Der lange Winter

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Erscheinungstermin 16.08.2018 | Archivierungsdatum 30.04.2022

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AUSGABE Anderes Format
ISBN 9783857918681
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Rezensionen der NetGalley-Mitglieder

“Der lange Winter” ist ein weiterer Roman eines in Deutschland fast unbekannten Schweizer Schriftstellers, um dessen späte Verbreitung sich der Limmat-Verlag bemüht. Giovanni Orelli ist immerhin u.a. Träger des Großen Schillerpreises.

Bei „Der lange Winter“ handelt es sich um eine relativ kurze dichte Erzählung (etwa 100 Seiten), die die Erlebnisse eines Tals und eines Dorfes schildert, das im Lawinenwinter 1951 eingeschneit wird und zunehmend bedroht durch mögliche Lawinenabgänge. Das Dorf ist nicht gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten und erfährt etwa von einem schweren Unglück im Nachbardorf und hat auch über Radio und und Funk Kontakt zu Regierungsinstitutionen. So erfährt man gegen Ende der Geschichte von einer geplanten Evakuierung, was den zentralen Konflikt – Gehen oder bleiben? – anheben lässt.

Besonders die erste Hälfte des Romans ist sehr dicht und mit starken Bildern geschildert. Hier, als dem Schneetreiben fast noch etwas Idyllisches innezuwohnen scheint, vermittelt die Sprache Lesenden das Gefühl, geradezu selbst einzuschneien. Der Protagonist und Erzähler beginnt eine Liebschaft mit einer jungen Frau (Linda), die nur kurzfristig aus der Stadt zurückgekehrt ist und nebenbei kommen hier und da Dorfbewohner zu Wort. So entsteht ein stimmiges Bild, das zugleich unter einer immer dichteren Schneedecke versinkt.

Das geschieht besonders intensiv mehrfach durch detailreiche Beschreibungen, in denen die Luft selbst zum Protagonisten zu werden scheint:

“Wenn der Wind fällt, ist die Luft wie leer. Aber das dauert nicht lange: Die Leere füllt sich wieder dicht mit Luft und mit Schneeflocken, die in der nach Schnee duftenden Luft senkrecht und still herabkommen . Es gibt Menschen, die den ersten Schnee ohne Hass oder Furchtgefühle betrachten, von der Türschwelle aus oder oben an einer Steintreppe, oder hinter Fensterscheiben , während sie einen Vorhang beiseite schieben, oder unter dem Dachfirst. Der Schnee fällt auf andern Schnee mit einem feinen Knistern. Nach einigen Tagen gibt es nur noch das Fallen von Schnee.”

Überhaupt ist das ein Charakteristikum von Orellis Blick auf den Schnee und das Wetter: Nicht einfach naturalistische Schilderung, sondern eine erhaben wirkende Belebung auch noch des unbelebten. Die Luft wird weich, der Himmel wird höher, man riecht den Nebel. Und in all diese eigentlich noch schönen Momente schleicht sich die Bedrohlichkeit ein: Daraus kann nichts Gutes erwachsen. Im Vorwort wird das von Alice Vollenweider ganz treffend beschrieben:

“Konkret und präzis wird die Bedrohung durch den unaufhörlichen Schneefall geschildert: Die Wahrnehmung bleibt durchwegs auf den alltäglichen Erfahrungsbereich bezogen. Kein Wort fällt über die Landschaft: Nur der hohe Berg wird erwähnt, von dem die Lawine droht, und der Wald, der das Dorf vor der Lawine schützen soll. Den Schnee beobachtet man auf der Straße, auf den Fensterbrettern und auf dem Rücken der Kühe, die von der Tränke kommen. Giovanni Orelli kennt die Magie des Genaunehmens: Der lautlose Schneefall, der alle Konturen verändert und das Dorf langsam unter einer weißen Decke verschwinden lässt, erzeugt untergründige Spannung. Fast unmerklich wächst aus dem Vertrauten das Unheimliche. Die Familien rücken in den Häusern des Dorfkerns zusammen, die immer tiefer hinter Schneemauern versinken.”

Trotz all diesem zweifellos Gelungenen kann ich den Roman nicht uneingeschränkt empfehlen. Gewiss, er ist kurz, so etwas kann man schon an relativ wenig Handlung aufhängen. Wenn man an dann aber mit einem Konflikt arbeiten möchte, stößt es schon auf, wenn der erst im letzten Viertel überhaupt eingeführt wird und dann anhand zweier langer monologischer Reden, die völlig quer stehen zu der bisherigen Arbeitsweise, auch schon wieder aufgelöst. Auch die beiden Liebschaften, bzw. die eine, die erst so gefühlvoll geschildert wird, nur um dann, gleich nachdem Linda das Dorf verlassen hat, durch „Verliebtheit“ in die nächste junge Frau abgelöst zu werden, tragen das Werk nicht sondern unterminieren es. Denn sie verlieren sich ins Nichts, werden geradezu vergessen. Wäre es nicht vielleicht interessant gewesen, nach der Evakuierung Linda wieder zu treffen statt irgendwelche fremden jungen Leute? Hätte man diese Geschichte nicht nutzen können um dem Text eine zusammenhängende persönliche Handlung zu verleihen? Stattdessen wirkt das Ganze dann eher wie eine Art poetische Dokumentation, die stilistisch ab der zweiten Hälfte deutlich abfällt.

Dabei hätte natürlich auch das Thema „Evakuierung/Dorf verlassen“ von Anfang an als tragendes Element der Handlung getaugt. Denn soviel immerhin erfahren wir: Die Problematik, dass viele, vielleicht alle Jungen nach der Evakuierung nicht zurückkehren werden, ist eigentlich keine der Evakuierung. Wie so viele Krisen verschärft auch diese nur ein bestehendes Problem. Im Dorf gibt es bereits vor dem Lawinenwinter mehr Häuser als Bewohner, nur 64 Menschen leben überhaupt noch dort. Das untere und das obere Dorf erfahren sich gegenseitig fremder als ihnen jeweils eine große Stadt in der Ebene, weil man dorthin zumindest noch Verbindungen pflegt. Durchaus eine interessante Problemlage, die für Spannungen zwischen Alt und Jung sorgt, die man ebenso subtil hätte erzählen können, wie Orelli vom Einschneien erzählt. Die beiden Monologe dagegen sind eine große Enttäuschung.

So bleibt letztendlich „Der lange Winter“ zwar ein sprachlich sehr stimmungsvolles kleines Buch, das dann aber vor allem zum Schluss hin ins Dokumentarische driftet und nicht einlöst, was die ersten Kapitel versprochen haben. Durchaus nicht unlesenswert, aber kein Vergleich beispielsweise mit dem thematisch ähnlichen, ebenfalls im Limmat-Verlag erschienenen „Derborence“.

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