Rezension

Die Stille zwischen Himmel und Meer

von
Erscheinungstermin

Rezension von

Devona D, RezensentIn

Aktualisiert am 18.01.2018

Ich empfehle dieses Buch

Nicht wirklich

Kati Seck nähert sich einem hochkomplexen, schwierigen und -wie man im Nachwort lesen kann- offenbar auch mit persönlichen Erfahrungen durchsetztem Themengebiet sehr ambitioniert und gleichzeitig erschreckend blauäugig. Vielleicht ist aber auch die Erzählperspektive in der Ich-Form, die die Geschichte für mich letztendlich nicht glaubwürdig erscheinen lässt. Man merkt der Protagonistin Edda an, dass ihre geistige Mutter große Sympathien für sie hegt und das Happyend für sie unbedingt herbei schreiben möchte. 

Edda ist zweifelsohne Jemand, der mit vielerlei klinischen Befunden kämpft- sie wurde als 5-Jährige entführt und von ihrer Entführerin 12 Jahre in einem geschlossenen Raum gefangen gehalten. Nach ihrer Befreiung gestaltet sich ihr Leben erwartungsgemäß schwierig: posttraumatische Belastungsstörung, Agoraphobie, Panikstörung sind nur ein paar der Befunde, die sie beeinträchtigen. Sieben Jahre Psychotherapie haben recht wenig gebracht, Edda möchte nun "ihren Weg zurück ins Leben" erzwingen, indem sie sich allein für 4 Wochen in einem gemieteten Haus an der Nordsee, umgeben von Ruhe und ursprünglicher Natur, ihren mannigfaltigen Ängsten allein stellt. Aus diesem Alleinsein wird aber nichts, denn ihre Vermieterin hat dank Online-Legasthenie das Häuschen doppelt vermietet. Und so findet sich Edda in einer Wohngemeinschaft mit dem ebenfalls vom Schicksal gebeutelten Sebastian wieder. 

Edda verhält sich in vielen Situationen nicht ihres Krankheitsbildes gemäß: Jeder, der bereits einmal mit Menschen, die an Agoraphobie oder Panikstörung leiden, intensiv zu tun hatte (ich hatte und habe), wird mir zustimmen. Und spätestens an dem Punkt, an dem Edda sagt: " ...Es ist nicht das Gleiche, wie hier zu stehen, wo einen jeder neugierig ansieht, ALS WÄRE MAN DAS NEUE KIND IN DER KLASSE.... " war mir klar, dass das Buch seinem Anspruch nicht gerecht werden wird und den Bereich der Oberflächlichkeit und Beliebigkeit nicht verlassen wird. Edda hat nie eine Schule besucht, keiner Klasse je angehört, nie als Neue vor einer gestanden. Sie war 12 Jahre eine Gefangene, eingesperrt in einem Keller. Sie würde einen solchen Vergleich nie bemühen, da ihr das zugehörige Gefühl gar nicht bekannt ist. 

Sebastian bleibt farblos, seine Verhaltensweisen seltsam bis nicht nachvollziehbar. Die Probleme der Kinder der betagten Vermieterin (Scheidung) und die daraus resultierenden Probleme der Enkelin Mia überfrachten die Handlung gnadenlos und sind dem Plot geschuldet, der Edda am Ende das herausfordernde Befreiungserlebnis beschert, welches für mich (!!) ebenfalls so nicht vorstellbar ist.

Ich gebe dem Buch trotzdem 2 Sterne, zum Einen, weil man den guten Willen von Kati Seck mit jeder Zeile spürt, das Buch einen wirklich schönen Titel hat und zum Anderen weil sie es schafft, die einzigartige Landschaft von Nordsee und Watt, das Spiel der Gezeiten und des Wetters stimmungsmässig einzufangen. Wem es möglich ist, die zwangsläufig bei einer solchen Geschichte tragenden psychischen, psychologischen und pathologischen Fakten auszublenden, wird sich evtl. ganz nett unterhalten fühlen. Mir ist das bei so schwerwiegenden Themen leider nicht möglich.

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