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Rezension

Cover: Somna

Somna

Erscheinungstermin:

Rezension von

RoXXie S, Rezensent*in

3 stars
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Somna: Schöne Illustrationen, schwache Figuren – ein stilvoller, aber klischeehafter Albtraum

Somna ist ein visuell beeindruckender Graphic Novel, der in der düsteren Atmosphäre eines puritanischen Dorfes im England des frühen 17. Jahrhunderts spielt. Die Geschichte verspricht eine Mischung aus Historie, Erotik und übernatürlichem Folk-Horror – und zumindest optisch liefert das Werk genau das: Die Illustrationen sind mitunter atemberaubend, detailverliebt und tragen stark zur Stimmung bei. Besonders die düsteren Waldszenen, das Spiel mit Licht und Schatten und die ätherischen Figuren schaffen eine eindringliche, fast traumartige Atmosphäre. Auch die farbliche Gestaltung unterstreicht die Sinnlichkeit und das Bedrohliche der Geschichte gleichermaßen.

Somna ♦ Becky Cloonan & Tula Lotay — Eine Rezension

Meinung
Was allerdings weniger überzeugt, ist die narrative Tiefe. Die Figuren bleiben seltsam eindimensional, selbst die Protagonistin Ingrid, um die sich alles dreht, wirkt eher wie eine Projektionsfläche für klassische Motive als wie eine lebendige, sich entwickelnde Persönlichkeit. Ihre vermeintliche Emanzipation verläuft klischeehaft, ihr innerer Konflikt wird angerissen, aber nie glaubwürdig oder konsequent entfaltet. Der Klappentext spricht von einem „sinnlichen Ausbruch“ – was in der Praxis allerdings hauptsächlich in formelhaft erotisierten Szenen gipfelt, ohne tatsächliche Charakterentwicklung oder psychologische Tiefe.

Das größte Problem: Der Graphic Novel greift bekannte Stereotypen rund um Hexenverfolgung auf, ohne ihnen etwas Neues entgegenzusetzen. Wieder einmal sehen wir Frauen, die anderen Frauen misstrauen oder sie aktiv verraten, und Männer, die entweder grausam oder geheimnisvoll-verführerisch sind. Gerade in einem künstlerischen Werk des Jahres 2025 hätte ich mir mehr Differenzierung und ein bewussteres Spiel mit diesen tradierten Mustern gewünscht. Stattdessen wirkt vieles wie eine ästhetisierte Reproduktion alter Geschlechterrollen, verpackt in ein hübsches, aber letztlich leeres Gewand.

Auch der Wechsel zwischen verschiedenen Zeichenstilen – vermutlich bewusst eingesetzt, um Traum, Realität und Visionen voneinander abzugrenzen – hat mich eher aus dem Lesefluss gerissen. Die Übergänge fühlten sich manchmal abrupt an und verstärkten den Eindruck einer fragmentierten, nicht vollständig durchdachten Erzählung.

Fazit
Unterm Strich ist Somna ein optisches Erlebnis mit atmosphärischem Potenzial, das jedoch erzählerisch auf halber Strecke stehen bleibt. Wer schöne Bilder und düsteren Märchenhorror schätzt, wird hier visuell sicher auf seine Kosten kommen. Wer aber auf eine komplexe Geschichte mit echten Entwicklungen und neuen Perspektiven auf alte Themen hofft, wird eher enttäuscht sein.

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