturen.
Vom Staatsmythos Buchenwald zum Angriff auf die Demokratie
Auch 80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist die Erinnerung an den Holocaust nicht in der demokratischen Mitte angekommen. Die...
Verfügbare Ausgaben
| AUSGABE | Anderes Format |
| ISBN | 9783103977363 |
| PREIS | 25,00 € (EUR) |
| SEITEN | 336 |
Auf NetGalley verfügbar
Rezensionen der NetGalley-Mitglieder
Uwe S, Journalist*in
Juni 1974. Eine 14-jährige auf dem Exerzierplatz vor den ehemaligen SS-Kasernen. Blass, verpickelt, schüchtern, stotternd. Wie die Gleichaltrigen um sie herum „allzeit bereit“ für die Sache des Sozialismus, in blauen FDJ-Hemden. Der Besuch in Buchenwald gehört zum Ritual im Rahmen der Jugendweihe. Auf dem Platz der Schwüre geloben die Jugendlichen unter anderem die ewige Freundschaft mit der Sowjetunion. „Ich behaupte, dass da was angefangen hat“, schreibt Ines Geipel in ihrem neuen, sehr persönlichen Sachbuch „Landschaft ohne Zeugen“, das für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.
Buchenwald, auf dem Ettersberg unweit der Klassikerstadt Weimar gelegen, war eines der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden. Von Juli 1937 bis zur Ankunft der US-Truppen im April 1945 wurden hier etwa 277.800 Menschen aus 50 Ländern festgehalten. Geschätzt 56.000 Inhaftierte überlebten das Lager nicht, sie starben unter den unmenschlichen Bedingungen von Haft und Zwangsarbeit oder wurden gezielt ermordet. Nach dem Abzug der Amerikaner nutzten die Sowjets Teile des Geländes als Speziallager Nr. 2. Bis 1950 verloren 7.000 der 28.000 dort Internierten ihr Leben.
Das Lager ist nicht nur Symbol für den Zivilisationsverlust im Land der Dichter und Denker. Aktuell gibt es eine juristische Auseinandersetzung um die Aktion „Kufiyas in Buchenwald“. Anti-Israel-Aktivisten sind nicht die ersten, die Gedenkkultur für ihre Zwecke umbiegen. Bei der Annäherung der US-Armee hatten Häftlinge die Leitung des Lagers übernommen, sie öffneten den Befreiern die Tore. Daraus leitet sich der bald darauf entstehende Heldenkult um die Antifaschisten ab. „Ihr Vermächtnis lebt in unseren Taten fort“, lautete eine der Losungen in der DDR. Nicht zuletzt auf Drängen deutscher Kommunisten, die das Lager überlebt hatten, wurde Buchenwald bis auf wenige Gebäude abgerissen. Dafür entstand ein Monument auf Kieselsteinen, mit dem weithin sichtbaren Glockenturm des Architekten Fritz Cremer.
Die Einweihung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte 1958 wurde zur landesweiten Feierlichkeit. Dass der Parteiapparat die Einrichtung kurz nach der Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 beschlossen hatte, sei kein Zufall gewesen, schreibt Geipel. „Die Berliner Machtclique hatte in diesem Augenblick händeringend ein Fundament vonnöten, das das Regime stabilisieren und die eigene Bevölkerung für das Neue gewinnen konnte.“ Im Zentrum standen die deutschen kommunistischen Widerstandskämpfer. Andere Opfergruppen, Juden, Sinti und Roma, Euthanasieopfer und „Asoziale“, aber auch Kommunisten aus anderen Ländern blieben beinahe unerwähnt. Erst nach der Wende erfolgte die Erweiterung der Erinnerung, auch an die Schicksale im sowjetischen Speziallager. Da war, so Geipel, „Buchenwald ein über Jahrzehnte eingefrorener Tatort“.
Vor allem den antifaschistischen Staatsmythos hinterfragt die 1960 geborene Dresdnerin, die nach ihrem Studium 1989 in den Westen ging, als Autorin von Romanen und Sachbüchern, wie über den Amoklauf von Erfurt oder die Stasi-Aktivitäten ihres Vaters viel Aufmerksamkeit erlangte. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich mit der Erinnerungspolitik der DDR befasst. Was für sie erneut auch Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte bedeutet, in der DDR, aber ebenso Verstrickungen in Naziverbrechen betreffend.
Sehr bald nach Kriegsende untersuchte die Justiz in West und Ost die Rolle der Funktionshäftlinge. Wie die SS-Schergen wurden auch einige dieser Inhaftierten der Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezichtigt. Selbst die Rückkehrer aus der Sowjetunion, die „Moskau-Prominenz“, gingen in den Gründungsjahren der DDR aus machtpolitischem Kalkül gegen die „KZ-Kader“ vor. Indem man schließlich zu einer Einigung gelangte, wurden zugleich die Kritiker beider Fraktionen ausgebremst.
Geipel erkennt in Buchenwald unter den Nationalsozialisten ein System im System, in dem „die rote Lagerprominenz“ andere Opfergruppen oft brutal unterdrückte, ausnutzte, ausraubte. Die ihre eigene Klientel vor der Verschickung in noch schlimmere Außenlager wie Dora-Mittelbau bewahrte und Transportlisten manipulierte. Die nicht nur auf Befehl kranke Häftlinge in ihrem Bollwerk, dem Gefängnishospital, systematisch per Spritze tötete.
Besondere Beachtung gilt einem Buch, das zur Pflichtlektüre wurde: „Nackt unter Wölfen“, der Roman des Augenzeugen Bruno Apitz. Seine Erzählung von antifaschistischen Häftlingen, die ein jüdisches Kind verbergen, prägte auf gravierende Weise das Bild von Buchenwald besonders in Ostdeutschland. Ausführlich untersucht Geipel nicht nur die tatsächliche Geschichte des geretteten Jungen, der später in Israel lebte. Sondern auch die vielen Fassungen des Romans, den Apitz auf Druck von Partei und Staatssicherheit immer wieder umschrieb, bis von seiner Kritik an der roten Lagergemeinschaft nichts mehr übrig war. So reihe sich das zum Politmärchen degradierte Rehabilitationsbuch ein in die verordnete „gedächtnispolitische Hypnose“.
Ines Geipel lässt uns teilhaben an ihren Recherchen, gewährt scheinbar wahllos Einblick in zahllose Dokumente. Macht uns damit mitunter so ratlos, wie sich die Autorin manchmal in den Archiven gefühlt haben muss. Hier schreibt weniger die Wissenschaftlerin als die Frau, die als Mädchen zu stottern begann und lange nicht wusste, warum.
Sie war 14 Jahre alt, als sie zum ersten Mal den Ort des Verderbens besuchte: Buchenwald. Damals noch das stotternde Kind, welches das Wort Katze kaum aussprechen konnte. Ines Geipel, die Autorin von #LandschaftohneZeugen wuchs in der DDR auf. Als sie sich näher mit den Verbrechen während des zweiten Weltkriegs befasst kommt sie zu dem Schluss, dass zu viele Ereignisse am liebsten vergessen werden. Das Bemühen der Aufarbeitung fand zwar im Westen statt, es blieb aber leider nur bei einem Bemühen. Zu viele Täter wurden nach dem Krieg mit hohen Positionen in Politik und Öffentlichkeitsarbeit „belohnt“.
Frau Geipel besuchte etliche Archive und las unendlich viele Zeitzeugenberichte. Danach war für sie klar, dass eine umfangreiche Aufarbeitung nie gewünscht war. Im Osten noch weniger als im Westen. Sie erläutert das unter anderem an dem Buch „Nackt unter Wölfen“. Aber auch die Einweihung des Erinnerungsortes Buchenwald stößt bitter auf. Außenstehende sahen viele Menschen und es schien ihnen, dass dort ein Volksfest stattfand. Heute heißt es wohl „Katastrophentourismus“, was damals dort ablief.
Das Buch ist für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Für mich ein sehr gutes Sachbuch das eindringlich über die Morde während des Krieges aufklärt. Nach jedem Kapitel gibt es exakte Quellenangaben zu den hier dargestellten Taten. Das sind unter anderem Befragungen, die während einer Inhaftierung geführt wurden. Dieses Werk von Frau Geipel, in dem sie übrigens auch die Handlungen innerhalb ihrer Familie thematisierte, ist ein wichtiges Zeugnis unserer Geschichte. Auch wenn es nicht allen Deutschen gefällt und sie einen Schlussstrich ziehen möchten. Das darf niemals geschehen und Bücher wie dieses gehören auf alle Bestsellerlisten. #NetGalleyDE
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